Schlagwort: Digitaler Wandel

  • Paketabgabe? Digitalsteuer? Was ich mir wirklich zu Weihnachten gewünscht hätte

    Paketabgabe? Digitalsteuer? Was ich mir wirklich zu Weihnachten gewünscht hätte

    Nun haben wir es hinter uns, das erste Pandemie-Weihnachtsfest. Der Paketstau in den Verteilerzentren löst sich erst schleppend, die ersten Retourschwemmen verursachen weiterhin betriebliche Schwierigkeiten – und der stationäre Einzelhandel hat pünktlich zum Tag der Heiligen Drei Könige den Bescheid zugestellt bekommen, dass vor dem 31. Januar erst einmal gar nichts ist mit der Wiedereröffnung.

    Unter diesen Umständen ist es also kein Wunder, dass schon vor Weihnachten Einzelhandels-… Pardon: Wirtschaftsminister Peter Altmaier eine „Paketabgabe“ forderte. Die Idee? Online-Händler sollen pro versandtes Paket eine Abgabe erheben und an den Fiskus weiterleiten, der diese wiederum den leidenden stationären Einzelhändlern in der jeweiligen Region des Kunden auszahlen soll. Denn, so die Begründung, Online-Händler benutzen die Infrastruktur der Gemeinden, ohne sich im gleichen Maße wie ortsansässige Läden am örtlichen Steueraufkommen zu beteiligen. 

    Der Vorstoß ist – mit Verlaub – so abwegig, so realitätsfern und so weit weg von den Positionen einer eigentlich wirtschaftsfreundlichen Partei (wie die CDU vorgibt, sie zu sein), dass ich dem Herrn Altmaier beinahe unterstellt hätte, wieder mal allzu unkritisch eine Vorlage der Handelslobbyisten übernommen zu haben – Wir erinnern uns ja an die bizarre, im Spätsommer von ihm ins Spiel gebrachte Idee, Hersteller dazu zu verpflichten, stationären Einzelhändlern ihre Ware verbilligt abzugeben. 

    Bloß: So langsam frage ich mich, ob nicht Altmaier höchstpersönlich die immer unsinniger werdenden Vorschläge ausheckt. Den „Paketabgabe“-Vorstoß kann man den Lobbyverbänden jedenfalls nicht anlasten. So nahm beispielsweise der Handelsverband HDE wie folgt dazu Stellung: Es brauche „keine neuen Steuern auf Pakete, sondern bessere Kontrollen, um sicherzustellen, dass auch bei Lieferungen aus Fernost unsere hiesigen Regelungen für Produktsicherheit und Steuerzahlungen eingehalten werden“. Denn der HDE hat gelernt, dass er mittlerweile viele Online-, Multi- und Omnichannel-Händler in Deutschland vertritt, die von Altmaiers Abgabe betroffen wären, obwohl sie hier bereits alles mögliche an Steuern abführen: Gewerbesteuer, Umsatzsteuer auf verkaufte Produkte, Lohnsteuer für Angestellte, Steuern auf Gewinne… Klar: Ein Online-Händler zahlt noch nicht in allen Gemeinden Deutschlands, aus denen er eine Bestellung erhält, Gewerbesteuer. Das taten aber Quelle und Neckermann zu den guten alten Katalog-Händler-Zeiten auch nie und ich kann mich nicht  entsinnen, dass das damals Thema gewesen wäre. Es ist ja auch Sinn einer Steuer- und Zollunion, wie sie Deutschland seit Bismarcks Zeiten in mal größerem, mal kleinerem geografischem Umfang nun einmal darstellt, dass man auch ortsübergreifend Geschäfte tätigen kann, ohne immer neue Abgaben zu zahlen – was für mehr Wirtschaftskraft sorgt und so durchaus im Sinne des größeren, bundesweiten Gemeinwohls zu sehen ist.

    Dass ich das anno 2021 unserem Wirtschaftsminister offenkundig wieder in allen Einzelheiten erklären müsste, säße er mir denn gegenüber, ist traurig bis besorgniserregend und zeugt nicht gerade von einem Zukunftssinn. Wie ebenfalls die Tatsache, dass die Idee einer Paketabgabe Widerhall zu finden scheint – von dem derzeit einzigen anderen realistischen Koalitionspartner der CDU nach der nahenden Bundestagswahl. Ja, die Grünen sind nun auch dafür. Die überaus besinnlichen Weihnachtstage mit viel Zeit zu Hause haben wohl nicht dafür gereicht, dass sich alle im politischen Berlin ein wenig auf die Prinzipien von guter und wirkungsvoller Besteuerung – nun ja: besinnen. Ganz im Gegenteil: Anfang dieser Woche verpackte Robert Habeck von Bündnis90/Die Grünen Altmaiers Idee einer Paketabgabe unter den Namen „Digitalsteuer“ neu und ging damit auf Wähler- bzw. eher auf Koalitionspartnerfang. Denn ich schätze mal, dass die Idee einer Paketsteuer bei der eher jungen, eher onlineaffinen Wählerschaft der Grünen nicht unbedingt auf Gefallen stoßen wird…

    Und so haben wir die sehr unschöne Situation, dass zum Auftakt des Bundestagswahljahrs 2021 die nach Umfragen derzeit zwei größten Parteien (sorry, SPD) für eine halbgare Sondersteuer auf eine schlecht definierte Gruppe von Unternehmen sind, die nichts verbrochen haben – außer, dass sie Kunden Produkte mit dem mitten in einer Pandemie gebotenen Abstand verkauft haben.

    Natürlich ist klar, wer die eigentlichen Adressaten der Paketabgabe-Digitalsteuer sein sollen: Man will den „Großkonzernen aus Silicon Valley“ (hier: Amazon) an den Kragen und wieder die Kohle zurückholen, die früher über Saturn, Karstadt & Co. ins Steueraufkommen floss und nun immer spürbarer in die bereits überfließenden Kassen der Low-Tax-GAFAS versickert. Diese Notwendigkeit sehe ich auch ein. Es darf nicht passieren, dass große Teile unseres Wirtschaftslebens vom Kreislauf der Steuern und Investitionen abgekoppelt werden – so nach dem Motto: „Standort Deutschland: Wir zahlen Straßen, Brücken, und Müllabfuhr. Sie zahlen: Nichts! Sprechen Sie unseren freundlichen Bürgermeister an!“

    Nur: Der Zweck heiligt nicht das Mittel. Vor allem dann nicht, dass das vorgeschlagene Mittel regelrecht schädlich für alle ist, auch heimische Erfolgsunternehmen treffen würde und obendrein einen ordnungspolitischen Sündenfall erster Güte darstellen würde. Hiesigen Champions wie dem in mühsamsten Anstrengungen transformierten Otto-Versand eine Strafsteuer aufzuerlegen, nur um ein paar Milliarden von Amazon zurückzuholen? Tausende von Inhabergeführten Läden, die sowohl ihre Straße als auch die Briefkästen ihrer Kunden aufhübschen, mit einer neuen Abgabe behelligen, um Jeff Bezos zu zeigen, wo der Hammer hängt? Kann das allen Ernstes der Plan sein?

    Zumal – und das ist die Krux – Amazon eine solche Abgabe vermutlich spielend umgehen würde. Als ich das letzte Mal dort bestellt habe (also: vor rund drei Stunden), stand nämlich im Kleingedruckten der Bestellbestätigung nach wie vor „Amazon EU S.a.r.l.“. Wetten, dass das in Europa für steuerliche Zwecke in Luxemburg ansässige Amazon ein Kleinlaster-breites Schlupfloch finden bzw. vorm Europäischen Gerichtshof schneller die Abgabe kippen lassen würde, als man „Alexa!“ rufen kann? 

    Wir müssen dieses Thema endlich für das begreifen, was es ist: Ein europäisches Problem, dem auch nur durch eine koordinierte europäische Vorgehensweise beizukommen ist. Was nützt mir eine deutsche Paketsteuer, solange sich die GAFAs noch an so Köstlichkeiten wie dem berühmt-berüchtigten Dutch-Irish sandwich weiden und ihre effektive Steuerlast in den letzten Promillebereich drücken können? Bei der derzeitigen Gesetzeslage darf die EU nicht einmal von Irland verlangen, die sittenwidrig niedrige Lockbesteuerung von Apple einzustellen. Eigentlich ist es für den gesunden Menschenverstand klar, dass innerhalb eines Binnenmarktes die Besteuerung halbwegs koordiniert werden muss, sodass Sonderposten-Modelle wie „Nur 12,5% Körperschaftssteuer zahlen und in 27 Länder verkaufen!“ bald der Vergangenheit angehören – und/oder, dass Steuern in dem EU-Land abgeführt werden müssten, in dem die Umsätze auch getätigt werden. 

    Klar, dass geht nicht über Nacht und weder den Niederländern, den Luxemburgern oder den Iren wird es sonderlich gut gefallen. Aber: Es führt leider kein Weg daran vorbei, wenn wir in großen EU-Ländern wie Deutschland, Frankreich, Spanien und Italien der fortschreitenden Erosion unserer Steuerbasis Einhalt gebieten wollen. Eine in diese Richtung gehende Initiative: Das hätte ich mir über Weihnachten gewünscht bzw. würde ich mir zu Weihnachten 2021 wünschen. 

  • „Ein Weihnachten, wie wir es noch nie erlebt haben!“ (Eine Fortsetzungsgeschichte, Teil 3)

    „Ein Weihnachten, wie wir es noch nie erlebt haben!“ (Eine Fortsetzungsgeschichte, Teil 3)

    Das Rentnerehepaar Meyers versucht zum ersten Mal, Weihnachtsgeschenke online zu kaufen. Das hat sich an diesem 10. Dezember als schwieriges Unterfangen dargestellt.

    Günther Meyer wird gegen Abend wach und dreht sich im Sessel zu seiner Frau Gabriele um. „Hängst du immer noch vor diesem Tablet?“ fragt er, halb im Scherz und halb vorwurfsvoll. Bald ist nämlich Abendbrotzeit: Ganz pünktlich werden sie wohl nicht mehr am Tisch sitzen. Er hat aber gelernt, dass es ein taktischer Fehler ersten Grades sein kann, solche Befürchtungen auszusprechen.

    „Ja Schatz, aber ich habe fast alle Weihnachtsgeschenke zusammen. Selbst dieses Lego-Schloss für Torben habe ich jetzt für unter 400€ gefunden.“ Zu Günther war im Halbschlaf immer wieder durchgedrungen, wie teuer dieses verflixte Lego-Schloss überall war. Es interessiert ihn also jetzt bei aller Sorge um ein zeitiges Abendessen, wie seine Frau es schon wieder geschafft hat.

    „Du, ich habe das nochmal bei Google eingegeben und bin zu Idealo gekommen. Das ist so eine Vergleichsmaschine: Die Listen da immer die besten Angebote auf. Die Marlene hatte mir mal davon erzählt, weil sie darüber mal sehr günstig in den Urlaub geflogen war… Jedenfalls führte das dann zu so einem Angebot auf eBay. Der Verkäufer heißt Zyberpoort oder so was Komisches, sitzt aber in Dresden und ich habe da gerade angerufen. Das Schloss gibt es wirklich und wir kriegen das bis Weihnachten!“

    „Ach, eBay!“ sagt Günther – froh, mindestens eine Vokabel im Redefluss erkannt zu haben: „Dann kannst du unser Konto dort benutzen, um das zu kaufen.“ „Genau!“ sagt seine Frau und loggt sich unter GGMeyers1949 ein, um das begehrte Spielzeugschloss zu kaufen.

    Ein Happy End zu Weihnachten, also! Aber eins, das eine Geschichte abschließt, die deutlich machen soll, welche Aufgaben im diesjährigen Dezembermonat vor dem Online-Handel liegen. In Zeiten von „Lockdowns“ und „Zuhause bleiben“ rollt eine riesige, nie zuvor dagewesene Nachfragewelle auf Akteure im E-Commerce zu. Hersteller, Händler, Marktplätze: Alle, die an dieser Nachfrage partizipieren wollen – und wer kann es sich schon erlauben, das Weihnachtsgeschäft nicht zu wollen? – müssen sich darauf einstellen. Mit dieser Welle kommen aber nicht nur geübte Schwimmer in Bestform angekrault, sondern auch viele Beginner, die mit dem E-Commerce noch nicht so ganz viel Erfahrung haben.

    Das sind oft Konsumenten, die nicht einfach so loskaufen – vor allem nicht in der Vorweihnachtszeit, wenn es um Geschenke geht, die unter dem Christbaum liegen sollen. Sie wollen übersichtliche Suchmöglichkeiten mit den richtigen Treffern, die auf Seiten mit guten, umfassenden Produktinformationen führen. Für viele von Ihnen ist das Telefon noch der Kontaktweg erster Wahl, weil sie unsicher sind; weil sie befürchten, E-Mail könnte zu lange dauern; und weil sie höchstens mit ihren Enkeln auf WhatsApp „chatten“. Andererseits gehören sie oft zu einer Risikogruppe und sind dieses Jahr motiviert wie nie zuvor, sich mit den Möglichkeiten im E-Commerce zu beschäftigen. Es ist also für viele Online-Händler, Markenhersteller und Marktplätze eine einmalige Gelegenheit, ihren Kundenstamm schnell zu ergänzen und um ganz neue Käuferschichten zu erweitern.

    Die Voraussetzungen dafür sind natürlich, dass man genug Ware vorrätig hat, dass die Logistik funktioniert und dass der Service auf neue Kunden – und auf neue Sorten von Kunden – vorbereitet ist. Wie realistisch das in der kurzen Zeit, die noch verbleibt, wirklich ist, ist bei vielen Akteuren ungewiss.

    Eins ist aber klar: Es wird auf jeden Fall ein Weihnachten, wie wir es noch nie erlebt haben! 

  • „Ein Weihnachten, wie wir es noch nie erlebt haben!“ (Eine Fortsetzungsgeschichte, Teil 2)

    „Ein Weihnachten, wie wir es noch nie erlebt haben!“ (Eine Fortsetzungsgeschichte, Teil 2)

    In der ersten Folge lernten wir das durch den Corona-Herbst zu Online-Kunden gewordene Rentnerehepaar Meyers kennen – und sahen, wie sie mit Erschrecken feststellten, dass der 10. Dezember in diesem Jahr schon für das eine oder andere Weihnachtsgeschenk zu knapp ist!

    Es ist spät geworden an diesem 10. Dezember 2020. Draußen dämmert es; es brennen zwei Adventskerzen neben trocken gewordenen Keksen auf dem bunten Teller; und Günther Meyer bringt seiner Frau Gabriele eine Tasse Kaffee. „Wie läuft es denn, Schatz? Haben wir was zusammen?“.

    „Halbwegs. Den Pulli für Melanie habe ich dann doch noch bei einem Händler in Deutschland gefunden, Lieferung am 18. Dezember. Und für Johannes habe ich eine Lösung: Die Klimmzugstange, die er haben wollte, gab es wirklich nirgends mehr. Aber ich habe ihm bei Sport Tiedje einen Gutschein gekauft. Dann kann er es selber nach Weihnachten bestellen.“ „Da wäre ich nicht drauf gekommen!“ sagt Günther, voller Anerkennung für seine erfinderische Ehegattin.

    „Nur: Für die Kinder sind Gutscheine blöd. Sie wollen ja über Weihnachten schon etwas zum Spielen haben,“ sagt Gabriele und nimmt das Heißgetränk entgegen. Sie hatte vor ein paar Tagen bei ihrem Sohn Johannes angerufen, um zu hören, was sich die Enkel dieses Jahr wünschten: Torben, 10 Jahre alt, wünscht sich ein bestimmtes Lego-Modell – das Harry-Potter-Schloss. „Du, Mama, dass findet man auf jeden Fall bei Amazon,“ hatte er gesagt. „Ich verstehe ohnehin nicht, warum du da nichts bestellen magst.“ „Aber die Arbeitsbedingungen dort…“ „Ach! So schlimm ist das bei ihnen ja auch nicht, Mama. Mal ganz ehrlich: Die bei Karstadt haben es mittlerweile auch nicht viel besser…“

    Der Satz geht Gabriele kurz durch den Kopf, nachdem auf Lego.com, das ganz oben bei Google rangierte, sämtliche Produkte „demnächst verfügbar“ sind – auch das besagte Schloss. Gabriele ahnt zwar, dass das mit Weihnachten zusammenhängen könnte, will das aber prüfen und greift zum Hörer, während sie auf der Seite nach einer Rufnummer sucht. Schließlich heißt „demnächst verfügbar“ doch nicht gleich ,ausverkauft’, oder? Und wenn man direkt vom Hersteller kauft, wird das kein Reinfall sein. „Verflixt! Wo ruft man denn bei denen an? Für ein Spielzeugschloss, das 389,91€ kosten soll, wird man sich wohl beraten lassen dürfen!“ ruft sie entnervt. Erst ganz unten auf der Seite entdeckt sie nach einem gefühlt ewigen Scrollen die Rubrik „Support“. „Schatz, du warst ja Außenhandelskaufmann. Heißt Sup… Sup… Support eigentlich ‚Hilfe‘ auf Englisch. Ja, oder?“ Nachdem sie sich diese Rückversicherung geholt hat, klickt sie auf das Fremdwort zwischen „Über uns“ und „Attraktionen“, dann auf „Kontakt“ – und sieht zuerst „E-Mail-Schreiben“ und „Chatten Sie mit uns“. Erst darunter entdeckt sie die kleine Kachel „Anrufen“.

    „Schatz,“ dreht sie sich nochmal zu ihrem Mann um, der schon wieder dabei ist, im Sessel einzunicken, „sind 0800-Nummer eigentlich die kostenfreien? Oder soll man da aufpassen?“ Stille; leises Schnarchen. Dann nimmt sie all ihren Mut zusammen, wählt die Nummer – und legt wieder auf, als sie hört, dass zwar der nächste freie Mitarbeiter für sie reserviert ist, dass die voraussichtliche Wartezeit aber 18 Minuten und 30 Sekunden betrage.

    „Warum eigentlich nicht?“ denkt sie sich und ruft Amazon.de auf. „Wenn selbst der Johannes das gar nicht mehr so schlimm findet…“. An der Uni verbrachte ihr Sohn eigentlich mehr Zeit mit Demonstrieren als Studieren, wie Günther fand, und arbeitet jetzt als Sozialpädagoge. So ganz unmoralisch kann er also nicht sein. Bei Amazon gibt sie „Lego Schloss Harry Potter“ ein – und freut sich, als der erste Produkttreffer sofort mit einem Preis von nur 199,99€ angezeigt wird. Als sie aber auf den Artikel klickt – „Schatz, was heißt eigentlich… Gesponsert?“ – liest sie den Zusatz „ohne Lego-Set“ und merkt, dass es sich um ein „LED Beleuchtungsset für Lego Harry Potter Schloss“ handelt. 

    Erst als sie bis zum fünften Ergebnis runtergescrollt hat, findet sie den eigentlichen „LEGO Harry Potter Schloss Hogwarts Bauset“. Der wird allerdings ohne Preis angezeigt. Als sie mal wieder all ihren Mut zusammennimmt und darauf klickt – Ihre Mutter hatte ihr immer eingebläut: „Wenn kein Preisschild drauf ist, kannste dir’s eh nich leisten!“ – sucht sie verzweifelt nach dem „Kaufen“-Knopf. Lediglich den Hinweis „Erhältlich bei diesen Anbietern“ findet sie und landet dann auf einer Liste von Händlern mit dubiosen Namen wie „RedCat“, die alle das Modell zu einem stolzen Preis weiter über 400€ anbieten… Gabriele begibt sich auf die Suche nach einer Service-Hotline bei Amazon.de.

    Wir sehen: Wenn dieser Tage nicht unbedingt digitalaffine Käuferschichten wie „65+, mittleres Einkommen“ auf die digitale Welt treffen, läuft es alles andere als reibungslos. Von der Anfangseuphorie der Dotcom-Welle – lauter „Silver-Surfer“, die auf eBay tolle Beute „günstig schießen“ – ist nicht viel geblieben in Zeiten von Sponsored Listings und Chat-Lösungen.

    In der letzten Folge dieser Weihnachtsserie findet Gabriele ihre digitale Heimat, während Günther weiter vorm Frühabendprogramm vor sich hin döst.

  • „Ein Weihnachten, wie wir es noch nie erlebt haben!“ (Eine Fortsetzungsgeschichte, Teil 1)

    „Ein Weihnachten, wie wir es noch nie erlebt haben!“ (Eine Fortsetzungsgeschichte, Teil 1)

    Weihnachten naht, Corona hält an und Online boomt wie nie zuvor. So weit, so unspektakulär. Auf die Zusammenhänge brauche ich kaum noch einzugehen. Denn bei den weiter bestehenden Kontaktbeschränkungen, fehlenden Glühweinhütten und immer neuen Appellen, doch bitte möglichst zu Hause zu bleiben, vergeht selbst dem eingefleischtesten Stadtbummler die Lust am stationären Geschenkekauf. 

    „Dann kaufen wir die Geschenke eben online,“ sagt sich selbst Rentnerehepaar Gabriele und Günther Meyer, das sonst immer „die Sachen vorher in Echt sehen“ und dabei der netten Verkäuferin dazu ein paar Fragen stellen wollte (die sie zwar nie beantworten konnte, aber sei’s drum…). „Aber in die Stadt mit Maske?“ fragt sich Günther: „Spätestens nach einer Viertelstunde kriegt man ja keine Luft mehr!“ „Und die Hälfte trägt sie nicht mal richtig und niest einem beinahe ins Gesicht!“ sagt Gabriele. „Dann bestellen wir die Geschenke eben im Netz.“ Das sei doch gar nicht mal so schwer, überlegen sich die beiden. Schließlich haben sie ja jetzt ein Tablet und Sohn Johannes hat dem Vater schon vor paar Jahren gezeigt, wie er auf eBay Sachen für seine Modelleisenbahn kaufen kann. „Und dann habe ich endlich mal einen Grund, die Kreditkarte zu benutzen!“ sagt Gabriele, halb erfreut und halb panisch. Die holte man nämlich sonst nur für Urlaube auf den Kanaren raus. „Das wird ohnehin ein Weihnachten, wie wir es noch nie erlebt haben!“ sagt Günther.

    Nur eins ist wie immer in Vorjahren: Meyers sind spät dran. „Es ist schon wieder bereits Nikolaus und wir haben noch nichts gekauft!“ klagt Gabriele. „Mach dir keine Sorgen Schatz: ‚Heute bestellt, morgen da‘!“ zitiert Günther beruhigend einen Werbeschnipsel, den er irgendwo gehört hat. Was die beiden nicht wissen – aber vielleicht erahnen könnten: Sie sind nicht die einzigen, die in dieser außergewöhnlichen Vorweihnachtszeit nicht wie sonst in die Stadt zum Geschenkekaufen fahren, sondern alles im Netz kaufen wollen. 2019 übernahm Online je nach Zählmethode insgesamt 10% bis 15% der Handelsfunktion in Deutschland; 2020 kann sich diese Zahl verdoppeln, gar verdreifachen. Erst in ein paar Monaten wird es Klarheit geben, um welche Vervielfachung genau es sich handelt.

    Was wir aber jetzt schon mit Gewissheit sagen können: Die Logistikkapazität des deutschen Online-Handels hat sich nicht vervielfacht. Auch auf Biegen, Brechen und „Alles einstellen, was sich nicht wehrt!“ hat kein Händler seine Infrastruktur im bereits vor der Corona-Krise boomenden Online-Handel schnell genug ausbauen können. Selbst Amazon ächzt unter dem eigenen Lieferversprechen. Und die Logistiker sind noch näher am Kollaps, als sie es eh schon waren. Vielerorts stellt die Post nur noch an einigen Werktagen überhaupt zu, weil sich trotz tollster Tarifabschlüsse keine Briefträger mehr finden lässt und viele davon bereits jetzt fürs Tochterunternehmen DHL Pakete ausliefern. Sonst hechelt die Konzerntochter mit eilends aufgetriebenen „Im Auftrag“-Fahrern der Paketflut nur noch hinterher. Saisonkräfte? Sind trotz gestiegener Arbeitslosigkeit rar – genauso wie die Lieferfahrzeuge, die sie lenken sollen. Und Hermes hat gefühlt vollständig kapituliert: Nicht mal fürs (Un)Höflichkeitsklingeln vor dem obligatorischen „Beim (sehr weit entfernten) Paketshop abgegeben“ haben die Fahrer noch Zeit.

    So ist schlicht und ergreifend davon auszugehen, dass dieses Jahr zum ersten Mal nennenswerteEngpässe im Online-Handel zum Vorschein treten. Sonst schaffte man es immer irgendwie gerade noch über den Weihnachtsberg zum 16.-18. Dezember hin und verschnaufte kurz, bevor es mit den Retouren losging. Das wird in diesem Jahr mehr Kraftakt sein denn je. Und dazu wird sich ein Problem gesellen, das sonst selten im Online-Handel vorkam: Mangelnde Verfügbarkeit von Ware. Denn selbst die Händler, die aufgrund der aktuellen Lage dieses Jahr ein noch optimistischeres Bestandsmanagement pflegen, als sie es in Vorjahren ohnehin schon taten, kommen irgendwann an Grenzen: Flüssige Mittel zur Vorfinanzierung, eigene Lagerkapazität, Lieferbarkeit seitens der Hersteller…

    Als sich Meyers überlegt haben, was sie alles kaufen wollen und sich vormittags am Esstisch hinsetzen, sind noch ein paar Tage verstrichen: „Oh Gott! Wir schreiben den 10. Dezember schon!“. Gabriele hat in dieser Zeit wieder ihre Zugangsdaten für Otto.de gefunden – vor paar Jahren hatte sie das mal ausprobiert, weil bestehende Katalog-Kunden angeschrieben wurden. Nun gerät sie nach einer halben Stunde in regelrechte Panik. „Schon wieder ‚In 3-5 Wochen lieferbar?` Sag mal, können die uns überhaupt was bis Weihnachten anbieten?“ Sie gibt sich aber nicht geschlagen: Bei einem Pulli, den sich die Schwiegertochter wünscht, sucht sie nochmal nach dem Label auf Google und kommt zur Webseite des Herstellers: „Alle Größen bis auf XS und XXXL vergriffen? Das kann doch nicht wahr sein!“.

    Nach einer Viertelstunde hat sie endlich einen Online-Shop gefunden, der den Pulli noch in M anbietet – in Österreich. „Günther, findest du die Angabe ‚Lieferung 18. bis 23. Dezember‘ nicht etwas knapp? Ich meine, wenn es bis zum 23. Dezember nicht da ist, dann… Günther?“

    Günther – auch das ist wie in Vorjahren – hat bereits aufgegeben. Nur dass er es nicht darauf anlegen muss, zufällig an der Tchibo-Filiale vorbeizulaufen: Diesmal kann er sich zu Hause im Sessel vom Geschenkekaufen ausruhen. Und im Sessel schläft er immer sofort ein.

    In der Fortsetzung versuchen Gabriele und Günther, ein bestimmtes Lego-Modell für Enkel Torben zu kaufen…

  • Digitalisierung in der Landtechnik

    Digitalisierung in der Landtechnik

    E-Commerce ist auch für die Landtechnikbranche unumgehbar.
    Mehr zu diesem Thema sowie ein kostenloses Whitepaper findet ihr in der Agrarzeitung unter folgendem Link:

    https://www.agrarzeitung.de/nachrichten/in-eigener-sache/whitepaper-technik-talk-e-commerce-in-der-landtechnik-93799

  • Gesundheitscheck: Infrastruktur für Digital-Health (Teil 3)

    Gesundheitscheck: Infrastruktur für Digital-Health (Teil 3)

    Demnächst erscheint „Digitaler Puls“, eine ganzheitliche Analyse der Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen, die ich zusammen mit Luisa Wasilewski geschrieben habe. In dieser kurzen Artikel-Serie stelle ich aus dem Buch drei Fallbeispiele von Marktentwicklungen vor, die gerade in der Corona-Krise besonders aktuell sind und die drei Säulen der sich abzeichnenden Infrastruktur für Digital Health in Deutschland darstellen. 

    Zudem verdeutlichen diese Beispiele unsere Kernthese: dass sich Patienten zu Gesundheitskunden wandeln, die Konsumgewohnheiten und -erwartungen auf Gesundheitsleistungen übertragen. Im ersten Artikel ging es dabei um den Online-Handel und das E-Rezept; im zweiten um die elektronische Patientenakte. In diesem letzten Fallbeispiel beschäftigen wir uns mit der Software, die in Arztpraxen und bei Krankenversicherern verwendet wird.

    Fallbeispiel Nr. 3: Software bei Leistungserbringern

    In diesem Fallbeispiel handelt es sich um einen jungen Berufsanfänger namens David Schneider. Er hat vor einigen Monaten seine erste Stelle in einer neuen Stadt bekommen. Den Umzug und den Start in den Arbeitsalltag hat er gut hinbekommen. Eigentlich fehlt ihm nichts: Er ist kerngesund, geht regelmäßig ins Fitness-Studio und hat sogar schon eine Fußballmannschaft gefunden. Nur hat er an einer ziemlich peinlichen Stelle einen roten Hautausschlag, der leicht juckt und nach ein paar Wochen immer noch da ist.

    Eigentlich versucht David, alle Probleme soweit möglich online zu lösen. Über TeleClinic hatte er sich letztens untersuchen lassen, als er Erkältungssymptome hatte und nicht in eine Praxis wollte. Er nimmt die Corona-Regeln ja ernst. Die Krankschreibung bekam er dann pandemiebedingt auch sofort. Nur: Diese Hautstelle würde selbst er, der er seit zwei Jahren keine Kleidung mehr im Geschäft gekauft hat, weil er bei AboutYou bestellt, nicht einfach so in die Webcam seines Laptops halten. Also googelt er nach „Dermatologie“ und seiner Postleitzahl. Und siehe da: Es gibt eine Praxis drei Straßen entfernt – mit einer schicken Webseite und einem Terminbuchungs-Tool. In drei Tagen um 10:00 ist etwas frei: Gebongt! Das angeblich komplizierte und rückständige deutsche Gesundheitssystem ist offenbar besser als sein Ruf, stellt er für sich fest.

    Als David dann in der Praxis an den Empfangstresen tritt, merkt er allerdings, dass die Einschätzung vielleicht etwas voreilig war. „Schneider? Um zehn ein Termin?“ Die Dame am Empfang weiß von nichts. „Auf der Webseite gebucht? Moment mal.“ Sie dreht sich zu ihrem Kollegen um: „Kann man bei uns Termine online reservieren?“ Es stellt sich raus: Das Buchungstool wurde letztes Jahr mit der neuen Webseite installiert. Danach überwarfen sich aber die Ärzte mit dem Dienstleister und seitdem werde die Seite nicht mehr aktualisiert. „Nächster freier Termin? In drei Monaten. Oder Sie kommen übermorgen früh zur offenen Sprechstunde. Am besten gleich um 8:00 Uhr, damit Sie auch drankommen.“

    Wir könnten David weiter durch die wirre Systemlandschaft des deutschen Gesundheitswesens begleiten: Zum „Arztlotsen“ der Ersatzkassen, zum Beispiel, der einst mit großem medialen Tamtam an den Start ging, aber im Grunde genommen nur die Funktionalität von Google oder Jameda nachbildet; oder zur Arzttermin-Service-Hotline seiner Krankenkasse, die ebenfalls bei der Vermittlung von Facharztterminen helfen soll, deren Mitarbeiter aber unserem Protagonisten frühestens in zwei Wochen einen Termin (allerdings beim selben Dermatologen) anbieten kann – oder einen in vier Tagen, aber am anderen Ende der Stadt; oder zum Aggregator arzttermine.de, bei dem keiner der gelisteten Hausärzte über das Tool überhaupt Termine entgegennimmt…

    Das lassen wir aber und gesellen uns wieder am übernächsten Tag zu David, der jetzt noch ziemlich benommen um 8:15 Uhr im Wartezimmer der Dermatologiepraxis sitzt und sich fragt, wie zur Hölle es sein kann, dass das Wartezimmer schon so voll ist. Es half ja nichts. Er musste in den sauren Apfel beißen und zur offenen Sprechstunde gehen. Nach zwei quälenden Stunden scrollen auf dem Handy – es wird ihm so langweilig, er blättert sogar durch den drei Wochen alten Stern vom Leserkreis – ist er dran. Er lässt die Hose runter. Diagnose: Hautpilz. Ursache: typische Sportlerkrankheit. Therapie: Creme von der Apotheke. Zehn Minuten später steht er wieder vorm Empfangstresen: „Wir hatten heute ein Software-Problem und konnten die Krankenversichertenkarten nicht einlesen. Wären Sie so freundlich, nächste Woche noch einmal kurz mit ihrer Karte reinzuschauen?“ Zum Glück hat er die Praxis in der Nähe genommen!

    Meine Einschätzung zufolge wird das Fallbeispiel von David noch ziemlich lange so aussehen. Ob durch die Krankenkassen oder von einem Plattform-Anbieter: Eine zentrale Terminsteuerung für alle niedergelassenen Ärzte – oder auch nur einen ausreichenden Anteil davon – ist derzeit utopisch. Vor allem in unterversorgten Bereichen wie Dermatologie wird noch auf Jahre hinaus der frühe Vogel den Wurm fangen. 

    Was aber durchaus passieren kann: David Schneider ist so genervt, dass er sich entscheidet, doch vor den Online-Ärzten von TeleClinic die Hose runterzulassen. Zumal diese ihm bald für die Anti-Pilz-Creme ein E-Rezept werden ausstellen dürfen, das er wiederum bei einer Versandapotheke einlösen kann. Bis Ende des Jahrzehnts könnte es sogar sein, dass seine Krankenkasse eine App zur Einordnung und Erstdiagnostik von Hautausschlägen anbietet… Aber der Bereich Symptomchecker/KI wäre etwas für eine weitere Artikelserie!

     

    Mehr Infos zu „Digitaler Puls“: https://digitalerpuls.healthcare 

    Ab sofort kann das Buch vorbestellt werden: https://www.amazon.de/Digitaler-Puls-Gesundheitsmarkt-digital-handeln/dp/3456860803/

  • Amazon Dorf Talk – Welche Amazon-News gibt es im November 2020?

    Amazon Dorf Talk – Welche Amazon-News gibt es im November 2020?

    Was sind die aktuellen News von Amazon auch aus anderen Ländern? In dieser Ausgabe des Amazon Dorf Talks arbeiten wir uns durch die momentanen Neuigkeiten, die uns im November erreichten.

  • Was uns britische Medien über den deutschen Einzelhandel verraten

    Was uns britische Medien über den deutschen Einzelhandel verraten

    Manchmal sind es die eigentlich beiläufigen Bemerkungen, die einen aufhorchen lassen. So auch vor einigen Wochen bei der Lektüre eines Artikels im Guardian zu den düsteren Aussichten für den deutschen Einzelhandel. Für ihre englischsprachigen, vorwiegend in Großbritannien ansässigen Leser berichtet die Berlin-Korrespondentin der Zeitung über den exorbitanten Frequenzrückgang, das drohende Ladensterben und den nicht so ganz zu Ende gedachten Vorstoß des Wirtschaftsministers, einen verbindlichen Einheitspreis für ein und dasselbe Hemd einzuführen – egal ob vom Hersteller oder vom Händler gekauft, ob mit Online- oder stationärer Kostenstruktur vermarktet.

    Das sind ja für deutsche Leser keine so neuen Themen. Aber es ist immer interessant, mal eine andere Perspektive einzunehmen und die eigene Realität von außen zu betrachten. Und dann springt einem sofort folgender Satz ins Auge:

    „But Altmaier’s plan – to “digitise” local shops’ relationships with their customers to allow them to better compete with online retailers – speaks to a quirk of the German high street. Cash is still king in many places, credit cards are often not accepted in smaller shops and many retailers do not have websites.“

    Übersetzt:  „Das Vorhaben von Altmaier soll die Beziehungen zwischen den örtlichen Geschäften und ihren Kunden ‚digitalisieren‘ und sie so in die Lage versetzen, es besser mit Online-Händlern aufzunehmen – was mit den Marotten des stationären Einzelhandels in Deutschland zu tun hat. Denn vielerorts gilt nach wie vor die Devise, dass nur Bares Wahres ist. Vor allem in kleineren Läden werden Kreditkarten oft nicht akzeptiert und vielen Händlern fehlt eine Webseite.“

    Daran, was die Redakteurin ihren Lesern im Ausland erklären muss, sieht man, was hier anders ist. Die ständige Unsicherheit, ob man genug Bargeld dabei hat und ob dieser oder jener Laden Kredit-, nur EC- oder keinerlei Karte als Zahlungsmethode annimmt, kennen Briten nämlich gar nicht mehr. Diejenigen, die nach 1990 geboren sind, haben sie erst gar nicht erlebt. Bis die Millennials Ende der 2000er ihre ersten Bankkonten bekamen, gab es schon in jedem Kiosk Kartenlesegeräte und London Transport machte sich bereits daran, Bargeld komplett aus den berühmten roten doppelstöckigen Bussen zu verbannen. Schon die Generation davor bekam in den 1990ern zum Wechsel an die Universität ungefragt eine Kreditkarte von ihren Banken.

    Nun: Ob es so eine gute Idee war, britischen Erstsemester eine Kreditkarte in die Hand zu drücken und die Zahlung damit in Kneipen zu ermöglichen, lasse ich dahingestellt. Worübe ich mir aber ziemlich sicher bin: Deutsche Einzelhändler, die Warenkorbwerte im dreistelligen Bereich erzielen wollen, aber immer noch keine Kreditkartenzahlung akzeptieren, tun sich damit keinen Gefallen. Nicht primär, weil das Ausländer nicht verstehen (was aber in einigen Trendvierteln in Berlin tatsächlich zum Problem werden könnte!). Sondern vor allem deswegen, weil auch Deutsche mittlerweile Kreditkarten haben und nutzen wollen. 

    Denn ständig heißt es im Einzelhandel: „Wir tun dies/Wir unterlassen das, weil der Kunde das so will bzw. so nicht will.“ Daran kann man getrost zweifeln, wenn man Folgendes liest: Anfang 2019 ergab eine vom Institut für Handelsforschung durchgeführte repräsentative Umfrage von beinahe 60.000 Innenstadtbesuchern, dass sie den Stadtzentren hierzulande einen Notendurchschnitt von lediglich 3+ erteilen. Das heißt: Noch vor Corona und gar unter den Leuten, die sich schon die Mühe gemacht hatten, überhaupt in die Stadt zu fahren, schnitten die Einkaufsstraßen schlecht ab. Das hört sich nicht gerade nach erfolgreicher Kundenorientierung an.

    Diese Umfrage wird beim Guardian erwähnt – sowie die Tatsache, dass hierzulande so Sachen wie „Click & Collect“ oder E-Food vergleichsweise selten angeboten werden. Auch das ist also erklärungsbedürftig aus Sicht des britischen Lesers. Klar: Großbritannien ist das Land, in dem es mit Ocado bereits zur Jahrtausendwende einen Online-Pure-Play-Supermarkt gab. Davon gibt es in Deutschland gerade eine Handvoll – wovon einer der erfolgreichsten, Picnic, wiederum aus den Niederlanden stammt. Derweil haben einige deutsche Supermarktketten komplette Online-Filialen aufgebaut, um sie dann wieder einzustampfen. All das kann man etwa den sehr unterhaltsamen E-Food Podcasts vom Kollegen Alex Graf mit Branchenkenner Udo Kiesslich entnehmen.

    Damit will ich jetzt nicht die übliche „Digitalwüste Deutschland!“-Leier anstimmen. Hier gibt es auch stark wachsende Unternehmen wie Flaschenpost, das gerade für sage und schreibe eine Milliarde Euro von der Oetker-Gruppe gekauft wurde und das das deutscheste aller Lebensmittelsegmente digitalisiert: Bier und Sprudelwasser. (Übrigens: Wenn der Guardian mal über die Firma berichtet, wird die Redakteurin den Briten erklären müssen, dass Deutsche Getränke in Kisten einkaufen und beinahe allergisch auf Leitungswasser reagieren.) Bloß: Andere Länder sind da schon weiter. Nicht „anders“ übrigens, weil die Entwicklung in allen westlichen Konsumgesellschaften gleich verläuft: Weniger Bargeld, weniger Einkaufsbummler in den Innenstädten und mehr Online-Handel. Nur verlief diese Entwicklung eben langsamer ab bei uns – bislang. Die Corona-Krise sorgt hier gerade für eine rasche Anpassung an die Verhältnisse, die bereits anderswo herrschen.

    Wer übrigens in den letzten Jahren in einer der traurigen britischen Fußgängerzonen unterwegs war, in denen bereits die Tauben den Einkäufern in der Überzahl sind und die immer gleichen Läden mit ihren „Click & Collect Point Here“-Schildern und „Card only“-Kassen, hat übrigens einen Blick der deutschen Innenstadt anno 2021 erhascht.

  • Gesundheitscheck: Infrastruktur für Digital-Health (Teil 2)

    Gesundheitscheck: Infrastruktur für Digital-Health (Teil 2)

    Demnächst erscheint „Digitaler Puls“, eine ganzheitliche Analyse der Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen, die ich zusammen mit Luisa Wasilewski geschrieben habe. In dieser kurzen Artikel-Serie stelle ich aus dem Buch drei Fallbeispiele von Marktentwicklungen vor, die gerade in der Corona-Krise besonders aktuell sind und die drei Säulen der sich abzeichnenden Infrastruktur für Digital Health in Deutschland darstellen. 

    Zudem verdeutlichen diese Beispiele unsere Kernthese: dass sich Patienten zu Gesundheitskunden wandeln, die Konsumgewohnheiten und -erwartungen auf Gesundheitsleistungen übertragen. Im ersten Artikel ging es dabei um den Online-Handel und das E-Rezept. Im zweiten Teil sehen wir uns den Stand der digitalen Patientenakte an.

    Fallbeispiel Nr. 2: Digitale Patientenakte

    Folgendes Fallbeispiel. Es ist dunkel draußen und seit Tagen regnet es auf das gefallene Laub. Du fährst zu schnell in eine Kurve und fällst mit dem Fahrrad hin. Dabei fällst du auf das Handgelenk und, obwohl du es nach Hause schaffst, kannst du später am Abend deine Hand kaum mehr bewegen. Am nächsten Tag gehst du zum nächstgelegenen Internisten zum Röntgen. Du bist neu in der Stadt und warst noch nie in der Praxis – zum Glück kommst du aber bald dran. Zudem gibt es gute Nachrichten: Es ist nur eine Prellung. Klingt bald ab. Fahren Sie vorsichtiger usw. 

    Nur: Wann war eigentlich Ihre letzte Tetanusimpfung? Die Haut war an der einen Stelle ganz schön aufgescheuert… Der Arzt sagt, so eine Impfung kann ziemlich schmerzhaft sein. Wenn du die aber in den letzten zehn Jahren hattest, brauchst du sie nicht. Sonst müsse er sie aber auffrischen. Du ärgerst dich über dich selbst, dass du nicht mal mehr weiß, wo dein Impfpass liegt. Aber auf die Idee, du könntest den jetzt brauchen, wärest du ohnehin nicht gekommen. „Wie kann es eigentlich sein,“ denkst du, „dass ich jetzt sofort auf Amazon nachgucken könnte, was ich alles in den letzten zehn Jahren gekauft habe, mein Handy mir hier aber überhaupt nicht weiterhilft.“ „Hätten wir bloß schon die elektronische Patientenakte!“ ruft der Arzt mitleidsvoll, während er die dicke Spritze präpariert. 

    Beim Begriff „elektronische Patientenakte“ fragen sich viele Zeitgenossen, ob es sich nicht doch um eine längst versandete Initiative handelt, die irgendwann in den 2010er an verfassungsrechtlichen Bedenken scheiterte. Nein, das war die Vorratsspeicherung. Die elektronische Patientenakte (kurz: ePA) gibt es noch – aber die Frage nach ihrem Verbleib ist nicht unberechtigt. Schließlich wurde sie schon 2005 in die Wege geleitet, konnte aber bislang nicht so eingeführt werden, dass Patienten und medizinisches Personal etwas davon gemerkt haben. 

    Mal waren es Zuständigkeitsrangeleien zwischen Krankenkassen und Leistungserbringern, mal lag es an datenschutzrechtlichen Bedenken und die daraus folgenden Klagen. Jedenfalls: Fast 20 Jahre, nachdem es die ersten ernsten Bestrebungen gab, der notorischen Zettelwirtschaft des deutschen Gesundheitswesens mit etwas Effizienterem, Eleganterem, Elektronischem ein Ende zu bereiten, hantieren die Bundesbürger noch mit vollgestempelten Bonusheften beim Zahnarzt und suchen vor jeder Fernreise verzweifelt nach dem Impfpass, der eigentlich in dieser Schublade mit den ganzen Arztbriefen liegen sollte… In der Notfallversorgung gibt es noch haarigere Situationen, wenn jemanden bewusstlos eingeliefert wird. Und all das, obwohl alle spätestens seit 2015 elektronische Krankenversichertenkarten haben, auf denen sämtliche Angaben zur zahnärztlichen Vorsorge, zum Impfstatus und zu notfallrelevanten Allergien, medikamentöse Einstellung usw. gespeichert werden könnten. Betonung auf die Konjunktivform.

    2021 soll daraus endlich ein Indikativ werden. Zum 01.01.2021 sind Krankenkassen nun verpflichtet, ihren Versicherten die einheitliche ePA anzubieten. 2019 schon wurden Arzt- und Zahnarztpraxen sowie Psychotherapeuten ans System angeschlossen; Apotheker und Krankenhäuser folgen gerade. Bis 2022 sollen dann Versicherte zur Entscheidung bewegt worden sein, welche Daten sie speichern oder sperren lassen möchten – und ob diese Daten auf ihrer Krankenversichertenkarte zugänglich sein sollen. Jetzt wird also Nägel mit Köpfen gemacht.

    So besteht die Hoffnung, dass unser Fallbeispiel in nur noch 18 Monaten damit zu Ende geht, dass der Arzt dich fragt, ob er bitte in deiner elektronischen Patientenakte die Datei „Impfungen“ einsehen darf. „Klar, machen Sie das gern,“ sagst du und freust dich, als er liest, dass du zuletzt 2014 eine Tetanusimpfung hattest (Wirklich? Ich war auf einen rostigen Nagel getreten? Ach, stimmt, beim Einzug damals…) „Fahren Sie vorsichtiger!“ sagt der freundliche Mediziner zum Abschied.

     

    Mehr Infos zu „Digitaler Puls“: https://digitalerpuls.healthcare 

    Ab sofort kann das Buch vorbestellt werden: https://www.amazon.de/Digitaler-Puls-Gesundheitsmarkt-digital-handeln/dp/3456860803/

  • Amazon: Doch kein Schurke – aber immer noch alternativlos!

    Amazon: Doch kein Schurke – aber immer noch alternativlos!

    Es ist in der Pandemie erstaunlich ruhig geworden – um Amazon. Nicht still, aber ruhig, verglichen etwa mit dem Lärmpegel früherer Jahre. Das waren die Zeiten, in denen alle (vom Buchhändler bis hin zum Berliner Politikbetrieb) auf den Konzern so laut einschossen, dass man kaum sein eigenes Wort hörte – etwa wenn man darauf hinzuweisen versuchte, dass wir in einer freien Marktwirtschaft leben, in der viele Konsumenten einfach gern das Angebot von Amazon wahrnehmen. 

    Mittlerweile haben aber selbst Gewerkschafter gemerkt, dass Amazon zwar ungern hiesigen Gepflogenheiten, aber durchaus deutschen Arbeitsgesetzen Folge leistet – und in strukturschwachen Regionen Arbeitsgelegenheiten anbietet. Zwar wird wie jedes Jahr kurz vor dem PrimeDay Amazon von ver.di bestreikt, aber die mediale Schlacht wurde in diesem Jahr bei den kommunalen Arbeitgebern ausgetragen. Schließlich zahlt Amazon schon seit März eine Corona-Prämie an seine Logistik-Mitarbeiter aus, während die öffentlichen Krankenhäuser noch vielerorts mit dem Geld knausern, dass sie zu diesem Zwecke vom Bund bekamen… 

    So haben selbst die hartgesottensten Arbeitskämpfer den Geräuschpegel in der Auseinandersetzung mit Amazon merkbar runtergeregelt. Was sie gerade in der Corona-Krise merken, erkennt man auch im Politikbetrieb: Amazon isn’t the bad guy here. Denn in der Pandemie hat der Konzern genau das geleistet, was erwünscht ist: Möglichst kontaktlos Ware an Menschen bringen, die sich möglichst zu Hause aufhalten sollen. Dabei waren die Logistikmitarbeiter des Konzerns keinem erhöhten Ansteckungsrisiko ausgesetzt, sie bekamen eine Zulage für die zusätzliche Arbeit und ihre Zahl wird noch erhöht, während im Einzelhandel massenhaft Kündigungen rausgehen. 

    Natürlich macht Amazon all das keineswegs uneigennützig: Der Umsatz ist um fast 40% angestiegen; Gewinn hat sich verdreifacht. Ich kann aber nichts Ehrenrühriges daran finden, in einer Marktwirtschaft mit einem guten Angebot auf der Höhe der Zeit finanzielle Erfolge zu feiern. Viele in Berlin und anderswo sehen das mittlerweile ähnlich. Das jahrelange Raunen über ein „Lex Amazon“, um den Konzern dazu zu zwingen, mehr Steuern zu zahlen oder ihn gar aufzubrechen, ist ja auch verstummt. 

    Was heißt das alles für Handelsstrategien? 

    1. Amazon wird noch einmal schneller wachsen und der stationäre Handel noch einmal schneller zusammenbrechen, als alle – inklusive Amazon selbst – erwartet haben.
    2. Die Politik wird nicht mitten in einer Pandemie gegen einen Konzern vorgehen, der sich als zuverlässiger Kontaktlos-Versorger breiter Bevölkerungsschichten gezeigt hat.
    3. Wer Handel betreiben will und noch kein operatives Team für Amazon hat, hat ein Problem.

    Wer also gegen alle Indizien immer noch auf die Karte „Irgendwann steigt die Frequenz in den Innenstädten wieder“ setzt oder seine Hoffnung in der Möglichkeit sieht, Amazon über die Politik die Handschellen anzulegen, muss umdenken – und bekommt  eine letzte Chance, dies rechtzeitig zu tun. So würde ich sagen: Die Adventszeit im Zeichen vom sogenannten „Mini-Lockdown“ könnte man als beste Gelegenheit betrachten, im Weihnachtsgeschäft neue Wege an den Kunden zu bahnen. Und da führen viele Wege über Amazon.