Autor: Nils Seebach

  • Digitalisierung – die Transformation eines Unternehmens ist nicht delegierbar – Boris Thomas von Lattoflex

    Digitalisierung – die Transformation eines Unternehmens ist nicht delegierbar – Boris Thomas von Lattoflex

    Sein Vater und Großvater haben den ersten Lattenrost der Welt entwickelt: Heute führt Boris Thomas von Lattoflex in dritter Generation das Unternehmen erfolgreich in die Digitalisierung. Vor etwa einem Jahr habe ich mich schon einmal mit ihm getroffen und das Unternehmen in einem Beitrag vorgestellt. Damals stand Lattoflex mit dem Thema Digitalisierung noch am Anfang. Den Beitrag könnt ihr hier noch einmal ansehen: Wer hat den Lattenrost erfunden und was genau denken sich Matratzen Start-ups?
    Ein Jahr später sieht es inzwischen ganz anders aus: Viele Veränderungen standen an, unter anderem auch am Produkt selbst, um den digitalen Anforderungen gerecht zu werden. Unter dem Motto „Digitalisierung bedeutet eine Neuerfindung von Lattoflex und eine Chance für das Unternehmen“ haben Boris Thomas und sein Team gezeigt, wie ein Unternehmen sich der digitalen Welt erfolgreich stellt.

    Hier die Aufteilung des Gesprächs:

    • Intro Boris Thomas und Lattoflex
    • Stand des Unternehmens und Fragestellungen 2017 vs. 2018 (ab 3:20)
    • Veränderungen offline vs. online bei Lattoflex – Das Bett ist paketversandfähig  (ab 4:50)
    • Learnings und Veränderungen des letzten Jahres (ab 9:30)
    • Boris Thomas als Vordenker der deutschen Hersteller zum Thema Digital (ab 27:26)
    • Denke innerhalb eines inhabergeführten Unternehmens vs. eines Konzerns mit professionellem Management (ab 34:48)
    • Personalexpertise: Inhouse vs. extern (ab 39:28)
    • Abschluss und ein Blick über das Bett hinaus (ab 45:48)

     

    Digitale Transformation ist nicht delegierbar, mit Boris Thomas

    Als sein Großvater 1957 gemeinsam mit einem Schweizer Tüftler den ersten Lattenrost der Welt erfand, war an Digitalisierung noch gar nicht zu denken: Seit mehr als 25 Jahren führt Boris Thomas die Thomas GmbH + Co. Sitz- und Liegemöbel KG, eine eher unscheinbare High-End-Schmiede im Erholungsort Bremervörde, die vor allem Matratzen und Bettsysteme vertreibt. Schon vor einem Jahr fühlte Nils Boris‘ Leidenschaft, den Dingen auf den Grund zu gehen, auf den Zahn. Seitdem ist es Boris gelungen, das traditionsreiche Unternehmen und seine Marken einmal komplett umzukrempeln. Bleibt nur die Frage: Wie? Da eine umfassende Antwort auf diese Frage schon ein wenig Zeit in Anspruch nehmen wird, lehnt sich Nils auf einer bequemen Probematratze zurück…

     

    Da denke ich mir: Kümmert euch!“

    02:25

    Nils: Ihr seid so in etwa der „Rolls-Royce der Betten“ und habt euch vom einfachen Rost zum Glasfasersystem gewandelt. Im letzten Gespräch haben wir uns neben eurer Geschichte auch viel darüber unterhalten, dass die Digitalisierung vor der Tür steht und haben Matratzen-Start-Ups beleuchtet, die jetzt wieder am Aussterben sind. Ihr hingegen hattet letzte Woche alle eure Partner aus der ganzen Welt zu Gast und habt ihnen erklärt, was ihr gemacht habt. Würdest du das mal zusammenfassen?

    Boris: Puh, also, das in Kurzform zusammenzufassen ist relativ viel! Eigentlich waren wir bei unserem letzten Gespräch ja schon dabei, uns erst einmal ganz viele Fragen zu stellen – und du hast einige angerissen, wie: Wie funktioniert eigentlich der Vertrieb von Matratzen? Über den riesigen Boom des Onlinevertriebs haben wir beim letzten Mal schon gesprochen und wissen, dass es sehr schwierig ist, damit auch wirklich schwarze Zahlen zu schreiben. Außerdem haben wir uns gefragt: Wie sehen eigentlich gute Logistiksysteme aus? Wie binde ich den stationären Handel in ein Online-Vertriebssystem ein, ohne dass das zu Konkurrenzen führt? Im Prinzip müssen wir festhalten, dass im Moment keiner so genau weiß, wie das funktioniert. Im Grunde gilt das aber für fast alle Möbelsortimente. Casper hat zum Beispiel angekündigt, nächstes Jahr 200 Läden in Amerika eröffnen zu wollen. Will sagen: Jeder versucht für sich den richtigen Weg zu finden.

    Nils: Ihr seid seit 1950 offline aktiv, da wisst ihr also, welcher Weg der richtige für euch ist. Nun ist aber die Digitalisierung in vollem Gange und die Frage lautet, wie man das alles unter einen Hut kriegt, vor allem wenn man, wie ihr, ein etabliertes Händler- oder Betriebsnetzwerk hat.

    Boris: Genau, wir haben 600 fantastische Partner in Deutschland, der Schweiz und Österreich. Das ist überhaupt kein Problem für uns. Aber wie kombiniere ich das eigentlich mit Online? Auf Produktebene sind wir zum Beispiel den Schritt gegangen, unsere neuen Betten in allen Teilen paketversandfähig zu machen, sodass sie innerhalb von 24 Stunden an jeden Ort Europas verschickt werden können und ohne Werkzeug montierbar sind. Bisher gab es gar kein Polsterbett, das paketversandfähig gewesen wäre – man brauchte immer eine Spedition. Wir alle kennen das Drama. Unser Ansatz im letzten Jahr war: Lass uns das mal komplett neu denken. Und wir haben festgestellt: Zwei der großen Themen im Bereich Möbel sind Lieferzeit und Logistik. Jeder, der schon einmal ein Sofa bestellt hat, weiß, dass Speditionslieferungen komplizierter sind, zum Beispiel weil sie vorher angekündigt werden müssen. So einfach und eng getaktet, wie das bei Amazon mit seinem Trackingservice läuft, ist das im Speditionsbereich fast gar nicht möglich.

    Nils: Zumal es ja nicht nur darum geht, wann die Spedition kommt, sondern auch darum, welches Servicelevel du erwarten kannst.

    Boris: Also ein Riesenthema! Aber solange man die Bedingungen einhält, wie bestimmte Gurtmaße, ist man heute eigentlich schon in der Lage, seine Produkte mit einem völlig neuen Servicelevel bundesweit oder europaweit in einer sehr engen Taktung zu verschicken, die vorher noch nicht möglich war. Das einzige Problem, das wir derzeit noch haben und die nächsten Monate auch noch haben werden, ist das Gurtmaß der Unterfederung, also des Lattenrosts. Das wird noch eine Weile über Speditionen laufen. Dafür gibt es keine einfache Lösung, denn der Rost entscheidet über die Hauptstabilität des Bettes. Aber die Hauptsegmente eines Bettes sind bei uns jetzt alle paketversandfähig und kurzfristig lieferbar, egal ob an Händler oder Kunden. Das hatten wir so in der Form auch noch nicht.

     

    09:25

    Nils: Den Direktvertrieb habt ihr also gelöst, in dem ihr euch euer Produkt und die verschiedenen Akteure angeschaut und die Logistik darauf abgestimmt habt. Das ist aber auch nicht im luftleeren Raum passiert, oder? Da waren schon ein paar Learnings für euch drin …

    Boris: Auf jeden Fall! „Learnings“ ist ja aber eigentlich auch nur Neudeutsch und ein beschönigendes Wort für „Fehlschläge“. Tatsächlich haben wir ganz viele Erfahrungen gesammelt. Wir haben zum Beispiel einen Partner in China, mit wir ganz viel ausprobiert haben. In Shanghai gibt es ja teilweise Hochhäuser mit 40 Stockwerken, aber ohne Fahrstuhl. Wer da schon einmal ein Boxspringbett ausgeliefert hat, weiß, was das für ein Drama ist. Auch solche Lernprozesse haben wir durchlaufen. Unser „Hauptlearning“, um es mal so zu definieren, war aber unser Projekt „Anneliese“. Das haben wir vor eineinhalb, zwei Jahren in Schweden gestartet. In Schweden deshalb, weil das für uns ein freier Markt war, da konnten wir auch mal auf die Nase fallen, ohne dass die Marke gleich Schaden nimmt. Dort haben wir mit einer eigenen, paketversandfähigen Matratze ein Online-System gestartet und zum Beispiel erkannt, dass ein wunderschöner Karton mitunter nicht mehr so schön ist, wenn er beim Endkunden ankommt. Und diese Erkenntnis haben wir dann auch gleich in Deutschland verwertet.

    Nils: Wie kam es dann, dass ihr das, was ihr in Schweden gelernt habt, auf die gesamte Firma ausgerollt habt, um als Reaktion auf die neue Zeit eure ganze DNA zu ändern?

    Boris: Ich liebe – eigentlich seit meiner Jugendzeit – das Thema Digitalisierung und beschäftige mich viel damit. Für mich war das immer ein offenes Tor. Eines muss man aber immer klarsehen – und ich glaube, die gleiche Erfahrung macht ihr auch in euren Beratungen öfter: Es gibt einfach mentale Widerstände, auch im Unternehmen selbst. Zum Beispiel hatten wir uns in der Produktentwicklung eigentlich nie groß damit auseinandergesetzt, wie die Teile zum Kunden kommen. Und wenn man sich dann hinstellt, und sagt: „Passt mal auf, Leute: Wir machen jetzt mal ein Bett, das paketversandtauglich ist!“ – an diesem Punkt setzt Führung ein. Man muss sehr intensiv vor Ort sein, Mut machen, immer wieder die richtigen Fragen stellen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Digitalisierung funktioniert, indem man sie delegiert. Stattdessen ist das, was hier gerade passiert, eine gemeinschaftliche Neuerfindung unserer Marke Lattoflex, und wir sind noch lange nicht durch.

    (Dazu gehörten auch wochenlange Gespräche mit Anwälten, denn die digitalen Prozesse werfen auch Fragen des Kartellrechts auf. Allerdings geht es dabei weniger um das „horizontale“ Kartell, also den Zusammenschluss von Wettbewerbern, sagt Boris, sondern um das „vertikale“, das heißt die Kontrolle der Vertriebsstruktur.)

     

    17:35

    Nils: Strafen und Kartellamt sind meiner Ansicht nach das eine und ich würde mal gemein behaupten, das bekommt man mit guten Anwälten befriedet. Viel kriegsentscheidender ist für die Hersteller ja aber, dass ihnen ihre bestehenden Handelswege nicht die Luft abschneiden. Wie habt ihr eure Partner hier, vor Ort, in den Gesprächen und Präsentationen beruhigt? Was sagen die, wenn du ihnen eure Webseite und euren Direktvertrieb vorstellst?

    Boris: Damit sprichst du direkt einen Nerv an und zwar einen Nerv aller Unternehmen, die tradierte, klassische Vertriebskanäle mit Handelsfunktionen unterhalten. Ich glaube, auf diese Frage gibt es mehrere Antworten. Zum einen ist die Dramatik meiner Ansicht nach nicht mehr ganz so groß, wie sie einmal war. Mittlerweile sind wir alle in der Wirklichkeit angekommen – siehe Adidas & Co. Unser Vorteil mit Lattoflex ist, glaube ich, unser Bestreben, allen einen guten Platz und eine faire Chance geben zu wollen. Wir spielen hier nicht „Sekt oder Selters“. Ich habe den Eindruck, dass wir als Marke seit 1957 ein riesiges Vertrauen genießen, und dafür – und auch für unsere Partner – bin ich sehr dankbar. Immerhin haben wir ein fein säuberlich sortiertes Vertriebsnetz mit hoch engagierten Händlern in fast jedem Ort in Deutschland, nach dem sich die reinen Onlineplayer im Moment die Finger lecken würden!

    Nils: Das hängt aber auch ein bisschen mit eurem Produkt zusammen, denn im Grunde ist es ja ein Investitionsgut.

    Boris: Ja, keine Frage!

    Nils: Es ist ein Kleinwagen, auf dem man sitzen und schlafen kann – es ist ein beratungsintensives Produkt und deshalb verständlich, warum ihr so viele Partner habt, mit denen ihr auch schon lange zusammenarbeitet. So viel also zur Wichtigkeit dieser Partner. Was hast du denen gesagt?

    Boris: Wir haben unser Sortiment erweitert, indem wir versucht haben, die Menschen in – derzeit nennen wir es „Lebenslinien“ – einzuteilen, von der Geburt bis zum Tod, sozusagen. Das sind fünf Segmente. Und dann haben wir uns die Frage gestellt: Wie sieht die optimale Lagerung eines Babys aus? Was braucht ein Jugendlicher, der sehr schnell wächst, für seinen Rücken, für die Lagerung seines Körpers? So haben wir zum Beispiel für Senioren Matratzen mit härteren Randbalken konzipiert. Und dann haben wir uns festgelegt, dass wir zumindest für die jungen Linien, also bis hin zum Studentenbett, online präsent sein müssen. Die nehmen die Beratung im Geschäft eher seltener in Anspruch. Für diese drei Linien haben wir ein Agentursystem geschaffen, für das wir Fachhandelspartner angeworben haben und über das unsere Kunden doch auch schnell mal probeliegen können, wenn sie das wollen.

    Dafür haben wir im Vorfeld viel diskutiert, auch auf dem Markt, und sehr mit offenen Karten gespielt. Ich glaube, das ist wichtig. Man braucht sehr viel gegenseitiges Vertrauen. Aber es hat sehr, sehr gut funktioniert, und jeder sieht das eher als Chance an, die Leute mit neuen Zielgruppen und anderen Vertriebsformen mal anders abzuholen und zu erreichen. Das war so das Feedback, das ich in den Gesprächen bekommen habe. Und mein Eindruck war, dass alle von hier nach Hause gefahren sind mit dem Gefühl: Es ist klasse, dass wir hier dabei sein dürfen, es gibt mehr Chancen als Risiken für uns.

     

    22:50

    Nils: Ihr habt also gesagt: „Kommt, wir versuchen hier gemeinsam etwas aufzubauen“?

    Boris: Genau, das war schon immer unser Ansatz bei Lattoflex. Und statt sich über die schiere Menge der Händler zu beschweren, wurde mir irgendwann klar, dass wir sie auch als Chance sehen können, denn es gibt nun einmal verschiedene Dinge für verschiedene Zielgruppen und Bedürfnisse. Und verschiedenen Geschäftsmodellen, wie dem Spielwarenhandel, stand ich zuletzt eher immer skeptisch gegenüber, weil ich es als schwierig erachte, da gegen Amazon noch etwas aufzubauen. Aber ich glaube, es ist eben kein Schwarz/Weiß-Bild, es geht nicht um Null oder Eins. Es wird für bestimmte Vertriebssegmente immer einen stationären Handel geben, und sei es als Servicepunkt. Und so habe ich versucht, ein Modell zu bauen, das das Gute, das wir haben, bewahrt und uns zugleich die Türen öffnet für alles Neue, denn davor kann man eben nicht die Augen verschließen. Das ist ja Fakt – das Internet ist Fakt, E-Commerce ist Fakt. Es gibt hier in Bremervörde niemanden mehr, der nicht bei Amazon bestellt, einfach weil es bestimmte Produktsegmente gar nicht mehr gibt.

    (Wann sich das Unternehmen wie weit öffnet, ist immer eine Frage des Transformationskonzepts. Die Thomas GmbH profitiert seit fast 30 Jahren von einem sogenannten Fachhandelsbeirat, der sich aus zehn Top-Händlern zusammensetzt, die sich zwei Mal im Jahr in Bremervörde treffen. Da dieser Rat schon immer stark einbezogen wurde, legte man auch jetzt die Planung sehr früh offen. „Ich kann nur jedem Unternehmer in einem klassischen System sagen: Man darf nicht leugnen“, so Boris.)

     

    27:00

    Nils: Ich glaube, die meisten auch sehr erfolgreichen deutschen Unternehmer leugnen nicht bewusst, sondern stellen Schutzbehauptungen auf wie: „Mein Kunde ist ganz speziell“. Wie bist du da herangegangen? Ist das wirklich eine Personenfrage oder hast du dich eigentlich nur so lange informiert, bis deine Schutzbehauptungen zerbröckelt sind?

    Boris: Was du Schutzbehauptung nennst, würde ich eher als Generalisierung eines Einzelfalls bezeichnen, dem dann angeblich eine Trendwende folgen soll. Meine These ist: Ja, es ist personenabhängig, denn hier ist ein echter Unternehmer gefragt. Da geht es aber weniger ums Management oder ums Delegieren, sondern viel mehr um diese Lust daran, etwas Neues zu wagen und sich nicht von irgendwelchen hohlen Phrasen aufhalten zu lassen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man eine Art Digitalisierungs-/Transformationsabteilung schafft und die einfach mal machen lässt, während man trotzdem weiter mit solchen Schutzbehauptungen herumläuft. Die ureigenste Aufgabe eines Unternehmers ist schlichtweg, viele Fragen zu stellen.

    Nils: Also aus einer nicht delegierbaren Informiertheit heraus die richtigen Fragen stellen, sagst du? Ich habe nämlich ganz oft das Gefühl, die Führung eines Unternehmens behält sich ihre eigenen Schutzbehauptungen, und die Leute in der Digitalisierungsabteilung wissen vielleicht ganz genau, dass die Quatsch sind, aber kommen im Unternehmen überhaupt nicht weiter, weil sie in die wirklichen Investitionsentscheidungen gar nicht eingebunden werden.

    Boris: Aber es ist natürlich auch nur menschlich, ich verstehe das total. Man will seine Sicherheit, sein Know-how behalten, man kennt seinen Markt und seine Kunden. Aber trotzdem: Hier ist der Unternehmer gefragt. Er muss fiese Fragen stellen, Risiken eingehen, sich bewusst schlau machen. Man muss zumindest wissen, wie Plattformökonomie funktioniert, wie funktionierende Geschäftsmodelle wie die von Zalando laufen und worin sie sich von Amazon unterscheiden.

    Manchmal war es für mich schon erschreckend – ich muss es so sagen – wie wenig manche gestandenen Unternehmer wissen. Die haben mitunter gar nicht verstanden, warum Amazon so erfolgreich ist. Da denke ich mir: Kümmert euch!

     

    32:55

    Nils: Wenn ich höre, dass einige Matratzenhersteller jetzt auch Hundebetten auf den Markt bringen, frage ich mich immer: Wie haben die Investoren reagiert, als ihnen im Beiratsmeeting gesagt wurde, dass man jetzt auch noch eine Hundematratze macht? Feiern die einen? Oder lachen die nur leise?

    Boris: So ein Hundebett ist ja eher die Notmaßnahme. Aber vielleicht gibt es unter den reinen Online-Playern ja wirklich jemanden, der den Markt am Ende als einzelner Gewinner abräumt. Im Moment kann ich mir das jedenfalls nur schwer vorstellen. Vielleicht bin ich da manchmal auch fast zu konservativ, aber im Grunde kann sich das jeder selber ausrechnen: Es gibt, grob geschätzt, 35 Millionen Haushalte in Deutschland und eine neue Matratze braucht man alle zwölf Jahre. Und wenn man sich dann die Kundenakquisitionskosten, die Marge des einzelnen Produkts, den kleinen Markt und die großen Kaufintervalle anschaut und sieht, wie sich gerade 20 reine Online-Player – mit sinkender Tendenz – um dasselbe Preissegment scharen, dann wird einem klar: Da bleibt nicht genug übrig.

    Nils: Ich würde gerne nochmal den Schritt zurückgehen zu dem unternehmerischen Mut, den du beschrieben hast. Ihr als Organisation habt den Vorteil, dass ihr noch inhabergeführt seid. Das bedeutet auch, dass du dafür verantwortlich bist, dieses Unternehmen in die nächste Generation zu überführen. Ein Manager hingegen hat ein temporäres Mandat und denkt deshalb wahrscheinlich eher anders. Ist das für dich auch ein Strukturproblem?

    Boris: Ja, und ich glaube, das sieht man auch sehr schön. Es gibt ja relativ wenig Erfolgsmodelle von managementgeführten Unternehmen oder zersplitterten Gesellschafterstrukturen. Dabei bedeutet Digitalisierung ja eben genau eine Infragestellung der bestehenden Geschäftsmodelle. Und das birgt natürlich auch immer ein Risiko, denn man betritt unbekanntes Terrain. Dieses Risiko muss man sich immer vor Augen halten. Es hat ja einen Grund, dass nicht ein Thalia Amazon gegründet hat, sondern Amazon von außen kam, als die noch nur mit Büchern gehandelt haben. Ich habe immer wieder versucht, das zu analysieren: Warum tun wir uns so schwer damit, obwohl jeder wusste, dass die Digitalisierung kommt?

    (Als Beispiel für diese Schwerfälligkeit führt Boris OTTO ins Feld: Lange Zeit schienen die parallel geführten Abteilungen für Kataloge einerseits und für „Neue Medien“ andererseits miteinander auf Kriegsfuß zu stehen, bis zu dem Punkt, an dem über Outlook vereinbarte Termine ob ihres digitalen Charakters nicht wahrgenommen wurden. Glücklicherweise gibt es aber auch bei OTTO immer noch einen „Herrn Otto“, der dazwischenfunken und den Mitarbeitern erklären kann, welche Chancen Fehlschläge und Herausforderungen mit sich bringen, so Boris.)

     

    40:25

    Boris: Viele Unternehmer rufen mich an und fragen tatsächlich: „Sag mal, Boris, hast du mal eine gute Online-Agentur?“. Wir haben acht oder neun Agenturen durch und die Erfahrung gemacht: Man braucht Kompetenz in-house. Man muss in den sauren Apfel beißen und die Fixkosten auf sich nehmen. Zwar können Agenturen wertvolle Impulse liefern, aber selbst wenn man unbedingt mit einer Agentur zusammenarbeiten möchte, braucht man im Unternehmen Leute, die auf gleicher Augenhöhe mit ihr kommunizieren können, die wissen, worum es im Einzelnen geht.

    Nils: Ich muss auch fairerweise sagen, dass meine Agentur mittlerweile Anfragen von Unternehmen ablehnt, in denen das nicht der Fall ist. Sonst wird die Agentur entweder nur als Sündenbock genutzt oder hat kaum die Chance, ihre Ergebnisse auch wirklich in das Unternehmen einzubringen.

    Boris: Ich glaube auch eines – und das ist sicher interessant für alle Marken: Wenn man online seine Markenkraft entfalten will, braucht man jemanden intern, der einerseits das technische Know-how und andererseits so ein bisschen inhaliert hat, wie die Marke tickt.

    Nils: Das führt uns im Grunde zurück zum Anfangsteil unseres Gesprächs, als du gesagt hast, Digitalisierung sei nicht delegierbar – weder durch externe Ressourcen noch durch den Führungsanspruch, den man selber haben muss.

    (Damit endet das „bequemste Gespräch“, dass Nils jemals hatte. Und da Transformation immer weitergeht, verabreden sich die beiden zu weiteren Gesprächen, bevor sie sich verabschieden.)

  • Amazon Dorf Talk – Try to buy oder eBay vs. Amazon

    Amazon Dorf Talk – Try to buy oder eBay vs. Amazon

    eBay vs. Amazon – In der heutigen Ausgabe schauen wir uns einfach einmal die Prozesse beider Platformen an. Wo kann ich wie und vor allem was besser bestellen? Lohnt sich vielleicht doch der direkte Vergleich? Sicher ist auf jeden Fall, das man sich vorab überlegen muss welche Platformstrategie man fährt, sprich wo und wie man seine Produkte verkauft. Und: Nein, wir haben dann doch keine Waschmaschine bestellt.

     

    Hier die Aufteilung des Gesprächs:

    • Intro
    • Ebay vs. Amazon – Wir testen den Bestellvorgang für den Kauf einer Waschmaschine (ab 3:15)
    • Zusammenfassung vom Test – eBay als Chance (ab 11:57)
    • Eventuelle Erwartungshaltungen an die jeweilige Platform und eBay vs. eBay Kleinanzeigen (ab 16:10)
    • Amazon ist von der Nutzbarkeit her einfacher, es muss aber nicht unbedingt Amazon ODER eBay sein (ab 19:41)
    • Abschluss (ab 23:50)

  • Amazon Dorf Talk – Einschätzung zum Prime Day 2018

    Amazon Dorf Talk – Einschätzung zum Prime Day 2018

    Der Amazon Prime Day 2018 war in unseren Augen aus B2C-Sicht ein flop. Neben technischen Problemen, einem neuen nicht gut durchdachten Konzept und schlechtem Targeting haben Christian und ich uns einmal über unsere Eindrücke ausgetauscht. Wie sah es hingegen aus B2B-Sicht aus und wie waren eure Erfahrungen?

    • Amazon ist down: Marketing Gag oder technisches Problem? (ab 1:30)
    • Konzept des Prime Day 2018 und die eventuelle Problematik (ab 3:24)
    • Preisproblematiken und schlechtes Marketing (ab 4:45)
    • Thematik des Targeting (ab 7:10)
    • Keine großen Angebote, bzw. zum Beispiel auf Mobile auch gar nicht gut auffindbar (ab 8:33)
    • Woher kamen dann dennoch die guten Zahlen? (ab 10:14)
    • Der Prime Day 2018 aus Händlersicht (ab 12:54)
    • Abschluss, die Problematik der bisherigen Technologie und wie hat Amazon im Wandel (ab 17:00)

     

  • Bye bye Kreditkarte – bye bye Deutsche Bank(en)

    Bye bye Kreditkarte – bye bye Deutsche Bank(en)

    Kaum ist man ein paar Wochen weg und verbringt eine spannende Zeit in den USA – und schon reist man in ein anderes Deutschland wieder zurück! Und nein, ich will hier nicht über Politik schreiben, selbst wenn E-Commerce und die Auswirkungen des digitalen Wandels gesellschaftlich höchstrelevant sind! Vielmehr meine ich das Erdbeben im Dax. Denn es ist schon ein anderes Land, wenn nur noch die Deutsche Bank als einziges herkömmliches Finanzinstitut im Leitindex des deutschen Aktienmarkts (gerade noch) vertreten ist.

    Und zeitgleich mit dem Ausscheiden der Commerzbank aus dem Dax – immerhin eins der Gründungsmitglieder, das (ähnlich wie der HSV in der Bundesliga) den Anschluss verpasst hat –, fangen auch liebgewonnene Zahlungsmittel an, sich aus dem Alltag zu verabschieden. Wie auch im letzten Artikel will ich wieder aus meiner gerade zu Ende gegangenen jährlichen USA-Sommer-Auszeit erzählen, um die Verhältnisse hierzulande zu erklären. Bin ich doch nach wie vor davon überzeugt, dass Reisen bildet – und dass Reiseberichte Verfassern sowie Lesern neue Perspektiven auf die Heimat eröffnen können.

    Was ich drüben diesmal extrem spannend fand, war das Verschwinden der Kreditkarte aus dem täglichen Leben. Ohne Übertreibung: Wer in USA jetzt nicht mit Handy, AppleWatch oder einem anderem App-fähigen Gerät bezahlt, wird beinahe schon schief angeguckt. Einerseits ist das natürlich nichts weiter als eine logische Entwicklung, da viele Menschen zwar kein Portemonnaie mehr in der Tasche haben, aber dafür eigentlich immer ihr Handy dabei haben. Andererseits hat es schon eine größere Bedeutung: nämlich, dass eins der GAFA-Unternehmen – hier Apple mit Apple Pay – nun auch in der offline Welt viele Transaktionen (und die damit verbundenen Daten) übernimmt.

    Dieser Vorstoß kommt für die hiesige Finanzwirtschaft zur Unzeit. Egal ob Investorenausstieg bei der Deutschen Bank oder eben der Abstieg der Commerzbank aus dem Dax, die großen Banken hierzulande haben sich, wie viele deutsche Unternehmen, wesentlich stärker auf das Produzieren von peinlichen Skandalen konzentriert, als auf das Entwickeln von Zukunftsstrategien. Gerade in Deutschland sehen die Banken ihre Aufgabe anscheinend eher darin, endlich die Kunden mit lästigen Gebühren und Negativzinsen zu vertreiben (denn eine Bank ließe sich doch so herrlich leicht verwalten, wenn nur nicht diese ganzen Kunden immer wären…!), als darin, sich zu überlegen, wie ihr zerbrochenes Geschäftsmodell zu ersetzen sein könnte.

    Ja, klar, die Finanzindustrie wird von aufstrebenden FinTechs einerseits, der Zinspolitik der Notenbanken andererseits und auch noch den GAFAs in die Mangel genommen. Ebenfalls klar: Vorstand bei einem etablierten Finanzinstitut mit miserabler Legacy-IT und demotivierten, innerlich kündigenden Belegschaft möchte ich nicht sein. Aber es ist nun nicht so, dass sämtliche Banken in den entwickelten Volkswirtschaften gleich stark unter diesen zugegebenermaßen widrigen Bedingungen leiden. Einige schlagen sich sogar ganz tapfer, anstatt – wie fast die gesammelte deutsche Finanzwirtschaft – einfach der EZB den schwarzen Peter zuzuschieben, Gebühren zu erhöhen und Kunden in die Arme der N26s und Solaris‘ der Hauptstadt zu treiben.

    Die EZB hat sogar schon belegt, dass neue oder höhere Gebühren für Endkonsumenten „lediglich schwach positiv“ mit höherer Profitabilität korrelieren. Dies tat sie sicherlich teils zu ihrer Selbstverteidigung, aber sicherlich teils auch, weil es einfach stimmt und weil sie kein Interesse daran hat, dass hier Banken reihenweise pleitegehen. So versucht sie ihnen sanft durch die Blume zu sagen: „Ändert euer Geschäftsmodell! Denkt vom Kunden her!“

    Und genau damit tun sich die deutschen Banken wirklich schwer. Sie setzen nach wie vor darauf, dass der Kunde sie einfach braucht und gehen davon aus, dass Größe nach wie vor ein Vorteil ist. Damit haben sie zwar ein bisschen recht: Wer wollte es ohne ein Girokonto probieren? In Amerika zahlen die Leute einerseits beherzt mit AppleWatches, was einem hier in einem Penny- oder Netto-Markt wie Science-Fiction vorkommen könnte. Andererseits müssen doch genug Leute hohe Beträge (Gas, Strom, Miete) in Bar begleichen. Das wiederum kommt einem Deutschen wie ewiggestrig vor. Man hat ja ein Konto.

    Damit ist aber nicht gesagt, dass man dieses Konto bei einer Kundenbank oder Sparkasse braucht. Die Kollegen von Etribes zitieren in ihrer Studie zu den Banken Knut zahlt bar treffend Bill Gates: „Banking is necessary. Banks aren’t.“ Apple übernimmt in den Staaten bereits eine Säule des Bankenwesens: Zahlungsverkehr – und kommt im Herbst nach Deutschland.

    Zum Thema Zahlungsverkehr war es übrigens ein in der New Economy entstandener Bezahldienst, der die Commerzbank im Dax abgelöst hat: Wirecard. Ja: Ein FinTech hat eine Großbank im Leitindex des deutschen Aktienmarktes ersetzt.

    Die Zukunft ist nicht nur auf der anderen Seite des Atlantiks zu finden. Sie ist bereits bei uns angekommen! Hoffentlich verpassen wir nicht auch noch hier vor lauter rascheln der Geldscheine die nächste technologische Entwicklung.

  • Vom Salat zur Agentur – Rapid Prototyping mit Moritz Mann

    Vom Salat zur Agentur – Rapid Prototyping mit Moritz Mann

    Moritz Mann, Gründer von Stadtsalat und Protofy, hat sich mit mir in den Etribes-Büros in Hamburg zu einem spannenden Interview getroffen. Im Gespräch erzählt er wie es zu der Gründung von Stadtsalat und Protofy kam und warum es sich seiner Meinung nach lohnt schnell ein MVP (Minimum Viable Product) an den Markt zu bringen und zu testen. Stadtsalat wurde beispielsweise in nur einer Woche auf die Beine gestellt.

    Hier die Aufteilung des Gesprächs:

    • Intro Moritz Mann und die Gründung von Stadtsalat
    • Rapid Prototyping vom Salat zur Agentur (ab 9:07)
    • Kunden von Protofy (ab 12:15)
    • Livegang nach einem Wochenende – wie kommt das an? (ab 14:37)
    • Re-Integration des MVPs ins Kerngeschäft (ab 18:30)
    • Kaufangebote nach erfolgreichem MVP? (ab 24:00)

  • Amazon Dorf Talk – Teuer oder billig auf Amazon

    Amazon Dorf Talk – Teuer oder billig auf Amazon

    Kaufe ich den Autositz oder den Schulranzen für meine Kinder online oder doch offline? Was zählt für mich – Beratung oder Preis oder beides? Wie verhalte ich mich als Käufer, wenn es um hochpreisige Produkte geht? In diesem Gespräch haben Christian Otto Kelm und ich einmal unsere eigenen Erfahrungen als Beispiele genommen. Anhand dieser betrachten wir wie Amazon noch bestehende Vorteile des bisherigen stationären Handels, vor allem rund um das Thema Beratung, zukünftig besser umsetzen könnte.

    • Intro
    • Amazon, eher ja oder nein für einen Kauf im Preisbereich von 200 bis 300€ (ab 1:28)
    • Learning aus dem Verhalten „research offline, purchase online“ (ab 14:10)
    • Wie wird Amazon zukünftig mit beratungsintensiven Produkten umgehen, um dem Kunden die gewünschte Beratung anbieten zu können? (ab 17:36)
    • Beim Kauf auf Amazon zählt vorrangig der Preis (ab 26:24)
    • Abschluss und Résumé „Stand Amazon erstes Halbjahr 2018“ (ab 31:06)

     

  • Butter bei die Fische – Digitale Bierverkostung Runde 2

    Butter bei die Fische – Digitale Bierverkostung Runde 2

    In der zweiten Runde von „Butter bei die Fische“ mit Helge Morgenstern probieren wir nicht nur zwei weitere Biere, sondern steigen vertieft in die Thematik „Getränkevielfalt durch die Digitalisierung in der Gastronomie“ ein. Wie bleibt man sich treu, bietet den Gästen aber auch Neuheiten an? Welche Rolle spielt Digitalisierung im Getränkebereich und wie sieht es seitens der Logistik aus?

    Hier die Aufteilung des Gesprächs:

    • Große Vielfalt im Getränkebereich, wie stellt sich ein Gastronom auf?
    •  Die Logistikfrage – B2B vs. B2C (ab 6:10)
    • Was haben Getränke und deren Logistik mit Digitalisierung zu tun und wie ist Amazon in diesem Bereich aufgestellt? (ab 10:46)
    • Amazon Business und der Bereich der Bürobelieferungen (ab 19:25)
    • Welche Start-Ups sind aktuell im Foodbereich hinsichtlich Logistik interessant? (ab 23:26)

     

  • Tasty Geheimtipps mit Malte Steiert von Foodguide

    Tasty Geheimtipps mit Malte Steiert von Foodguide

    Wie konnte Foodguide ohne Marketing Budget wachsen? Welche Rolle spielen Instagram und wie wirkten sich TV Auftritte wie bei der Höhle des Löwen auf das Geschäft aus?

    Im Digital Confession Drive Interview erzählt Malte Steiert, CEO & Co-Founder der Foodguide App UG, über das bisherige Wachstum der Company und der Entwicklung von Geschäftsmodellen in einem durch Yelp, Foodora und Co. geprägten Markt.

    • Vorstellung Foodguide
    • Wie kam es zu der Entwicklung der Foodguide App? (ab 5:10)
    • Das Geschäftsmodell dahinter – Monetarisierung der Idee (ab 8:25)
    • Wie groß ist Foodguide heute und woher kam das Funding? (ab 14:20)
    • Werbewirkung und Nebenwirkungen des “Höhle des Löwen” Auftritts  (ab 17:20)
    • Wie sieht die Zukunft aus für die Foodguide App? (ab 19:50)
    • Warum steht der große Investmentcase noch aus? (ab 22:25)
    • Warum zieht der Social-Network-Gedanke bei Investoren nur noch bedingt? (ab 23:45)
    • Ist der Gastronomiemarkt durch Yelp, Foodora und Co. von digitalen Geschäftsmodellen abgeschreckt? (ab 28:00)
    • Expansion außerhalb von Europa? Wo geht die Reise hin? (ab 35:00)
    • Taste Tours und weitere Konzepte (ab 40:00)

  • „Geständnis eines Amazon-Fanboy“, oder: Es ist noch lange nicht vorbei!

    „Geständnis eines Amazon-Fanboy“, oder: Es ist noch lange nicht vorbei!

    Die Amazon-Aktie erlebt zur Zeit einen spannenden Höhenflug und wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die magische 2.000$-Grenze überschreiten bzw. hat dies bereits getan. Wobei ich auch nicht unbedingt glaube, dass institutionelle Investoren sich durch einzelne, oft medienwirksam aufgebauschte Aktienpreisgrenzen derart beeinflussen lassen. Den Preis könnte man doch durch einen einfachen Aktiensplit wieder auf die Hälfte kriegen…

    Nun ja, aber jetzt zum eigentlichen Thema heute: Die Amazon-Aktie. Wie jeder Überflieger an der Börse kommt auch sie nicht ohne die typischen Bedenkenträger aus. Sogar vormals bullische „Amazon ist eigentlich – egal wie teuer – die einzige sichere Retail-Aktie nach vorne raus“-Investoren kriegen jetzt kalte Füße und wähnen schon die berühmt-berüchtigte Jahr-2000-Silvesterstimmung heraufziehen. Argumentation: Die Bewertung ist zu hoch. Vorher war sie zwar immer viel zu niedrig, jetzt ist Amazon aber auf jeden Fall überbewertet und hat eine Aufholjagd sondergleichen vor sich, um dieser Bewertung gerecht zu werden.

    Da ist bei einer grundsätzlichen Analyse nach den allgemeinhin akzeptierten Regeln der Kunst auch sicherlich nichts dagegen einzuwenden. Allerdings weisen fundamentale Unternehmensdaten schon seit vielen Jahren nur noch eine rudimentäre Verknüpfung mit der Entwicklung von Börsenkursen auf. Warum verkaufe ich also meine Amazon-Aktien auf gar keinen Fall, sondern erwarte sogar weiterhin spannende Preisentwicklungen? Hier folgt die Begründung. Nennt es ruhig „The Confessions of an Amazon Fanboy“ – aber tut es bitte nicht damit ab.

    1. Wie fast immer im Sommer verbringe ich grade meinen Jahresurlaub in den USA. Zahlreiche Trips zu Target, Walmart und Cosco gehören zum Kinder-Entertainment-Programm. Dadurch wird mir immer wieder vor Augen geführt, wie lächerlich der stationäre Retail in Deutschland eigentlich aufgestellt ist. Target und Walmart ermöglichen es ihren Kunden hierzulande, an eine schier unglaubliche Produktvielfalt zu kommen. In USA kann man sich zu vernünftigen Preisen mit wirklich allem eindecken und der Konsument erhält ein One-Stop-Retail-Konzept, das wenig zu wünschen übrig lässt. Zum Beispiel gibt es weiterhin genug Parkplätze und – ja, genau wie man das mal in einer Serie gesehen hat – livrierte Tütenträger, die einem die zuvor bestellte Ware ins Auto bringen (oder aber gleich an die Haustür liefern). Cosco lässt die Metro wie einen Kindergarten aussehen und begeistert nicht nur mit unendlicher Produktauswahl, verschiedenen Gebindegrößen und tollen Eigenmarken, sondern macht auch klar, dass sich die Erträge lediglich aus den Mitgliedsgebühren speisen und ansonsten die Produkte an den Konsumenten ohne Gewinn(marge) weitergegeben werden.
      Warum führe ich diese Beispiele auf? Weil der amerikanische Konsument in einem Schlaraffenland lebt. Hier ist stationärer Einkauf noch ein echtes Erlebnis und verknüpft viele der Vorteile von Online-Shopping (wie etwa 24-Stunden-Öffnungszeiten) mit herkömmlichen Retail-Konzepten. In einem Wort: Es gibt ein Service- und Erlebnisangebot, von dem wir in Europa nur träumen können. Und trotzdem: gegen Amazon keine Chance! Denn der Konsument findet das Angebot von Amazon noch besser. Stationäres Geschäft hat den Kunden einfach nicht überzeugen können. Somit hat Amazon nicht nur nichts zu befürchten, sondern hat in einem der am Härtesten umkämpften Märkten der Welt gezeigt, wem Konsumenten jetzt und in der Zukunft vertrauen.
    2. Wenn der Konsument nun also Amazon bedingungslos vertraut, dann kann Amazon nach Belieben nicht nur weitere internationale Märkte erschließen, sondern auch einfach neue Branchen erobern: Banken, Gesundheitsversorgung, Mobilität etc. steht alles dem Unternehmen mit dem besten Kundenzugang offen. Hier ist die Börsenbewertung als relativer Vergleich des Umsatzwachstums sicherlich noch sehr konservativ, da Amazon in diesen Bereichen jeweils noch einzelne Unternehmen aufbauen könnte, die als Rivalen zu den jeweils führenden Unternehmen in der Branche bewertet werden müsste. Rechne ich die Börsenbewertung des Top-Healthcare-Unternehmen, Top-Mobilitätsanbieter und die des – meinetwegen – Top-Schraubenverkäufers zusammen, dann erscheint Amazon noch sehr adäquat eingepreist. AWS, AMS und andere Programme sind ja nur ein Vorgeschmack auf die vielen Möglichkeiten, die ein treuer Kunde so alles bietet.
    3. Nach eingängiger Auswertung aller Berichte und Aussagen wird Amazon immer noch vornehmlich als B2C-Retail-Firma gesehen, die Produkte verkauft. Und das mag auch sicherlich noch der wichtigste Bereich sein. Aber B2B (Amazon Business) und der gesamte Service-Bereich stehen dem Konzern noch offen. Auch hier wird das Potential noch erheblich unterschätzt.
    4. Umsatz und Rentabilität sind zwar für Amazon wichtig, aber der eigentlich wichtigste Aspekt im Geschäftsmodell von Amazon wird ebenfalls nicht oft genug beachtet: Das Geschäft von Amazon ist hochgradig Cashflow-positiv. Waren und Leistungen werden erst lange nach Erhalt und Weiterverkauf bezahlt und Marketing wie auch Webservices bedingen keine signifikanten Gegenkosten. Das heißt: Amazon hat fast unbegrenztes Kapital für neue Investitionen oder weitere Akquisitionen zur Verfügung. So schön der hohe Börsenkurs für Amazon ist, so unwichtig ist es für die Finanzierung des Unternehmens. Und das ist ein Vorteil, den nur wenig andere Unternehmen für sich beanspruchen können.

    Aus externer Sicht ist Amazon alternativlos!

    Das sind die allein aus der Kraft des Amazon-Modells heraus zu begründenden Argumente, die für ein weitaus höheren Börsenkurs sprechen. Was aber mit den externen Faktoren? Nach wie vor ist viel zu viel Kapital am Markt vorhanden. Das wird durch die großherzigen und krisenverängstigten Notenbanken in den Markt gedrückt – und da ist immer noch kein richtiges Ende in Sicht. Wenn Amazon überbewertet sein soll, dann schaut euch doch erst einmal die Bewertungen von Wohnungen in Hamburg, Berlin, London oder New York an. Dagegen ist Amazon ein extrem passives Investment.

    Als Investor mit Geld kann ich also die anderen „Asset Classes“ eigentlich vergessen und muss mich nach geschickten Aktieninvestments umschauen. Da ist die Verängstigung sicherlich hoch, da durch die Digitalisierung viele tradierten Investments nicht mehr funktionieren. Metro, ein tolles Investment? Das sind sich die Haniels auch nicht mehr so sicher. Und selbst Tengelmann muss spekulativ bei Wish.com einsteigen, um Kapital von „alten“ Geschäftsmodellen wegzuinvestieren.

    Da gebe ich dann doch dem Supergraf in der zweiten Hälfte seines Tweets recht: Wenn nicht bei Amazon, wo bitte dann sonst investieren? Auch die anderen Mitbewerber wie Alibaba oder JD sind zwar gute Investments, aber nicht als direkte Gefahr zu Amazon zu sehen. Diese Unternehmen machen das gleiche wie Amazon in ihren Märkten, aber das bedeutet nicht, dass sie Amazon aus deren etablierten Märkten verdrängen können. Aus externer Sicht ist also sehr viel Geld vorhanden aber es gibt leider nur sehr, sehr wenige wirklich gute Investments. Somit ist Amazon auch bei Investoren als fast alternativlos anzusehen.

    Ich wäre aber nicht Digitalkaufmann.de, wenn ich meine in diesem Fall extrem positive Sicht nicht auch „hedgen“ würde. Das Geschäftsmodell von Amazon ist extrem stark und rechtfertigt meiner Meinung nach aus interner sowie externer Sicht eine weitere gute Entwicklung. Allerdings kann sich das Blatt auch wenden, da Amazon mittlerweile eine Marktgröße erreicht hat, die den Konzern klar mit dem Zustand der allgemeinen Wirtschaft verknüpft. Eine Krise in einem oder mehreren wichtigen Märkten würde den Kurs runtergehen lassen. Ebenfalls kommen nicht nur durch Trump und Professoren wie Scott Galloway Aufrufe zur Regulierung und Zerschlagung der großen neuen Tech-Konzerne. Auch hier könnte Amazon durch Eingriffe in die freie Marktwirtschaft erheblich an Wert verlieren. Halte ich das für realistisch? In diesen Tagen ist sogar das Undenkbare schneller Realität, als man umdenken kann. Aber für Amazon als Geschäftsmodell ist es wirklich immer noch Day 1 – und das sieht man dem momentanen Aktienkurs noch nicht an!

  • Amazon Dorf Talk – Was kann Amazon eigentlich nicht?

    Amazon Dorf Talk – Was kann Amazon eigentlich nicht?

    Bisher haben wir in unseren Gesprächen diskutiert was auf Amazon alles möglich ist und was Amazon alles kann und gut umsetzt. ABER sicherlich ist es auch einmal ganz interessant darüber zu diskutieren, was Amazon nicht kann. Christian Otto Kelm und ich tun uns ein bisschen schwer, aber wir finden doch spannende Beispiele, teils aus dem eigenen Leben, in denen der Online-Retail-Riese noch ausbaufähig ist.

    Hier die Aufteilung des Gesprächs:

    • Intro
    • Thema B2B (ab 1:22)
    • Wo hakt es bei den Dienstleistungen? (ab 3:30)
    •  Filtermechanismen hinsichtlich Dynamik und Agilität sind auf Amazon nicht vorhanden (ab 4:59)
    • Die Thematik rund um Produktneuheiten (ab 15:05)
    • Der Fall der Giftbereiche – Christian hatte einen Schädlingsbefall in seinem Garten und brauchte Abhilfe (ab 28:18)
    • Der Fall der Materialliste zur Einschulung – wie läuft das auf Amazon bisher? (ab 32:40)
    • Abschluss (ab 41:15)