Kategorie: Entrepreneur Radar

  • Datenschutz, Digitalisierungsstau und deutsche Behäbigkeit

    Datenschutz, Digitalisierungsstau und deutsche Behäbigkeit

    Mit meiner Zeitungslektüre falle ich hin und wieder etwas zurück. Vor allem die Wochenzeitungen bleiben gern mal länger auf dem Stapel liegen, weil ihnen die tagesaktuellen Nachrichten immer wieder die Schau stehlen. Zum Glück erhalte ich dann von Familienmitgliedern immer wieder Hinweise auf spannende Artikel und Ansichten. Diese Verzögerung ist aber auch nicht weiter schlimm: Was ich ja am wöchentlichen Erscheinungsrhythmus so schätze, ist der etwas längerfristige Blick und eine Halbwertszeit des geschriebenen Wortes, dass über den Moment hinausgeht.

    So wie ein Kommentar des Wirtschaftsredakteurs Uwe Jean Heuser in der ZEIT, der unter dem Titel „Wo bleibt unser Köpfchen?“ erschien. Kopfzeile: „Die Bundesrepublik liegt in der Krise hinter ihren Möglichkeiten zurück. Der Hang zur geistigen Bequemlichkeit fällt auch im Ausland auf. Es braucht neuen Macher-Mut!“

    Ich glaube, ich unterstelle dem Autor nicht zu viel, wenn ich den Text mit dem Wort „Generalabrechnung“ zusammenfasse. Und wie immer bei solchen Abrechnungen, wird hier und da überzeichnet. So ist viel von der angeblichen Impfkatastrophe mit den üblichen Halbwahrheiten die Rede, die leider die mediale Debatte bestimmen. Noch einmal, für alle, die es nicht wissen: Es ist richtig, dass Großbritannien und USA rund fünfmal so viele Impfungen wie Deutschland verabreicht haben; allerdings gehört es auch zur Wahrheit, dass die zweite Dosis entgegen aller Herstelleranleitungen und einiger Forscherempfehlungen oft um mehr als 12 Wochen hinausgezögert wird. Wer in Deutschland geimpft wird, bekommt drei Wochen später auch die zweite Dosis und damit vollen Impfschutz, während sich die angelsächsischen Länder laut Virologen in einer gefährlichen Halbimmunität begeben, die für die Entstehung neuer Mutanten wie ein Brutkasten wirkt.

    Andererseits heißt es doch wieder etwas, weil wir ja in aller Welt als Land mit einer ausgeprägt leistungsorientierten Arbeitnehmerschaft und einer beneidenswert effizienten Verwaltung gelten. Dass dieser gute Ruf nicht immer ganz verdient ist und eher darauf basiert, dass angelsächsische Meinungsmacher selten des Deutschen mächtig und daher unsere Selbstdarstellung oft für bare Münze nehmen, gereicht uns immer wieder zum Vorteil. Wenn also anhand der Zahlen, die keiner Übersetzung bedürfen, deutlich wird, dass wir nach einem Jahr Pandemie viele Startvorteile verspielt haben, ist das erstens eine in Sterblichkeit zu messende menschliche Tragödie und zweitens für unsere Außendarstellung schlecht. Ich finde, der Autor hat recht, wenn er schreibt: „Deshalb droht dem Standort Deutschland im Urteil der Weltwirtschaft nun die Herabsetzung. Das ist keine Kleinigkeit, weil davon Investitionsflüsse abhängen. Letzten Endes geht es um den Wohlstand einer Exportnation.“ Und Investoren achten nun einmal auf Zahlen.

    Datenschutz schützt nicht

    Unter den Zahlen verstehe ich nicht primär die Zahl der Impfungen: Klar, ein bisschen schneller würde nicht schaden, aber bis Mitte des Jahres kann das schon wieder anders aussehen. Wo der Autor meiner Meinung nach aber vollkommen ins Schwarze trifft, ist die Einschätzung der Corona-App: Er empört sich zu Recht darüber, dass 20 Millionen Nutzer die App heruntergeladen haben und davon nichts außer lauter „Begegnungen mit niedrigem Risiko“ bekommen. Dafür hätte man das alles einfach sein lassen können – und mit den 70 Millionen Euro Entwicklungskosten alle Gesundheitsämter mit Personal aufstocken können, die sich mit forschen Nachfragen am Telefon, wo man denn überall war und wen man alles getroffen hat, nicht an so hohe Datenschutzstandards halten muss, wie die App es tut. Hier steht uns nämlich der Datenschutz gewaltig im Weg. Und weil der Datenschutz so ungefähr das deutscheste aller Steckenpferde ever ist ( wir haben der EU die DSGVO maßgeblich beschert), stehen wir uns hier folglich selber im Weg.

    Digitalisierung: Fehlanzeige

    Ein weiterer, mit überbordendem Datenschutz verwandter wunder Punkt, in dem der Autor treffsicher den Finger legt, ist die fehlende Digitalisierung: „Gesundheitsämter nutzen immer noch Faxgeräte, die eigentlich eine lang vergessene Anekdote aus dem ersten Lockdown sein sollten.“ Eine weitere Verwertung für die 70 Millionen Euro App-Entwicklungskosten wäre es gewesen, dem Robert-Koch-Institut eine Art Armaturenkonsole zu bauen und die Gesundheitsämter mit Schnittstellen dazu auszustatten, damit man nicht – nach einem Jahr Pandemie – immer noch im Radio so Sätze hören muss wie: „Die Zahl enthält Nachmeldungen vom gestrigen Montag, weil sonntags weniger Ergebnisse ans RKI übermittelt/weil 300 Ergebnisse aus Sachsen-Anhalt fehlten/weil die Brieftaube Magendarm hatte.“ Dabei weiß man doch zur Genüge, dass Testergebnisse grundsätzlich immer zu spät kommen und die Wirklichkeit vor einer Woche abbilden: Dass hier nicht digital beschleunigt wird, damit nicht noch mehr Verzögerung entsteht, ist nicht nur unbegreiflich, sondern regelrecht verwerflich. Zumal mir mittlerweile jeder überlastete Paketdienst stundenaktuelle Meldungen über den Verbleib meiner Sendung zur Verfügung stellt und mich die Zahnarztpraxis per automatisierte SMS pünktlich an Kontrolltermine erinnert. Es geht nicht darum, eine Rakete zum Mond zu schießen. Die passenden technologischen Lösungen liegen überall aus.

    Deutsche Behäbigkeit bremst uns aus

    Das Ganze lässt vermuten, dass man in einigen Gesundheitsämtern, in denen immer noch Freitagnachmittag um 15 Uhr der Stift (und es ist ein Stift!) fällt, auch kein Interesse daran besteht, Faxgeräte gegen APIs einzutauschen. Denn dann müsste ja einer eine Sonntagsschicht schieben! Hier wollen wir nicht alle über einen Kamm scheren. Es gibt sehr proaktive Gesundheitsämter – wie das in Köln, dass sein Personal beinahe verdreifacht und das laut seinem Leiter Johannes Nießen mit einer Inzidenz von bis zu 300 umgehen könnte. O-Ton: „Man kann leider nicht auf den Bund warten, bis der tätig wird.“ Es gibt aber auch unzählige Andere, die genau das tun: Auf den Bund warten. Oder auf das RKI warten. Oder auf einen Wunder warten. Egal, Hauptsache: Sich bloß nicht kaputtmachen!

    Wir brauchen also mehr Nießens an entscheidenden Stellen. Wir brauchen mehr Menschen, die sich was trauen – und sich nicht zu schade sind, dann auch hart zu arbeiten. Wir brauchen aber auch wieder keine Typen der Sorte „angelsächsische Investmentbanker“: Wir brauchen Gründer und Macher, die wieder etwas hinlegen, wovor diese Banker und andere (die vielleicht hier investieren sollen…) Respekt haben können. Auch hier hat Uwe Jean Heuser treffende Wort gefunden:

    „Noch ist das Urteil nicht gesprochen. Deutschland kann sich aufbäumen – es braucht dazu gleich drei Operationen in Höchstgeschwindigkeit: für Impfstoffe, für die Digitalisierung und für die einvernehmliche Entwicklung von Pandemieregeln, die dem Föderalismus im Krisenfall Grenzen setzen. Da hilft keine politische Kultur, die Normalität will, wo keine möglich ist. Kein Föderalismus, der Schulen verkümmern und Ämter noch mit Papier hantieren lässt.“

    Zum Stichwort „politische Kultur“ fällt mir eine Zahl ein, die der Wirtschaftsredakteur zwar nicht aufgreift, die aber sehr gut verdeutlicht, wie sehr die Berliner Politik noch auf die Aufrechterhaltung der Normalität von ca. 1996 aus ist: 460 Millionen Euro sollen als Kredite an Galerie Karstadt Kaufhof fließen. Deutschland hat ca. 400 Gesundheitsämter: Das wären über eine Million Euro pro Amt.

  • E-Commerce-Bewertungen: Eine Geschichte von Ebbe und Flut

    E-Commerce-Bewertungen: Eine Geschichte von Ebbe und Flut

    Wer in den letzten Wochen die Nachrichtenlage verfolgt hat, der kann die Wörter „Impfkampagne“, „Impfdebatte“ und „Impfchaos“ nicht mehr hören. Umso mehr wird sich gefreut haben, wer einen der raren Nachrichtenbeiträge erwischte, in denen es ausnahmsweise nicht um die begehrte Spritze ging. Wie zum Beispiel der schöne Wirtschaftskrimi rund um Gamestop. Zu normalen Zeiten hätte diese Geschichte des Tenors „hochstapelnde Hedgefonds gegen heldenhafte Kleinanleger“ die Nachrichtenagenda tagelang beherrscht. Stattdessen schaffte diese – trotz Reddit-Kolorit doch eher klassisch veranlagte – Sage von Übertreibungen und Herdentrieb auf den Kapitalmärkten nur gerade so in die tagesaktuellen Meldungen.

    Auf und ab 

    Dafür habe ich allerdings Verständnis. Schließlich sind wilde Ausschläge in den Marktbewertungen von Unternehmen oder ganze Branchen nicht – wie viele Menschen, die nicht beruflich mit den Kapitalmärkten befasst sind, meinen – die Ausnahme, sondern vielmehr die Regel. Genau aus den Übertreibungen im Auf-und-ab beziehen die besten Aktienhändler ja auch ihren Vorteil.

    Nehmen wir den E-Commerce. Ende der Neunziger setzte der erste Hype rund um das Thema Online-Handel ein – und gipfelte 2001 im Platzen der Dot-Com-Blase. In USA gingen junge E-Commerce-Firmen mit astronomischen Bewertungen an die Börse, obwohl sie tiefrote Zahlen schrieben. Zum Jahrtausendwechsel sammelte beispielsweise der 1998 gegründete Lebensmittelhändler Webvan 375 Millionen Dollar an der Börse ein, setzte zu dem Zeitpunkt allerdings lediglich 395.000 Dollar im Jahr um; ein Jahr später war der Umsatz zwar auf 180 Millionen Dollar angewachsen, die Ausgaben waren aber auf über 500 Millionen Dollar regelrecht explodiert. Die Insolvenz kam dann bereits 2001. Aufstieg und Fall in drei Jahren und über eine halbe Milliarde Dollar vernichtet: Wer in der Lage war, trotz des allgemeinen Hypes einzusehen, dass Webvan zu schnell expandierte, und sich rechtzeitig von der Akie trennte, stand glänzend da. Andere waren vollkommen überrumpelt, als ihr gesamter Einsatz verloren ging. Der Makel wurde dann auf das gesamte Segment übertragen: Webvan stand wie ein Menetekel, das man Lebensmittelhandel online nicht profitabel anbieten konnte. Dass andere ebenfalls um die Jahrtausendwende gegründete Firmen wie Ocado genau das schafften, merkten aber nur die Marktbeobachter mit kühl-analytischem Blick.

    Zehn Jahre später ging das Ganze wieder von vorne los. Die Jahre kurz nach 2010 waren von einer erneuten E-Commerce-Euphorie geprägt, die schnell wieder dazu führte, dass Unmengen an Kapital in Firmen flossen, die die an sie gestellten Erwartungen nicht erfüllen konnten. So der als „Amazon-Killer“ gehandelte Jet.com zum Beispiel: 2014 gegründet, 2015 mit 820 Millionen Dollar Wagniskapital ausgestattet und 2016 mit über eine Milliarde Dollar bewertet, warf die Firma Geld zum Fenster raus und musste alsbald Schutz unter den Fittichen von Walmart suchen. Bereits 2017 kursierten die ersten Schließungsgerüchte. Letzten Sommer starb Jet.com dann im Schatten der Corona-Pandemie einen sehr einsamen Tod. Und wieder blieb bei den meisten Investoren die Begeisterung für E-Commerce-Konzepte erst einmal aus – Tenor: „Zu teuer“ und „Was soll es? Es ist eh bereits alles an Amazon verloren“.

    Marktbewertungen sagen herzlich wenig über den Gesamtzustand von E-Commerce aus 

    Das eigentlich Verrückte daran ist immer gewesen, dass der Anteil von E-Commerce-Playern am gesamten Einzelhandelsumsatz seit 25 Jahren ununterbrochen steigt. Egal, ob Online-Handelskonzepte gerade himmelhoch oder kellerniedrig bewertet wurden: Kein Jahr, in dem weniger Kunden online einkauften, als im Jahr davor; kein Jahr, in dem sie merkten, dass sie sich doch lieber in die Innenstadt/zum Supermarkt/zum Baumarkt schleppen und den Onlinern den Rücken kehren.

    Aber so ist das mit dem Kapitalmarkt: Ebbe und Flut. Entweder fließt immer mehr Geld in eine Richtung und überflutet irgendwann auch die schlechteren Start-ups in einer Trendbranche mit flüssigen Mitteln – oder es fließt dort immer stärker ab und selbst kompetente Management-Teams haben es auf einmal schwer, sich diesem Sog zu entziehen. Hoch- oder Niedrigwasser herrscht immer nur eine kurze Zeit lang, bevor die Bewegung wieder einsetzt. 

    Für E-Commerce war Anfang 2020 Niedrigwasser. Das hörte sich bei Florian Heinemann von Project A im Gespräch mit dem Kollegen Alexander Graf in etwa so an: „Ohne jetzt Namen zu nennen, sehe ich mittlerweile viele sehr gut geführte Firmen im E-Commerce, die sich schwertun, Geld von guten Investoren zu bekommen. Diese finden das Thema eben nicht mehr sexy genug. Zu Unrecht! Das ist schade, weil ich den Bereich nach wie vor sehr spannend finde. Aber da fehlt der Rückenwind.“ Deswegen halte sich Project A bei der Finanzierung von E-Commerce-Start-ups sehr zurück. Was Florian nicht ahnen konnte: Ein Orkan war im Anlauf, der den Wind drehen sollte.

    In der Corona-Krise sind E-Commerce-Modelle plötzlich wieder sexy

    Denn Corona hat den E-Commerce-Anteil im Einzelhandels in einem Jahr so ungefähr verdoppelt. Der Konsument hat durch die Krise gelernt, den Online-Handel auch dort zu nutzen, wo er ihn bisher nicht brauchte. Zudem sind ganz neue Käufergruppen aktiv geworden: Gerade in den Alterskohorten Ü60, die gleichzeitig finanzkräftig und risikopatientig sind, entdeckten viele erstmals die Möglichkeiten des Online-Einkaufs für sich. Diese Entwicklung hat dann erwartungsgemäß dazu geführt, dass sich Kapitalgeber wieder um Investments in Unternehmen reißen, die bloß bitte „etwas mit E-Commerce“ machen sollen – und sich dabei das Konzept nicht genau genug angucken oder schlichtweg nicht verstehen. Daher gibt es wieder die üblichen Übertreibungen. 

    Vor der Krise wurden E-Commerce-Modelle also von Investoren sehr über Gebühr kritisch beäugt, weil man – so die Argumentation – im B2C viel Geld für Marketing ausgeben musste, um meistens einen Einmal-Kauf aber selten langfristige Kundenbindung und somit Profitabilität zu erzeugen. Da war etwas dran (siehe Casper & Co.), aber das trübte den Blick für andere, vielversprechendere Modelle. Jetzt durch die Krise kommen aber auf einmal wieder sehr wackelige E-Commerce-Modelle wieder an zu hohe Mengen von Anlegerkapital: Anker, Farfetch, Wish… Ich persönlich höre an der einen oder anderen Stelle wieder das Rattern der Geldvernichtungsmaschine anlaufen. 

    Nicht alles was glänzt, ist auch Gold – und nicht alles, was sexy ist, ist auch gut

    Denn: Nur weil mehr Kundengruppen gerade online kaufen müssen, sind die Vor-Krisen-Argumente nicht deswegen falsch. Es ist und bleibt teuer, gegen Amazon, Zalando & Co. sowie zahlreiche etablierte Category-Leader wie etwa Thomann im Bereich Musik oder Otto und Westwing im Möbelsegment eine Position aufzubauen, von wo aus man effizient genug wirtschaften und am derzeit steroidgetriebenen Wachstum ausreichend partizipieren kann. 

    Oder, um Florian Heinemann wieder einmal zu bemühen, als Alexander Graf nun in der Krise ihn fragte, ob er jetzt seine Zurückhaltung bei E-Commerce-Konzepten bereue: „Nichts zu bereuen! Sind wir doch auch weiter im E-Commerce engagiert. (…) Mein Kritikpunkt ist aber seit längerem gewesen, dass es relativ schwierig ist, im E-Commerce auf eine gewisse Flughöhe zu kommen. Daran halte ich weiter fest. Wer aber schon auf dieser Flughöhe ist, der kann kapitaleffizient Wachstum erzeugen – vor allem in Segmenten, in denen man sich klar von Amazon differenzieren kann.“ 

    Daher sollte man beim E-Commerce aufpassen und nicht einfach mit dem jetzigen Hype mitgehen. Der ist nämlich genauso falsch, wie die vorhergehende Ablehnung von E-Commerce-Modellen, die er vergessen gemacht hat. Es ist wichtiger denn je, sich eigene Expertise aufzubauen, um granular zu verstehen, was im E-Commerce zu nachhaltigem Erfolg führt – und um, sagen wir mal, eher beim heutigen Ocado als beim nächsten Webvan einzusteigen… 

  • Im Flächenbrand Einzelhandel ist Corona bloß Beschleuniger

    Im Flächenbrand Einzelhandel ist Corona bloß Beschleuniger

    In den letzten verrückten zwölf Monaten habe ich oft geschrieben, dass ich Corona als Beschleuniger, nicht als Verursacher der Krise im stationären Handel sehe. So zum Beispiel hier und dann hier in Analysen des Marktgeschehens – und zuletzt wieder hier in meinem Kommentar zur erneuten Rettung von Galeria Karstadt Kaufhof. Daraufhin haben mir ein paar Gesprächspartner entgegengehalten, ich unterschätze die Wucht von Corona. Schließlich seien die wirtschaftlichen Auswirkungen des Virus und seiner Bekämpfung nicht nur für Warenhausketten, sondern auch für bislang sehr erfolgreiche Unternehmen wie Lufthansa brandgefährlich.

    Natürlich will ich keineswegs behaupten, dass Corona in der Schieflage der Einzelhändler unwesentlich ist. Ist es doch völlig unstrittig, dass es sich bei der Pandemie um einen unerwarteten Schock beinahe allumfassenden Ausmaßes handelt, der einige tiefgreifende Veränderungen nach sich zieht. Und ebenso natürlich würde ich der Aussage zustimmen, dass es dem stationären Einzelhandel jetzt viel schlechter geht, als es ihm jetzt zu diesem Zeitpunkt ohne Corona gegangen wäre.

    Nur: Bereits vor der Pandemie ging es ihm schlecht genug – schlecht auf eine terminale Art, in der es etwa der Luftfahrt und vielen anderen betroffenen Sektoren nicht schlecht ging. Und: Auch ohne die Pandemie würde es dem stationären Einzelhandel heute schlechter gehen, als es ihm schon länger ging.

    Kunden bleiben nicht erst seit Corona aus

    So lehnte ich mich bereits im März 2019 – also wirklich weit vor Corona – aus dem Fenster und sagte, eine Insolvenzwelle rollte auf den Einzelhandel zu. Rückläufige Frequenz, immer höhere Ladenmieten und oft beliebige oder austauschbare Filialistenware, die günstiger oder besser im Netz zu kaufen sei: Die Diagnose habe nicht nur ich aufgestellt, sie war bereits Konsens. Galeria Kaufhof (ja, noch ohne Karstadt!) war auf Schrumpfkurs; Gerry Weber, Tom Tailor und Esprit waren alle in einer Dauerkrise. Und dann rutschte im Mai 2019 prompt auch noch Bree in die Insolvenz.

    Das schreibe ich nicht im Sinne von „Ich habe es euch doch gesagt!“ Ich will uns nur kurz zwei Jahre – und gefühlt: sehr weit weg – zurückversetzen, damit wir uns vergegenwärtigen, dass dem stationären Einzelhandel die Kunden nicht erst seit Corona ausbleiben. Klar, man kann auf den eklatanten Corona-bedingten Frequenzrückgang vom vergangenen März zeigen und sagen: „-80 %! Das hat den Einzelhandel umgebracht.“ Oder aber wir nehmen das Jahr 2018, in dem in 10 von 12 Monaten die Frequenz unter der des Vorjahresmonats lag, wie eine Studie Anfang 2019 (eben vor zwei Jahren) herausfand. Weiterer Befund: Als Durchschnittsnote für ihre Innenstadt vergaben die deutschen Verbraucher lediglich eine „Drei plus“. Man kann auch noch weiter zurückgehen und sehen, dass bereits 2014 rund 40 % der Befragten in einer Umfrage zum Thema Innenstadtfrequenz antworteten, sie führen weniger häufig rein, weil sie mehr online kauften. 

    Sagen wir es mal so: -80 % sind heftig und werden, zusammen mit den anhaltenden Beschränkungen, einigen Händlern den Todesstoß versetzen; aber im Sterben lagen sie bereits. Ob sie wussten, dass sie sterben müssen, steht auf einem anderen Blatt. Aber die 80 %-ige Frequenzrückgang hätte es über die kommenden zehn Jahre auch ohne Corona gegeben: Jedes Jahr um die 10 % weniger im Schnitt tut es ja auch. Tod durch die Corona-Keule oder Tod durch tausend Stiche: Am Ende ist es dem Insolvenzverwalter auch egal.

    „Man kann das nicht wegdiskutieren“

    So meine ich das – und auf diese faktische Grundlage stütze ich mich –, wenn ich schreibe, dass Corona bloß ein Beschleuniger von Prozessen ist, sie sich so oder so ereignet hätten. Die Frage ist dann nur, ob die betroffenen Unternehmen den Ernst der Lage schon vor Corona begriffen hatten und ob sie jetzt das Tempo ihrer Maßnahmen rechtzeitig erhöhen. Einigen Filialisten dämmerte es nämlich bereits vor Corona, dass das Modell stationäre Einzelhandel nicht zukunftsfähig und dass es für den Ausbau von Online-Vertriebskanäle höchste Eisenbahn war. Diese haben es jetzt leichter, radikale Schritte zu unternehmen. So Tina Müller von Douglas, die sich bereits im Sommer 2019 beim Kollegen Alex Graf folgendermaßen äußerte: „Man kann das nicht wegdiskutieren: In einer Vielzahl mittelgroßer Städte ist ein deutlicher Frequenzrückgang zu spüren. So gestalten wir das Filialnetz gerade neu und überlegen uns, wie viele wir wirklich brauchen – und wo.“ Diese Neugestaltung vollzieht sich jetzt im Angesicht der Corona-Krise um ein Vielfaches schneller als gedacht: Im Spiegel letzte Woche sprach Tina Müller nun von „einer logischen Konsequenz aus dem Trend zum Online-Handel“, als sie die Schließung von rund ein Fünftel der Douglas-Filialen europaweit bekanntgab. Gerade rechtzeitig hat Douglas in den letzten Jahren mit Douglas.de einen eigenen Online-Vertriebsweg aufgebaut, der zwar keine Digitalunternehmer-Herzen höher schlagen lässt, der aber bereits im Einsatz erprobt ist und in der Krise skaliert werden kann. Das ist die halbe Miete. 

    Bei einigen anderen ist diese halbe Miete auch im zwölften Monat der Pandemie – und im wohl zwölften Jahr der Frequenzrückgang der Innenstädte und Stagnation des stationären Einzelhandels – nicht einmal auch nur angezahlt. Wer ein solches Geschäftsmodell noch Anno 2021 fahren will, der ist wohl nicht mehr für Argumente zugänglich. Vor allem für Hersteller, die noch zu einem nennenswerten Anteil über solche Strukturen verkaufen, heißt es daher, sich konsequent und schnell selbst zu digitalisieren und auf E-Commerce-Lösungen zu setzen. Dass die Veränderungen im Handelslandschaft wieder gemächlicher vonstatten gehen, behauptet übrigens keiner mehr.

  • Superbowl 2021: Wie hollywoodreife Werbung den stationären Handel persifliert

    Superbowl 2021: Wie hollywoodreife Werbung den stationären Handel persifliert

    Wenn ich eines aus meiner Studentenzeit in den USA mitgenommen habe, dann dies: Die Amerikaner verstehen es, eine Show abzuziehen! Keine andere Kultur beherrscht im selben Ausmaß die Verdichtung von teils komplexen Zuständen auf elementare, packende Einzelmomente – im guten wie im schlechten Sinne. In ausgesprochen schlechter Form fiel diese Eigenschaft letztens bei der Erstürmung des Kapitols auf. Etwas positiver gewendet stellt sie die Basis für die wohlverdiente Dominanz US-amerikanischer Serien und Filme dar: Denn sie sind im Schnitt nun einmal einfach besser als das, was in Deutschland und anderswo für gewöhnlich produziert wird.

    Dieser Flair in Sachen showmanship fällt nicht zuletzt beim alljährlichen USA-Sportfest Superbowl auf. Da schaffen es unsere amerikanischen Freunde aus einem zum Einschlafen langweiligen Zuschauersport wie Football (Verzeihung an alle, die ihn spielen, aber wir wollen ja hier mal offen und ehrlich sein) eine Riesenshow mit globaler Ausstrahlung zu machen. Wie sie das schaffen? Möglichst wenig tatsächlicher Football und möglichst viel lustige Werbung!

    Dafür – und für die Nostalgie nach der Zeit, als ich 19 Jahre alt und mit mehr als 10 Menschen in einem Raum war – gucke ich gern Superbowl. Dieses Jahr hat es mir ein Spot von einem Online-Gebrauchtwagenhändler namens Vroom besonders angetan.

    https://www.youtube.com/watch?v=haXc74orwhg&feature=youtu.be

    Erst einmal: Großes amerikanisches Kino! Die drastische Inszenierung einer Geiselnahme mit angedeuteter Gewalt – genau richtig viel Nervenkitzel, genau richtig viel Kontroverse, ohne ins Gewaltverherrlichende zu gehen. Meine Aufmerksamkeit hat es auf jeden Fall sofort bekommen.

    Zweitens: Es zeugt davon, wie schlecht mittlerweile einige stationäre Einkaufserlebnisse geworden sind, dass sie als gemeingültige Vorlage für solche humoristische Werbungen dienen. Wenn die Druckmittel des Verkäufers auf dem Autohof derart sprichwörtlich geworden sind, dass jeder sofort den Vergleich mit einer gewalttätigen Geiselnahme versteht, spricht das nicht gerade dafür, dass es besonders gut um die branchenübergreifend immer gleichen Argumente des stationären Handels bestellt ist: „freundliche Fachberatung in angenehmer Atmosphäre“ usw.

    Ein Auto online kaufen? Mag sich gewöhnungsbedürftig anhören (wobei hierzulande ja jüngst mit Auto1 ein Player an die Börse gegangen ist, der daraus ein riesiges Business gemacht hat). Genauso gewöhnungsbedürftig wie die Vorstellung damals, als ich noch am Babson College studierte, Kleidung und Schuhe online zu bestellen. Da habe auch ich meine Hemden höchstpersönlich bei Brooks Brothers geholt. Aber die Zeiten ändern sich und wir Kunden ändern uns auch – vor allem, wenn das stationäre Einkaufserlebnis zusehends schlechter wird und neue Online-Konzepte es eben besser machen. Zugegeben: Mit einem Stromkabel bin ich zwar noch nicht irgendwo in einem Geschäft malträtiert worden; als besonders freundlich oder auch nur einigermaßen kompetent ist mir aber lange kein angestellter Verkäufer mehr irgendwo aufgefallen. 

    So zurückhaltend würde jedenfalls ich das formulieren. Die amerikanischen Kollegen würden da wohl nach etwas drastischeren Sprachbildern greifen…

  • Alles hat ein Ende, nur Galeria Karstadt Kaufhof hat… einige.

    Alles hat ein Ende, nur Galeria Karstadt Kaufhof hat… einige.

    Das muss das Ende sein. Das dachte ich jedenfalls damals im Juni 2009, als Karstadt-Arcandor Insolvenz beantragte. Es fühlte sich eben nach Zeitenwende an. Seit Jahren schon liefen die Kunden unübersehbar zu Discountern, Filialisten und zunehmend zu Amazon sowie zum damals noch jungen Zalando über. Die Trauer über das Verschwinden von diesem „Eckpfeiler der deutschen Handelslandschaft“ konnte ich persönlich zwar nicht teilen, aber seitens der Beschäftigten – und der Rentner, die irgendwie nichts besseres mit ihrer freien Zeit anzufangen wussten, als sich schon um neun Uhr vor den noch verschlossenen Türen der Konsumtempel zu versammeln – immerhin nachvollziehen. 

    Die Wiederholung des Immergleichen

    Doch irgendwie lebte Karstadt weiter. Und irgendwie brauchte sich mein Verständnis für die Beschäftigten und die immer weniger werdenden Kunden des Unternehmens mit jedem Doch-Nicht-Ende ein Stück weiter auf. Zumal diese Enden immer häufiger – und daher immer langweiliger, weil immer absehbarer und immer repetitiver – wurden. Dank Polit-Aktionismus, dauerhaft-bis-nervtötender gewerkschaftlicher Medienbeschallung und, gelinde gesagt, problematischen Retter-in-der-Not-Figuren à la  Berggruen und Benko, entkam die todgeweihte Warenhauskette nämlich immer wieder dem Sensenmann. (Auf die Chronologie ging ich hier bereits länger ein.) Und selbst als alle Therapieoptionen dann wirklich ausgereizt waren und das Ende des Unternehmens unumgänglich war, gab es den Löffel einfach immer noch nicht ab – sondern warf ihn neben den von Galeria-Kaufhof in die Schüssel. Spätestens da hatte ich kein Mitleid mehr: Wer als Arbeitnehmer noch dort beschäftigt oder als Investor dort beteiligt ist, hat genug Gelegenheit gehabt, festzustellen, was die Glocke schlägt.

    Ja, die Leidensfähigkeit der Beschäftigten, der Gewerkschaftsaktivisten und nicht zuletzt der Investoren verlangte einem eigentlich Respekt ab, wenn sie nicht mittlerweile so furchtbar offenkundig umsonst wäre. Ich habe schon Respekt vor jemanden, der für eine Causa brennt, selbst wenn ich sie nicht teile. Mir waren Warenhäuser zwar immer egal, anderen waren sie aber wichtig. Sollen sie doch versuchen, sie zu erhalten. Nur: Die Grenze zwischen engagiert und borniert, zwischen Idealist und Fantasist ist fließend. Diese immer neuen Aufrufe, „Karstadt zu retten“ weil „die Zukunft der Innenstädte auf dem Spiel steht“ und „Begegnungsstätten verloren zugehen drohen“… Das ist doch nicht mehr ernst zu nehmen. Man kann, man muss für das kämpfen, woran man glaubt. Man muss aber eben auch den Punkt erkennen, an dem der noble Glaube in schlichte Realitätsverweigerung umschlägt.

    Zu nichts anderem übrigens rate ich Gründern in der Digitalwirtschaft, die drei-, vier- oder fünfmal mit bis zum Verwechseln ähnlich bescheuerten Konzepten auf die Nase gefallen sind und immer noch nicht einsehen wollen, dass sie eben nicht das nächste Zalando am Start haben. Denn oft wird Kritik von meiner Zunft am mittlerweile krankhaften Festhalten an alten stationären Strukturen damit abgetan, dass wir Digitalberater mit zweierlei Maßstab messen und jungen Unternehmern das allzu bereitwillig verzeihen würden, wessen wir anderen bezichtigen, wenn sie sich nur hartnäckig genug als „start-up entrepreneur“ schimpfen. 

    Staatshilfe: Eine Menge Heu für ein totes Pferd

    Dem Bund würde ich jedenfalls dazu raten, keine 460 Millionen Euro Steuergeld (WELT) in eine Struktur zu stecken, die nicht mehr nur vor dem Aus, sondern bereits ein gutes Stück danach steht. Auf die genauen Gründe brauche ich nicht – oder: sollte ich nicht mehr brauchen – einzugehen. Ich glaube, es sagt alles, dass sich die Monopolkommission nicht deswegen einschaltet, weil die letzte verbliebene Warenhauskette zu einem Monopolist zu werden droht: Sie ist ja ein Monopolist, aber in einem Marktsegment, das zu unbedeutend ist, um aus Sicht der Kommission eine Gefahr der Wettbewerbsverzerrung darzustellen. Nein, die Monopolkommission rügt, dass das Darlehen nachrangig gestaltet sein soll. So deren Präsidenten Kühling im verlinkten Artikel: „Im Insolvenzfall besteht kaum eine Chance auf Rückzahlung.“ Das hat der Mann sehr vorsichtig formuliert. Ich würde es so sagen: „Beim demnächst wahrscheinlich anstehenden Insolvenzverfahren werden 460 Millionen Euro Steuergeld für immer verschwunden sein.“ 

    Eine Menge Heu also für ein totes Pferd, das so oder so zum Sterben verurteilt ist. Denn Corona ist hier bloß der Beschleuniger, aber keineswegs der Verursacher des fortgesetzten Verfalls. Der Versuch, die Pandemie als Feigenblatt für Subventionen zu benutzen, ist eklatant durchschaubar. Man muss nur den Plausibilitätstest machen: Wir schließen die Augen und versetzen uns ins Jahr 2025. Sehen wir da Trauben von Menschen vorm Karstadthof-Eingang, die darauf brennen, um 9:30 Uhr reingelassen zu werden, um dann eine halbe Stunde darauf zu warten, dass ihnen eine gehetzte Verkäuferin die Vorzüge einer Fissler-Pfanne erklärt – oder warte, war das nicht doch eine von WMF…?

    Alles hat ein Ende…

    460 Millionen Euro! Dabei haben wir hier städtische Theater und Schwimmbadbetreiber, die auf dem Zahnfleisch kriechen. Da sollte man das Steuergeld viel eher reinstecken. Da ist es zwar genauso weg, wie wenn wir es Kaleriastadthof (oder wie auch immer es nach der nächsten Restrukturierung heißt) geben. Nur: Theater und Thermen werden 2025 noch aktuell sein. Noch in hundert, vermutlich in tausend Jahren werden die Menschen sie noch aufsuchen. Sie hat es ja seit der Antike gegeben. In einigen griechischen Halbkreisen werden heute noch vor Publikum Tragödien aufgeführt – dieselben, ewigen Geschichten, die von todgeweihten Helden erzählen, die gegen das Unausweichliche ankämpfen und daran zugrunde gehen. Das ist ja das Wesen der Tragödie nach antikem Muster – und mittlerweile das Wesen der Warenhausgeschichte.

    Und jetzt muss – trotz der (mittlerweile relativ wenigen) Arbeitsplätze, trotz der (immer realitätsfernerer) Innenstadt-Belebungsfolklore – eben mit dieser Geschichte ein und für allemal Schluss sein. Denn sonst findet sie kein Ende. Nur Enden, von denen es schon viel zu viele gab.

  • „Ein Weihnachten, wie wir es noch nie erlebt haben!“ (Eine Fortsetzungsgeschichte, Teil 3)

    „Ein Weihnachten, wie wir es noch nie erlebt haben!“ (Eine Fortsetzungsgeschichte, Teil 3)

    Das Rentnerehepaar Meyers versucht zum ersten Mal, Weihnachtsgeschenke online zu kaufen. Das hat sich an diesem 10. Dezember als schwieriges Unterfangen dargestellt.

    Günther Meyer wird gegen Abend wach und dreht sich im Sessel zu seiner Frau Gabriele um. „Hängst du immer noch vor diesem Tablet?“ fragt er, halb im Scherz und halb vorwurfsvoll. Bald ist nämlich Abendbrotzeit: Ganz pünktlich werden sie wohl nicht mehr am Tisch sitzen. Er hat aber gelernt, dass es ein taktischer Fehler ersten Grades sein kann, solche Befürchtungen auszusprechen.

    „Ja Schatz, aber ich habe fast alle Weihnachtsgeschenke zusammen. Selbst dieses Lego-Schloss für Torben habe ich jetzt für unter 400€ gefunden.“ Zu Günther war im Halbschlaf immer wieder durchgedrungen, wie teuer dieses verflixte Lego-Schloss überall war. Es interessiert ihn also jetzt bei aller Sorge um ein zeitiges Abendessen, wie seine Frau es schon wieder geschafft hat.

    „Du, ich habe das nochmal bei Google eingegeben und bin zu Idealo gekommen. Das ist so eine Vergleichsmaschine: Die Listen da immer die besten Angebote auf. Die Marlene hatte mir mal davon erzählt, weil sie darüber mal sehr günstig in den Urlaub geflogen war… Jedenfalls führte das dann zu so einem Angebot auf eBay. Der Verkäufer heißt Zyberpoort oder so was Komisches, sitzt aber in Dresden und ich habe da gerade angerufen. Das Schloss gibt es wirklich und wir kriegen das bis Weihnachten!“

    „Ach, eBay!“ sagt Günther – froh, mindestens eine Vokabel im Redefluss erkannt zu haben: „Dann kannst du unser Konto dort benutzen, um das zu kaufen.“ „Genau!“ sagt seine Frau und loggt sich unter GGMeyers1949 ein, um das begehrte Spielzeugschloss zu kaufen.

    Ein Happy End zu Weihnachten, also! Aber eins, das eine Geschichte abschließt, die deutlich machen soll, welche Aufgaben im diesjährigen Dezembermonat vor dem Online-Handel liegen. In Zeiten von „Lockdowns“ und „Zuhause bleiben“ rollt eine riesige, nie zuvor dagewesene Nachfragewelle auf Akteure im E-Commerce zu. Hersteller, Händler, Marktplätze: Alle, die an dieser Nachfrage partizipieren wollen – und wer kann es sich schon erlauben, das Weihnachtsgeschäft nicht zu wollen? – müssen sich darauf einstellen. Mit dieser Welle kommen aber nicht nur geübte Schwimmer in Bestform angekrault, sondern auch viele Beginner, die mit dem E-Commerce noch nicht so ganz viel Erfahrung haben.

    Das sind oft Konsumenten, die nicht einfach so loskaufen – vor allem nicht in der Vorweihnachtszeit, wenn es um Geschenke geht, die unter dem Christbaum liegen sollen. Sie wollen übersichtliche Suchmöglichkeiten mit den richtigen Treffern, die auf Seiten mit guten, umfassenden Produktinformationen führen. Für viele von Ihnen ist das Telefon noch der Kontaktweg erster Wahl, weil sie unsicher sind; weil sie befürchten, E-Mail könnte zu lange dauern; und weil sie höchstens mit ihren Enkeln auf WhatsApp „chatten“. Andererseits gehören sie oft zu einer Risikogruppe und sind dieses Jahr motiviert wie nie zuvor, sich mit den Möglichkeiten im E-Commerce zu beschäftigen. Es ist also für viele Online-Händler, Markenhersteller und Marktplätze eine einmalige Gelegenheit, ihren Kundenstamm schnell zu ergänzen und um ganz neue Käuferschichten zu erweitern.

    Die Voraussetzungen dafür sind natürlich, dass man genug Ware vorrätig hat, dass die Logistik funktioniert und dass der Service auf neue Kunden – und auf neue Sorten von Kunden – vorbereitet ist. Wie realistisch das in der kurzen Zeit, die noch verbleibt, wirklich ist, ist bei vielen Akteuren ungewiss.

    Eins ist aber klar: Es wird auf jeden Fall ein Weihnachten, wie wir es noch nie erlebt haben! 

  • „Ein Weihnachten, wie wir es noch nie erlebt haben!“ (Eine Fortsetzungsgeschichte, Teil 2)

    „Ein Weihnachten, wie wir es noch nie erlebt haben!“ (Eine Fortsetzungsgeschichte, Teil 2)

    In der ersten Folge lernten wir das durch den Corona-Herbst zu Online-Kunden gewordene Rentnerehepaar Meyers kennen – und sahen, wie sie mit Erschrecken feststellten, dass der 10. Dezember in diesem Jahr schon für das eine oder andere Weihnachtsgeschenk zu knapp ist!

    Es ist spät geworden an diesem 10. Dezember 2020. Draußen dämmert es; es brennen zwei Adventskerzen neben trocken gewordenen Keksen auf dem bunten Teller; und Günther Meyer bringt seiner Frau Gabriele eine Tasse Kaffee. „Wie läuft es denn, Schatz? Haben wir was zusammen?“.

    „Halbwegs. Den Pulli für Melanie habe ich dann doch noch bei einem Händler in Deutschland gefunden, Lieferung am 18. Dezember. Und für Johannes habe ich eine Lösung: Die Klimmzugstange, die er haben wollte, gab es wirklich nirgends mehr. Aber ich habe ihm bei Sport Tiedje einen Gutschein gekauft. Dann kann er es selber nach Weihnachten bestellen.“ „Da wäre ich nicht drauf gekommen!“ sagt Günther, voller Anerkennung für seine erfinderische Ehegattin.

    „Nur: Für die Kinder sind Gutscheine blöd. Sie wollen ja über Weihnachten schon etwas zum Spielen haben,“ sagt Gabriele und nimmt das Heißgetränk entgegen. Sie hatte vor ein paar Tagen bei ihrem Sohn Johannes angerufen, um zu hören, was sich die Enkel dieses Jahr wünschten: Torben, 10 Jahre alt, wünscht sich ein bestimmtes Lego-Modell – das Harry-Potter-Schloss. „Du, Mama, dass findet man auf jeden Fall bei Amazon,“ hatte er gesagt. „Ich verstehe ohnehin nicht, warum du da nichts bestellen magst.“ „Aber die Arbeitsbedingungen dort…“ „Ach! So schlimm ist das bei ihnen ja auch nicht, Mama. Mal ganz ehrlich: Die bei Karstadt haben es mittlerweile auch nicht viel besser…“

    Der Satz geht Gabriele kurz durch den Kopf, nachdem auf Lego.com, das ganz oben bei Google rangierte, sämtliche Produkte „demnächst verfügbar“ sind – auch das besagte Schloss. Gabriele ahnt zwar, dass das mit Weihnachten zusammenhängen könnte, will das aber prüfen und greift zum Hörer, während sie auf der Seite nach einer Rufnummer sucht. Schließlich heißt „demnächst verfügbar“ doch nicht gleich ,ausverkauft’, oder? Und wenn man direkt vom Hersteller kauft, wird das kein Reinfall sein. „Verflixt! Wo ruft man denn bei denen an? Für ein Spielzeugschloss, das 389,91€ kosten soll, wird man sich wohl beraten lassen dürfen!“ ruft sie entnervt. Erst ganz unten auf der Seite entdeckt sie nach einem gefühlt ewigen Scrollen die Rubrik „Support“. „Schatz, du warst ja Außenhandelskaufmann. Heißt Sup… Sup… Support eigentlich ‚Hilfe‘ auf Englisch. Ja, oder?“ Nachdem sie sich diese Rückversicherung geholt hat, klickt sie auf das Fremdwort zwischen „Über uns“ und „Attraktionen“, dann auf „Kontakt“ – und sieht zuerst „E-Mail-Schreiben“ und „Chatten Sie mit uns“. Erst darunter entdeckt sie die kleine Kachel „Anrufen“.

    „Schatz,“ dreht sie sich nochmal zu ihrem Mann um, der schon wieder dabei ist, im Sessel einzunicken, „sind 0800-Nummer eigentlich die kostenfreien? Oder soll man da aufpassen?“ Stille; leises Schnarchen. Dann nimmt sie all ihren Mut zusammen, wählt die Nummer – und legt wieder auf, als sie hört, dass zwar der nächste freie Mitarbeiter für sie reserviert ist, dass die voraussichtliche Wartezeit aber 18 Minuten und 30 Sekunden betrage.

    „Warum eigentlich nicht?“ denkt sie sich und ruft Amazon.de auf. „Wenn selbst der Johannes das gar nicht mehr so schlimm findet…“. An der Uni verbrachte ihr Sohn eigentlich mehr Zeit mit Demonstrieren als Studieren, wie Günther fand, und arbeitet jetzt als Sozialpädagoge. So ganz unmoralisch kann er also nicht sein. Bei Amazon gibt sie „Lego Schloss Harry Potter“ ein – und freut sich, als der erste Produkttreffer sofort mit einem Preis von nur 199,99€ angezeigt wird. Als sie aber auf den Artikel klickt – „Schatz, was heißt eigentlich… Gesponsert?“ – liest sie den Zusatz „ohne Lego-Set“ und merkt, dass es sich um ein „LED Beleuchtungsset für Lego Harry Potter Schloss“ handelt. 

    Erst als sie bis zum fünften Ergebnis runtergescrollt hat, findet sie den eigentlichen „LEGO Harry Potter Schloss Hogwarts Bauset“. Der wird allerdings ohne Preis angezeigt. Als sie mal wieder all ihren Mut zusammennimmt und darauf klickt – Ihre Mutter hatte ihr immer eingebläut: „Wenn kein Preisschild drauf ist, kannste dir’s eh nich leisten!“ – sucht sie verzweifelt nach dem „Kaufen“-Knopf. Lediglich den Hinweis „Erhältlich bei diesen Anbietern“ findet sie und landet dann auf einer Liste von Händlern mit dubiosen Namen wie „RedCat“, die alle das Modell zu einem stolzen Preis weiter über 400€ anbieten… Gabriele begibt sich auf die Suche nach einer Service-Hotline bei Amazon.de.

    Wir sehen: Wenn dieser Tage nicht unbedingt digitalaffine Käuferschichten wie „65+, mittleres Einkommen“ auf die digitale Welt treffen, läuft es alles andere als reibungslos. Von der Anfangseuphorie der Dotcom-Welle – lauter „Silver-Surfer“, die auf eBay tolle Beute „günstig schießen“ – ist nicht viel geblieben in Zeiten von Sponsored Listings und Chat-Lösungen.

    In der letzten Folge dieser Weihnachtsserie findet Gabriele ihre digitale Heimat, während Günther weiter vorm Frühabendprogramm vor sich hin döst.

  • „Ein Weihnachten, wie wir es noch nie erlebt haben!“ (Eine Fortsetzungsgeschichte, Teil 1)

    „Ein Weihnachten, wie wir es noch nie erlebt haben!“ (Eine Fortsetzungsgeschichte, Teil 1)

    Weihnachten naht, Corona hält an und Online boomt wie nie zuvor. So weit, so unspektakulär. Auf die Zusammenhänge brauche ich kaum noch einzugehen. Denn bei den weiter bestehenden Kontaktbeschränkungen, fehlenden Glühweinhütten und immer neuen Appellen, doch bitte möglichst zu Hause zu bleiben, vergeht selbst dem eingefleischtesten Stadtbummler die Lust am stationären Geschenkekauf. 

    „Dann kaufen wir die Geschenke eben online,“ sagt sich selbst Rentnerehepaar Gabriele und Günther Meyer, das sonst immer „die Sachen vorher in Echt sehen“ und dabei der netten Verkäuferin dazu ein paar Fragen stellen wollte (die sie zwar nie beantworten konnte, aber sei’s drum…). „Aber in die Stadt mit Maske?“ fragt sich Günther: „Spätestens nach einer Viertelstunde kriegt man ja keine Luft mehr!“ „Und die Hälfte trägt sie nicht mal richtig und niest einem beinahe ins Gesicht!“ sagt Gabriele. „Dann bestellen wir die Geschenke eben im Netz.“ Das sei doch gar nicht mal so schwer, überlegen sich die beiden. Schließlich haben sie ja jetzt ein Tablet und Sohn Johannes hat dem Vater schon vor paar Jahren gezeigt, wie er auf eBay Sachen für seine Modelleisenbahn kaufen kann. „Und dann habe ich endlich mal einen Grund, die Kreditkarte zu benutzen!“ sagt Gabriele, halb erfreut und halb panisch. Die holte man nämlich sonst nur für Urlaube auf den Kanaren raus. „Das wird ohnehin ein Weihnachten, wie wir es noch nie erlebt haben!“ sagt Günther.

    Nur eins ist wie immer in Vorjahren: Meyers sind spät dran. „Es ist schon wieder bereits Nikolaus und wir haben noch nichts gekauft!“ klagt Gabriele. „Mach dir keine Sorgen Schatz: ‚Heute bestellt, morgen da‘!“ zitiert Günther beruhigend einen Werbeschnipsel, den er irgendwo gehört hat. Was die beiden nicht wissen – aber vielleicht erahnen könnten: Sie sind nicht die einzigen, die in dieser außergewöhnlichen Vorweihnachtszeit nicht wie sonst in die Stadt zum Geschenkekaufen fahren, sondern alles im Netz kaufen wollen. 2019 übernahm Online je nach Zählmethode insgesamt 10% bis 15% der Handelsfunktion in Deutschland; 2020 kann sich diese Zahl verdoppeln, gar verdreifachen. Erst in ein paar Monaten wird es Klarheit geben, um welche Vervielfachung genau es sich handelt.

    Was wir aber jetzt schon mit Gewissheit sagen können: Die Logistikkapazität des deutschen Online-Handels hat sich nicht vervielfacht. Auch auf Biegen, Brechen und „Alles einstellen, was sich nicht wehrt!“ hat kein Händler seine Infrastruktur im bereits vor der Corona-Krise boomenden Online-Handel schnell genug ausbauen können. Selbst Amazon ächzt unter dem eigenen Lieferversprechen. Und die Logistiker sind noch näher am Kollaps, als sie es eh schon waren. Vielerorts stellt die Post nur noch an einigen Werktagen überhaupt zu, weil sich trotz tollster Tarifabschlüsse keine Briefträger mehr finden lässt und viele davon bereits jetzt fürs Tochterunternehmen DHL Pakete ausliefern. Sonst hechelt die Konzerntochter mit eilends aufgetriebenen „Im Auftrag“-Fahrern der Paketflut nur noch hinterher. Saisonkräfte? Sind trotz gestiegener Arbeitslosigkeit rar – genauso wie die Lieferfahrzeuge, die sie lenken sollen. Und Hermes hat gefühlt vollständig kapituliert: Nicht mal fürs (Un)Höflichkeitsklingeln vor dem obligatorischen „Beim (sehr weit entfernten) Paketshop abgegeben“ haben die Fahrer noch Zeit.

    So ist schlicht und ergreifend davon auszugehen, dass dieses Jahr zum ersten Mal nennenswerteEngpässe im Online-Handel zum Vorschein treten. Sonst schaffte man es immer irgendwie gerade noch über den Weihnachtsberg zum 16.-18. Dezember hin und verschnaufte kurz, bevor es mit den Retouren losging. Das wird in diesem Jahr mehr Kraftakt sein denn je. Und dazu wird sich ein Problem gesellen, das sonst selten im Online-Handel vorkam: Mangelnde Verfügbarkeit von Ware. Denn selbst die Händler, die aufgrund der aktuellen Lage dieses Jahr ein noch optimistischeres Bestandsmanagement pflegen, als sie es in Vorjahren ohnehin schon taten, kommen irgendwann an Grenzen: Flüssige Mittel zur Vorfinanzierung, eigene Lagerkapazität, Lieferbarkeit seitens der Hersteller…

    Als sich Meyers überlegt haben, was sie alles kaufen wollen und sich vormittags am Esstisch hinsetzen, sind noch ein paar Tage verstrichen: „Oh Gott! Wir schreiben den 10. Dezember schon!“. Gabriele hat in dieser Zeit wieder ihre Zugangsdaten für Otto.de gefunden – vor paar Jahren hatte sie das mal ausprobiert, weil bestehende Katalog-Kunden angeschrieben wurden. Nun gerät sie nach einer halben Stunde in regelrechte Panik. „Schon wieder ‚In 3-5 Wochen lieferbar?` Sag mal, können die uns überhaupt was bis Weihnachten anbieten?“ Sie gibt sich aber nicht geschlagen: Bei einem Pulli, den sich die Schwiegertochter wünscht, sucht sie nochmal nach dem Label auf Google und kommt zur Webseite des Herstellers: „Alle Größen bis auf XS und XXXL vergriffen? Das kann doch nicht wahr sein!“.

    Nach einer Viertelstunde hat sie endlich einen Online-Shop gefunden, der den Pulli noch in M anbietet – in Österreich. „Günther, findest du die Angabe ‚Lieferung 18. bis 23. Dezember‘ nicht etwas knapp? Ich meine, wenn es bis zum 23. Dezember nicht da ist, dann… Günther?“

    Günther – auch das ist wie in Vorjahren – hat bereits aufgegeben. Nur dass er es nicht darauf anlegen muss, zufällig an der Tchibo-Filiale vorbeizulaufen: Diesmal kann er sich zu Hause im Sessel vom Geschenkekaufen ausruhen. Und im Sessel schläft er immer sofort ein.

    In der Fortsetzung versuchen Gabriele und Günther, ein bestimmtes Lego-Modell für Enkel Torben zu kaufen…

  • Digitalisierung in der Landtechnik

    Digitalisierung in der Landtechnik

    E-Commerce ist auch für die Landtechnikbranche unumgehbar.
    Mehr zu diesem Thema sowie ein kostenloses Whitepaper findet ihr in der Agrarzeitung unter folgendem Link:

    https://www.agrarzeitung.de/nachrichten/in-eigener-sache/whitepaper-technik-talk-e-commerce-in-der-landtechnik-93799

  • Shopify ist vieles, aber nicht das neue Amazon

    Shopify ist vieles, aber nicht das neue Amazon

    >> Kurz vorweg und zur Vertiefung des Themas, hört rein in meinen Podcast mit Christian Hermann von ntv.de zum Thema Shopify aus der ntv-Reihe „Wieder was gelernt“: ntv.de – Podcast „Vorsicht, Amazon – hier kommt Shopify“<<

     

    Aktuell ist ja viel von Shopify und seiner spannenden Wachstumsgeschichte die Rede. Das ist auch gut so: Schließlich hat sich der kanadische Technologieanbieter mit dem deutschen Gründer Tobias Lütke im Stillen zu einer relevanten Größe im Handel gemausert, während alle den Blick mehr oder minder ausschließlich auf Kalifornien und Washington gerichtet hatten. Vor allem, als in der Corona-Krise Millionen Kleinunternehmer nach eine Möglichkeit suchten, schnell online zu verkaufen, glänzte Shopify mit einer sofort einsetzbaren Lösung und wuchs rasant. Dabei wird jetzt Shopify oft als „das nächste Amazon“ oder gar „Amazon-Konkurrent“ bezeichnet. Das stimmt jedoch nicht.

    B2B, nicht B2C

    Es fällt auf: Nur wenige Analysten scheinen ganz genau zu verstehen, was Shopify anbietet. Denn Shopify ist trotz des Namens keine Shopping-App, kein Online-Händler, kein Marktplatz wie Amazon, eBay oder Zalando. Vielmehr handelt es sich um einen Technologieanbieter im Sinne von Demandware, Hybris, oder Spryker – bloß für kleinere Händler und Hersteller. Shopify bietet einfach zu konfigurierende Online-Shops mit eingebauter Zahlungsabwicklung und Schnittstellen zu Vermarktung und Logistik an. Zudem hat das Unternehmen eine smarte Kassenlösung für den stationären Einzelhandel entwickelt, die Kartenzahlungen über einen Tablet-Computer laufen lässt und diese Umsätze auch digital einpflegt. 

    Unter Shopifys gut einer Million Kunden weltweit sind also keine Konsumenten, sondern viele Kleinhändler, die Kunsthandwerkssachen oder selbstgenähte Kleidung übers Netz verschicken und in 30-Quadratmeter-Läden in Berlin-Kreuzberg verkaufen. Darunter sind auch viele Gastronomen, die an der Tablet-Kasse schätzen, dass sie sich mit der Buchungssoftware im Internet gut integrieren lässt. Für Kundenbindungsmaßnahmen zudem interessant und nicht zuletzt in der Corona-Krise wichtig: die korrekte Angabe von Kundenkontaktdaten. Shopify ist so etwas wie ein Website-Builder, aber für Webshops. Man könnte es als „Shopsystem des kleinen Mannes“ bezeichnen, als perfekte Fertiglösung für Unternehmen – und vor allem Unternehmer – die weder Zeit noch Ressourcen für individuelle Software-Lösungen haben oder schlichtweg keinen Bedarf danach.

    Keine Gefahr für Amazon – vorerst

    Das heißt: In erster Linie ist Shopify eine Konkurrenz für Shopsysteme, die eher am unteren Ende des Markts angesiedelt waren – und zwar ziemlich scharfe Konkurrenz. Shopware, Magento, Oxid: Verglichen mit Shopify sind sie zu groß, zu komplex und zu teuer – nur nicht ausdifferenziert genug für die Anforderungen von großen Kunden mit ehrgeizigen digitalen Zielen, die auf Spitzenlösungen wie Spryker, Demandware und Hybris setzen werden.

    Für Amazon bedeutet Shopify aber erstmal: wenig bis überhaupt nichts. Amazons Geschäftsmodell ist es nicht, Kleinhändlern mit Shopsystemen auszustatten. Der Riese aus Seattle bietet ihnen Zugang zu seinem eigenen Marktplatzökosystem – übrigens schon seit 2015 auch über eine Schnittstelle zu Shopify. Soviel also zur Idee, dass es sich um Konkurrenz handelt. Denn Kunden, die etwas kaufen, rufen Amazon auf oder öffnen die Amazon-App oder sagen: „Alexa! Ich hätte gern…“. Kunden gehen nicht „zu Shopify“ sondern zu Kleinhändlern, die zufällig Shopify-Lösungen benutzen.

    Daran wird meiner Ansicht nach auch der Launch der Shop-App von Shopify nichts ändern. Diese auf Konsumenten gerichtete Applikation, die bei Shopify verkaufende Händler listet, darf man durchaus als Schritt in Richtung Konkurrenz zu Amazon deuten. Zudem will Shopify nun mit eigenen Logistikkapazitäten in FBA-Manier Händlern schnellere und bessere Lieferungen ermöglichen. Nur: Wer kann sich vorstellen, dass die weltweit beinahe Milliarden Amazon-Kunden jetzt in Scharen ihre Einkaufsgewohnheiten über den Haufen werfen und plötzlich über eine andere Plattform ordern? 

    Shopify hat viel Potenzial, Amazon die Endkunden

    Selbst wenn Shopify das bessere Nutzungserlebnis anbietet:  Die Bindung durch den Streaming- und Premium-Service Prime, die moderaten bis unschlagbaren Preise und die blitzschnelle Lieferung lassen Amazon-Kunden über das miserable Website-Design und über die mit schrottigen Suchergebnissen durchsetzte App hinwegsehen.

    Diese starke Kundenbindung geht mittlerweile so weit, dass viele Amazon-Kunden gar nicht mehr vergleichen und daher gar nicht mehr für andere Anbieter – auch mit besseren Angeboten – zugänglich sind. Statt nach Produkten zu googlen, “amazonen” viele bereits direkt. Das muss natürlich nicht so bleiben. Ich halte es aber für äußerst unwahrscheinlich, dass ein Unternehmen wie Shopify, dessen Kernkompetenz die Zurverfügungstellung von technischen Handelsabwicklungslösungen ist, Amazon in puncto Kundenbindung, Logistik und Preis übertrifft. 

    Shopify speist sich gerade aus den fast unerschöpflichen Reserven des weltweiten Kleinunternehmertums und hat mit seinem Geschäftsmodell viel Potenzial. Das Unternehmen ist schon groß und wird noch viel größer werden. Das neue Amazon ist es aber nicht.