Schlagwort: Handel

  • Lasst die Innenstädte doch zum Disneyland verkommen!

    Lasst die Innenstädte doch zum Disneyland verkommen!

    Sätze wie „Kaufhäuser sind unverzichtbare Frequenzbringer!“ und „Die Fußgängerzone wird ohne einen starken Anker wie Kaleriahof aussterben“ bilden seit Jahren das obligatorische Begleitgeplänkel zu jedem neuen Kapitel in der jähen Krisengeschichte der Kaufhäuser. Nur: Allein durch stetige Wiederholung wird eine steile, jeder faktischen Grundlage entbehrenden Behauptung nicht wahr.

    Es ist doch geradewegs absurd zu behaupten, dass die “Konsumtempel” von Galeria Karstadt Kaufhof, die seit nunmehr zwanzig Jahren mit verschiedensten Managern und diversesten Konzepten nicht profitabel zu betreiben sind, die Grundlage einer florierenden Einzelhandelslandschaft bilden. Es ist ebenso absurd, sämtliche Probleme von sehr vielen verschiedenen Innenstädten allein auf ein einzelnes Phänomen – die mangelnde Attraktivität von (jetzt nur noch) einer Kaufhauskette – zurückführen zu wollen. Ebenfalls entbehrt es nicht einer gewissen Absurdität, angesichts eines Karstadt-typischen Betonklotzes an einem regnerischen Novemberdonnerstagvormittag gerade dort die Zukunft der Innenstadt verorten zu wollen.

    Graue Realität eines Überlebenskampfes

    Aber der Realitätsverlust ist weit verbreitet. Handelsexperten, Stadtplaner, Gewerkschaften: Alle reden sie so, als ob die Schuld für das Aussterben der grauen deutschen Fußgängerzone mit ihren grellen SB-Backwarenläden und verwaisten Blumenkübeln aus Waschbeton allein bei Arcandor (2009), Nicolas Berggruen (2013) oder René Benko/SIGNA (2019) zu suchen sei. Zu diesen Sündenböcken der dankbaren Prägung Großkonzern/Finanzhai/Heuschrecke gesellt sich nun ein Virus, der passenderweise dafür verantwortlich gemacht werden kann, dass die Konsumentenscharen, die sonnabends um zehn nur darauf brennen, mit vergleichsweise teuren und austauschbaren Markenartikeln bei Kaufstadt einzudecken, leider – leider! – nicht mehr kommen dürfen.

    Dass der Kunde schon seit Jahren keine Lust mehr auf dieses 90er Jahre Unterhaltungsprogramm hat, wird geflissentlich ignoriert. Überhaupt rangieren der Kunde und seine Bedürfnisse erstaunlich weit unten in der Wahrnehmung bei all denjenigen, die immer wieder behaupten, die Kaufhäuser müssten nur wieder mehr Personal einstellen, um dem Kunden die angeblich ach so erwünschte „persönlich Fachberatung“ beim Kauf einer Schiesser-Unterhose mit Eingriff oder einer WMF-Pfanne mit soundso einer Beschichtung angedeihen zu lassen. Es sagt eine Menge darüber aus, wie weit sich diese ganze absurde Debatte mittlerweile verselbständigt hat, dass ver.di auf ihrer Webseite im Juli 2020 mit der Parole „Galeria Karstadt Kaufhof: Der Häuserkampf hat begonnen!“ aufmacht. Kostprobe: „Bundesweit kämpfen (die Mitarbeiter) mit ver.di um jedes Haus… Weitere sechs Filialen sind von der Schließungsliste genommen worden.“ Die deutsche Shoppingmeile als Kriegsgebiet: Nur das fehlte noch, um die Kunden wieder in die Fußgängerzone zu einem entspannten Einkaufsbummel zu locken!

    Es wäre lustig, wenn es hier nicht um den Webauftritt eines eigentlich seriösen Sozialpartners gehen würde. Genauso wie man eigentlich lachen müsste, wenn man so Sätze liest wie: „Mit diesen Kaufhäusern geht ein Ort der Versorgung und Begegnung verloren.“ Mal ganz ehrlich: Wer wird noch in einem durchschnittlichen Galeria-Kaufhof „versorgt“ – und womit? Wem „begegnete“ man zuletzt bei Karstadt? Es bleibt einem aber das Lachen im Halse stecken, wenn man merkt, dass es sich um einen O-Ton des Deutschen Städtetags (DST) handelt. Das ist leider das schlecht informierte, ja realitätsferne Niveau, auf dem kommunale Politiker in diesem Land gerade über das Darben der ihnen anvertrauten Innenstädte reden.

    Kaufhäuser: Kundenmagneten sind andere

    Wie wohltuend-realitätsnah ist da ein Kommentar wie der von Florian Kolf im Handelsblatt. Überschrift: „Sträflich vernachlässigt: Viele Kommunen haben wenig dafür getan, Menschen in die City zu locken – und schieben die Schuld jetzt auf die Kaufhäuser.“ Heureka! Noch viel zu oft passiert es sonst, dass Medien in den Tenor von ver.di, DST und Co. einstimmen: So wurde nicht mal ein Kilometer Luftlinie von der Handelsblatt-Redaktion entfernt bei der ebenfalls in Düsseldorf ansässigen Rheinischen Post zeitgleich und zum selben Thema wieder mal die selbe alte Formulierung der Kaufhaus-Krieger völlig unkritisch übernommen: „Schließlich sind die Warenhäuser in vielen Fußgängerzonen noch immer ein wichtiger Kundenmagnet.“

    Kundenmagnet? Wer wirklich einen solchen erleben will, der muss außerhalb der durchschnittlichen nachkriegswestdeutschen Innenstadt suchen. Bei einem Konzept wie Karls Erdbeerhof stimmt die Analogie zu einem Magnet mal wirklich – insofern, als dass dieser eine Anziehungskraft ausübt, die Konsumenten wie ein physikalisches Gesetz von der Autobahn oder der Landstraße runterholt. Er tut das natürlich zum Teil dadurch, dass er in seinen Hofläden wirklich exzellente Erdbeer-Konfitüre verkauft. Die Leute fahren aber nicht eine halbe Stunde aufs Land raus, um ein Glas Konfitüre zu kaufen. Sie fahren zu Karls, weil es einen tollen Kinderspielplatz an der frischen Luft, ein gemütliches Café und vieles mehr gibt. Es ist ein Erlebnispark mit integriertem Einzelhandel.

    Innenstädte brauchen ein Upgrade in Sachen Kundenzentrierung

    Das müssen Innenstadtmanager verstehen – und die besseren unter ihnen tun das. Anstatt mit den Kollegen im DST das nächste Plädoyer für den Verbleib der Kaufhauskette zu formulieren, konzentrieren sie sich still im Hintergrund darauf, ihre Städte wirklich zu Orten der Begegnung zu machen. Wie tut man das? In allererster Linie indem man dafür sorgt, dass Menschen innenstadtnah wohnen können. Und dann dadurch, dass es für diese Menschen echte Erlebnisse in der Innenstadt gibt: Stadtfeste, Museen und Ausstellungen, Parks mit Spielplätzen und Cafés… Denn nur dort passieren die vom Handel heraufbeschworenen „Begegnungen“ wirklich. Nur geht es dem Einzelhandel ja natürlich nicht primär um Begegnungen von und mit Menschen, sondern um Umsätze von Konsumenten. Und genau das spürt man in Städten, in denen Parks zu Parkhäusern und aus Sitzbänken und schattenspendenden Bäumen C&A-Rabattwühltische geworden sind.

    Der Mensch hat nichts dagegen, Konsument zu sein – er hat aber was dagegen, ausschließlich zum Konsumenten degradiert zu werden. Genau das haben Stadtplaner vielerorts aus Unwissenheit, aus Gewohnheit und aus einem Mangel an Objektivität vor den Interessenverbänden der stationären Einzelhändler jahrzehntelang getan. Und wo die Stadtplaner doch mal andere, kreativere Ideen hatten – oder einfach nur die Aufenthaltsqualität für Bummler in der Fußgänger(!)zone erhöhen wollten –, wurde ihnen immer wieder vorgeworfen, sie würden die Innenstädte „zum Disneyland verkommen“ lassen oder sich „zu wenig um den Einzelhandel kümmern“.

    Dann lassen wir die Innenstädte doch zum Disneyland verkommen! Der Erhalt der Kaufhäuser ist schon länger verkommen – zum Selbstzweck. Fokussieren wir uns lieber auf die Kundenzentrierung. Dieser seit dem Aufstieg des Internethändlers Amazon allgegenwärtige und alte Glaubenssätze nichtig machende Begriff, muss in den Amtstuben der Bürgermeister und Innenstadtplaner großgeschrieben werden: Kümmern wir uns weniger um den Einzelhandel – und kümmern wir uns stattdessen mal etwas mehr um die Stadtbewohner, denen der Einzelhandel eigentlich dienen soll und von denen er ja eigentlich lebt.

  • Und nun die Einzelhandelsprognose – Sturmwarnung in folgenden Gebieten: LEH, Drogerie

    Und nun die Einzelhandelsprognose – Sturmwarnung in folgenden Gebieten: LEH, Drogerie

    Es ziemt sich nicht, darauf zu pochen, dass man die ganze Zeit Recht hatte. Aber in diesen Tagen muss man sich ganz schön beherrschen, wenn einem kein „Ich hab’s euch doch gesagt!“ entfahren soll. Wie oft habe ich – und viele andere Marktbeobachter – darauf hingewiesen, dass das Fundament unter dem Haus stationärer Einzelhandel ziemlich wackelig geworden ist. All die Restrukturierungs- und Sanierungsfälle, all die Insolvenzen, all die Deals mit Rettern in der Not, denen es eher um die Immobilien als um das Handelskonzept ging: „Alles Einzelfälle!“ kam oft die Antwort der Retail-Analysten. Dass „die Innenstadt“, „die Shopping-Meile“, „die Fußgängerzone“ wie sich sie so viele vorstellen, dem Tode geweiht war, überstieg bei vielen schlichtweg die Vorstellung.

    Aber hier – wie in so vielen anderen Bereichen unserer Gesellschaft auch – ist die Corona-Pandemie Beschleuniger und Schlaglicht zugleich. Prozesse, die schrittweise abliefen, verlaufen nun wie im Zeitraffer und rücken dabei ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Die düsteren Wolken über Galeria-Karstadt-Kaufhof waren seit Jahren sichtbar, das Grollen im Hintergrund deutlich zu vernehmen. Doch über die immer wieder neue Investoren, Sanierungstarifverträge und Fusionspläne konnte man dennoch hinwegsehen und -hören, wenn man so gewillt war. Nun entlädt sich der Sturm mit voller Wucht über ein bereits strukturell geschwächtes Haus und es wird als einigermaßen glimpflicher Ausgang empfunden, dass „nur“ 62 der 172 Filialen auf einem Schlag schließen. Meine Wetterprognose? Der Sturm ist damit noch lange nicht vorbei und vor allem ist eine Schließung von Filialen nur ein Sterben auf Raten und nicht eine Überlebensstrategie.

    Man sieht daran, dass nicht nur die klassischen Kandidaten auf einmal ins Straucheln geraten: Douglas zum Beispiel hat den immer unwirtlicher werdenden Verhältnissen im deutschen Einzelhandel bislang halbwegs getrotzt. Mehr noch: Das Unternehmen hat die Langzeitaussichten zur Kenntnis genommen und entsprechend seine Online-Kanäle ausgebaut. Letzten Sommer war Geschäftsführerin Tina Müller mit ihrer digitalen Leiterin Vanessa Stützle bei Alex Graf im Podcast und erklärte, nach vorne raus das Filialnetz verkleinern zu wollen und immer stärker auf E-Commerce zu setzen: „Man kann das nicht wegdiskutieren: In einer Vielzahl mittelgroßer Städte ist ein deutlicher Frequenzrückgang zu spüren. So gestalten wir das Filialnetz gerade neu und überlegen uns, wie viele wir wirklich brauchen – und wo.“ Alex machte seine Ansicht geltend, alles werde viel schneller gehen, als man bei Douglas annehme. Dass er wegen einer Pandemie so rasch und so eindeutig recht behalten würde, konnte er natürlich nicht ahnen. Der kleine Trost für Müller und Stützle: Dank ihrer Anstrengungen ist Douglas ohne ertragreiches Filialnetz in der Online-Welt nicht hoffnungslos aufgeschmissen und gilt nur als äußerst schwer angegriffen.

    Das sollte meiner Meinung nach anderen vorwiegend stationären Einzelhandelskonzepten eine Lehre sein. Auf einer Skala von „akut einsturzgefährdet“ bis „grundsolide“ kann man ‚Kaleriahofstadt‘ nämlich getrost als „Vorsicht: Baustelle nicht betreten!“ einstufen. Douglas war wohl irgendwo in der Mitte, rückt aber jetzt unübersehbar in Richtung Einsturz; auch viele Möbelmärkte sehe ich da mitrutschen. Als „grundsolide“ gelten eigentlich nur noch Drogeriemärkte und der Lebensmitteleinzelhandel. Doch was passiert, wenn sich zum Sturm auch noch ein Erdbeben gesellt?

    Denn die tektonischen Platten verschieben sich. Konsumenten wenden sich einfach immer mehr vom stationären Einkauf ab. Diesen Trend gab es schon vor zehn Jahren so, er hat in der Zwischenzeit Fahrt aufgenommen und jetzt geht es nur noch Schlag auf Schlag. Das stationäre Modell wird schlichtweg nicht mehr gebraucht. Die Leute haben besseres zu tun, als feier- und sonnabends an der Kasse Schlange zu stehen. Dass sie jetzt auch noch Angst haben müssen, sich dabei ein potenziell tödliches Virus einzufangen, führt ihnen nur noch deutlicher vor Augen, warum sie sich ungern dort aufhalten.

    Diese Änderung im Einkaufsverhalten hat eben am frühesten bei Sortimenten eingesetzt, die nicht tagesaktuell, frisch oder lebensnotwendig sind: Bücher und Tonträger, Mode, Elektronik. Sie rollt aber nun mit ausgereifterer Technologie und besseren Lieferkonzepten unaufhörlich auf Segmente zu, die einst als „un-online-bar“ galten: Sperrgut wie Möbel und Garten, Lebensmittel, Drogerie. Auch hier wird es einerseits Kaleriahofstädte geben, die mangels alternativer Strukturen wie Kartenhäuschen sofort in sich zusammenfallen und andererseits Firmen wie Douglas, bei denen dank gewissen Vorkehrungen lediglich das Dach einstürzt und es so heftig reinregnet, dass danach die Frage „Abriss?“ im Raum stehen wird. So wird Rewe mit seinem wachsenden Online-Geschäft vermutlich standhafter bleiben, als so manch andere Supermarktkette, die im E-Commerce gar nicht stattfindet.

    Es wäre schön, wenn ich mir in wenigen Jahren nicht wieder mal ein beherztes „Ich hab’s euch doch gesagt!“ verkneifen müsste – weil nämlich alle den Schuss gehört und entsprechende Maßnahmen eingeleitet haben. So richtig daran glaube ich aber leider nicht.

     

  • Facebook Shops: Ernsthafter Versuch oder gelungene PR-Aktion?

    Facebook Shops: Ernsthafter Versuch oder gelungene PR-Aktion?

    Der Überraschungscoup war perfekt: Am Dienstag kündigte Facebook die sofortige Einführung von leicht zu erstellenden in-platform Online-Shops an. Die Aufmerksamkeit der Wirtschaftsanalysten weltweit ist ja seit Monaten auf die gigantischen staatlichen Hilfsprogramme gerichtet gewesen. Da konnte Facebook gut im Windschatten der Krise agieren und den richtigen Moment abpassen, um das neue Feature möglichst medienwirksam rauszubringen. 

    Und die Nachricht erzielte die vorgesehene Wirkung. Wirtschaftsredakteure von großen Zeitungen begannen ihre Texte deckungsgleich damit, wie Facebook mit der neuen Shop-Funktion die „Kräfteverhältnisse im Onlinehandel verschieben“ (FAZ) beziehungsweise „das Geschäft aufmischen“ (Tagesspiegel) könnte, bevor sie dann brav auf die von Facebook in seiner Pressemitteilung hervorgehobenen Vorteile und neue Funktionen eingingen. Vorteile: Kunden aus dem ganzen Facebook-Ökosystem – also auch WhatsApp und Instagram – könnten direkt auf auch für kleinere Händler einfach zu erstellenden Shops zugreifen und bezahlen, ohne erneut einloggen zu müssen. Neue Funktionen: Facebook-User würden nun Produkte aus Live-Videos direkt kaufen können und Treueprogramme von Unternehmen würden demnächst mit Facebook-Konten verknüpft werden. 

    Alle zitierten dann Mark Zuckerberg, wie er den Business-Case beschrieb: Die Einrichtung eines Facebook-Shops werde für Händler kostenlos sein; Facebook werde lediglich mit einer kleinen Gebühr bei der Bezahlfunktion seine Kosten decken. Denn „wenn wir eine Anzeige wertvoller machen können, weil jemand, der sie anklickt, mit größerer Wahrscheinlichkeit etwas kauft, werden wir mehr Geld mit Werbung verdienen,“ so die allerseits aufgegriffene Annahme Zuckerbergs. Zudem durfte in keinem Artikel der von Facebook geschickt im dritten Absatz der Pressemitteilung platzierte Hinweis darauf fehlen, dass der Social-Commerce gerade in Corona-Krise ein Lichtblick für gebeutelte Kleinhändler sei, die ihre Läden über Wochen haben geschlossen halten müssen.

    Kritik? Vergleiche? Fehlanzeige!

    Aber leider fehlte weit und breit fast jede Spur von kritischer Auseinandersetzung mit dem Konzept Facebook Shops. Meine Einschätzung ist folgende. Erst einmal: Ja, Facebook hat – allem Gerede zum Trotz, das Netzwerk wachse nicht mehr, sei nicht mehr für Millennials relevant usw. – nach wie vor eine gewaltige Reichweite. Und die Quote der Nutzer, die dort häufig aktiv ist, ist hoch; ebenso der immer bedeutungsvollere Anteil mobiler Nutzer. Es ist also keineswegs falsch, wie FAZ, Tagesspiegel und alle anderen festzustellen, dass eine Erweiterung der Netzwerkfunktionen um E-Commerce große Auswirkungen auf die Online-Handelslandschaft haben könnte. 

    Die Betonung müsste aber meines Erachtens mehr auf „könnte“ liegen. Und vielmehr darauf, warum es genauso wahrscheinlich – oder noch wahrscheinlicher – ist, dass Facebook Shops überhaupt keine spürbaren Effekte auslösen wird. Vor allem dann, wenn der Vergleich mit GAFA-Genossen Amazon gezogen wird. Facebook wird zum Marktplatz und nimmt es mit dem Bezos-Imperium auf? Das wäre kein Kampf unter Ebenbürtigen. Amazon hat in den für den Online-Handel absolut kriegsentscheidenden Bereichen Händleranbindung, Sortimentierung, Bepreisung, Logistik und Kundenservice einen nun 25 Jahre zurückreichenden Erfahrungsschatz aufgebaut. Amazon verkaufte bereits allerhand online, als Facebook allein dazu diente, in Harvard Kontakte zu knüpfen.

    Erfolgsaussichten von Facebook: “Es ist kompliziert”

    Weder will ich sagen, dass Amazon mit diesem Vorsprung nie wieder von irgendeinem Konkurrenten einzuholen ist, noch will ich Facebook seine beachtliche Fähigkeit zur Innovation absprechen. Ich stelle aber fest, dass Amazon dank seiner 25-jährigen Unternehmensgeschichte als Händler und Marktplatzbetreiber über ein weltumspannendes Netz von Logistik-Zentren verfügt, die es mit einer eigenen Flugzeugflotte bedient. Amazon ist in der Lage, alles von Einkauf, Vermarktung und Verkauf der Ware bis zu ihrer Zustellung an die Haustür seiner Kunden zu organisieren. Damit hat der Konzern etablierte Marktplätze wie eBay, die nicht ebenfalls alle dieser Stufen so gut beherrschen, bereits in die Schranken gewiesen. Ich bin also – vorsichtig formuliert – neugierig, wie man zur Einschätzung kommt, Facebook könnte hier in absehbarer Zeit ein für zahlende Kunden nur annähernd gleichwertiges Angebot schaffen.

    Denn darum geht es: Um den knallharten Wettbewerb um den Konsumenten. Und darin hat Facebook herzlich wenig Erfahrung. Facebook hat nämlich im engen Sinne nur Unternehmenskunden. Die 2,6 Milliarden Nutzer sind eben das: Nutzer. Eigentlich sind diese – oder deren Aufmerksamkeit – sogar die Ware, die Facebook weiterverkauft. Ich bin skeptisch, ob diese Nutzer auf Facebook sind, um einzukaufen. Meiner Einschätzung nach ist nämlich die Mehrheit der User dort, um den Kontakt zu Freunden und zur Familie zu halten. Einige wollen sich dort auch über das Nachrichtengeschehen informieren – obwohl auch sie ausweislich konzerneigener Stellungnahmen eher in der Minderzahl sind, weshalb sich das Unternehmen wieder etwas aus der Verbreitung von Nachrichten zurückzieht. Einige wenige wollen vielleicht etwas von Unternehmen hören und sogar ihre Produkte dort shoppen. Mein Gefühl ist aber, dass die allermeisten Nutzer die Anzeigen und die Corporate Postings eher leicht genervt über sich ergehen lassen in einer Art Tauschgeschäft, um das Netzwerk dann umsonst nutzen zu können. So ziemlich, wie man beim linearen Fernsehen ja immer versuchte, sich möglichst in der Werbepause ein Bier zu holen. 

    Mehr als eine PR-Aktion?

    An den Facebook-User, der sich bereitwillig durch Produktvideos von Unternehmen klickt und dann auch noch direkt die dort angepriesene Ware kaufen möchte, glaube ich eher nicht. Oder: Dass dieser User a) einen relevanten Anteil der Facebook-Reichweit ausmacht und b) mit einer digitalen Marktplatz-Funktion ohne eine dahinterliegende reale Marktplatz-Infrastruktur zu begeistern ist, halte ich für alles andere als ausgemacht.

    Insofern: Wenn Facebook es wirklich beabsichtigt, Marktplatz zu werden, sind die Erfolgsaussichten derzeit sehr gering. Wenn Facebook aber mittels medialer Sensation kurzfristig etwas Kapital aus der Corona-Krise schlagen wollte und längerfristig noch ein Argument schaffen wollte, warum seine Unternehmenskunden für teures Geld dort Werbung schalten sollten, dann ist der Erfolg bereits erzielt worden.

  • Digitales Landleben – Fricke Innovation Lab

    Digitales Landleben – Fricke Innovation Lab

    Fricke ist ein Familienunternehmen, das unter anderem im Handel mit Landmaschinen und dazugehörigen Teilen tätig ist. Digitalisierung wird bei Fricke schon länger großgeschrieben: Daniel Schmerbauch und Helge Morgenstern haben die Aufgabe im Fricke Innovation Lab Ideen digital umzusetzen, die bisher vielleicht nur auf Papier oder in den Köpfen der Mitarbeiter existierten. Ihr erstes Projekt Rep.Guide umfasst eine digitale Multimarken Datenbank mit Informationen zu technischen Daten, der Instandhaltung und Reparatur landwirtschaftlicher Fahrzeuge.

    Die Aufteilung des Gesprächs:

    • Vorstellung Daniel Schmerbauch und Helge Morgenstern
    • Aufgabe Fricke Innovation Lab (ab 3:50)
    • Das erste Projekt Rep.Guide eine digitale Multimarken Datenbank für landwirtschaftliche Fahrzeuge (ab 7:16)
    • Markteintritt von Rep.Guide und Resonanz (ab 22:10)
    • Die Herangehensweise von Daniel Schmerbauch und Helge Morgenstern (ab 27:23)
    • Eckdaten Fricke Innovation Lab (ab 30:07)
    • Informationsmöglichkeiten und Abschluss (ab 31:00)

  • Größe XXL gleich Bonitätsnote XXX: Was Wels mit Wall Street verbindet

    Größe XXL gleich Bonitätsnote XXX: Was Wels mit Wall Street verbindet

    Auf dem Münchner Oktoberfest gibt es einen Schausteller alten Schlages, Manfred Schauer, dessen Kleinzelt zur diesjährigen Wiesn 150-jähriges Bestehen feierte. Neben seiner beschaulichen Größe und seiner im Vergleich zu den großen ‚Ballermann-Zelten‘ gemütlichen Ambiente ist am Wirtshaus im Schichtl besonders, dass dort jede halbe Stunde eine Varieté-Aufführung stattfindet, für die Schauer unablässig vor seinem Zelt mit mittlerweile kultigen Sprüchen wirbt: So pries er jahrelang ein Kabarett-Duo aus Wien mit folgender Formulierung an: „Rarität: zwei deutschsprechende Österreicher!“

    Warum ich hier einen bayerischen Schenkelklopfer weitergebe? Weil ich mich letztens oft fragen musste, ob da was an der alten Weisheit daran ist, dass Deutschland und Österreich zwei Länder sind, die durch eine gemeinsame Sprache geteilt werden. Firmen aus Österreich kaufen strauchelnde Einzelhändler in Deutschland auf, pumpen Unsummen an Geld in deren darbende Geschäftsmodelle und reden dabei von „starken Partnerschaften“ und „zukunftsfähigen Konzepten“, wo ich nur noch – auf gut Deutsch – Resterampe und Wühltisch erkennen kann.

    So war es, als Signa im Sommer Karstadt-Kaufhof zu 100% übernahm. Das Geschäftsmodell ist sichtbar am Ende: Nach mehreren Sparrunden ist alles aus den Belegschaften herausgepresst worden, die Märkte sind heruntergewirtschaftet und die verbleibende (ohnehin nicht ausreichende) Kundschaft ist endgültig verscheucht. Weil es nicht anders ging. Weil kein Mensch mehr Karstadt braucht. Auch nicht Galeria, weswegen die beiden Zuflucht zusammen gesucht hatten. „Das ist eine gute Nachricht für unser Unternehmen“ sagte dann der Geschäftsführer von SIGNA Retail: „Ziel ist es, die Warenhäuser zukunftsfähig zu machen.“ Österreicher sind ja für ihre umständliche Höflichkeit bekannt. Ich übersetze also mal – etwas freizügig – ins schnöde Bundesrepublikanische: „Uns ist klar, das Ding hat keine Zukunft. Wir sind an den zentral gelegenen Immobilien hochgradig interessiert. In der Zwischenzeit hoffen wir allerdings, das Pferd solange noch effizienzoptimiert reiten zu können, bis es zusammenbricht. Dabei hilft es uns, auf Größe zu gehen. Deswegen übernehmen wir alles. Ist auch grad günstig zu haben.“

    Dann gibt es die in letzter Zeit immer spürbarer geworden Expansion von der österreichischen Möbelkette XXXLutz in den deutschen Markt. 2018 gingen XXXLutz und norddeutsche Einrichtungshaus- und Einkaufszentrumbetreiber dodenhof zusammen, wobei Ersteres 75% der Beteiligung an der neuen Firma „XXXLutz dodenhof“ zu den 25% von Letzterem bekam. Denn die Österreicher bringen das Geld und die Größe mit in die Ehe: dodenhof steuert riesige, aber auf lange Sicht unrentable Flächen auf dem platten Land bei. Im Schleswig-Holsteinischen Kaltenkirchen etwa hat das Einkaufszentrum sogar einen eigenen gesponsorten Bahnhof, für dodenhof vermutlich viel bezahlt, an dem aber eigentlich nur noch die Belegschaft aussteigt. (Weitere Besonderheit der Haltestelle dodenhof: Sie ist die einzige im HVV-Netz, die kleingeschrieben wird. Noch nicht wurde sie auf „XXXLutz dodenhof“ umgetauft…). „Einen stärkeren Partner hätte sich das Familienunternehmen dodenhof für seine WohnWelten nicht wünschen können,“ schrieben die Österreicher in ihrer Pressemitteilung dazu: „XXXLutz als eines der europaweit führenden Unternehmen im Möbelsegment und dodenhof gründen eine zukunftsweisende Partnerschaft im Bereich Wohnen und Einrichten.“

    Und nun geht die Einkaufstour der Welser Gruppe weiter: „XXXLutz-Gruppe beteiligt sich zu 50 % an Möbel Roller und tejo/Schulenburg“ ließ das Unternehmen Mitte Oktober verlauten. Auch in dieser PM war von „Zukunft“ die Rede: „Die 50/50 Partnerschaft bei ROLLER und tejo/Schulenburg stärkt die Markposition, schafft Zukunftsperspektiven und sichert die vielen Arbeitsplätze ab.“ Allerdings habe ich hier bei der Deutung mehr Schwierigkeiten, als im Falle Signa. Eine bloße österreichische Höflichkeitsformel ist das wohl nicht, denn eine Wette auf steigende Immobilienpreise durch die Hintertür kann ich mir hier nur schwerlich vorstellen: Einrichtungshäuser in Deutschland haben sich in den letzten Jahren bekanntlich einem ruinösen Flächenexpansionswettkampf geliefert, bei dem allen vom Anfang klar war, dass das Ergebnis ein Überangebot an peripherer Einzelhandelsfläche samt darauffolgender Konsolidierung am Schluss stehen würde. (Die FAZ hat es schon 2012 vorhergesagt, zum Beispiel.)

    So ist die Strategie von XXXLutz meiner Ansicht nach eine andere – und eher mit der Strategie vergleichbar, die in der Medienbranche der Bauer-Verlag und die Funke Mediengruppe verfolgt haben. In einem schrumpfenden Markt für gedruckte regionale Zeitungen, Fernsehzeitschriften und bunte Blätter ging es den Verlegern in den letzten Jahren darum, möglichst viele Titel zusammenzukaufen und sie dann möglichst effizient so lange zu betreiben, wie es noch geht. Wo sich Springer und Burda für Digital entschieden, fahren Bauer und Funke also auf „last man standing“.

    Und wer „der Letzte, der im Markt noch steht“ sein will, tut – so die Logik dieser Strategie – gut daran, möglichst massiv zu sein. Denn durch Größe könne man Schwächen in den Geschäftsmodellen kaschieren. Daher, so meine Leseart, die XXL-Expansion von XXXLutz.

    Nur hinter diese Herangehensweise stelle ich ein riesiges Fragezeichen. Und zwar würde ich die Frage so formulieren: Warum sollte einer Möbelkette das gelingen, woran Banken scheiterten? Denn nichts anderes haben die großen US-Geldhäuser in den Jahren vor der Finanzkrise, deren Höhepunkt mittlerweile gute zehn Jahre her ist, mit den sogenannten „sub-prime credit default swaps“ gemacht. Hier wurden ja Unmengen an schlechten Hypothekenkrediten zusammengelegt, neu tranchiert und dann in geschichteten Paketen mit Top-Bonität-Ratings weiterverkauft – und das in möglichst großer Auflage. Was all die Schichtung, Teilung und Vergrößerung allerdings nicht ändern konnte: Das Fundament war morsch. Das wird in diesem tollen Rückblick über das Jahr 2007, das Jahr vor der eigentlichen Finanzkrise, besonders klar. Obwohl viele eigentlich längst wussten, das die tollen Torten alle in sich zusammenfallen mussten (und einige Klarsichtige schon darauf spekulierten…), rissen die Märkte jede irgendwie positive Meldung aus dem Kontext, nur um weitermachen zu können. Bis es einfach wirklich nicht mehr ging. Weil keine mehr die Kredite bedienen konnte. Dann wurde die XXL-Größe zu einem echten GAU – und die Bonitätsnoten AAA+ wandelten sich schlagartig in XXX-Ratings.

    Aber es könnte natürlich sein, dass die Österreicher in stationären Möbelmärkten etwas sehen, was ich übersehen habe. Oder dass ich deren Sprachgebrauch einfach nicht verstehe und wir sozusagen aneinander vorbeireden. Nur glaube ich ehrlich gesagt eher nicht daran. Ob man „so’n Schiet“ oder „so a‘ Schmarrn“ sagt, ändert doch nichts an den Tatsachen.

  • Amazon-Retourenvernichtung: Skandal im Sperrbezirk!

    Amazon-Retourenvernichtung: Skandal im Sperrbezirk!

    Noch eine Woche, noch ein Amazon-Skandal. Und ihr werdet merken, dass ich mich nicht sofort hier eingeschaltet habe. Denn mittlerweile kennt man das Erregungsmuster: Mediales Strohfeuer, das schnell aufflackert, bevor es mit Tatsachen und Argumenten begossen wird und genauso geschwind wieder in sich zusammenfällt. Jetzt, da sich alle wieder etwas beruhigt haben, möchte ich aber generell über Amazon-Bashing nachdenken.

    Für diejenigen, die den Riesenskandal, der höchstens ein Skandälchen war, verpasst haben, hier die kurze Zusammenfassung.

    Letzten Freitag kam die Wirtschaftswoche mit den (eigentlich gar nicht so) brisanten Ergebnissen einer mit ZDF Frontal 21 höchst (un)investigativ durchgeführten Recherche raus: Amazon vernichte täglich Tonnen an retournierter Neuware! Beschäftigte „berichteten übereinstimmend“ – um den Duktus der medialen Skandalisierung weiter zu persiflieren –, dass sie täglich mehrere Tausend Euro an neuwertigen Produkten, die von Kunden zurückgeschickt wurden, entsorgen mussten. Ein Riesenskandal sei das! Prompt meldete sich ein Staatssekretär im Bundesumweltministerium, Jochen Flasbarth, in typischem Politikersprech zu Wort und „forderte Amazon auf, die Vorwürfe aufzuklären“, wie WiWo es klassisch journalistisch (aber wenig sinnergebend) schrieb.

    Das tat Amazon sodann. Waren die „Vorwürfe“ eigentlich doch gar keine, sondern die Beschreibung einer Realität, aus der der E-Commerce-Riese keinen Hehl zu machen versuchte. Klar, retournierte Neuware werde mal vernichtet, wenn es nicht verkauft, weiterverkauft, oder gespendet werden könne, oder wenn der Hersteller dies wünsche, antwortete der Konzern untypisch geradeaus. Warum auch nicht mal eine ehrliche Antwort? Denn hätten die an der „Aufdeckung des Skandals beteiligten Journalisten“ (okay, ich stelle es gleich ein, versprochen!) wirklich investigativ gearbeitet, hätten sie schnell rausgefunden, dass dies fast alle Händler – off- sowie online – so handhaben oder gar so handhaben müssen, wenn der Hersteller sie dazu anhält oder das Gesetz sie dazu verpflichtet. Andere Redaktionen durften dann die mühsame Aufklärungsarbeit übernehmen, wie es die Kollegen von T3N mit einem ausgewogenen Informationsstück taten: „Der Amazon-Skandal, der keiner war: Retouren-Vernichtung ist Standard im Handel“.

    Um es hier ganz, ganz deutlich zu sagen: Ja, es ist ein Skandal, das brauchbare Produkte entsorgt werden. Die Ressourcen dieser Welt sind endlich und es sollte, darf, kann keinem egal sein, wenn mit ihnen so umgesprungen wird, als wären sie es nicht. Das ist – nochmal – nichts anderes als ein Skandal der allerhöchsten Größenordnung.

    Aber es ist eben kein Amazon-Skandal.

    Es ist – und das hören deutsche Konsumenten, deutsche Konzerne und deutsche Umweltstaatssekretäre nun äußerst ungerne – unser aller Skandal.

    Retouren: Alle sind schuld und alle machen mit

    Betrachten wir zur Verdeutlichung des Problems kurz die Stellungnahme vom Staatssekretär Flasbarth in der WiWo etwas näher:

    „Das ist ein riesengroßer Skandal, denn wir verbrauchen auf diese Weise Ressourcen mit allen Problemen insgesamt auf der Welt. Ein solches Vorgehen passt einfach nicht in diese Zeit. Ich bin überzeugt, dass viele Verbraucher von einem solchen Verhalten schockiert sind und es auch nicht akzeptieren werden.“

    Den semantisch grenzwertigen Teil „mit allen Problemen insgesamt auf der Welt“ mal beiseite: Ist sich Staatssekretär Flasbarth wirklich so sicher, dass die Konsumenten ein derartiges Problem mit der Retournierung und Vernichtung von Waren haben? War er jemals auf einem Recyclinghof an einem Samstagmorgen? Hat er jemals einen Blick in eine durchschnittliche Restmülltonne geworfen? Ist er niemals bei einem Freund gewesen, der einen ungeöffneten Joghurt weggeschmissen hat, weil er abgelaufen war? Es wird in diesem Land tag ein, tag aus, Funktions- und Genussfähiges weggeworfen auf eine Art und Weise, die sicherlich schockierend ist – die aber keinen schockt.

    Verantwortlich sind aber in erster Linie hier die Verbraucher, die zwar gern von sich behaupten, es sei nicht egal, was mit dem Zeug passiert – die es dann aber möglichst schnell weghaben wollen und es gerne mal in der schwarzen Mülltonne der Nachbarn oder am Wegesrand abladen, wenn die Schlange zum Recyclinghof zu lang war. Zu behaupten, sie würden die Vernichtung von Waren durch Händler „nicht akzeptieren“, ist realitätsfern. Zumal die deutsche und neuerdings die europäische Politik es ihnen hier besonders leicht macht: Händler und Hersteller müssen Retouren unter fast allen normalen Bedingungen annehmen. Der Kunde gibt das unerwünschte Produkt ab und macht im Kopf ein Häkchen drunter. Bei aller Liebe zu meinen Mitbürgern: Dass sie sich darüber hinaus großartig Gedanken machen, was mit der überraschend schlecht sitzenden Hose oder dem doch nicht so einfach zu bedienenden Funkwecker nach Abgabe in der Postfiliale oder beim Paketboten passiert, gilt als ausgeschlossen. Wieso ich das weiß? Auch ich denke nicht darüber nach. Wir sind schließlich in Deutschland hier. Wir trennen unseren Müll. Was soll denn Schlimmes passieren?

    Wenn aber doch Schlimmes passiert, will man es nicht unbedingt zu genau wissen. Wer sich die Mühe macht, mit jemanden zu sprechen, der seinen Lebensunterhalt mit Retouren verdient, gewinnt hier einen ganz anderen Einblick. Stefan Grimm von Restposten.de verkauft – dem Namen entsprechend – Rest- und Retourenbestände online und hat daher einen tiefen Einblick ins Nachleben von Konsumartikeln. „Verbraucher greifen beherzt zu, wenn sie Billigelektronik sehen – und retournieren es genauso beherzt, wenn es sich als Griff ins Klo erwiesen hat. Dabei ist schon in der Herstellung an allem gespart worden, damit das Radiogerät oder der Wecker bloß nicht mehr als 10 Euro kostet.“ Hohe Fehlerquoten seien programmiert, aber weder dem Produzenten, dem Importeur noch dem Kunden sei eine vernünftige Zweitverwendung wichtig. „Dabei wäre eine Reparatur oft nicht einmal möglich, weil die Produkte nicht dafür ausgelegt sind: Es werden beispielsweise Akkustaubsauger verkauft, bei denen alles verklebt ist. So können häufig nicht mal Akkus ausgetauscht werden. Obwohl das Gerät in Ordnung ist, landet es dann zwangsläufig im Müll.“

    Grimm sieht daher die Politik aufgefordert, Regelungen zur Reparaturfreundlichkeit zu erlassen, wenn Retour- und Vernichtungsquoten bei Elektronikartikeln wirklich gesenkt werden sollen. Auch die Konsumenten – also: die Retournierer – sollten seiner Meinung nach ehrlicher und detaillierter Gründe nennen müssen, warum sie ein Produkt zurückschicken. Bei Elektronik würde das immerhin die Ursachensuche verkürzen. Häufig auftretende Probleme bei bestimmten Modellen könnten zudem vermerkt und zurück in die Produktion gegeben werden können. „Aber unter den derzeitigen Bedingungen interessieren sich wenige Hersteller für sauberes Produkt-Management.“

    Amazon: Ausnahmsweise absolut vorbildlich

    Der Witz an diesem „Amazon-Skandal“ ist nicht nur, dass der gute deutsche Konsument das Fehlverhalten des bösen amerikanischen Konzerns mal wieder angeblich nicht akzeptiert, um dann rund 50% seiner Online-Einkäufe bei Amazon zu tätigen. Nein, sondern auch, dass Amazon in diesem Punkt Grimm zufolge „einen professionellen, offenen Umgang“ mit Retouren pflegt, der den Weiterverkauf und -benutzung von B-Ware und wiederaufbereiteten Produkten in vielen Fällen fördert. „Es sind andere Marktteilnehmer, vor allem Herstellermarken aus dem Textil-&-Fashion-Bereich, die aktiv den Zweitverkauf ihrer Waren verhindern. T-Shirts, die nur paar Euro im Einkauf kosten, theoretisch aber jeweils zu 90 Euro verkauft werden können – vorausgesetzt, die Ware wird knapp gehalten – lassen sich allzu leicht schreddern.“ Grimm redet sich beinahe in Rage: „Das ist doppelt unmoralisch: Man nimmt den Näher am einen und den Kunden am anderen Ende aus – und zerstört dabei Ressourcen.“

    „Es gibt auch gute Ansätze in der Branche: Die Jungs von FOND OF zeigen beispielsweise, wie man Taschen zu fairen Preisen mit vernünftigen ethischen Standards auf den Markt bringen kann.“ North Face und VAUDE aus dem Outdoor-Bereich hebt Grimm als Hersteller hervor, die Reparatur und Wiederverkauf ihrer Produkte tatkräftig unterstützen. „Damit aber alle mit gleichen Voraussetzungen arbeiten, müsste auch hier der Staat mit Verboten arbeiten. Warum soll man neuwertige Kleidung vernichten dürfen, nur weil es einem als Unternehmen betrieblich und marketingstrategisch nicht in den Kram passt, sie zu vermarkten?“

    Amazon: Prügelknabe, Sündenbock und Hexe in einem

    Wir Kunden werden die Unternehmen jedenfalls nicht so schnell zum Umdenken bewegen. Spulen wir acht Jahre zurück: Während eines der kältesten Winter seit Jahren wurden die netten Schweden von H&M dabei ertappt, unverkaufte Kleidung zu vernichten. Erinnern wir uns alle noch an diesem Riesenskandal? Ja? Es bleibt ein offenes Geheimnis, dass auch aufrichtige deutsche Mittelständler lieber einen Anzug zerschneiden, als ihn auf den Zweitmarkt zu bringen. Sie haben alle ganz sicherlich den Zorn des deutschen Verbrauchers zu spüren bekommen. Genau wie die Supermärkte, die 2015 von einem Riesenskandal kontinentalen Ausmaßes überrollt wurden: In ganz Europa werfen Lebensmitteleinzelhändler lieber abgelaufenes Essen weg, als es an Bedürftige zu spenden. In Frankreich wurde die Praxis daraufhin verboten. Anfang des Jahres wurde eine europaweite Spendepflicht in Betracht gezogen, weil unter anderem in Deutschland nach wie vor zu viel Essen von Supermärkten sang- und klanglos entsorgt wird. Aber das brauche ich nicht weiter auszuführen, denn wir wissen alle noch ganz genau Bescheid, nicht wahr?

    Für mich offenbart der Nicht-Skandal über Retouren bei Amazon eine sehr unschöne Seite des Journalismus: Auch seriöse Redaktionen sind keineswegs vor Sensationslüsternheit gefeit. Und es zeigt die äußerst unschöne Tendenz, das Unheil immer „bei amerikanischen Großkonzernen“ zu suchen. Ich möchte ausdrücklich nicht das Geschäftsmodell von Amazon mit allen Schattenseiten unkritisch gutheißen: Es ist nicht gut, wenn der Konzern erst versucht, die in Deutschland gesetzlich zugesicherte Gründung von Betriebsräten zu verhindern und diese dann das Leben möglichst schwer macht. Aber deutsche Drogerieketten sind bekanntermaßen auch keine Freunde der Mitbestimmung: Das ach-so-nette Unternehmen dm etwa ist für seine Feindseligkeit Betriebsräten gegenüber branchenweit bekannt. Komischerweise bleibt aber hier die mediale Dauerschelte aus.

    Oder wenn Amazon seinen Beschäftigten so wenig zahlt, dass sie in Zelten und Verschlägen in Lagernähe leben müssen und auch mit Krebserkrankungen zu einem immer höheren Arbeitspensum angetrieben werden – wie aus Großbritannien oder USA berichtet –, dann ist das selbstverständlich auch absolut inakzeptabel. Aber ich lebe auf dem Land in Niedersachsen, wo rumänische Schlachthofarbeiter wegen sittenwidrig niedriger Bezahlung in der deutschen Fleischindustrie im Wald übernachten.

    Daran denkt keiner von uns, wenn wir im Supermarkt an der Wursttheke zulangen. Auch das ist ein Skandal.

  • Start-Ups, Marken und Amazon mit Mark Hartmann und Sebastian Funke von Springtech Partners

    Start-Ups, Marken und Amazon mit Mark Hartmann und Sebastian Funke von Springtech Partners

    Basierend auf ihrer Erfahrung im Bereich Firmengründung, Aufbau und Finanzierung, teilen Mark Hartmann und Sebastian Funke von Springtech Partners ihre Einschätzungen zum Thema Zukunft der E-Commerce Plattformen. Wie wird sich der Markt hinsichtlich Hersteller und Händler entwickeln? Was sind mögliche Prognosen und Herausforderungen für große Marken, die momentan noch offline sind und wie müssen neue Marken aufgestellt sein, die beispielsweise auf Amazon vertreten sind? Welche Unterschiede gibt es zum amerikanischen Markt, in dem Springtech Partners auch Fuss gefasst hat? Seht hier ein weiteres Interview von Digitalkaufmann.de.

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  • Dr. Kai Hudetz und Adrian Hotz zu Amazon 2018 und 2020

    Digitalkaufmann.de hatte eine spannende Premiere auf dem Vorabend Event zur Demexco – der be.insight von Kai und Adrian! – wir haben nämlich das Interview mit den beiden Gastgebern live auf Facebook gestreamed. Wer nicht einer der zwei Zuhörer im Live Stream war hat aber ordentlich was verpasst und daher hier das Interview und natürlich auch der Podcast mit dem ehr am späteren Abend geführten Gedankengängen zur Entwicklung von Amazon und Amazon Business in den nächsten Jahren. Wer übrigens gerne mit mir über die Artikel oder spannende Entwicklungen in der digitalen Welt sprechen möchte kann das gerne über Whatsapp tun:

    Lege für meine WhatsApp Rufnummer +49 157 92376859 einen Kontakt an. Sende an diesen Kontakt eine Nachricht per WhatsApp! (mehr …)

  • Wie denkt ein Online Store im Retail Geschäft? oder „Digitalkaufmann Reisebericht“

    Wie denkt ein Online Store im Retail Geschäft? oder „Digitalkaufmann Reisebericht“

    Ich muss offen gestehen – ich bin im Urlaub. Den nutze ich aber dazu viele Artikel zu verfassen und natürlich auch um spannende Entwicklungen an der Westküste der USA nachzuverfolgen. Neben einer sehr schönen Zeit bei und auf einem Vulkan bin ich in Portland ganz nichtsahnend in eine Mall gelaufen die nicht nur extrem voll war, sondern auch so einige Retail Experimente der „neuen“ Firmen beinhaltet hat. Übrigens gibt es in Oregon auch keine „Sales Tax“ und daher ist hier das (stationäre) Einkaufen immer eine gute Idee. Neben Tesla und dem Apple Store konnte ich ausgiebig in einem der wenigen „Amazon Books“ Läden in den USA einkaufen. Hier meine Erfahrungen zum Verhalten und Auftreten von Amazon im stationären Geschäft. (mehr …)