Kaum ist man ein paar Wochen weg und verbringt eine spannende Zeit in den USA – und schon reist man in ein anderes Deutschland wieder zurück! Und nein, ich will hier nicht über Politik schreiben, selbst wenn E-Commerce und die Auswirkungen des digitalen Wandels gesellschaftlich höchstrelevant sind! Vielmehr meine ich das Erdbeben im Dax. Denn es ist schon ein anderes Land, wenn nur noch die Deutsche Bank als einziges herkömmliches Finanzinstitut im Leitindex des deutschen Aktienmarkts (gerade noch) vertreten ist.
Und zeitgleich mit dem Ausscheiden der Commerzbank aus dem Dax – immerhin eins der Gründungsmitglieder, das (ähnlich wie der HSV in der Bundesliga) den Anschluss verpasst hat –, fangen auch liebgewonnene Zahlungsmittel an, sich aus dem Alltag zu verabschieden. Wie auch im letzten Artikel will ich wieder aus meiner gerade zu Ende gegangenen jährlichen USA-Sommer-Auszeit erzählen, um die Verhältnisse hierzulande zu erklären. Bin ich doch nach wie vor davon überzeugt, dass Reisen bildet – und dass Reiseberichte Verfassern sowie Lesern neue Perspektiven auf die Heimat eröffnen können.
Was ich drüben diesmal extrem spannend fand, war das Verschwinden der Kreditkarte aus dem täglichen Leben. Ohne Übertreibung: Wer in USA jetzt nicht mit Handy, AppleWatch oder einem anderem App-fähigen Gerät bezahlt, wird beinahe schon schief angeguckt. Einerseits ist das natürlich nichts weiter als eine logische Entwicklung, da viele Menschen zwar kein Portemonnaie mehr in der Tasche haben, aber dafür eigentlich immer ihr Handy dabei haben. Andererseits hat es schon eine größere Bedeutung: nämlich, dass eins der GAFA-Unternehmen – hier Apple mit Apple Pay – nun auch in der offline Welt viele Transaktionen (und die damit verbundenen Daten) übernimmt.
Dieser Vorstoß kommt für die hiesige Finanzwirtschaft zur Unzeit. Egal ob Investorenausstieg bei der Deutschen Bank oder eben der Abstieg der Commerzbank aus dem Dax, die großen Banken hierzulande haben sich, wie viele deutsche Unternehmen, wesentlich stärker auf das Produzieren von peinlichen Skandalen konzentriert, als auf das Entwickeln von Zukunftsstrategien. Gerade in Deutschland sehen die Banken ihre Aufgabe anscheinend eher darin, endlich die Kunden mit lästigen Gebühren und Negativzinsen zu vertreiben (denn eine Bank ließe sich doch so herrlich leicht verwalten, wenn nur nicht diese ganzen Kunden immer wären…!), als darin, sich zu überlegen, wie ihr zerbrochenes Geschäftsmodell zu ersetzen sein könnte.
Ja, klar, die Finanzindustrie wird von aufstrebenden FinTechs einerseits, der Zinspolitik der Notenbanken andererseits und auch noch den GAFAs in die Mangel genommen. Ebenfalls klar: Vorstand bei einem etablierten Finanzinstitut mit miserabler Legacy-IT und demotivierten, innerlich kündigenden Belegschaft möchte ich nicht sein. Aber es ist nun nicht so, dass sämtliche Banken in den entwickelten Volkswirtschaften gleich stark unter diesen zugegebenermaßen widrigen Bedingungen leiden. Einige schlagen sich sogar ganz tapfer, anstatt – wie fast die gesammelte deutsche Finanzwirtschaft – einfach der EZB den schwarzen Peter zuzuschieben, Gebühren zu erhöhen und Kunden in die Arme der N26s und Solaris‘ der Hauptstadt zu treiben.
Die EZB hat sogar schon belegt, dass neue oder höhere Gebühren für Endkonsumenten „lediglich schwach positiv“ mit höherer Profitabilität korrelieren. Dies tat sie sicherlich teils zu ihrer Selbstverteidigung, aber sicherlich teils auch, weil es einfach stimmt und weil sie kein Interesse daran hat, dass hier Banken reihenweise pleitegehen. So versucht sie ihnen sanft durch die Blume zu sagen: „Ändert euer Geschäftsmodell! Denkt vom Kunden her!“
Und genau damit tun sich die deutschen Banken wirklich schwer. Sie setzen nach wie vor darauf, dass der Kunde sie einfach braucht und gehen davon aus, dass Größe nach wie vor ein Vorteil ist. Damit haben sie zwar ein bisschen recht: Wer wollte es ohne ein Girokonto probieren? In Amerika zahlen die Leute einerseits beherzt mit AppleWatches, was einem hier in einem Penny- oder Netto-Markt wie Science-Fiction vorkommen könnte. Andererseits müssen doch genug Leute hohe Beträge (Gas, Strom, Miete) in Bar begleichen. Das wiederum kommt einem Deutschen wie ewiggestrig vor. Man hat ja ein Konto.
Damit ist aber nicht gesagt, dass man dieses Konto bei einer Kundenbank oder Sparkasse braucht. Die Kollegen von Etribes zitieren in ihrer Studie zu den Banken Knut zahlt bar treffend Bill Gates: „Banking is necessary. Banks aren’t.“ Apple übernimmt in den Staaten bereits eine Säule des Bankenwesens: Zahlungsverkehr – und kommt im Herbst nach Deutschland.
Zum Thema Zahlungsverkehr war es übrigens ein in der New Economy entstandener Bezahldienst, der die Commerzbank im Dax abgelöst hat: Wirecard. Ja: Ein FinTech hat eine Großbank im Leitindex des deutschen Aktienmarktes ersetzt.
Die Zukunft ist nicht nur auf der anderen Seite des Atlantiks zu finden. Sie ist bereits bei uns angekommen! Hoffentlich verpassen wir nicht auch noch hier vor lauter rascheln der Geldscheine die nächste technologische Entwicklung.