Schlagwort: e-commerce

  • Angriff der Klonkrieger

    Angriff der Klonkrieger

    Ja, Amazon gehört definitiv zu den Gewinnern des letzten Jahres. Davon profitieren auch unzählige E-Commerce-Unternehmen, deren Geschäftsmodell darin besteht, Amazon Seller – also Händler, die Amazon als Marktplatz nutzen – zu kaufen und irgendwann profitabel zu machen.

    Das bekannteste ist Thrasio aus den USA: Mittlerweile wird das Unternehmen mit über einer Milliarde Dollar bewertet. Allein im Jahr 2020 flossen über 300 Millionen Dollar in die Kassen. Kriegskassen, muss man sagen.

    Denn um die Herrschaft im Amazon-Universum ist ein harter Kampf entbrannt. Immer mehr Unternehmen, die Seller aufkaufen und sie so gebündelt „Synergien heben“ lassen wollen, treten auf den Plan. Die Internet World Business führt dazu sogar Buch – und registrierte bis Ende 2020 mindestens eine Milliarde Dollar Funding in Summe.

    Auch in Deutschland gibt es Thrasio-Klone. Sie heißen etwa SellerX (mit 100 Millionen Euro ausgestattet) oder Razor Group (hier gab es zuletzt immerhin 25 Millionen Euro). Ganz neu dabei: BRANDED, die bis vor Kurzem im Stealth Mode für 150 Millionen Euro Amazon Seller aufgekauft haben. Bei dem sich hierzulande aufheizenden Markt will natürlich auch Thrasio selbst mitmischen und hat dafür 225 Millionen US-Dollar zur Seite gestellt. (Erwähnen will ich gern noch die Londoner Heroes – auch gut finanziert –, die das „europäische Thrasio“ werden wollen.)

    Reihenweise werden also dreistellige Millionenbeträge in Thrasio und seine Klone gesteckt. Wem bei diesen Zahlen die Ohren nicht schlackern, der hat den E-Commerce nie geliebt.

    Wie kann es sein, dass Händler, die zum Großteil mit Billigprodukten versuchen, nur durch Masse eine halbwegs vernünftige Marge zu erzielen, solch Begehrlichkeiten wecken? Und was verleitet Investoren dazu, so horrende Summen in Unternehmen zu pumpen, die diese Händler aufkaufen?

    Klar, wer auf Amazon die Nase vorn hat, bekommt ein ordentliches Stück vom E-Commerce-Kuchen ab. Ich denke, dass Investoren hier eine Möglichkeit sehen, indirekt vom Amazon-Hype zu profitieren: Wächst die Plattform, wachsen die Händler und ihre Marken. Und wer die Händler kontrolliert, verdient das große Geld.

    Das ist meiner Meinung nach aber ein großer Denkfehler – schließlich hat eine Marke auf Amazon nicht lange Bestand, weil es immer jemanden gibt, der den Preis unterbieten wird. Wachstum ist nur möglich, wenn möglichst viele Regionen beherrscht werden; aber auch da gibt es irgendwann ein Limit, zumal sich beispielsweise Synergieeffekte wohl kaum zwischen deutschen und spanischen Händlern ergeben werden, weil der Markt (zumindest in Europa) zu segmentiert ist. 

    Es ist daher wohl nur eine Frage der Zeit, bis den Thrasios dieser Welt die Marge durch die Finger rinnt – und Investoren beim Platzen einer Blase sehr viel Geld verlieren werden.

  • Alles hat ein Ende, nur Galeria Karstadt Kaufhof hat… einige.

    Alles hat ein Ende, nur Galeria Karstadt Kaufhof hat… einige.

    Das muss das Ende sein. Das dachte ich jedenfalls damals im Juni 2009, als Karstadt-Arcandor Insolvenz beantragte. Es fühlte sich eben nach Zeitenwende an. Seit Jahren schon liefen die Kunden unübersehbar zu Discountern, Filialisten und zunehmend zu Amazon sowie zum damals noch jungen Zalando über. Die Trauer über das Verschwinden von diesem „Eckpfeiler der deutschen Handelslandschaft“ konnte ich persönlich zwar nicht teilen, aber seitens der Beschäftigten – und der Rentner, die irgendwie nichts besseres mit ihrer freien Zeit anzufangen wussten, als sich schon um neun Uhr vor den noch verschlossenen Türen der Konsumtempel zu versammeln – immerhin nachvollziehen. 

    Die Wiederholung des Immergleichen

    Doch irgendwie lebte Karstadt weiter. Und irgendwie brauchte sich mein Verständnis für die Beschäftigten und die immer weniger werdenden Kunden des Unternehmens mit jedem Doch-Nicht-Ende ein Stück weiter auf. Zumal diese Enden immer häufiger – und daher immer langweiliger, weil immer absehbarer und immer repetitiver – wurden. Dank Polit-Aktionismus, dauerhaft-bis-nervtötender gewerkschaftlicher Medienbeschallung und, gelinde gesagt, problematischen Retter-in-der-Not-Figuren à la  Berggruen und Benko, entkam die todgeweihte Warenhauskette nämlich immer wieder dem Sensenmann. (Auf die Chronologie ging ich hier bereits länger ein.) Und selbst als alle Therapieoptionen dann wirklich ausgereizt waren und das Ende des Unternehmens unumgänglich war, gab es den Löffel einfach immer noch nicht ab – sondern warf ihn neben den von Galeria-Kaufhof in die Schüssel. Spätestens da hatte ich kein Mitleid mehr: Wer als Arbeitnehmer noch dort beschäftigt oder als Investor dort beteiligt ist, hat genug Gelegenheit gehabt, festzustellen, was die Glocke schlägt.

    Ja, die Leidensfähigkeit der Beschäftigten, der Gewerkschaftsaktivisten und nicht zuletzt der Investoren verlangte einem eigentlich Respekt ab, wenn sie nicht mittlerweile so furchtbar offenkundig umsonst wäre. Ich habe schon Respekt vor jemanden, der für eine Causa brennt, selbst wenn ich sie nicht teile. Mir waren Warenhäuser zwar immer egal, anderen waren sie aber wichtig. Sollen sie doch versuchen, sie zu erhalten. Nur: Die Grenze zwischen engagiert und borniert, zwischen Idealist und Fantasist ist fließend. Diese immer neuen Aufrufe, „Karstadt zu retten“ weil „die Zukunft der Innenstädte auf dem Spiel steht“ und „Begegnungsstätten verloren zugehen drohen“… Das ist doch nicht mehr ernst zu nehmen. Man kann, man muss für das kämpfen, woran man glaubt. Man muss aber eben auch den Punkt erkennen, an dem der noble Glaube in schlichte Realitätsverweigerung umschlägt.

    Zu nichts anderem übrigens rate ich Gründern in der Digitalwirtschaft, die drei-, vier- oder fünfmal mit bis zum Verwechseln ähnlich bescheuerten Konzepten auf die Nase gefallen sind und immer noch nicht einsehen wollen, dass sie eben nicht das nächste Zalando am Start haben. Denn oft wird Kritik von meiner Zunft am mittlerweile krankhaften Festhalten an alten stationären Strukturen damit abgetan, dass wir Digitalberater mit zweierlei Maßstab messen und jungen Unternehmern das allzu bereitwillig verzeihen würden, wessen wir anderen bezichtigen, wenn sie sich nur hartnäckig genug als „start-up entrepreneur“ schimpfen. 

    Staatshilfe: Eine Menge Heu für ein totes Pferd

    Dem Bund würde ich jedenfalls dazu raten, keine 460 Millionen Euro Steuergeld (WELT) in eine Struktur zu stecken, die nicht mehr nur vor dem Aus, sondern bereits ein gutes Stück danach steht. Auf die genauen Gründe brauche ich nicht – oder: sollte ich nicht mehr brauchen – einzugehen. Ich glaube, es sagt alles, dass sich die Monopolkommission nicht deswegen einschaltet, weil die letzte verbliebene Warenhauskette zu einem Monopolist zu werden droht: Sie ist ja ein Monopolist, aber in einem Marktsegment, das zu unbedeutend ist, um aus Sicht der Kommission eine Gefahr der Wettbewerbsverzerrung darzustellen. Nein, die Monopolkommission rügt, dass das Darlehen nachrangig gestaltet sein soll. So deren Präsidenten Kühling im verlinkten Artikel: „Im Insolvenzfall besteht kaum eine Chance auf Rückzahlung.“ Das hat der Mann sehr vorsichtig formuliert. Ich würde es so sagen: „Beim demnächst wahrscheinlich anstehenden Insolvenzverfahren werden 460 Millionen Euro Steuergeld für immer verschwunden sein.“ 

    Eine Menge Heu also für ein totes Pferd, das so oder so zum Sterben verurteilt ist. Denn Corona ist hier bloß der Beschleuniger, aber keineswegs der Verursacher des fortgesetzten Verfalls. Der Versuch, die Pandemie als Feigenblatt für Subventionen zu benutzen, ist eklatant durchschaubar. Man muss nur den Plausibilitätstest machen: Wir schließen die Augen und versetzen uns ins Jahr 2025. Sehen wir da Trauben von Menschen vorm Karstadthof-Eingang, die darauf brennen, um 9:30 Uhr reingelassen zu werden, um dann eine halbe Stunde darauf zu warten, dass ihnen eine gehetzte Verkäuferin die Vorzüge einer Fissler-Pfanne erklärt – oder warte, war das nicht doch eine von WMF…?

    Alles hat ein Ende…

    460 Millionen Euro! Dabei haben wir hier städtische Theater und Schwimmbadbetreiber, die auf dem Zahnfleisch kriechen. Da sollte man das Steuergeld viel eher reinstecken. Da ist es zwar genauso weg, wie wenn wir es Kaleriastadthof (oder wie auch immer es nach der nächsten Restrukturierung heißt) geben. Nur: Theater und Thermen werden 2025 noch aktuell sein. Noch in hundert, vermutlich in tausend Jahren werden die Menschen sie noch aufsuchen. Sie hat es ja seit der Antike gegeben. In einigen griechischen Halbkreisen werden heute noch vor Publikum Tragödien aufgeführt – dieselben, ewigen Geschichten, die von todgeweihten Helden erzählen, die gegen das Unausweichliche ankämpfen und daran zugrunde gehen. Das ist ja das Wesen der Tragödie nach antikem Muster – und mittlerweile das Wesen der Warenhausgeschichte.

    Und jetzt muss – trotz der (mittlerweile relativ wenigen) Arbeitsplätze, trotz der (immer realitätsfernerer) Innenstadt-Belebungsfolklore – eben mit dieser Geschichte ein und für allemal Schluss sein. Denn sonst findet sie kein Ende. Nur Enden, von denen es schon viel zu viele gab.

  • „Ein Weihnachten, wie wir es noch nie erlebt haben!“ (Eine Fortsetzungsgeschichte, Teil 3)

    „Ein Weihnachten, wie wir es noch nie erlebt haben!“ (Eine Fortsetzungsgeschichte, Teil 3)

    Das Rentnerehepaar Meyers versucht zum ersten Mal, Weihnachtsgeschenke online zu kaufen. Das hat sich an diesem 10. Dezember als schwieriges Unterfangen dargestellt.

    Günther Meyer wird gegen Abend wach und dreht sich im Sessel zu seiner Frau Gabriele um. „Hängst du immer noch vor diesem Tablet?“ fragt er, halb im Scherz und halb vorwurfsvoll. Bald ist nämlich Abendbrotzeit: Ganz pünktlich werden sie wohl nicht mehr am Tisch sitzen. Er hat aber gelernt, dass es ein taktischer Fehler ersten Grades sein kann, solche Befürchtungen auszusprechen.

    „Ja Schatz, aber ich habe fast alle Weihnachtsgeschenke zusammen. Selbst dieses Lego-Schloss für Torben habe ich jetzt für unter 400€ gefunden.“ Zu Günther war im Halbschlaf immer wieder durchgedrungen, wie teuer dieses verflixte Lego-Schloss überall war. Es interessiert ihn also jetzt bei aller Sorge um ein zeitiges Abendessen, wie seine Frau es schon wieder geschafft hat.

    „Du, ich habe das nochmal bei Google eingegeben und bin zu Idealo gekommen. Das ist so eine Vergleichsmaschine: Die Listen da immer die besten Angebote auf. Die Marlene hatte mir mal davon erzählt, weil sie darüber mal sehr günstig in den Urlaub geflogen war… Jedenfalls führte das dann zu so einem Angebot auf eBay. Der Verkäufer heißt Zyberpoort oder so was Komisches, sitzt aber in Dresden und ich habe da gerade angerufen. Das Schloss gibt es wirklich und wir kriegen das bis Weihnachten!“

    „Ach, eBay!“ sagt Günther – froh, mindestens eine Vokabel im Redefluss erkannt zu haben: „Dann kannst du unser Konto dort benutzen, um das zu kaufen.“ „Genau!“ sagt seine Frau und loggt sich unter GGMeyers1949 ein, um das begehrte Spielzeugschloss zu kaufen.

    Ein Happy End zu Weihnachten, also! Aber eins, das eine Geschichte abschließt, die deutlich machen soll, welche Aufgaben im diesjährigen Dezembermonat vor dem Online-Handel liegen. In Zeiten von „Lockdowns“ und „Zuhause bleiben“ rollt eine riesige, nie zuvor dagewesene Nachfragewelle auf Akteure im E-Commerce zu. Hersteller, Händler, Marktplätze: Alle, die an dieser Nachfrage partizipieren wollen – und wer kann es sich schon erlauben, das Weihnachtsgeschäft nicht zu wollen? – müssen sich darauf einstellen. Mit dieser Welle kommen aber nicht nur geübte Schwimmer in Bestform angekrault, sondern auch viele Beginner, die mit dem E-Commerce noch nicht so ganz viel Erfahrung haben.

    Das sind oft Konsumenten, die nicht einfach so loskaufen – vor allem nicht in der Vorweihnachtszeit, wenn es um Geschenke geht, die unter dem Christbaum liegen sollen. Sie wollen übersichtliche Suchmöglichkeiten mit den richtigen Treffern, die auf Seiten mit guten, umfassenden Produktinformationen führen. Für viele von Ihnen ist das Telefon noch der Kontaktweg erster Wahl, weil sie unsicher sind; weil sie befürchten, E-Mail könnte zu lange dauern; und weil sie höchstens mit ihren Enkeln auf WhatsApp „chatten“. Andererseits gehören sie oft zu einer Risikogruppe und sind dieses Jahr motiviert wie nie zuvor, sich mit den Möglichkeiten im E-Commerce zu beschäftigen. Es ist also für viele Online-Händler, Markenhersteller und Marktplätze eine einmalige Gelegenheit, ihren Kundenstamm schnell zu ergänzen und um ganz neue Käuferschichten zu erweitern.

    Die Voraussetzungen dafür sind natürlich, dass man genug Ware vorrätig hat, dass die Logistik funktioniert und dass der Service auf neue Kunden – und auf neue Sorten von Kunden – vorbereitet ist. Wie realistisch das in der kurzen Zeit, die noch verbleibt, wirklich ist, ist bei vielen Akteuren ungewiss.

    Eins ist aber klar: Es wird auf jeden Fall ein Weihnachten, wie wir es noch nie erlebt haben! 

  • „Ein Weihnachten, wie wir es noch nie erlebt haben!“ (Eine Fortsetzungsgeschichte, Teil 2)

    „Ein Weihnachten, wie wir es noch nie erlebt haben!“ (Eine Fortsetzungsgeschichte, Teil 2)

    In der ersten Folge lernten wir das durch den Corona-Herbst zu Online-Kunden gewordene Rentnerehepaar Meyers kennen – und sahen, wie sie mit Erschrecken feststellten, dass der 10. Dezember in diesem Jahr schon für das eine oder andere Weihnachtsgeschenk zu knapp ist!

    Es ist spät geworden an diesem 10. Dezember 2020. Draußen dämmert es; es brennen zwei Adventskerzen neben trocken gewordenen Keksen auf dem bunten Teller; und Günther Meyer bringt seiner Frau Gabriele eine Tasse Kaffee. „Wie läuft es denn, Schatz? Haben wir was zusammen?“.

    „Halbwegs. Den Pulli für Melanie habe ich dann doch noch bei einem Händler in Deutschland gefunden, Lieferung am 18. Dezember. Und für Johannes habe ich eine Lösung: Die Klimmzugstange, die er haben wollte, gab es wirklich nirgends mehr. Aber ich habe ihm bei Sport Tiedje einen Gutschein gekauft. Dann kann er es selber nach Weihnachten bestellen.“ „Da wäre ich nicht drauf gekommen!“ sagt Günther, voller Anerkennung für seine erfinderische Ehegattin.

    „Nur: Für die Kinder sind Gutscheine blöd. Sie wollen ja über Weihnachten schon etwas zum Spielen haben,“ sagt Gabriele und nimmt das Heißgetränk entgegen. Sie hatte vor ein paar Tagen bei ihrem Sohn Johannes angerufen, um zu hören, was sich die Enkel dieses Jahr wünschten: Torben, 10 Jahre alt, wünscht sich ein bestimmtes Lego-Modell – das Harry-Potter-Schloss. „Du, Mama, dass findet man auf jeden Fall bei Amazon,“ hatte er gesagt. „Ich verstehe ohnehin nicht, warum du da nichts bestellen magst.“ „Aber die Arbeitsbedingungen dort…“ „Ach! So schlimm ist das bei ihnen ja auch nicht, Mama. Mal ganz ehrlich: Die bei Karstadt haben es mittlerweile auch nicht viel besser…“

    Der Satz geht Gabriele kurz durch den Kopf, nachdem auf Lego.com, das ganz oben bei Google rangierte, sämtliche Produkte „demnächst verfügbar“ sind – auch das besagte Schloss. Gabriele ahnt zwar, dass das mit Weihnachten zusammenhängen könnte, will das aber prüfen und greift zum Hörer, während sie auf der Seite nach einer Rufnummer sucht. Schließlich heißt „demnächst verfügbar“ doch nicht gleich ,ausverkauft’, oder? Und wenn man direkt vom Hersteller kauft, wird das kein Reinfall sein. „Verflixt! Wo ruft man denn bei denen an? Für ein Spielzeugschloss, das 389,91€ kosten soll, wird man sich wohl beraten lassen dürfen!“ ruft sie entnervt. Erst ganz unten auf der Seite entdeckt sie nach einem gefühlt ewigen Scrollen die Rubrik „Support“. „Schatz, du warst ja Außenhandelskaufmann. Heißt Sup… Sup… Support eigentlich ‚Hilfe‘ auf Englisch. Ja, oder?“ Nachdem sie sich diese Rückversicherung geholt hat, klickt sie auf das Fremdwort zwischen „Über uns“ und „Attraktionen“, dann auf „Kontakt“ – und sieht zuerst „E-Mail-Schreiben“ und „Chatten Sie mit uns“. Erst darunter entdeckt sie die kleine Kachel „Anrufen“.

    „Schatz,“ dreht sie sich nochmal zu ihrem Mann um, der schon wieder dabei ist, im Sessel einzunicken, „sind 0800-Nummer eigentlich die kostenfreien? Oder soll man da aufpassen?“ Stille; leises Schnarchen. Dann nimmt sie all ihren Mut zusammen, wählt die Nummer – und legt wieder auf, als sie hört, dass zwar der nächste freie Mitarbeiter für sie reserviert ist, dass die voraussichtliche Wartezeit aber 18 Minuten und 30 Sekunden betrage.

    „Warum eigentlich nicht?“ denkt sie sich und ruft Amazon.de auf. „Wenn selbst der Johannes das gar nicht mehr so schlimm findet…“. An der Uni verbrachte ihr Sohn eigentlich mehr Zeit mit Demonstrieren als Studieren, wie Günther fand, und arbeitet jetzt als Sozialpädagoge. So ganz unmoralisch kann er also nicht sein. Bei Amazon gibt sie „Lego Schloss Harry Potter“ ein – und freut sich, als der erste Produkttreffer sofort mit einem Preis von nur 199,99€ angezeigt wird. Als sie aber auf den Artikel klickt – „Schatz, was heißt eigentlich… Gesponsert?“ – liest sie den Zusatz „ohne Lego-Set“ und merkt, dass es sich um ein „LED Beleuchtungsset für Lego Harry Potter Schloss“ handelt. 

    Erst als sie bis zum fünften Ergebnis runtergescrollt hat, findet sie den eigentlichen „LEGO Harry Potter Schloss Hogwarts Bauset“. Der wird allerdings ohne Preis angezeigt. Als sie mal wieder all ihren Mut zusammennimmt und darauf klickt – Ihre Mutter hatte ihr immer eingebläut: „Wenn kein Preisschild drauf ist, kannste dir’s eh nich leisten!“ – sucht sie verzweifelt nach dem „Kaufen“-Knopf. Lediglich den Hinweis „Erhältlich bei diesen Anbietern“ findet sie und landet dann auf einer Liste von Händlern mit dubiosen Namen wie „RedCat“, die alle das Modell zu einem stolzen Preis weiter über 400€ anbieten… Gabriele begibt sich auf die Suche nach einer Service-Hotline bei Amazon.de.

    Wir sehen: Wenn dieser Tage nicht unbedingt digitalaffine Käuferschichten wie „65+, mittleres Einkommen“ auf die digitale Welt treffen, läuft es alles andere als reibungslos. Von der Anfangseuphorie der Dotcom-Welle – lauter „Silver-Surfer“, die auf eBay tolle Beute „günstig schießen“ – ist nicht viel geblieben in Zeiten von Sponsored Listings und Chat-Lösungen.

    In der letzten Folge dieser Weihnachtsserie findet Gabriele ihre digitale Heimat, während Günther weiter vorm Frühabendprogramm vor sich hin döst.

  • „Ein Weihnachten, wie wir es noch nie erlebt haben!“ (Eine Fortsetzungsgeschichte, Teil 1)

    „Ein Weihnachten, wie wir es noch nie erlebt haben!“ (Eine Fortsetzungsgeschichte, Teil 1)

    Weihnachten naht, Corona hält an und Online boomt wie nie zuvor. So weit, so unspektakulär. Auf die Zusammenhänge brauche ich kaum noch einzugehen. Denn bei den weiter bestehenden Kontaktbeschränkungen, fehlenden Glühweinhütten und immer neuen Appellen, doch bitte möglichst zu Hause zu bleiben, vergeht selbst dem eingefleischtesten Stadtbummler die Lust am stationären Geschenkekauf. 

    „Dann kaufen wir die Geschenke eben online,“ sagt sich selbst Rentnerehepaar Gabriele und Günther Meyer, das sonst immer „die Sachen vorher in Echt sehen“ und dabei der netten Verkäuferin dazu ein paar Fragen stellen wollte (die sie zwar nie beantworten konnte, aber sei’s drum…). „Aber in die Stadt mit Maske?“ fragt sich Günther: „Spätestens nach einer Viertelstunde kriegt man ja keine Luft mehr!“ „Und die Hälfte trägt sie nicht mal richtig und niest einem beinahe ins Gesicht!“ sagt Gabriele. „Dann bestellen wir die Geschenke eben im Netz.“ Das sei doch gar nicht mal so schwer, überlegen sich die beiden. Schließlich haben sie ja jetzt ein Tablet und Sohn Johannes hat dem Vater schon vor paar Jahren gezeigt, wie er auf eBay Sachen für seine Modelleisenbahn kaufen kann. „Und dann habe ich endlich mal einen Grund, die Kreditkarte zu benutzen!“ sagt Gabriele, halb erfreut und halb panisch. Die holte man nämlich sonst nur für Urlaube auf den Kanaren raus. „Das wird ohnehin ein Weihnachten, wie wir es noch nie erlebt haben!“ sagt Günther.

    Nur eins ist wie immer in Vorjahren: Meyers sind spät dran. „Es ist schon wieder bereits Nikolaus und wir haben noch nichts gekauft!“ klagt Gabriele. „Mach dir keine Sorgen Schatz: ‚Heute bestellt, morgen da‘!“ zitiert Günther beruhigend einen Werbeschnipsel, den er irgendwo gehört hat. Was die beiden nicht wissen – aber vielleicht erahnen könnten: Sie sind nicht die einzigen, die in dieser außergewöhnlichen Vorweihnachtszeit nicht wie sonst in die Stadt zum Geschenkekaufen fahren, sondern alles im Netz kaufen wollen. 2019 übernahm Online je nach Zählmethode insgesamt 10% bis 15% der Handelsfunktion in Deutschland; 2020 kann sich diese Zahl verdoppeln, gar verdreifachen. Erst in ein paar Monaten wird es Klarheit geben, um welche Vervielfachung genau es sich handelt.

    Was wir aber jetzt schon mit Gewissheit sagen können: Die Logistikkapazität des deutschen Online-Handels hat sich nicht vervielfacht. Auch auf Biegen, Brechen und „Alles einstellen, was sich nicht wehrt!“ hat kein Händler seine Infrastruktur im bereits vor der Corona-Krise boomenden Online-Handel schnell genug ausbauen können. Selbst Amazon ächzt unter dem eigenen Lieferversprechen. Und die Logistiker sind noch näher am Kollaps, als sie es eh schon waren. Vielerorts stellt die Post nur noch an einigen Werktagen überhaupt zu, weil sich trotz tollster Tarifabschlüsse keine Briefträger mehr finden lässt und viele davon bereits jetzt fürs Tochterunternehmen DHL Pakete ausliefern. Sonst hechelt die Konzerntochter mit eilends aufgetriebenen „Im Auftrag“-Fahrern der Paketflut nur noch hinterher. Saisonkräfte? Sind trotz gestiegener Arbeitslosigkeit rar – genauso wie die Lieferfahrzeuge, die sie lenken sollen. Und Hermes hat gefühlt vollständig kapituliert: Nicht mal fürs (Un)Höflichkeitsklingeln vor dem obligatorischen „Beim (sehr weit entfernten) Paketshop abgegeben“ haben die Fahrer noch Zeit.

    So ist schlicht und ergreifend davon auszugehen, dass dieses Jahr zum ersten Mal nennenswerteEngpässe im Online-Handel zum Vorschein treten. Sonst schaffte man es immer irgendwie gerade noch über den Weihnachtsberg zum 16.-18. Dezember hin und verschnaufte kurz, bevor es mit den Retouren losging. Das wird in diesem Jahr mehr Kraftakt sein denn je. Und dazu wird sich ein Problem gesellen, das sonst selten im Online-Handel vorkam: Mangelnde Verfügbarkeit von Ware. Denn selbst die Händler, die aufgrund der aktuellen Lage dieses Jahr ein noch optimistischeres Bestandsmanagement pflegen, als sie es in Vorjahren ohnehin schon taten, kommen irgendwann an Grenzen: Flüssige Mittel zur Vorfinanzierung, eigene Lagerkapazität, Lieferbarkeit seitens der Hersteller…

    Als sich Meyers überlegt haben, was sie alles kaufen wollen und sich vormittags am Esstisch hinsetzen, sind noch ein paar Tage verstrichen: „Oh Gott! Wir schreiben den 10. Dezember schon!“. Gabriele hat in dieser Zeit wieder ihre Zugangsdaten für Otto.de gefunden – vor paar Jahren hatte sie das mal ausprobiert, weil bestehende Katalog-Kunden angeschrieben wurden. Nun gerät sie nach einer halben Stunde in regelrechte Panik. „Schon wieder ‚In 3-5 Wochen lieferbar?` Sag mal, können die uns überhaupt was bis Weihnachten anbieten?“ Sie gibt sich aber nicht geschlagen: Bei einem Pulli, den sich die Schwiegertochter wünscht, sucht sie nochmal nach dem Label auf Google und kommt zur Webseite des Herstellers: „Alle Größen bis auf XS und XXXL vergriffen? Das kann doch nicht wahr sein!“.

    Nach einer Viertelstunde hat sie endlich einen Online-Shop gefunden, der den Pulli noch in M anbietet – in Österreich. „Günther, findest du die Angabe ‚Lieferung 18. bis 23. Dezember‘ nicht etwas knapp? Ich meine, wenn es bis zum 23. Dezember nicht da ist, dann… Günther?“

    Günther – auch das ist wie in Vorjahren – hat bereits aufgegeben. Nur dass er es nicht darauf anlegen muss, zufällig an der Tchibo-Filiale vorbeizulaufen: Diesmal kann er sich zu Hause im Sessel vom Geschenkekaufen ausruhen. Und im Sessel schläft er immer sofort ein.

    In der Fortsetzung versuchen Gabriele und Günther, ein bestimmtes Lego-Modell für Enkel Torben zu kaufen…

  • Digitalisierung in der Landtechnik

    Digitalisierung in der Landtechnik

    E-Commerce ist auch für die Landtechnikbranche unumgehbar.
    Mehr zu diesem Thema sowie ein kostenloses Whitepaper findet ihr in der Agrarzeitung unter folgendem Link:

    https://www.agrarzeitung.de/nachrichten/in-eigener-sache/whitepaper-technik-talk-e-commerce-in-der-landtechnik-93799

  • Shopify ist vieles, aber nicht das neue Amazon

    Shopify ist vieles, aber nicht das neue Amazon

    >> Kurz vorweg und zur Vertiefung des Themas, hört rein in meinen Podcast mit Christian Hermann von ntv.de zum Thema Shopify aus der ntv-Reihe „Wieder was gelernt“: ntv.de – Podcast „Vorsicht, Amazon – hier kommt Shopify“<<

     

    Aktuell ist ja viel von Shopify und seiner spannenden Wachstumsgeschichte die Rede. Das ist auch gut so: Schließlich hat sich der kanadische Technologieanbieter mit dem deutschen Gründer Tobias Lütke im Stillen zu einer relevanten Größe im Handel gemausert, während alle den Blick mehr oder minder ausschließlich auf Kalifornien und Washington gerichtet hatten. Vor allem, als in der Corona-Krise Millionen Kleinunternehmer nach eine Möglichkeit suchten, schnell online zu verkaufen, glänzte Shopify mit einer sofort einsetzbaren Lösung und wuchs rasant. Dabei wird jetzt Shopify oft als „das nächste Amazon“ oder gar „Amazon-Konkurrent“ bezeichnet. Das stimmt jedoch nicht.

    B2B, nicht B2C

    Es fällt auf: Nur wenige Analysten scheinen ganz genau zu verstehen, was Shopify anbietet. Denn Shopify ist trotz des Namens keine Shopping-App, kein Online-Händler, kein Marktplatz wie Amazon, eBay oder Zalando. Vielmehr handelt es sich um einen Technologieanbieter im Sinne von Demandware, Hybris, oder Spryker – bloß für kleinere Händler und Hersteller. Shopify bietet einfach zu konfigurierende Online-Shops mit eingebauter Zahlungsabwicklung und Schnittstellen zu Vermarktung und Logistik an. Zudem hat das Unternehmen eine smarte Kassenlösung für den stationären Einzelhandel entwickelt, die Kartenzahlungen über einen Tablet-Computer laufen lässt und diese Umsätze auch digital einpflegt. 

    Unter Shopifys gut einer Million Kunden weltweit sind also keine Konsumenten, sondern viele Kleinhändler, die Kunsthandwerkssachen oder selbstgenähte Kleidung übers Netz verschicken und in 30-Quadratmeter-Läden in Berlin-Kreuzberg verkaufen. Darunter sind auch viele Gastronomen, die an der Tablet-Kasse schätzen, dass sie sich mit der Buchungssoftware im Internet gut integrieren lässt. Für Kundenbindungsmaßnahmen zudem interessant und nicht zuletzt in der Corona-Krise wichtig: die korrekte Angabe von Kundenkontaktdaten. Shopify ist so etwas wie ein Website-Builder, aber für Webshops. Man könnte es als „Shopsystem des kleinen Mannes“ bezeichnen, als perfekte Fertiglösung für Unternehmen – und vor allem Unternehmer – die weder Zeit noch Ressourcen für individuelle Software-Lösungen haben oder schlichtweg keinen Bedarf danach.

    Keine Gefahr für Amazon – vorerst

    Das heißt: In erster Linie ist Shopify eine Konkurrenz für Shopsysteme, die eher am unteren Ende des Markts angesiedelt waren – und zwar ziemlich scharfe Konkurrenz. Shopware, Magento, Oxid: Verglichen mit Shopify sind sie zu groß, zu komplex und zu teuer – nur nicht ausdifferenziert genug für die Anforderungen von großen Kunden mit ehrgeizigen digitalen Zielen, die auf Spitzenlösungen wie Spryker, Demandware und Hybris setzen werden.

    Für Amazon bedeutet Shopify aber erstmal: wenig bis überhaupt nichts. Amazons Geschäftsmodell ist es nicht, Kleinhändlern mit Shopsystemen auszustatten. Der Riese aus Seattle bietet ihnen Zugang zu seinem eigenen Marktplatzökosystem – übrigens schon seit 2015 auch über eine Schnittstelle zu Shopify. Soviel also zur Idee, dass es sich um Konkurrenz handelt. Denn Kunden, die etwas kaufen, rufen Amazon auf oder öffnen die Amazon-App oder sagen: „Alexa! Ich hätte gern…“. Kunden gehen nicht „zu Shopify“ sondern zu Kleinhändlern, die zufällig Shopify-Lösungen benutzen.

    Daran wird meiner Ansicht nach auch der Launch der Shop-App von Shopify nichts ändern. Diese auf Konsumenten gerichtete Applikation, die bei Shopify verkaufende Händler listet, darf man durchaus als Schritt in Richtung Konkurrenz zu Amazon deuten. Zudem will Shopify nun mit eigenen Logistikkapazitäten in FBA-Manier Händlern schnellere und bessere Lieferungen ermöglichen. Nur: Wer kann sich vorstellen, dass die weltweit beinahe Milliarden Amazon-Kunden jetzt in Scharen ihre Einkaufsgewohnheiten über den Haufen werfen und plötzlich über eine andere Plattform ordern? 

    Shopify hat viel Potenzial, Amazon die Endkunden

    Selbst wenn Shopify das bessere Nutzungserlebnis anbietet:  Die Bindung durch den Streaming- und Premium-Service Prime, die moderaten bis unschlagbaren Preise und die blitzschnelle Lieferung lassen Amazon-Kunden über das miserable Website-Design und über die mit schrottigen Suchergebnissen durchsetzte App hinwegsehen.

    Diese starke Kundenbindung geht mittlerweile so weit, dass viele Amazon-Kunden gar nicht mehr vergleichen und daher gar nicht mehr für andere Anbieter – auch mit besseren Angeboten – zugänglich sind. Statt nach Produkten zu googlen, “amazonen” viele bereits direkt. Das muss natürlich nicht so bleiben. Ich halte es aber für äußerst unwahrscheinlich, dass ein Unternehmen wie Shopify, dessen Kernkompetenz die Zurverfügungstellung von technischen Handelsabwicklungslösungen ist, Amazon in puncto Kundenbindung, Logistik und Preis übertrifft. 

    Shopify speist sich gerade aus den fast unerschöpflichen Reserven des weltweiten Kleinunternehmertums und hat mit seinem Geschäftsmodell viel Potenzial. Das Unternehmen ist schon groß und wird noch viel größer werden. Das neue Amazon ist es aber nicht.

  • Amazon Dorf Talk – Welche Amazon-News gibt es im November 2020?

    Amazon Dorf Talk – Welche Amazon-News gibt es im November 2020?

    Was sind die aktuellen News von Amazon auch aus anderen Ländern? In dieser Ausgabe des Amazon Dorf Talks arbeiten wir uns durch die momentanen Neuigkeiten, die uns im November erreichten.

  • Was uns britische Medien über den deutschen Einzelhandel verraten

    Was uns britische Medien über den deutschen Einzelhandel verraten

    Manchmal sind es die eigentlich beiläufigen Bemerkungen, die einen aufhorchen lassen. So auch vor einigen Wochen bei der Lektüre eines Artikels im Guardian zu den düsteren Aussichten für den deutschen Einzelhandel. Für ihre englischsprachigen, vorwiegend in Großbritannien ansässigen Leser berichtet die Berlin-Korrespondentin der Zeitung über den exorbitanten Frequenzrückgang, das drohende Ladensterben und den nicht so ganz zu Ende gedachten Vorstoß des Wirtschaftsministers, einen verbindlichen Einheitspreis für ein und dasselbe Hemd einzuführen – egal ob vom Hersteller oder vom Händler gekauft, ob mit Online- oder stationärer Kostenstruktur vermarktet.

    Das sind ja für deutsche Leser keine so neuen Themen. Aber es ist immer interessant, mal eine andere Perspektive einzunehmen und die eigene Realität von außen zu betrachten. Und dann springt einem sofort folgender Satz ins Auge:

    „But Altmaier’s plan – to “digitise” local shops’ relationships with their customers to allow them to better compete with online retailers – speaks to a quirk of the German high street. Cash is still king in many places, credit cards are often not accepted in smaller shops and many retailers do not have websites.“

    Übersetzt:  „Das Vorhaben von Altmaier soll die Beziehungen zwischen den örtlichen Geschäften und ihren Kunden ‚digitalisieren‘ und sie so in die Lage versetzen, es besser mit Online-Händlern aufzunehmen – was mit den Marotten des stationären Einzelhandels in Deutschland zu tun hat. Denn vielerorts gilt nach wie vor die Devise, dass nur Bares Wahres ist. Vor allem in kleineren Läden werden Kreditkarten oft nicht akzeptiert und vielen Händlern fehlt eine Webseite.“

    Daran, was die Redakteurin ihren Lesern im Ausland erklären muss, sieht man, was hier anders ist. Die ständige Unsicherheit, ob man genug Bargeld dabei hat und ob dieser oder jener Laden Kredit-, nur EC- oder keinerlei Karte als Zahlungsmethode annimmt, kennen Briten nämlich gar nicht mehr. Diejenigen, die nach 1990 geboren sind, haben sie erst gar nicht erlebt. Bis die Millennials Ende der 2000er ihre ersten Bankkonten bekamen, gab es schon in jedem Kiosk Kartenlesegeräte und London Transport machte sich bereits daran, Bargeld komplett aus den berühmten roten doppelstöckigen Bussen zu verbannen. Schon die Generation davor bekam in den 1990ern zum Wechsel an die Universität ungefragt eine Kreditkarte von ihren Banken.

    Nun: Ob es so eine gute Idee war, britischen Erstsemester eine Kreditkarte in die Hand zu drücken und die Zahlung damit in Kneipen zu ermöglichen, lasse ich dahingestellt. Worübe ich mir aber ziemlich sicher bin: Deutsche Einzelhändler, die Warenkorbwerte im dreistelligen Bereich erzielen wollen, aber immer noch keine Kreditkartenzahlung akzeptieren, tun sich damit keinen Gefallen. Nicht primär, weil das Ausländer nicht verstehen (was aber in einigen Trendvierteln in Berlin tatsächlich zum Problem werden könnte!). Sondern vor allem deswegen, weil auch Deutsche mittlerweile Kreditkarten haben und nutzen wollen. 

    Denn ständig heißt es im Einzelhandel: „Wir tun dies/Wir unterlassen das, weil der Kunde das so will bzw. so nicht will.“ Daran kann man getrost zweifeln, wenn man Folgendes liest: Anfang 2019 ergab eine vom Institut für Handelsforschung durchgeführte repräsentative Umfrage von beinahe 60.000 Innenstadtbesuchern, dass sie den Stadtzentren hierzulande einen Notendurchschnitt von lediglich 3+ erteilen. Das heißt: Noch vor Corona und gar unter den Leuten, die sich schon die Mühe gemacht hatten, überhaupt in die Stadt zu fahren, schnitten die Einkaufsstraßen schlecht ab. Das hört sich nicht gerade nach erfolgreicher Kundenorientierung an.

    Diese Umfrage wird beim Guardian erwähnt – sowie die Tatsache, dass hierzulande so Sachen wie „Click & Collect“ oder E-Food vergleichsweise selten angeboten werden. Auch das ist also erklärungsbedürftig aus Sicht des britischen Lesers. Klar: Großbritannien ist das Land, in dem es mit Ocado bereits zur Jahrtausendwende einen Online-Pure-Play-Supermarkt gab. Davon gibt es in Deutschland gerade eine Handvoll – wovon einer der erfolgreichsten, Picnic, wiederum aus den Niederlanden stammt. Derweil haben einige deutsche Supermarktketten komplette Online-Filialen aufgebaut, um sie dann wieder einzustampfen. All das kann man etwa den sehr unterhaltsamen E-Food Podcasts vom Kollegen Alex Graf mit Branchenkenner Udo Kiesslich entnehmen.

    Damit will ich jetzt nicht die übliche „Digitalwüste Deutschland!“-Leier anstimmen. Hier gibt es auch stark wachsende Unternehmen wie Flaschenpost, das gerade für sage und schreibe eine Milliarde Euro von der Oetker-Gruppe gekauft wurde und das das deutscheste aller Lebensmittelsegmente digitalisiert: Bier und Sprudelwasser. (Übrigens: Wenn der Guardian mal über die Firma berichtet, wird die Redakteurin den Briten erklären müssen, dass Deutsche Getränke in Kisten einkaufen und beinahe allergisch auf Leitungswasser reagieren.) Bloß: Andere Länder sind da schon weiter. Nicht „anders“ übrigens, weil die Entwicklung in allen westlichen Konsumgesellschaften gleich verläuft: Weniger Bargeld, weniger Einkaufsbummler in den Innenstädten und mehr Online-Handel. Nur verlief diese Entwicklung eben langsamer ab bei uns – bislang. Die Corona-Krise sorgt hier gerade für eine rasche Anpassung an die Verhältnisse, die bereits anderswo herrschen.

    Wer übrigens in den letzten Jahren in einer der traurigen britischen Fußgängerzonen unterwegs war, in denen bereits die Tauben den Einkäufern in der Überzahl sind und die immer gleichen Läden mit ihren „Click & Collect Point Here“-Schildern und „Card only“-Kassen, hat übrigens einen Blick der deutschen Innenstadt anno 2021 erhascht.

  • Amazon Dorf Talk – Wie verlief der Prime Day 2020?

    Amazon Dorf Talk – Wie verlief der Prime Day 2020?

    Am 13. und 14. Oktober 2020 fand der diesjährige Amazon Prime Day statt. Christian Otto Kelm und ich haben uns dazu einmal ausgetauscht. War der Prime Day 2020 erfolgreich und was können wir aus den Ergebnissen für das Weihnachtsgeschäft lernen?

    • Intro
    • Erste Einschätzungen zum Prime Day 2020 (ab 1:59)
    • Was führte zu dem diesjährigen Ergebnis? Ist Amazon überlastet? (ab 8:23)
    • Welche Probleme kamen durch den Prime Day 2020 bei Amazon ans Licht und was bedeutet das für den Weihnachtseinkauf in diesem Jahr? (ab 14:15)
    • Selbst Lego scheint in diesem Jahr hinsichtlich Weihnachtsgeschäft „planlos“ (ab 19:59)
    • Wer hat denn einen Plan für das diesjährige Weihnachtsgeschäft? (ab 23:37)
    • Daten zum Prime Day 2020 (ab 27:21)
    • Zusammenfassung und Abschluss (ab 34:52)