Schlagwort: Handel

  • Amazon: Das Imperium wächst

    Amazon: Das Imperium wächst

    Die jüngsten Entwicklungen zeigen wieder einmal: Amazon baut die Infrastruktur für alles, was wir konsumieren, wie wir arbeiten und wie wir KI in unseren Alltag integrieren. Während der deutsche Einzelhandel noch über Digitalisierung debattiert, hat Amazon längst im Vorbeifahren noch zig andere Branchen disruptiert. Meine Einordnung ausgewählter Meldungen der jüngsten Zeit.

    Jedes Jahr veröffentlicht der Amazon-CEO einen Brief an die Shareholder/Aktionäre, in dem es um Visionäres und Strategisches geht. Ich finde, davon kann man unfassbar viel lernen, ob als Gründer oder CEO oder Marktbeobachter oder, oder, oder.

    Meine Key Takeaways des Amazon 2025 Letter to Shareholders

    Jassy eröffnet das Schreiben mit einer Story, deren Essenz lautet: Es gibt keine lineare Entwicklung, sondern ein permanentes Zickzack aus Wetten, Rückschlägen und Neuanfängen. Sinnbild für Amazons Weg. Währenddessen versuchen viele Unternehmen hierzulande noch immer, Transformation wie ein Excel-Projekt zu managen. Möglichst sauber, möglichst kontrollierbar, möglichst risikoarm. Das passt nicht mehr zur Realität.

    Was bei Amazon auffällt, ist weniger die einzelne Entscheidung als das zugrundeliegende System: Am deutlichsten wird der „Amazon Way of Working“ beim Thema KI. Rund 200 Milliarden Dollar Capex sind kein Betriebsunfall, sondern Ausdruck einer klaren Logik: Wer zukünftige Wertschöpfung will, muss heute vorinvestieren. Auch wenn das, zugegeben, im KI-Rennen wahnsinnig erscheint und viele Wetten (etwa aufgrund der Verquickungen unter den Tech-Granden) waghalsig erscheinen.

    Jede Woche gefühlt neue Investments und Kooperationen mit anderen KI-Größen. Für Amazon ist AI Infrastruktur und im Goldrausch soll man bekanntlich Schaufeln verkaufen – genau das tut Amazon. AWS baut die Grundlage, auf der andere Unternehmen Anwendungen entwickeln – und begibt sich damit bewusst in eine strategisch dominante Position. 

    Dazu kommt, dass Amazon immer mehrere Optionen parallel verfolgt. Das wirkt auf den ersten Blick ineffizient, erhöht aber die Wahrscheinlichkeit, tatsächlich den nächsten relevanten Sprung zu schaffen. Anders gesagt: Wäre jemals ein Geschäftsmodell aus Handel, Reichweitenverkauf und Techhardware entstanden, wenn Amazon nicht experimentiert hätte?

    Online Medikamente kaufen bei Amazon 

    Amazon „der heimliche Champion im Markt der Online-Apotheken“? Ja. Das Handelsblatt berichtete neulich, dass über die Plattform schon über 2,5 Milliarden Euro mit rezeptfreien Medikamenten umgesetzt werden. Ich durfte die Entwicklung kommentieren. Viele Kunden sind es bereits gewöhnt, alles bei Amazon zu bestellen, warum nicht auch alles für die eigene Gesundheit? Egal ob Nahrungsergänzungsmittel oder Medikamente. Andersrum sind Gesundheitsprodukte perfekt geeignet für den E-Commerce: Sie sind verfügbar in standardisierten Packungseinheiten zu relativ hohen Preisen, bei denen es kaum Retouren gibt. Die Logistik stellt – sofern nicht gekühlt werden muss – keine speziellen Anforderungen. Kurz: Für einen Onlinehändler gibt es fast kein schöneres Geschäft und Amazon könnte sein Standing organisch wie anorganisch weiter ausbauen.

    Shopping wird zum Spielfeld

    Amazon hat „Alexa for Shopping“ auf das nächste Level gehoben. Kunden können jetzt eigene Designs für Kleidung und Merchandise per Textprompt generieren und direkt über „Merch on Demand“ bestellen. Ein massiver Frontalangriff auf Player wie Spreadshirt, Redbubble oder Etsy. Amazon eliminiert im Handumdrehen die Hürden: Kein eigenes Design-Tool, keine Logistik-Sorgen, keine Drittanbieter-Komplexität. Die KI entwirft, Amazon liefert Prime-schnell. Wer hier noch von einem „Online-Shop“ spricht, untertreibt massiv. Dieses „Feature“ ist die vertikale Integration eines ganzen Marktes, basierend auf dem Customer-First-Ansatz. 

    Indien: Kein Scheitern, sondern eine Lektion in Agilität

    Ja, man liest, Amazon habe in Indien nach 13 Jahren weiter Schwierigkeiten und das Wachstum sei nicht so wie geplant. Man hört von gestoppten Großprojekten und zentraler Steuerung aus Seattle. Aber schauen wir hinter die Schlagzeile: Amazon lernt. Wenn sie merken, dass der Retail-Fokus (wegen regulatorischer Hürden) limitiert ist, schwenken sie die Milliarden eben in KI-Rechenzentren um. Das ist die Stärke dieses Konzerns: Man verbrennt kein Geld an einer Sackgasse, man investiert in die nächste große Welle. Amazon ist eine lernende Maschine.

    Der Mensch als Kapital (und als Produkt)

    Dass Amazon eine weitere Milliarde in das „Career Choice“-Programm steckt, um 50 Millionen Menschen für die Zukunft zu rüsten, ist kluges Eigeninteresse. Es sichert den Fachkräftenachwuchs in Logistik, Software und Cybersicherheit. Amazon baut hier nicht nur Kundenbindung auf, sondern eine Belegschaft, die in ihrem eigenen Ökosystem funktioniert.

    Visuelle Suche: KI als Verkäufer

    Die neue KI-Shopping-Funktion in den USA könnte (!) Einkaufen einmal mehr grundlegend ändern. Amazon generiert visuelle Vorschläge für Produkte, die es so gar nicht gibt, um dann „ähnliche“ echte Katalogware anzubieten. Das ist eine psychologische Brillanz: Man verkauft nicht mehr das Produkt, sondern das Bild im Kopf des Kunden. Und mit „Amazon Lens Live“ wird jedes Foto in der Welt zum Einkaufsgutschein.

    Same-Day-Lebensmittel: Die letzte Meile gehört bald… Amazon?!

    In London rollt Amazon jetzt das aus, was den stationären Einzelhandel endgültig blass aussehen lässt: Frische Lebensmittel per Same-Day-Delivery – und zwar im selben Warenkorb wie die neuen Kopfhörer. Wenn das Experiment nicht nur punktuell aufgeht, schafft Amazon so endgültig das „Convenience-Monopol“. Wenn ich (wenn ich denn in der Stadt oder deren Speckgürtel lebe) heute meine Milch, mein Fleisch und mein Technik-Gadget mit einem Klick bekomme, warum sollte ich dann jemals wieder in einen Supermarkt fahren? Prime ist hier nicht nur ein Rabattprogramm, sondern der Schlüssel zur kompletten Konsum-Hoheit.

    Kurz: Egal wo, Amazon knockt die Konkurrenz durch auf kurz oder lang aus, hat im Heimatmarkt USA sogar Walmart von der Spitze der Fortune 500 gekickt (erstmals seit 13 Jahren). „Bullish“ ist bei Amazon immer noch die einzig logische Haltung. 

    Wer bei Amazon noch immer auf die Quartalszahlen schaut und sich wundert, warum der Kurs steht, der versteht das Big Picture nicht. Amazon ist längst kein Unternehmen mehr, das „Waren verkauft“. Es ist eine KI-gesteuerte Infrastruktur-Plattform, die Konsum so nahtlos macht, dass man die Entscheidung zum Kauf fast vergisst, weil die Abwicklung so einfach ist. Und die Infrastruktur liefert der Konzern sich dazu noch hausintern selbst, zieht zudem einen Großteil des Internets über AWS in sein Netz. Aber das braucht eine eigene Analyse (bis dahin gern hier schauen).

    Foto von Daniel Mainye auf Unsplash

  • Beauty lies in data: Wie die Beauty-Branche online und stationär von Daten profitiert

    Beauty lies in data: Wie die Beauty-Branche online und stationär von Daten profitiert

    Wer in der Beauty-Branche den Ton angeben will, kommt um eine zentrale Ressource nicht herum: Daten. Vor allem, weil das Online-Geschäft stetig wächst. Aber auch im stationären Bereich gibt es viel zu lernen.

    Mehr als 50 % der globalen Beauty-Umsätze laufen mittlerweile über soziale Netzwerke und E-Commerce-Plattformen, wie eine Studie von NielsenIQ zeigt, die unter anderem bei Forbes aufgegriffen wurde: 

    E-commerce is driving global beauty sales, with varying levels of growth across regions. In China, a remarkable 87% of total hair and skincare sales are made online. In India 17% of beauty products are purchased online, while in Brazil, this number is under 10%. Despite these variations, one overarching trend is the dominance of online sales over in-store sales. 

    US online sales continue to significantly outpace instore purchases, accounting for 41% of all beauty and personal care sales through e-commerce platforms. Over the past four years, platforms like Amazon have gained 7.3 share points by offering competitive pricing, fast shipping, and a wide selection. Increasingly, customers are turning to Amazon to replenish their favorite products, with spending rising each year. While digital commerce has seen tremendous growth in the past 5 years, in store retail has largely stayed the same. The retailers of the future will need to transform the in-store experience to meet the needs of modern consumers.  

    Consumer gravitation to e-commerce is a mix of the market expansion and taking share from stores. The shift toward online shopping is more than just a pandemic-driven trend – it’s a structural change in consumer behavior, particularly among younger generations. 

    Konsumentinnen und Konsumenten informieren sich nicht nur online, sondern kaufen dort zunehmend auch direkt (oder um geliebte Produkte nachzubestellen) – angetrieben auch durch Influencer-Empfehlungen, Live-Shopping-Formate und nahtlose Kaufprozesse. Das verschiebt die Marktanteile zugunsten digital starker Handelsunternehmen und Marken, die diese zu nutzen wissen.

    TikTok Shop als potenzielle Wachstumsmaschine für Beauty…

    Und TikTok Shop setzt da noch einen drauf: kurze Clips, ein Klick zum Kauf und Creator, die ihrer Community echte Produkte empfehlen. Das ist Social Commerce auf Speed. Mit seinem Shop-Feature und der nahtlosen Verbindung von Content und Commerce bietet TikTok Beauty-Unternehmen eine riesige Spielwiese:

    • Entertainment + Commerce: Kurze Videos zeigen sofort Texturen, Farben, Anwendung – und führen direkt zum Kauf.
    • Creator Power & Community-Effekt: Authentische Beauty-Tipps von Influencern sorgen für Vertrauen und beschleunigen Kaufimpulse.
    • Schnelles Feedback: Marken sehen in Echtzeit, wie gut Produktneuheiten ankommen, und passen sie frühzeitig an.
    • Nahtlose Customer Journey: Alles passiert in der App. Wenige Klicks zwischen Inspiration und Bezahlvorgang bedeuten weniger Abbrüche.
    • Brand Building & Awareness: Wer mit kreativen Formaten überzeugt, wird oft organisch viral – ideale Voraussetzungen für schnelles Wachstum.

    In Deutschland ist TikTok Shop am 31. März 2025 gestartet, bei n-tv habe ich über das Potenzial gesprochen. In den USA hat sich TikTok-Shop laut NielsenIQ bereits als achtgrößter E-Commerce-Händler für Beauty & Health entwickelt und einen Umsatz von einer Milliarde US-Dollar in diesem Bereich erzielt. Da könnte man glattweg meinen: Der Beauty-Sektor rast rasant Richtung Social Commerce. 

    … oder doch der Laden um die Ecke? Wie Amazons Store-Experiment zu werten ist

    Gleichzeitig wagt Amazon erneut den Versuch, Offline- und Online-Kanäle zu verbinden, mit einem „Amazon Parafarmacia & Beauty“-Store in Mailand. Dabei zeigt sich ein bekanntes Muster: Amazon testet stationäre Konzepte, wertet Daten aus und zieht sich bei mangelndem Erfolg ebenso schnell wieder zurück. 

    Für Amazon geht es primär darum, die „Shortfalls“ des Online-Geschäfts – also Aspekte, die im digitalen Raum schwer abzubilden sind (z. B. Duft, Haptik) – auszugleichen. 

    Ich habe dazu bei Etailment geschrieben

    Bestseller-Beauty-Produkte erhalten mehr „Shelf Space“ und Möglichkeiten zum Testen direkt am Regal. Gleichzeitig liefert Amazon dank riesiger Datenmengen Informationen darüber, welche Produkte beim Kunden besonders gut ankommen, und entwickelt passgenaue Sortimente – im Laden und online.

    Ein weiterer Vorteil: Amazon investiert traditionell stark in Forschung und Entwicklung, bevor Gewinne oder Dividenden an erste Stelle rücken. Das bedeutet, dass „Offline-Experimente“ wie „Amazon Parafarmacia & Beauty“ durchaus einige Zeit finanzielle Verluste generieren dürfen, solange ein valider Lerneffekt erzielt wird.

    […] Was lehrt uns das Ganze aus Handelssicht? Zum einen, dass Amazon konsequent da hingeht, wo die Kunden sind. Das schließt physische Präsenz genauso ein wie ein umfassendes Online-Sortiment. Zum anderen sollte jeder stationäre Händler (unabhängig von der Größe) genau hinsehen, wie Amazon seine weltweiten Online-Daten für das Offline-Geschäft nutzt. Marken, die online bei Amazon hohe Abverkaufszahlen erzielen, dürften im Laden einen prominenten Platz erhalten – was gleichzeitig für „Seller“ zu einem Anreiz wird, im Marketplace noch erfolgreicher zu sein.

    Mit einer datengetriebenen Herangehensweise kann Amazon Trends schnell erkennen und in Sortimentsentscheidungen, Ladenbau und Marketing übersetzen. „Amazon Parafarmacia & Beauty“ ist daher weniger eine klassische Konkurrenz-Offensive als vielmehr ein groß angelegter Versuch, stationäre und digitale Stärken zu vereinen und neue Kundenbedürfnisse zu bedienen.

    Beauty lies in data

    So oder so zeigt sich: Beauty braucht Daten – ob im Laden um die Ecke oder im TikTok-Feed. Während Amazon versucht, sein Online-Know-how auch ins Stationäre zu verlängern, sorgen TikTok und Co. für eine noch radikalere „Verlängerung“ des Einkaufs ins soziale Umfeld der Kunden. Für Beauty-Brands eröffnen sich so zwei große datenbasierte Spielwiesen: optimierter physischer Marktzugang (Amazon) und knallhartes Forcieren von Online-Impulskäufen (TikTok). Wer in diesem Markt bestehen will, darf sich nicht länger fragen, ob Online-Daten relevant sind, sondern wie schnell er sie integriert.

  • Ist Otto noch zu retten?

    Ist Otto noch zu retten?

    Eine Bilanz-PK ohne Zukunftsvision, halbgare Informationen zu Kennzahlen, stattdessen ein minutenlanges Statement über Moore. Deren Wert für unsere Zukunft steht außer Frage – aber im Fall vom Onlineshop Otto.de dienen sie sinnbildlich nur als wackelige Basis eines unzeitgemäßen Geschäftsmodells.

    Ich sehe derzeit keinen Grund, warum es Otto in Zukunft noch geben sollte. Auf der Bilanz-Pressekonferenz des Onlineshops Otto.de (nicht also der Otto Group als Ganzes) am 26. März 2025 wurde zum Kampf gegen andere Anbieter wie Amazon, Temu und Shein geblasen: Man wolle (weiter) durch Nachhaltigkeit bei den Konsumenten punkten.

    Aber so, wie Otto sich gerade entwickelt, sehe ich keinen Weg, der nachhaltig in die Zukunft führt. Das habe ich auch im Gespräch mit der FAZ betont.

    „Too Little, Too Late“

    Ein Sparprogramm von 80 Millionen Euro, wenn nach Zinsen mal eben (wie etwa 2024) über 400 Millionen Euro Verlust im Raum stehen? Das ist Augenwischerei – oder wie man so schön auf Englisch sagt: „Too little, too late!“ 

    Was mich wirklich irritiert: Otto sonnt sich in einem 9-%-Zuwachs beim Marktplatz-GMV, aber es bleibt völlig unklar, ob das Geschäft unterm Strich bzw. nach Zinsen überhaupt profitabel ist. Wenn man sich ernsthaft mit Amazon & Co. messen will (oder auch nur einen Hauch von Differenzierung anpeilt), sind schwammige Nachhaltigkeits-Claims, ein paar Marketingfloskeln und der Verweis auf „Qualität & Service“ viel zu wenig. Ich glaube nicht, dass Otto sich von Amazon in Sachen Nachhaltigkeit wirklich abheben kann, wenn Amazon gleichzeitig massiv in eigene, grüne Lieferflotten investiert.

    Wenn Nachhaltigkeit zum Feigenblatt wird

    Bei einer Bilanz-PK 10 Minuten über die Rolle von Mooren zu sprechen, stärkt jedenfalls nicht den Glauben an eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung des Unternehmens. Natürlich ist das Thema Umweltschutz wichtig, aber allein damit lässt sich kein profitables Geschäftsmodell sichern – das zeigt auch die maue Begeisterung vieler Kunden, wenn Preise steigen. 

    Der größte Fehler: Der Verkauf von About You

    Otto hat About You für einen Bruchteil des IPO-Preises abgegeben, ohne neue Impulse für die Entwicklung des Konzerns zu setzen. Damit ist das einzige echte Innovationsprojekt weg. Stattdessen werden veraltete Projekte reanimiert, oder man tut so, als sei das Schließen von unprofitablen Callcentern plötzlich „Innovation“ (10 Jahre zu spät!). Die Schließung wurde beschlossen, nachdem nur noch 1 % des Umsatzes darüber lief. Ein Eingeständnis von schwachem Management, wenn wirklich bis zum letzten Moment gewartet wird. Das ist rückwärtsgewandtes Handeln und kein neuer Innovationsansatz. Apropos: Dass Otto nun den alten „Otto… find’ ich gut“-Claim wieder ausgräbt, unterstreicht nur, wie sehr das Unternehmen am Alten hängt.

    Widersprüchliche Händlerpolitik

    Noch unverständlicher finde ich die Händlerpolitik: Erst tausendmal „Wir sind der faire Partner“ kommunizieren, dann kommen Provisionsschrauben und massenweise Kündigungen – oft ohne klare Gründe. Ja, Härte ist im Marktplatzgeschäft normal. Nur sollte man dann nicht so tun, als wäre man der Heilige. Und: Wenn Händler schon von selbst gehen, sagt das viel über die Attraktivität der Plattform aus.

    Zeit für einen radikalen Schnitt

    Otto braucht einen radikalen Schnitt in der Führungsriege, aber vor allem klare Aussagen der Gesellschafter. Der Konzern muss konsequent auf profitables Wachstum getrimmt werden – nicht auf halbgare Sparprogramme. Sonst läuft man Gefahr, zwischen Amazon auf der einen Seite und Billiganbietern wie Temu oder Shein auf der anderen regelrecht zerrieben zu werden.

    Dann bleibt vom einst stolzen Hamburger Traditionshaus bald nur noch der Name – in der Regenbogenpresse.

    Dieser Beitrag erschien in ähnlicher Form auch in meinem LinkedIn-Profil und Mark Steier von „Wortfilter“ hat hier meine Analyse aufgegriffen.

  • Handel ist Wandel! Warum der Aufstieg des E-Commerce für Ladensterben und neue Lebensräume in den Innenstädten sorgt

    Handel ist Wandel! Warum der Aufstieg des E-Commerce für Ladensterben und neue Lebensräume in den Innenstädten sorgt

    Nein, das „Ladensterben“ in den deutschen Innenstädten ist nicht primär eine umkehrbare Folge von Corona, sondern das Ergebnis eines tiefgreifenden Strukturwandels hin zum Onlineshopping. Zugleich zeigt sich eine große Chance für die Zukunft: Dort, wo Läden schließen, können neue Ideen für Gastronomie, Wohnen und Freizeitangebote entstehen.

    Seit Jahren verschwindet ein Geschäft nach dem anderen aus den deutschen Innenstädten. Nach Berechnung des Handelsverbandes HDE schlossen über die vergangenen 10 Jahre hinweg im Schnitt rund 6.600 Läden pro Jahr. Dass das nicht erst seit Corona so ist, zeigt ein Blick auf die langfristige Entwicklung: Selbst in Städten, in denen die Besucherzahlen zuletzt wieder anziehen, zeigt sich ein struktureller Rückgang der Geschäfte vor Ort. Der Hauptgrund ist dabei weniger eine kurzfristige Pandemie-Folge, sondern vielmehr ein deutlich verändertes Konsumverhalten: Die Menschen haben sich längst an das Einkaufen im Netz gewöhnt, Onlineshopping wird zum Standard. Dieser Wandel – in Form von Filialschließungen und Insolvenzen – wird sich weiter fortsetzen.

    Alte Innenstadtkonzepte funktionieren nicht mehr

    Das klassische Bild einer Innenstadt als „Shopping-Paradies“ verblasst immer mehr. Die Kundschaft findet ihre Lieblingsprodukte inzwischen online, vergleicht Preise und spart sich Wege. Dadurch entzieht sich vielen stationären Läden die wirtschaftliche Grundlage – es entsteht ein Teufelskreis: Weniger Geschäfte bedeuten weniger Anreiz für Kundinnen und Kunden, überhaupt noch in die Innenstadt zu kommen. Der Umsatz der verbleibenden Läden sinkt weiter, was zu neuen Schließungen führt.

    Manche Händler versuchen mit rabattengetriebenen „Discount-Feuerwerken“ ihr Lager zu leeren. Kurzfristig mögen reduzierte Preise die Kundschaft erfreuen, doch häufig steckt dahinter ein Abverkauf kurz vor der Insolvenz. „Das toxische Klima“, wie es manche Branchenkenner nennen, zeigt: Der Markt bereinigt sich. Dies bedeutet zwar auf der einen Seite günstigere Angebote, aber auch die Gefahr von immer mehr Insolvenzen sowie von höherer Arbeitslosigkeit, weniger Kaufkraft und letztlich steigende Preise, sobald sich der Markt konsolidiert hat.

    „Retail for Rent“ – von B- und C-Lagen zum Wohnraum

    Da die Verlagerung zum Onlinehandel ungebremst weitergeht, stellt sich die Frage, wie sich stationäre Flächen in den deutschen Städten künftig nutzen lassen. A-Lagen in Top-Städten dürften erhalten bleiben, weil dort Frequenz, Tourismus und/oder Kaufkraft hoch genug sind, um Retailflächen weiterhin zu rechtfertigen. Diese müssen sich jedoch zu echten Erlebniswelten entwickeln – etwa nach dem Vorbild von Karls Erdbeerhof, der mit Entertainment, Kinderbetreuung und Shopping auf der Fläche kombiniert und gleichzeitig auf E-Commerce setzt.

    In vielen anderen Regionen hingegen sollte aus leerstehenden Läden zunehmend Wohnraum entstehen – damit würde direkt die Lücke auf dem Wohnungsmarkt geschlossen! – oder aber es kommen neue Konzepte für Gastronomie und Freizeit in die Innenstädte. Denn was die Konsumentinnen und Konsumenten im stationären Handel suchen, ist nicht bloß der Erwerb von Produkten: Sie wollen Erlebnisse. Deswegen sollten Händler ihre Läden eher als Eventlocations verstehen, statt als reine Verkaufsflächen.

    Strategiewechsel bei Amazon und Alibaba: ein Blick in die Zukunft

    Auch große E-Commerce-Konzerne haben erkannt, dass der Mix aus Online und stationärem Handel schwieriger ist als gedacht. So hat Amazon mit seinen „Amazon Fresh“-Filialen nie den erhofften Durchbruch erzielt und auch hierzulande Standorte zurückgefahren. Der Stationärhandel-Kaufrausch im Zuge einer „Omnichannel-Offensive“ scheint vorerst abgeflaut.

    Noch deutlicher wird das am Beispiel Alibaba: Der chinesische Gigant hat in kurzer Zeit zwei große stationäre Beteiligungen wieder abgestoßen – Sun Art Retail und Intime Retail Group. Beide Transaktionen brachten Alibaba zwar frisches Kapital, bedeuten aber auch große Verluste. Gleichzeitig zeigt sich so ein Strategiewechsel: Nachdem Alibaba ursprünglich sein „New Retail“-Konzept (Online und Offline) vorantreiben wollte, konzentriert sich das Unternehmen nun wieder stärker auf das reine E-Commerce-Geschäft.

    Diese Entwicklung illustriert eindrucksvoll, dass das richtige Zusammenspiel von Online und Offline kein Selbstläufer ist. Wenn selbst die Großkonzerne beim Thema stationärer Handel zurückrudern, ist das ein Fingerzeig für die hiesige Branche.

    Die Zukunft der Innenstädte: Lebensräume statt Shoppingmeilen

    All diese Entwicklungen lassen sich unter einen zentralen Gedanken zusammenfassen: Handel ist Wandel. Stationäre Läden, wie wir sie aus den „Glanzzeiten“ kannten, werden in der Masse nicht zurückkommen. Die Menschen haben längst gelernt, anders zu konsumieren. Mit einem Klick bestellen sie online, lassen sich Waren nach Hause liefern und vergleichen Preise weltweit.

    Was Innenstädte jedoch weiterhin attraktiv machen kann, ist die Entwicklung hin zu Lebensräumen, in denen Einkaufen nur noch ein – wenn auch wichtiges – Element von vielen ist. Wo Kultur, Gastronomie, Wohnen, Arbeiten und Freizeitangebote sich mischen und damit neue Frequenzbringer entstehen. Während A-Lagen für Retail, Entertainment und Gastronomie erhalten bleiben, werden leer stehende Flächen in B- und C-Lagen verstärkt zu Wohnungen oder zu Orten für neue Geschäftsideen umgewandelt.

    Handel ist Wandel – wer das erkennt und sich anpasst, kann das Potenzial der Innenstädte als ganzheitliche Lebensräume heben und zugleich vom Boom des E-Commerce profitieren.

    Damit diese Transformation gelingt, braucht es einen Schulterschluss zwischen Kommunen, Immobilienbesitzern und Investoren sowie kreativen Konzepten von Händlerseite. Nur so können aus sterbenden Einkaufsstraßen wieder lebendige Quartiere werden.

  • Retail-Renaissance? Niemals! Warum E-Commerce für Familienunternehmen alternativlos und jetzt der beste Zeitpunkt dafür ist

    Retail-Renaissance? Niemals! Warum E-Commerce für Familienunternehmen alternativlos und jetzt der beste Zeitpunkt dafür ist

    Deutsche Familienunternehmen sind das Rückgrat unserer Wirtschaft und haben über Jahrzehnte hinweg bewiesen, wie Resilienz und Innovation eine unschlagbare Kombination bilden können. Noch immer gibt es Zweifel, ob der Schritt ins Onlinegeschäft richtig oder ein Ausbau der bisherigen Aktivitäten notwendig ist. Dabei ist E-Commerce längst alternativlos, B2C wie B2B.

    Wer auf eine Renaissance von stationärem Retail oder die Unsterblichkeit von „fahrenden Vertrieblern“ hofft, muss sich nur die Realität vor Augen führen: E-Commerce gewinnt mehr und mehr Anteile am Gesamthandelsvolumen, und naturheilpraxis-hauri.ch zwar auf ganzer Linie. Unternehmen, die heute nicht in ihre Online-Strategie investieren, riskieren morgen, bedeutungslos zu sein.

    Der stationäre Handel kann ein wertvoller Marketingkanal für den E-Commerce sein, aber der Hauptumsatz muss dorthin verlagert werden, wo die Kunden sind: online. Kunden erwarten schnelle, einfache und flexible Einkaufserlebnisse, und zwar dort, wo sie sich gerade aufhalten – ob auf mobilen Endgeräten, sozialen Medien oder Marktplätzen. Kundenzentrierung in diesem Lichte ist nicht nur im B2C-Geschäft selbstverständlich, sondern auch im B2B-Geschäft ein absolutes Muss.

     

    Veränderte Kundenerwartungen und Chancen im digitalen Umfeld

    Die Erwartungen der Kunden haben sich gewandelt. Allein: Knapp 55 Prozent der Deutschen haben 2023 online eingekauft – Tendenz steigend. Verbraucher suchen Produkte vermehrt online und wollen schnellstmöglich Angebote für ihre Bedürfnisse. Ein gut durchdachter Online-Shop ist eine notwendige Verkaufsplattform und ein Ort, an dem Kunden sich informieren und inspirieren lassen können – aber nur die Spitze des Eisbergs: Digital Commerce bedeutet, eine umfassende Strategie für alle möglichen Aspekte der Digitalisierung von Daten, Prozessen und Touchpoints – etwa Kundenservice, eigene Kanäle, Marktplatzrepräsentanz, … – zu entwickeln und umzusetzen. Durch konsequentes Vorgehen dabei ergibt sich eine enorme Chance, neue Zielgruppen anzusprechen und Kundenbindung durch digitale Erlebnisse zu schaffen. 

    Das gilt für B2C- wie B2B-Geschäft: Besonders jüngere, digital-affine Kunden sind oft schwer über den stationären Handel zu erreichen. Mit einem Online-Angebot lassen sich diese Gruppen gezielt ansprechen und langfristig binden. Auch die Digitalisierung des Vertriebs im B2B-Sektor bietet Chancen, mehr Transparenz und Flexibilität in die Kundenbeziehungen zu bringen. Über eine digitale Plattform können Unternehmen Kundendaten effizient verknüpfen und diese Informationen für gezielte Marketing- und Vertriebsstrategien nutzen. Hier liegt ein enormes Potenzial für alle Branchen. Es wäre übrigens ein Trugschluss zu denken, dass die Menschen, die im B2B-Geschäft unterwegs sind, nicht auch dort mindestens die Standards erwarten, die sie abends bei Amazon & Co. finden und gewohnt sind.

    Die digitale Transformation ist keine Modeerscheinung, sondern ein zwingender Schritt, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Familienunternehmen, die jetzt investieren, verschaffen sich einen Vorsprung und positionieren sich nachhaltig im Markt.

     

    Der günstigste Zeitpunkt ist jetzt

    Während einige noch den physischen Einzelhandel als Hauptumsatztreiber betrachten, bauen sich Vorreiter bereits schon längst online ihre Zukunft auf. Deutsche Familienunternehmen, die mit Stolz und Tradition bestehen, müssen lernen, den Retail als Marketingkanal für den E-Commerce zu begreifen – nicht als unantastbare Grundlage ihres Geschäftsmodells.

    Die gute Nachricht: Wie war es – in doppelter Hinsicht – günstiger als jetzt, in E-Commerce zu investieren: 

     

    • Der Markt für digitale Expertise ist so zugänglich wie nie zuvor. Talente, Berater und Entwickler, die auf E-Commerce spezialisiert sind, können zu vorteilhaften Konditionen engagiert werden. Schon mit vergleichsweise geringem Budget können Familienunternehmen ihre Bekanntheit und Reichweite im Online-Markt gezielt ausbauen – allein weil die Vielfalt der Werbekanäle ein Ausloten hin zum Optimum vereinfacht.

     

    • E-Commerce ist nicht neu, sondern in den vergangenen Jahren technologisch gereift – was sich auch in geringeren Kosten niederschlägt. Moderne Shop-Technologien wie die von Spryker – am besten in Kombination mit Beratungen wie Etribes – bieten maßgeschneiderte Lösungen für jeden Bedarf. Die Zeiten, in denen der Aufbau eines Online-Shops Monate dauerte und Unsummen verschlang, sind vorbei. Moderne Shop-Software ist benutzerfreundlich, anpassbar und verfügt über die nötige Stabilität, um den Bedürfnissen von B2B- und B2C-Kunden gerecht zu werden.

     

    • Mit KI lässt sich ein Großteil der Abläufe im E-Commerce effizient gestalten – von der Kundenkommunikation über Logistik bis hin zur Analyse von Verkaufsdaten. Familienunternehmen, die auf digitale Transformation setzen, können mit KI ihren Umsatz optimieren und ihre Prozesse verschlanken.

     

    Keine Krise lässt sich „wegsparen“

    Die deutsche Industrie steht vor einer unmissverständlichen Entscheidung: Transformation oder Stagnation. Die Geschwindigkeit der Veränderungen auf Seiten der Konsumenten und Kunden fordert ein Umdenken und eine Bereitschaft zur Anpassung. Wer heute noch darauf besteht, das Potenzial im E-Commerce zu ignorieren, wird morgen kaum noch am Markt bestehen können. Gerade in schwierigen wirtschaftlichen Zeiten ist antizyklisches Investieren gefragt. Sparen ist ein kurzfristiger Ausweg, aber es bringt Unternehmen langfristig selten weiter. Allein Unternehmen, die jetzt gezielt investieren und nicht nur auf Kostensenkung setzen, sichern ihre Wettbewerbsfähigkeit. 

  • Amazon Dorf Talk – Wiesemann 1893 Handwerkzeug digitalisiert Fortsetzung

    Amazon Dorf Talk – Wiesemann 1893 Handwerkzeug digitalisiert Fortsetzung

    Weiter geht es mit der Fortsetzung unseres Gesprächs mit Manuel Siskowski von Wiesemann 1893. Wir gucken uns das Produktpackaging einmal genauer an und schauen auch, inwiefern einzelne Aspekte des stationären Handels für Wiesemann 1893 vielleicht doch relevant sein können. Wie wird Wiesemann 1893 am Markt wahrgenommen bzw. was können Wettbewerber lernen?

    • Intro und Unboxing
    • Produktpackaging bei Wiesemann 1893 (ab 5:13)
    • Welche Aspekte des stationären Weges könnten vielleicht doch relevant für das Unternehmen sein? (ab 10:58)
    • Wie reagiert die Industrie auf Wiesemann 1893? (ab 18:18)
    • Umdenken im Markt seit Contorion und Hoffmann Aquise? (ab 19:41)
    • Beispielrechnung: Herstellung und Verkauf von Werkzeugkoffern (ab 25:57)
    • Wie werden die Kunden von Wiesemann 1893 angesprochen? (32:14)
    • Ein Blick in die Zukunft und Abschluss (ab 43:31)

  • Amazon Dorf Talk – Wiesemann 1893 Handwerkzeug digitalisiert

    Amazon Dorf Talk – Wiesemann 1893 Handwerkzeug digitalisiert

    Heute schauen wir uns das Unternehmen Wiesemann 1893 einmal genauer an. Gründer und Geschäftsführer von Wiesemann 1893, Manuel Siskowski, zeigt uns wie er mit seinem Team „alte Handwerkzeugskunst“ neu aufgelegt und komplett digitalisiert hat. Christian Kelm und ich hatten so viele Fragen, dass wir noch einen weiteren Podcast hierzu aufnehmen werden.

    • Intro und Vorstellung Manuel Siskowski, Gründer und Geschäftsführer von Wiesemann 1893
    • Test Christian Kelm: Wieviele Handwerkzeugmarken sind bekannt? (ab 2:48)
    • Positionierung, Portfolio, Aufstellung und Vertrieb Wiesemann 1893 (ab 4:34)
    • Zukunftspläne Wiesemann 1893 (ab 20:56)
    • Was sagen Mitbewerber? (ab 25:27)
    • Vor- und Nachteile des rein digitalen Models und Kundenansprache (ab 30:17)
    • Amazon Content und Onlineshop Content sind nahezu gleich. Welche Entscheidungen sind wann und warum zum Thema Amazon getroffen worden? (ab 39:05)
    • Abschluss und Ausblick auf die Fortsetzung dieses Gesprächs in einer weiteren Amazon Dorf Talk Folge (ab 44:07)

  • Markteinstieg im Onlinehandel in Asien – wie könnte das aussehen?

    Markteinstieg im Onlinehandel in Asien – wie könnte das aussehen?

    Im heutigen Gespräch werfen wir einen Blick auf den asiatischen Onlinehandel. Wie schaffe ich es aus Europa heraus in diesem Markt Fuß zu fassen und warum ist dieser Schritt auch insbesondere für Luxusmarken seit Covid-19 eine Chance? Wo gibt es Unterschiede zu Amazon und wie steht es um die Kostenstruktur? Gibt es eventuelle Stolpersteine? Als China und Luxury Brand Expert gibt uns Marcel Roessner, ehemals Alibaba Tmall, heute bei Zalando, spannende Insights, die er durch langjährige Erfahrung im Luxusmarkensegment sammeln konnte.

    • Intro und Vorstellung Marcel Roessner, ehemals Alibaba Tmall heute bei Zalando SE
    • Wie sahen die ersten Schritte in Richtung Asien und die Platform Tmall aus? (ab 5:13)
    • Unterschiede Amazon vs. Tmall (ab 7:45)
    • Was sind die ersten operativen Schritte für die tatsächliche Umsetzung? (ab 9:55)
    • Kostenstruktur (ab 15:54)
    • Wo liegen eventuelle Stolpersteine? (ab 18:06)
    • Abschluss (ab 32:21)

  • E-Commerce-Bewertungen: Eine Geschichte von Ebbe und Flut

    E-Commerce-Bewertungen: Eine Geschichte von Ebbe und Flut

    Wer in den letzten Wochen die Nachrichtenlage verfolgt hat, der kann die Wörter „Impfkampagne“, „Impfdebatte“ und „Impfchaos“ nicht mehr hören. Umso mehr wird sich gefreut haben, wer einen der raren Nachrichtenbeiträge erwischte, in denen es ausnahmsweise nicht um die begehrte Spritze ging. Wie zum Beispiel der schöne Wirtschaftskrimi rund um Gamestop. Zu normalen Zeiten hätte diese Geschichte des Tenors „hochstapelnde Hedgefonds gegen heldenhafte Kleinanleger“ die Nachrichtenagenda tagelang beherrscht. Stattdessen schaffte diese – trotz Reddit-Kolorit doch eher klassisch veranlagte – Sage von Übertreibungen und Herdentrieb auf den Kapitalmärkten nur gerade so in die tagesaktuellen Meldungen.

    Auf und ab 

    Dafür habe ich allerdings Verständnis. Schließlich sind wilde Ausschläge in den Marktbewertungen von Unternehmen oder ganze Branchen nicht – wie viele Menschen, die nicht beruflich mit den Kapitalmärkten befasst sind, meinen – die Ausnahme, sondern vielmehr die Regel. Genau aus den Übertreibungen im Auf-und-ab beziehen die besten Aktienhändler ja auch ihren Vorteil.

    Nehmen wir den E-Commerce. Ende der Neunziger setzte der erste Hype rund um das Thema Online-Handel ein – und gipfelte 2001 im Platzen der Dot-Com-Blase. In USA gingen junge E-Commerce-Firmen mit astronomischen Bewertungen an die Börse, obwohl sie tiefrote Zahlen schrieben. Zum Jahrtausendwechsel sammelte beispielsweise der 1998 gegründete Lebensmittelhändler Webvan 375 Millionen Dollar an der Börse ein, setzte zu dem Zeitpunkt allerdings lediglich 395.000 Dollar im Jahr um; ein Jahr später war der Umsatz zwar auf 180 Millionen Dollar angewachsen, die Ausgaben waren aber auf über 500 Millionen Dollar regelrecht explodiert. Die Insolvenz kam dann bereits 2001. Aufstieg und Fall in drei Jahren und über eine halbe Milliarde Dollar vernichtet: Wer in der Lage war, trotz des allgemeinen Hypes einzusehen, dass Webvan zu schnell expandierte, und sich rechtzeitig von der Akie trennte, stand glänzend da. Andere waren vollkommen überrumpelt, als ihr gesamter Einsatz verloren ging. Der Makel wurde dann auf das gesamte Segment übertragen: Webvan stand wie ein Menetekel, das man Lebensmittelhandel online nicht profitabel anbieten konnte. Dass andere ebenfalls um die Jahrtausendwende gegründete Firmen wie Ocado genau das schafften, merkten aber nur die Marktbeobachter mit kühl-analytischem Blick.

    Zehn Jahre später ging das Ganze wieder von vorne los. Die Jahre kurz nach 2010 waren von einer erneuten E-Commerce-Euphorie geprägt, die schnell wieder dazu führte, dass Unmengen an Kapital in Firmen flossen, die die an sie gestellten Erwartungen nicht erfüllen konnten. So der als „Amazon-Killer“ gehandelte Jet.com zum Beispiel: 2014 gegründet, 2015 mit 820 Millionen Dollar Wagniskapital ausgestattet und 2016 mit über eine Milliarde Dollar bewertet, warf die Firma Geld zum Fenster raus und musste alsbald Schutz unter den Fittichen von Walmart suchen. Bereits 2017 kursierten die ersten Schließungsgerüchte. Letzten Sommer starb Jet.com dann im Schatten der Corona-Pandemie einen sehr einsamen Tod. Und wieder blieb bei den meisten Investoren die Begeisterung für E-Commerce-Konzepte erst einmal aus – Tenor: „Zu teuer“ und „Was soll es? Es ist eh bereits alles an Amazon verloren“.

    Marktbewertungen sagen herzlich wenig über den Gesamtzustand von E-Commerce aus 

    Das eigentlich Verrückte daran ist immer gewesen, dass der Anteil von E-Commerce-Playern am gesamten Einzelhandelsumsatz seit 25 Jahren ununterbrochen steigt. Egal, ob Online-Handelskonzepte gerade himmelhoch oder kellerniedrig bewertet wurden: Kein Jahr, in dem weniger Kunden online einkauften, als im Jahr davor; kein Jahr, in dem sie merkten, dass sie sich doch lieber in die Innenstadt/zum Supermarkt/zum Baumarkt schleppen und den Onlinern den Rücken kehren.

    Aber so ist das mit dem Kapitalmarkt: Ebbe und Flut. Entweder fließt immer mehr Geld in eine Richtung und überflutet irgendwann auch die schlechteren Start-ups in einer Trendbranche mit flüssigen Mitteln – oder es fließt dort immer stärker ab und selbst kompetente Management-Teams haben es auf einmal schwer, sich diesem Sog zu entziehen. Hoch- oder Niedrigwasser herrscht immer nur eine kurze Zeit lang, bevor die Bewegung wieder einsetzt. 

    Für E-Commerce war Anfang 2020 Niedrigwasser. Das hörte sich bei Florian Heinemann von Project A im Gespräch mit dem Kollegen Alexander Graf in etwa so an: „Ohne jetzt Namen zu nennen, sehe ich mittlerweile viele sehr gut geführte Firmen im E-Commerce, die sich schwertun, Geld von guten Investoren zu bekommen. Diese finden das Thema eben nicht mehr sexy genug. Zu Unrecht! Das ist schade, weil ich den Bereich nach wie vor sehr spannend finde. Aber da fehlt der Rückenwind.“ Deswegen halte sich Project A bei der Finanzierung von E-Commerce-Start-ups sehr zurück. Was Florian nicht ahnen konnte: Ein Orkan war im Anlauf, der den Wind drehen sollte.

    In der Corona-Krise sind E-Commerce-Modelle plötzlich wieder sexy

    Denn Corona hat den E-Commerce-Anteil im Einzelhandels in einem Jahr so ungefähr verdoppelt. Der Konsument hat durch die Krise gelernt, den Online-Handel auch dort zu nutzen, wo er ihn bisher nicht brauchte. Zudem sind ganz neue Käufergruppen aktiv geworden: Gerade in den Alterskohorten Ü60, die gleichzeitig finanzkräftig und risikopatientig sind, entdeckten viele erstmals die Möglichkeiten des Online-Einkaufs für sich. Diese Entwicklung hat dann erwartungsgemäß dazu geführt, dass sich Kapitalgeber wieder um Investments in Unternehmen reißen, die bloß bitte „etwas mit E-Commerce“ machen sollen – und sich dabei das Konzept nicht genau genug angucken oder schlichtweg nicht verstehen. Daher gibt es wieder die üblichen Übertreibungen. 

    Vor der Krise wurden E-Commerce-Modelle also von Investoren sehr über Gebühr kritisch beäugt, weil man – so die Argumentation – im B2C viel Geld für Marketing ausgeben musste, um meistens einen Einmal-Kauf aber selten langfristige Kundenbindung und somit Profitabilität zu erzeugen. Da war etwas dran (siehe Casper & Co.), aber das trübte den Blick für andere, vielversprechendere Modelle. Jetzt durch die Krise kommen aber auf einmal wieder sehr wackelige E-Commerce-Modelle wieder an zu hohe Mengen von Anlegerkapital: Anker, Farfetch, Wish… Ich persönlich höre an der einen oder anderen Stelle wieder das Rattern der Geldvernichtungsmaschine anlaufen. 

    Nicht alles was glänzt, ist auch Gold – und nicht alles, was sexy ist, ist auch gut

    Denn: Nur weil mehr Kundengruppen gerade online kaufen müssen, sind die Vor-Krisen-Argumente nicht deswegen falsch. Es ist und bleibt teuer, gegen Amazon, Zalando & Co. sowie zahlreiche etablierte Category-Leader wie etwa Thomann im Bereich Musik oder Otto und Westwing im Möbelsegment eine Position aufzubauen, von wo aus man effizient genug wirtschaften und am derzeit steroidgetriebenen Wachstum ausreichend partizipieren kann. 

    Oder, um Florian Heinemann wieder einmal zu bemühen, als Alexander Graf nun in der Krise ihn fragte, ob er jetzt seine Zurückhaltung bei E-Commerce-Konzepten bereue: „Nichts zu bereuen! Sind wir doch auch weiter im E-Commerce engagiert. (…) Mein Kritikpunkt ist aber seit längerem gewesen, dass es relativ schwierig ist, im E-Commerce auf eine gewisse Flughöhe zu kommen. Daran halte ich weiter fest. Wer aber schon auf dieser Flughöhe ist, der kann kapitaleffizient Wachstum erzeugen – vor allem in Segmenten, in denen man sich klar von Amazon differenzieren kann.“ 

    Daher sollte man beim E-Commerce aufpassen und nicht einfach mit dem jetzigen Hype mitgehen. Der ist nämlich genauso falsch, wie die vorhergehende Ablehnung von E-Commerce-Modellen, die er vergessen gemacht hat. Es ist wichtiger denn je, sich eigene Expertise aufzubauen, um granular zu verstehen, was im E-Commerce zu nachhaltigem Erfolg führt – und um, sagen wir mal, eher beim heutigen Ocado als beim nächsten Webvan einzusteigen… 

  • Amazon Dorf Talk – Wie verankern Unternehmen Amazon erfolgreich?

    Amazon Dorf Talk – Wie verankern Unternehmen Amazon erfolgreich?

    Frank Holzweissig, Leiter E-commerce Rotho Kunststoff AG, diskutiert mit uns am eigenen Praxisbeispiel, was geschehen muss, damit ein Unternehmen Amazon erfolgreich mit einbinden bzw. verankern kann.

    • Intro Frank Holzweissig und Thematik
    • Warum sollte ein klassischer Vendor darüber nachdenken sich auch das Seller Model einmal genauer anzuschauen? (ab 3:55)
    • Woher kommt die Zurückhaltung beim Thema Verhandlungen mit Amazon? (ab 10:58)
    • Frank Holzweissig über seine Erfahrungen mit Amazon bei Rotho (ab 19:03)
    • Überzeugungsarbeit im Unternehmen in puncto Amazon (ab 27:25)
    • Der Wechsel vom Vendor zum Seller, wie kommt es zum Scheitern bzw. wo muss ein Umdenken stattfinden? (36:43)
    • Zusammenfassung und Abschluss (ab 41:54)