Autor: Nils Seebach

  • Datenschutz, Digitalisierungsstau und deutsche Behäbigkeit

    Datenschutz, Digitalisierungsstau und deutsche Behäbigkeit

    Mit meiner Zeitungslektüre falle ich hin und wieder etwas zurück. Vor allem die Wochenzeitungen bleiben gern mal länger auf dem Stapel liegen, weil ihnen die tagesaktuellen Nachrichten immer wieder die Schau stehlen. Zum Glück erhalte ich dann von Familienmitgliedern immer wieder Hinweise auf spannende Artikel und Ansichten. Diese Verzögerung ist aber auch nicht weiter schlimm: Was ich ja am wöchentlichen Erscheinungsrhythmus so schätze, ist der etwas längerfristige Blick und eine Halbwertszeit des geschriebenen Wortes, dass über den Moment hinausgeht.

    So wie ein Kommentar des Wirtschaftsredakteurs Uwe Jean Heuser in der ZEIT, der unter dem Titel „Wo bleibt unser Köpfchen?“ erschien. Kopfzeile: „Die Bundesrepublik liegt in der Krise hinter ihren Möglichkeiten zurück. Der Hang zur geistigen Bequemlichkeit fällt auch im Ausland auf. Es braucht neuen Macher-Mut!“

    Ich glaube, ich unterstelle dem Autor nicht zu viel, wenn ich den Text mit dem Wort „Generalabrechnung“ zusammenfasse. Und wie immer bei solchen Abrechnungen, wird hier und da überzeichnet. So ist viel von der angeblichen Impfkatastrophe mit den üblichen Halbwahrheiten die Rede, die leider die mediale Debatte bestimmen. Noch einmal, für alle, die es nicht wissen: Es ist richtig, dass Großbritannien und USA rund fünfmal so viele Impfungen wie Deutschland verabreicht haben; allerdings gehört es auch zur Wahrheit, dass die zweite Dosis entgegen aller Herstelleranleitungen und einiger Forscherempfehlungen oft um mehr als 12 Wochen hinausgezögert wird. Wer in Deutschland geimpft wird, bekommt drei Wochen später auch die zweite Dosis und damit vollen Impfschutz, während sich die angelsächsischen Länder laut Virologen in einer gefährlichen Halbimmunität begeben, die für die Entstehung neuer Mutanten wie ein Brutkasten wirkt.

    Andererseits heißt es doch wieder etwas, weil wir ja in aller Welt als Land mit einer ausgeprägt leistungsorientierten Arbeitnehmerschaft und einer beneidenswert effizienten Verwaltung gelten. Dass dieser gute Ruf nicht immer ganz verdient ist und eher darauf basiert, dass angelsächsische Meinungsmacher selten des Deutschen mächtig und daher unsere Selbstdarstellung oft für bare Münze nehmen, gereicht uns immer wieder zum Vorteil. Wenn also anhand der Zahlen, die keiner Übersetzung bedürfen, deutlich wird, dass wir nach einem Jahr Pandemie viele Startvorteile verspielt haben, ist das erstens eine in Sterblichkeit zu messende menschliche Tragödie und zweitens für unsere Außendarstellung schlecht. Ich finde, der Autor hat recht, wenn er schreibt: „Deshalb droht dem Standort Deutschland im Urteil der Weltwirtschaft nun die Herabsetzung. Das ist keine Kleinigkeit, weil davon Investitionsflüsse abhängen. Letzten Endes geht es um den Wohlstand einer Exportnation.“ Und Investoren achten nun einmal auf Zahlen.

    Datenschutz schützt nicht

    Unter den Zahlen verstehe ich nicht primär die Zahl der Impfungen: Klar, ein bisschen schneller würde nicht schaden, aber bis Mitte des Jahres kann das schon wieder anders aussehen. Wo der Autor meiner Meinung nach aber vollkommen ins Schwarze trifft, ist die Einschätzung der Corona-App: Er empört sich zu Recht darüber, dass 20 Millionen Nutzer die App heruntergeladen haben und davon nichts außer lauter „Begegnungen mit niedrigem Risiko“ bekommen. Dafür hätte man das alles einfach sein lassen können – und mit den 70 Millionen Euro Entwicklungskosten alle Gesundheitsämter mit Personal aufstocken können, die sich mit forschen Nachfragen am Telefon, wo man denn überall war und wen man alles getroffen hat, nicht an so hohe Datenschutzstandards halten muss, wie die App es tut. Hier steht uns nämlich der Datenschutz gewaltig im Weg. Und weil der Datenschutz so ungefähr das deutscheste aller Steckenpferde ever ist ( wir haben der EU die DSGVO maßgeblich beschert), stehen wir uns hier folglich selber im Weg.

    Digitalisierung: Fehlanzeige

    Ein weiterer, mit überbordendem Datenschutz verwandter wunder Punkt, in dem der Autor treffsicher den Finger legt, ist die fehlende Digitalisierung: „Gesundheitsämter nutzen immer noch Faxgeräte, die eigentlich eine lang vergessene Anekdote aus dem ersten Lockdown sein sollten.“ Eine weitere Verwertung für die 70 Millionen Euro App-Entwicklungskosten wäre es gewesen, dem Robert-Koch-Institut eine Art Armaturenkonsole zu bauen und die Gesundheitsämter mit Schnittstellen dazu auszustatten, damit man nicht – nach einem Jahr Pandemie – immer noch im Radio so Sätze hören muss wie: „Die Zahl enthält Nachmeldungen vom gestrigen Montag, weil sonntags weniger Ergebnisse ans RKI übermittelt/weil 300 Ergebnisse aus Sachsen-Anhalt fehlten/weil die Brieftaube Magendarm hatte.“ Dabei weiß man doch zur Genüge, dass Testergebnisse grundsätzlich immer zu spät kommen und die Wirklichkeit vor einer Woche abbilden: Dass hier nicht digital beschleunigt wird, damit nicht noch mehr Verzögerung entsteht, ist nicht nur unbegreiflich, sondern regelrecht verwerflich. Zumal mir mittlerweile jeder überlastete Paketdienst stundenaktuelle Meldungen über den Verbleib meiner Sendung zur Verfügung stellt und mich die Zahnarztpraxis per automatisierte SMS pünktlich an Kontrolltermine erinnert. Es geht nicht darum, eine Rakete zum Mond zu schießen. Die passenden technologischen Lösungen liegen überall aus.

    Deutsche Behäbigkeit bremst uns aus

    Das Ganze lässt vermuten, dass man in einigen Gesundheitsämtern, in denen immer noch Freitagnachmittag um 15 Uhr der Stift (und es ist ein Stift!) fällt, auch kein Interesse daran besteht, Faxgeräte gegen APIs einzutauschen. Denn dann müsste ja einer eine Sonntagsschicht schieben! Hier wollen wir nicht alle über einen Kamm scheren. Es gibt sehr proaktive Gesundheitsämter – wie das in Köln, dass sein Personal beinahe verdreifacht und das laut seinem Leiter Johannes Nießen mit einer Inzidenz von bis zu 300 umgehen könnte. O-Ton: „Man kann leider nicht auf den Bund warten, bis der tätig wird.“ Es gibt aber auch unzählige Andere, die genau das tun: Auf den Bund warten. Oder auf das RKI warten. Oder auf einen Wunder warten. Egal, Hauptsache: Sich bloß nicht kaputtmachen!

    Wir brauchen also mehr Nießens an entscheidenden Stellen. Wir brauchen mehr Menschen, die sich was trauen – und sich nicht zu schade sind, dann auch hart zu arbeiten. Wir brauchen aber auch wieder keine Typen der Sorte „angelsächsische Investmentbanker“: Wir brauchen Gründer und Macher, die wieder etwas hinlegen, wovor diese Banker und andere (die vielleicht hier investieren sollen…) Respekt haben können. Auch hier hat Uwe Jean Heuser treffende Wort gefunden:

    „Noch ist das Urteil nicht gesprochen. Deutschland kann sich aufbäumen – es braucht dazu gleich drei Operationen in Höchstgeschwindigkeit: für Impfstoffe, für die Digitalisierung und für die einvernehmliche Entwicklung von Pandemieregeln, die dem Föderalismus im Krisenfall Grenzen setzen. Da hilft keine politische Kultur, die Normalität will, wo keine möglich ist. Kein Föderalismus, der Schulen verkümmern und Ämter noch mit Papier hantieren lässt.“

    Zum Stichwort „politische Kultur“ fällt mir eine Zahl ein, die der Wirtschaftsredakteur zwar nicht aufgreift, die aber sehr gut verdeutlicht, wie sehr die Berliner Politik noch auf die Aufrechterhaltung der Normalität von ca. 1996 aus ist: 460 Millionen Euro sollen als Kredite an Galerie Karstadt Kaufhof fließen. Deutschland hat ca. 400 Gesundheitsämter: Das wären über eine Million Euro pro Amt.

  • E-Commerce-Bewertungen: Eine Geschichte von Ebbe und Flut

    E-Commerce-Bewertungen: Eine Geschichte von Ebbe und Flut

    Wer in den letzten Wochen die Nachrichtenlage verfolgt hat, der kann die Wörter „Impfkampagne“, „Impfdebatte“ und „Impfchaos“ nicht mehr hören. Umso mehr wird sich gefreut haben, wer einen der raren Nachrichtenbeiträge erwischte, in denen es ausnahmsweise nicht um die begehrte Spritze ging. Wie zum Beispiel der schöne Wirtschaftskrimi rund um Gamestop. Zu normalen Zeiten hätte diese Geschichte des Tenors „hochstapelnde Hedgefonds gegen heldenhafte Kleinanleger“ die Nachrichtenagenda tagelang beherrscht. Stattdessen schaffte diese – trotz Reddit-Kolorit doch eher klassisch veranlagte – Sage von Übertreibungen und Herdentrieb auf den Kapitalmärkten nur gerade so in die tagesaktuellen Meldungen.

    Auf und ab 

    Dafür habe ich allerdings Verständnis. Schließlich sind wilde Ausschläge in den Marktbewertungen von Unternehmen oder ganze Branchen nicht – wie viele Menschen, die nicht beruflich mit den Kapitalmärkten befasst sind, meinen – die Ausnahme, sondern vielmehr die Regel. Genau aus den Übertreibungen im Auf-und-ab beziehen die besten Aktienhändler ja auch ihren Vorteil.

    Nehmen wir den E-Commerce. Ende der Neunziger setzte der erste Hype rund um das Thema Online-Handel ein – und gipfelte 2001 im Platzen der Dot-Com-Blase. In USA gingen junge E-Commerce-Firmen mit astronomischen Bewertungen an die Börse, obwohl sie tiefrote Zahlen schrieben. Zum Jahrtausendwechsel sammelte beispielsweise der 1998 gegründete Lebensmittelhändler Webvan 375 Millionen Dollar an der Börse ein, setzte zu dem Zeitpunkt allerdings lediglich 395.000 Dollar im Jahr um; ein Jahr später war der Umsatz zwar auf 180 Millionen Dollar angewachsen, die Ausgaben waren aber auf über 500 Millionen Dollar regelrecht explodiert. Die Insolvenz kam dann bereits 2001. Aufstieg und Fall in drei Jahren und über eine halbe Milliarde Dollar vernichtet: Wer in der Lage war, trotz des allgemeinen Hypes einzusehen, dass Webvan zu schnell expandierte, und sich rechtzeitig von der Akie trennte, stand glänzend da. Andere waren vollkommen überrumpelt, als ihr gesamter Einsatz verloren ging. Der Makel wurde dann auf das gesamte Segment übertragen: Webvan stand wie ein Menetekel, das man Lebensmittelhandel online nicht profitabel anbieten konnte. Dass andere ebenfalls um die Jahrtausendwende gegründete Firmen wie Ocado genau das schafften, merkten aber nur die Marktbeobachter mit kühl-analytischem Blick.

    Zehn Jahre später ging das Ganze wieder von vorne los. Die Jahre kurz nach 2010 waren von einer erneuten E-Commerce-Euphorie geprägt, die schnell wieder dazu führte, dass Unmengen an Kapital in Firmen flossen, die die an sie gestellten Erwartungen nicht erfüllen konnten. So der als „Amazon-Killer“ gehandelte Jet.com zum Beispiel: 2014 gegründet, 2015 mit 820 Millionen Dollar Wagniskapital ausgestattet und 2016 mit über eine Milliarde Dollar bewertet, warf die Firma Geld zum Fenster raus und musste alsbald Schutz unter den Fittichen von Walmart suchen. Bereits 2017 kursierten die ersten Schließungsgerüchte. Letzten Sommer starb Jet.com dann im Schatten der Corona-Pandemie einen sehr einsamen Tod. Und wieder blieb bei den meisten Investoren die Begeisterung für E-Commerce-Konzepte erst einmal aus – Tenor: „Zu teuer“ und „Was soll es? Es ist eh bereits alles an Amazon verloren“.

    Marktbewertungen sagen herzlich wenig über den Gesamtzustand von E-Commerce aus 

    Das eigentlich Verrückte daran ist immer gewesen, dass der Anteil von E-Commerce-Playern am gesamten Einzelhandelsumsatz seit 25 Jahren ununterbrochen steigt. Egal, ob Online-Handelskonzepte gerade himmelhoch oder kellerniedrig bewertet wurden: Kein Jahr, in dem weniger Kunden online einkauften, als im Jahr davor; kein Jahr, in dem sie merkten, dass sie sich doch lieber in die Innenstadt/zum Supermarkt/zum Baumarkt schleppen und den Onlinern den Rücken kehren.

    Aber so ist das mit dem Kapitalmarkt: Ebbe und Flut. Entweder fließt immer mehr Geld in eine Richtung und überflutet irgendwann auch die schlechteren Start-ups in einer Trendbranche mit flüssigen Mitteln – oder es fließt dort immer stärker ab und selbst kompetente Management-Teams haben es auf einmal schwer, sich diesem Sog zu entziehen. Hoch- oder Niedrigwasser herrscht immer nur eine kurze Zeit lang, bevor die Bewegung wieder einsetzt. 

    Für E-Commerce war Anfang 2020 Niedrigwasser. Das hörte sich bei Florian Heinemann von Project A im Gespräch mit dem Kollegen Alexander Graf in etwa so an: „Ohne jetzt Namen zu nennen, sehe ich mittlerweile viele sehr gut geführte Firmen im E-Commerce, die sich schwertun, Geld von guten Investoren zu bekommen. Diese finden das Thema eben nicht mehr sexy genug. Zu Unrecht! Das ist schade, weil ich den Bereich nach wie vor sehr spannend finde. Aber da fehlt der Rückenwind.“ Deswegen halte sich Project A bei der Finanzierung von E-Commerce-Start-ups sehr zurück. Was Florian nicht ahnen konnte: Ein Orkan war im Anlauf, der den Wind drehen sollte.

    In der Corona-Krise sind E-Commerce-Modelle plötzlich wieder sexy

    Denn Corona hat den E-Commerce-Anteil im Einzelhandels in einem Jahr so ungefähr verdoppelt. Der Konsument hat durch die Krise gelernt, den Online-Handel auch dort zu nutzen, wo er ihn bisher nicht brauchte. Zudem sind ganz neue Käufergruppen aktiv geworden: Gerade in den Alterskohorten Ü60, die gleichzeitig finanzkräftig und risikopatientig sind, entdeckten viele erstmals die Möglichkeiten des Online-Einkaufs für sich. Diese Entwicklung hat dann erwartungsgemäß dazu geführt, dass sich Kapitalgeber wieder um Investments in Unternehmen reißen, die bloß bitte „etwas mit E-Commerce“ machen sollen – und sich dabei das Konzept nicht genau genug angucken oder schlichtweg nicht verstehen. Daher gibt es wieder die üblichen Übertreibungen. 

    Vor der Krise wurden E-Commerce-Modelle also von Investoren sehr über Gebühr kritisch beäugt, weil man – so die Argumentation – im B2C viel Geld für Marketing ausgeben musste, um meistens einen Einmal-Kauf aber selten langfristige Kundenbindung und somit Profitabilität zu erzeugen. Da war etwas dran (siehe Casper & Co.), aber das trübte den Blick für andere, vielversprechendere Modelle. Jetzt durch die Krise kommen aber auf einmal wieder sehr wackelige E-Commerce-Modelle wieder an zu hohe Mengen von Anlegerkapital: Anker, Farfetch, Wish… Ich persönlich höre an der einen oder anderen Stelle wieder das Rattern der Geldvernichtungsmaschine anlaufen. 

    Nicht alles was glänzt, ist auch Gold – und nicht alles, was sexy ist, ist auch gut

    Denn: Nur weil mehr Kundengruppen gerade online kaufen müssen, sind die Vor-Krisen-Argumente nicht deswegen falsch. Es ist und bleibt teuer, gegen Amazon, Zalando & Co. sowie zahlreiche etablierte Category-Leader wie etwa Thomann im Bereich Musik oder Otto und Westwing im Möbelsegment eine Position aufzubauen, von wo aus man effizient genug wirtschaften und am derzeit steroidgetriebenen Wachstum ausreichend partizipieren kann. 

    Oder, um Florian Heinemann wieder einmal zu bemühen, als Alexander Graf nun in der Krise ihn fragte, ob er jetzt seine Zurückhaltung bei E-Commerce-Konzepten bereue: „Nichts zu bereuen! Sind wir doch auch weiter im E-Commerce engagiert. (…) Mein Kritikpunkt ist aber seit längerem gewesen, dass es relativ schwierig ist, im E-Commerce auf eine gewisse Flughöhe zu kommen. Daran halte ich weiter fest. Wer aber schon auf dieser Flughöhe ist, der kann kapitaleffizient Wachstum erzeugen – vor allem in Segmenten, in denen man sich klar von Amazon differenzieren kann.“ 

    Daher sollte man beim E-Commerce aufpassen und nicht einfach mit dem jetzigen Hype mitgehen. Der ist nämlich genauso falsch, wie die vorhergehende Ablehnung von E-Commerce-Modellen, die er vergessen gemacht hat. Es ist wichtiger denn je, sich eigene Expertise aufzubauen, um granular zu verstehen, was im E-Commerce zu nachhaltigem Erfolg führt – und um, sagen wir mal, eher beim heutigen Ocado als beim nächsten Webvan einzusteigen… 

  • Amazon Dorf Talk – Wie verankern Unternehmen Amazon erfolgreich?

    Amazon Dorf Talk – Wie verankern Unternehmen Amazon erfolgreich?

    Frank Holzweissig, Leiter E-commerce Rotho Kunststoff AG, diskutiert mit uns am eigenen Praxisbeispiel, was geschehen muss, damit ein Unternehmen Amazon erfolgreich mit einbinden bzw. verankern kann.

    • Intro Frank Holzweissig und Thematik
    • Warum sollte ein klassischer Vendor darüber nachdenken sich auch das Seller Model einmal genauer anzuschauen? (ab 3:55)
    • Woher kommt die Zurückhaltung beim Thema Verhandlungen mit Amazon? (ab 10:58)
    • Frank Holzweissig über seine Erfahrungen mit Amazon bei Rotho (ab 19:03)
    • Überzeugungsarbeit im Unternehmen in puncto Amazon (ab 27:25)
    • Der Wechsel vom Vendor zum Seller, wie kommt es zum Scheitern bzw. wo muss ein Umdenken stattfinden? (36:43)
    • Zusammenfassung und Abschluss (ab 41:54)

     

  • Im Flächenbrand Einzelhandel ist Corona bloß Beschleuniger

    Im Flächenbrand Einzelhandel ist Corona bloß Beschleuniger

    In den letzten verrückten zwölf Monaten habe ich oft geschrieben, dass ich Corona als Beschleuniger, nicht als Verursacher der Krise im stationären Handel sehe. So zum Beispiel hier und dann hier in Analysen des Marktgeschehens – und zuletzt wieder hier in meinem Kommentar zur erneuten Rettung von Galeria Karstadt Kaufhof. Daraufhin haben mir ein paar Gesprächspartner entgegengehalten, ich unterschätze die Wucht von Corona. Schließlich seien die wirtschaftlichen Auswirkungen des Virus und seiner Bekämpfung nicht nur für Warenhausketten, sondern auch für bislang sehr erfolgreiche Unternehmen wie Lufthansa brandgefährlich.

    Natürlich will ich keineswegs behaupten, dass Corona in der Schieflage der Einzelhändler unwesentlich ist. Ist es doch völlig unstrittig, dass es sich bei der Pandemie um einen unerwarteten Schock beinahe allumfassenden Ausmaßes handelt, der einige tiefgreifende Veränderungen nach sich zieht. Und ebenso natürlich würde ich der Aussage zustimmen, dass es dem stationären Einzelhandel jetzt viel schlechter geht, als es ihm jetzt zu diesem Zeitpunkt ohne Corona gegangen wäre.

    Nur: Bereits vor der Pandemie ging es ihm schlecht genug – schlecht auf eine terminale Art, in der es etwa der Luftfahrt und vielen anderen betroffenen Sektoren nicht schlecht ging. Und: Auch ohne die Pandemie würde es dem stationären Einzelhandel heute schlechter gehen, als es ihm schon länger ging.

    Kunden bleiben nicht erst seit Corona aus

    So lehnte ich mich bereits im März 2019 – also wirklich weit vor Corona – aus dem Fenster und sagte, eine Insolvenzwelle rollte auf den Einzelhandel zu. Rückläufige Frequenz, immer höhere Ladenmieten und oft beliebige oder austauschbare Filialistenware, die günstiger oder besser im Netz zu kaufen sei: Die Diagnose habe nicht nur ich aufgestellt, sie war bereits Konsens. Galeria Kaufhof (ja, noch ohne Karstadt!) war auf Schrumpfkurs; Gerry Weber, Tom Tailor und Esprit waren alle in einer Dauerkrise. Und dann rutschte im Mai 2019 prompt auch noch Bree in die Insolvenz.

    Das schreibe ich nicht im Sinne von „Ich habe es euch doch gesagt!“ Ich will uns nur kurz zwei Jahre – und gefühlt: sehr weit weg – zurückversetzen, damit wir uns vergegenwärtigen, dass dem stationären Einzelhandel die Kunden nicht erst seit Corona ausbleiben. Klar, man kann auf den eklatanten Corona-bedingten Frequenzrückgang vom vergangenen März zeigen und sagen: „-80 %! Das hat den Einzelhandel umgebracht.“ Oder aber wir nehmen das Jahr 2018, in dem in 10 von 12 Monaten die Frequenz unter der des Vorjahresmonats lag, wie eine Studie Anfang 2019 (eben vor zwei Jahren) herausfand. Weiterer Befund: Als Durchschnittsnote für ihre Innenstadt vergaben die deutschen Verbraucher lediglich eine „Drei plus“. Man kann auch noch weiter zurückgehen und sehen, dass bereits 2014 rund 40 % der Befragten in einer Umfrage zum Thema Innenstadtfrequenz antworteten, sie führen weniger häufig rein, weil sie mehr online kauften. 

    Sagen wir es mal so: -80 % sind heftig und werden, zusammen mit den anhaltenden Beschränkungen, einigen Händlern den Todesstoß versetzen; aber im Sterben lagen sie bereits. Ob sie wussten, dass sie sterben müssen, steht auf einem anderen Blatt. Aber die 80 %-ige Frequenzrückgang hätte es über die kommenden zehn Jahre auch ohne Corona gegeben: Jedes Jahr um die 10 % weniger im Schnitt tut es ja auch. Tod durch die Corona-Keule oder Tod durch tausend Stiche: Am Ende ist es dem Insolvenzverwalter auch egal.

    „Man kann das nicht wegdiskutieren“

    So meine ich das – und auf diese faktische Grundlage stütze ich mich –, wenn ich schreibe, dass Corona bloß ein Beschleuniger von Prozessen ist, sie sich so oder so ereignet hätten. Die Frage ist dann nur, ob die betroffenen Unternehmen den Ernst der Lage schon vor Corona begriffen hatten und ob sie jetzt das Tempo ihrer Maßnahmen rechtzeitig erhöhen. Einigen Filialisten dämmerte es nämlich bereits vor Corona, dass das Modell stationäre Einzelhandel nicht zukunftsfähig und dass es für den Ausbau von Online-Vertriebskanäle höchste Eisenbahn war. Diese haben es jetzt leichter, radikale Schritte zu unternehmen. So Tina Müller von Douglas, die sich bereits im Sommer 2019 beim Kollegen Alex Graf folgendermaßen äußerte: „Man kann das nicht wegdiskutieren: In einer Vielzahl mittelgroßer Städte ist ein deutlicher Frequenzrückgang zu spüren. So gestalten wir das Filialnetz gerade neu und überlegen uns, wie viele wir wirklich brauchen – und wo.“ Diese Neugestaltung vollzieht sich jetzt im Angesicht der Corona-Krise um ein Vielfaches schneller als gedacht: Im Spiegel letzte Woche sprach Tina Müller nun von „einer logischen Konsequenz aus dem Trend zum Online-Handel“, als sie die Schließung von rund ein Fünftel der Douglas-Filialen europaweit bekanntgab. Gerade rechtzeitig hat Douglas in den letzten Jahren mit Douglas.de einen eigenen Online-Vertriebsweg aufgebaut, der zwar keine Digitalunternehmer-Herzen höher schlagen lässt, der aber bereits im Einsatz erprobt ist und in der Krise skaliert werden kann. Das ist die halbe Miete. 

    Bei einigen anderen ist diese halbe Miete auch im zwölften Monat der Pandemie – und im wohl zwölften Jahr der Frequenzrückgang der Innenstädte und Stagnation des stationären Einzelhandels – nicht einmal auch nur angezahlt. Wer ein solches Geschäftsmodell noch Anno 2021 fahren will, der ist wohl nicht mehr für Argumente zugänglich. Vor allem für Hersteller, die noch zu einem nennenswerten Anteil über solche Strukturen verkaufen, heißt es daher, sich konsequent und schnell selbst zu digitalisieren und auf E-Commerce-Lösungen zu setzen. Dass die Veränderungen im Handelslandschaft wieder gemächlicher vonstatten gehen, behauptet übrigens keiner mehr.

  • Superbowl 2021: Wie hollywoodreife Werbung den stationären Handel persifliert

    Superbowl 2021: Wie hollywoodreife Werbung den stationären Handel persifliert

    Wenn ich eines aus meiner Studentenzeit in den USA mitgenommen habe, dann dies: Die Amerikaner verstehen es, eine Show abzuziehen! Keine andere Kultur beherrscht im selben Ausmaß die Verdichtung von teils komplexen Zuständen auf elementare, packende Einzelmomente – im guten wie im schlechten Sinne. In ausgesprochen schlechter Form fiel diese Eigenschaft letztens bei der Erstürmung des Kapitols auf. Etwas positiver gewendet stellt sie die Basis für die wohlverdiente Dominanz US-amerikanischer Serien und Filme dar: Denn sie sind im Schnitt nun einmal einfach besser als das, was in Deutschland und anderswo für gewöhnlich produziert wird.

    Dieser Flair in Sachen showmanship fällt nicht zuletzt beim alljährlichen USA-Sportfest Superbowl auf. Da schaffen es unsere amerikanischen Freunde aus einem zum Einschlafen langweiligen Zuschauersport wie Football (Verzeihung an alle, die ihn spielen, aber wir wollen ja hier mal offen und ehrlich sein) eine Riesenshow mit globaler Ausstrahlung zu machen. Wie sie das schaffen? Möglichst wenig tatsächlicher Football und möglichst viel lustige Werbung!

    Dafür – und für die Nostalgie nach der Zeit, als ich 19 Jahre alt und mit mehr als 10 Menschen in einem Raum war – gucke ich gern Superbowl. Dieses Jahr hat es mir ein Spot von einem Online-Gebrauchtwagenhändler namens Vroom besonders angetan.

    https://www.youtube.com/watch?v=haXc74orwhg&feature=youtu.be

    Erst einmal: Großes amerikanisches Kino! Die drastische Inszenierung einer Geiselnahme mit angedeuteter Gewalt – genau richtig viel Nervenkitzel, genau richtig viel Kontroverse, ohne ins Gewaltverherrlichende zu gehen. Meine Aufmerksamkeit hat es auf jeden Fall sofort bekommen.

    Zweitens: Es zeugt davon, wie schlecht mittlerweile einige stationäre Einkaufserlebnisse geworden sind, dass sie als gemeingültige Vorlage für solche humoristische Werbungen dienen. Wenn die Druckmittel des Verkäufers auf dem Autohof derart sprichwörtlich geworden sind, dass jeder sofort den Vergleich mit einer gewalttätigen Geiselnahme versteht, spricht das nicht gerade dafür, dass es besonders gut um die branchenübergreifend immer gleichen Argumente des stationären Handels bestellt ist: „freundliche Fachberatung in angenehmer Atmosphäre“ usw.

    Ein Auto online kaufen? Mag sich gewöhnungsbedürftig anhören (wobei hierzulande ja jüngst mit Auto1 ein Player an die Börse gegangen ist, der daraus ein riesiges Business gemacht hat). Genauso gewöhnungsbedürftig wie die Vorstellung damals, als ich noch am Babson College studierte, Kleidung und Schuhe online zu bestellen. Da habe auch ich meine Hemden höchstpersönlich bei Brooks Brothers geholt. Aber die Zeiten ändern sich und wir Kunden ändern uns auch – vor allem, wenn das stationäre Einkaufserlebnis zusehends schlechter wird und neue Online-Konzepte es eben besser machen. Zugegeben: Mit einem Stromkabel bin ich zwar noch nicht irgendwo in einem Geschäft malträtiert worden; als besonders freundlich oder auch nur einigermaßen kompetent ist mir aber lange kein angestellter Verkäufer mehr irgendwo aufgefallen. 

    So zurückhaltend würde jedenfalls ich das formulieren. Die amerikanischen Kollegen würden da wohl nach etwas drastischeren Sprachbildern greifen…

  • Werben als Seller bei Amazon – diskutiert mit Annemarie Schuster

    Werben als Seller bei Amazon – diskutiert mit Annemarie Schuster

    Wie können Seller erfolgreich bei Amazon werben? Diese Frage habe ich Annemarie Schuster, Amazon PPC Expert, gestellt. Annemarie Schuster hat 2013 selbst als Onlinehändlerin angefangen und konnte so über Jahre hinweg ihre Erfahrungen aufbauen und vertiefen. Inzwischen hat sie ihre eigene Agentur „Annythinks – die E-Commerce Agentur“ gegründet und bietet Beratung im Bereich E-Commerce an. Vielen Dank Annemarie für dieses Gespräch.

     

    • Intro und Vorstellung Annemarie Schuster
    • Was sind die ersten Schritte, die unternommen werden müssen bevor man bei Amazon als Seller werben sollte? (ab 5:09)
    • Wie wird die Werbung dann erfolgreich geschaltet? (ab 11:17)
    • Welche Werbeformate gibt es bzw. welche Lohnen sich? (16:52)
    • Einschätzungen zum aktuellen Stand der Option Werbung auf Amazon schalten zu können. (ab 21:03)
    • Nimmt der Konsument den Anbieter war oder nur das Produkt? (ab 22:58)
    • Nacherfassung und Optimierung der bereits aufgesetzten Kampagnen (ab 25:11)
    • Wieviel Werbung sollte man schalten? (ab 28:29)
    • Tipps für Karriereeinsteiger in diesem Umfeld (ab 31:32)
    • Abschluss (ab 36:05)

  • Angriff der Klonkrieger

    Angriff der Klonkrieger

    Ja, Amazon gehört definitiv zu den Gewinnern des letzten Jahres. Davon profitieren auch unzählige E-Commerce-Unternehmen, deren Geschäftsmodell darin besteht, Amazon Seller – also Händler, die Amazon als Marktplatz nutzen – zu kaufen und irgendwann profitabel zu machen.

    Das bekannteste ist Thrasio aus den USA: Mittlerweile wird das Unternehmen mit über einer Milliarde Dollar bewertet. Allein im Jahr 2020 flossen über 300 Millionen Dollar in die Kassen. Kriegskassen, muss man sagen.

    Denn um die Herrschaft im Amazon-Universum ist ein harter Kampf entbrannt. Immer mehr Unternehmen, die Seller aufkaufen und sie so gebündelt „Synergien heben“ lassen wollen, treten auf den Plan. Die Internet World Business führt dazu sogar Buch – und registrierte bis Ende 2020 mindestens eine Milliarde Dollar Funding in Summe.

    Auch in Deutschland gibt es Thrasio-Klone. Sie heißen etwa SellerX (mit 100 Millionen Euro ausgestattet) oder Razor Group (hier gab es zuletzt immerhin 25 Millionen Euro). Ganz neu dabei: BRANDED, die bis vor Kurzem im Stealth Mode für 150 Millionen Euro Amazon Seller aufgekauft haben. Bei dem sich hierzulande aufheizenden Markt will natürlich auch Thrasio selbst mitmischen und hat dafür 225 Millionen US-Dollar zur Seite gestellt. (Erwähnen will ich gern noch die Londoner Heroes – auch gut finanziert –, die das „europäische Thrasio“ werden wollen.)

    Reihenweise werden also dreistellige Millionenbeträge in Thrasio und seine Klone gesteckt. Wem bei diesen Zahlen die Ohren nicht schlackern, der hat den E-Commerce nie geliebt.

    Wie kann es sein, dass Händler, die zum Großteil mit Billigprodukten versuchen, nur durch Masse eine halbwegs vernünftige Marge zu erzielen, solch Begehrlichkeiten wecken? Und was verleitet Investoren dazu, so horrende Summen in Unternehmen zu pumpen, die diese Händler aufkaufen?

    Klar, wer auf Amazon die Nase vorn hat, bekommt ein ordentliches Stück vom E-Commerce-Kuchen ab. Ich denke, dass Investoren hier eine Möglichkeit sehen, indirekt vom Amazon-Hype zu profitieren: Wächst die Plattform, wachsen die Händler und ihre Marken. Und wer die Händler kontrolliert, verdient das große Geld.

    Das ist meiner Meinung nach aber ein großer Denkfehler – schließlich hat eine Marke auf Amazon nicht lange Bestand, weil es immer jemanden gibt, der den Preis unterbieten wird. Wachstum ist nur möglich, wenn möglichst viele Regionen beherrscht werden; aber auch da gibt es irgendwann ein Limit, zumal sich beispielsweise Synergieeffekte wohl kaum zwischen deutschen und spanischen Händlern ergeben werden, weil der Markt (zumindest in Europa) zu segmentiert ist. 

    Es ist daher wohl nur eine Frage der Zeit, bis den Thrasios dieser Welt die Marge durch die Finger rinnt – und Investoren beim Platzen einer Blase sehr viel Geld verlieren werden.

  • Amazon Dorf Talk – Amazon Vendor vorgestellt und diskutiert mit Phil Layer

    Amazon Dorf Talk – Amazon Vendor vorgestellt und diskutiert mit Phil Layer

    In der heutigen Ausgabe des Amazon Dorf Talks haben Christian Kelm und ich uns einen Experten rund um das Amazon Vendor Modell  hinzu geholt. Phil Layer ist selbstständiger Berater und unterstützt viele verschiedene Unternehmen und Marken deren Vendor Account zu steuern, teilweise setzt er es auch selbst für sie um. Phil, vielen Dank für ein spannendes, informatives Gespräch!

    • Intro und Vorstellung Phil Layer
    • Unterschied Vendor und Seller kurz erklärt (ab 2:58)
    • Weihnachten steht vor der Tür – was sollte ich als Vendor Manager noch umsetzen? (ab 4:24)
    • Was sind die Werbe- und Marketing Basics auf die bei einer Account-Übernahme geachtet werden sollten (ab 9:40)
    • Die Wichtigkeit der Werbung für Vendoren und die häufigsten Fehler im Überblick (ab 14:55)
    • Phil Layer über seine ersten beruflichen Erfahrungen im Bereich Amazon und die Veränderungen bzw. erweiterten Möglichkeiten heute (ab 19:09)
    • Verfügbarkeit von grundlegenden Daten und deren Messbarkeit im Kanal Vendor (ab 30:26)
    • Kann bzw. sollte heutzutage noch eine einzige Person, unabhängig von der Größe des Accounts, alleine zuständig sein für einen Vendor, also für den Markenauftritt einer Marke?  (ab 46:34)
    • Sollte ich mich als Vendor mit dem Seller Konstrukt beschäftigen? (ab 47:54)
    • Wie steht es um Kanalspezifische Sortimente? (ab 48:50)
    • Abschluss (51:30)

     

  • Alles hat ein Ende, nur Galeria Karstadt Kaufhof hat… einige.

    Alles hat ein Ende, nur Galeria Karstadt Kaufhof hat… einige.

    Das muss das Ende sein. Das dachte ich jedenfalls damals im Juni 2009, als Karstadt-Arcandor Insolvenz beantragte. Es fühlte sich eben nach Zeitenwende an. Seit Jahren schon liefen die Kunden unübersehbar zu Discountern, Filialisten und zunehmend zu Amazon sowie zum damals noch jungen Zalando über. Die Trauer über das Verschwinden von diesem „Eckpfeiler der deutschen Handelslandschaft“ konnte ich persönlich zwar nicht teilen, aber seitens der Beschäftigten – und der Rentner, die irgendwie nichts besseres mit ihrer freien Zeit anzufangen wussten, als sich schon um neun Uhr vor den noch verschlossenen Türen der Konsumtempel zu versammeln – immerhin nachvollziehen. 

    Die Wiederholung des Immergleichen

    Doch irgendwie lebte Karstadt weiter. Und irgendwie brauchte sich mein Verständnis für die Beschäftigten und die immer weniger werdenden Kunden des Unternehmens mit jedem Doch-Nicht-Ende ein Stück weiter auf. Zumal diese Enden immer häufiger – und daher immer langweiliger, weil immer absehbarer und immer repetitiver – wurden. Dank Polit-Aktionismus, dauerhaft-bis-nervtötender gewerkschaftlicher Medienbeschallung und, gelinde gesagt, problematischen Retter-in-der-Not-Figuren à la  Berggruen und Benko, entkam die todgeweihte Warenhauskette nämlich immer wieder dem Sensenmann. (Auf die Chronologie ging ich hier bereits länger ein.) Und selbst als alle Therapieoptionen dann wirklich ausgereizt waren und das Ende des Unternehmens unumgänglich war, gab es den Löffel einfach immer noch nicht ab – sondern warf ihn neben den von Galeria-Kaufhof in die Schüssel. Spätestens da hatte ich kein Mitleid mehr: Wer als Arbeitnehmer noch dort beschäftigt oder als Investor dort beteiligt ist, hat genug Gelegenheit gehabt, festzustellen, was die Glocke schlägt.

    Ja, die Leidensfähigkeit der Beschäftigten, der Gewerkschaftsaktivisten und nicht zuletzt der Investoren verlangte einem eigentlich Respekt ab, wenn sie nicht mittlerweile so furchtbar offenkundig umsonst wäre. Ich habe schon Respekt vor jemanden, der für eine Causa brennt, selbst wenn ich sie nicht teile. Mir waren Warenhäuser zwar immer egal, anderen waren sie aber wichtig. Sollen sie doch versuchen, sie zu erhalten. Nur: Die Grenze zwischen engagiert und borniert, zwischen Idealist und Fantasist ist fließend. Diese immer neuen Aufrufe, „Karstadt zu retten“ weil „die Zukunft der Innenstädte auf dem Spiel steht“ und „Begegnungsstätten verloren zugehen drohen“… Das ist doch nicht mehr ernst zu nehmen. Man kann, man muss für das kämpfen, woran man glaubt. Man muss aber eben auch den Punkt erkennen, an dem der noble Glaube in schlichte Realitätsverweigerung umschlägt.

    Zu nichts anderem übrigens rate ich Gründern in der Digitalwirtschaft, die drei-, vier- oder fünfmal mit bis zum Verwechseln ähnlich bescheuerten Konzepten auf die Nase gefallen sind und immer noch nicht einsehen wollen, dass sie eben nicht das nächste Zalando am Start haben. Denn oft wird Kritik von meiner Zunft am mittlerweile krankhaften Festhalten an alten stationären Strukturen damit abgetan, dass wir Digitalberater mit zweierlei Maßstab messen und jungen Unternehmern das allzu bereitwillig verzeihen würden, wessen wir anderen bezichtigen, wenn sie sich nur hartnäckig genug als „start-up entrepreneur“ schimpfen. 

    Staatshilfe: Eine Menge Heu für ein totes Pferd

    Dem Bund würde ich jedenfalls dazu raten, keine 460 Millionen Euro Steuergeld (WELT) in eine Struktur zu stecken, die nicht mehr nur vor dem Aus, sondern bereits ein gutes Stück danach steht. Auf die genauen Gründe brauche ich nicht – oder: sollte ich nicht mehr brauchen – einzugehen. Ich glaube, es sagt alles, dass sich die Monopolkommission nicht deswegen einschaltet, weil die letzte verbliebene Warenhauskette zu einem Monopolist zu werden droht: Sie ist ja ein Monopolist, aber in einem Marktsegment, das zu unbedeutend ist, um aus Sicht der Kommission eine Gefahr der Wettbewerbsverzerrung darzustellen. Nein, die Monopolkommission rügt, dass das Darlehen nachrangig gestaltet sein soll. So deren Präsidenten Kühling im verlinkten Artikel: „Im Insolvenzfall besteht kaum eine Chance auf Rückzahlung.“ Das hat der Mann sehr vorsichtig formuliert. Ich würde es so sagen: „Beim demnächst wahrscheinlich anstehenden Insolvenzverfahren werden 460 Millionen Euro Steuergeld für immer verschwunden sein.“ 

    Eine Menge Heu also für ein totes Pferd, das so oder so zum Sterben verurteilt ist. Denn Corona ist hier bloß der Beschleuniger, aber keineswegs der Verursacher des fortgesetzten Verfalls. Der Versuch, die Pandemie als Feigenblatt für Subventionen zu benutzen, ist eklatant durchschaubar. Man muss nur den Plausibilitätstest machen: Wir schließen die Augen und versetzen uns ins Jahr 2025. Sehen wir da Trauben von Menschen vorm Karstadthof-Eingang, die darauf brennen, um 9:30 Uhr reingelassen zu werden, um dann eine halbe Stunde darauf zu warten, dass ihnen eine gehetzte Verkäuferin die Vorzüge einer Fissler-Pfanne erklärt – oder warte, war das nicht doch eine von WMF…?

    Alles hat ein Ende…

    460 Millionen Euro! Dabei haben wir hier städtische Theater und Schwimmbadbetreiber, die auf dem Zahnfleisch kriechen. Da sollte man das Steuergeld viel eher reinstecken. Da ist es zwar genauso weg, wie wenn wir es Kaleriastadthof (oder wie auch immer es nach der nächsten Restrukturierung heißt) geben. Nur: Theater und Thermen werden 2025 noch aktuell sein. Noch in hundert, vermutlich in tausend Jahren werden die Menschen sie noch aufsuchen. Sie hat es ja seit der Antike gegeben. In einigen griechischen Halbkreisen werden heute noch vor Publikum Tragödien aufgeführt – dieselben, ewigen Geschichten, die von todgeweihten Helden erzählen, die gegen das Unausweichliche ankämpfen und daran zugrunde gehen. Das ist ja das Wesen der Tragödie nach antikem Muster – und mittlerweile das Wesen der Warenhausgeschichte.

    Und jetzt muss – trotz der (mittlerweile relativ wenigen) Arbeitsplätze, trotz der (immer realitätsfernerer) Innenstadt-Belebungsfolklore – eben mit dieser Geschichte ein und für allemal Schluss sein. Denn sonst findet sie kein Ende. Nur Enden, von denen es schon viel zu viele gab.

  • Paketabgabe? Digitalsteuer? Was ich mir wirklich zu Weihnachten gewünscht hätte

    Paketabgabe? Digitalsteuer? Was ich mir wirklich zu Weihnachten gewünscht hätte

    Nun haben wir es hinter uns, das erste Pandemie-Weihnachtsfest. Der Paketstau in den Verteilerzentren löst sich erst schleppend, die ersten Retourschwemmen verursachen weiterhin betriebliche Schwierigkeiten – und der stationäre Einzelhandel hat pünktlich zum Tag der Heiligen Drei Könige den Bescheid zugestellt bekommen, dass vor dem 31. Januar erst einmal gar nichts ist mit der Wiedereröffnung.

    Unter diesen Umständen ist es also kein Wunder, dass schon vor Weihnachten Einzelhandels-… Pardon: Wirtschaftsminister Peter Altmaier eine „Paketabgabe“ forderte. Die Idee? Online-Händler sollen pro versandtes Paket eine Abgabe erheben und an den Fiskus weiterleiten, der diese wiederum den leidenden stationären Einzelhändlern in der jeweiligen Region des Kunden auszahlen soll. Denn, so die Begründung, Online-Händler benutzen die Infrastruktur der Gemeinden, ohne sich im gleichen Maße wie ortsansässige Läden am örtlichen Steueraufkommen zu beteiligen. 

    Der Vorstoß ist – mit Verlaub – so abwegig, so realitätsfern und so weit weg von den Positionen einer eigentlich wirtschaftsfreundlichen Partei (wie die CDU vorgibt, sie zu sein), dass ich dem Herrn Altmaier beinahe unterstellt hätte, wieder mal allzu unkritisch eine Vorlage der Handelslobbyisten übernommen zu haben – Wir erinnern uns ja an die bizarre, im Spätsommer von ihm ins Spiel gebrachte Idee, Hersteller dazu zu verpflichten, stationären Einzelhändlern ihre Ware verbilligt abzugeben. 

    Bloß: So langsam frage ich mich, ob nicht Altmaier höchstpersönlich die immer unsinniger werdenden Vorschläge ausheckt. Den „Paketabgabe“-Vorstoß kann man den Lobbyverbänden jedenfalls nicht anlasten. So nahm beispielsweise der Handelsverband HDE wie folgt dazu Stellung: Es brauche „keine neuen Steuern auf Pakete, sondern bessere Kontrollen, um sicherzustellen, dass auch bei Lieferungen aus Fernost unsere hiesigen Regelungen für Produktsicherheit und Steuerzahlungen eingehalten werden“. Denn der HDE hat gelernt, dass er mittlerweile viele Online-, Multi- und Omnichannel-Händler in Deutschland vertritt, die von Altmaiers Abgabe betroffen wären, obwohl sie hier bereits alles mögliche an Steuern abführen: Gewerbesteuer, Umsatzsteuer auf verkaufte Produkte, Lohnsteuer für Angestellte, Steuern auf Gewinne… Klar: Ein Online-Händler zahlt noch nicht in allen Gemeinden Deutschlands, aus denen er eine Bestellung erhält, Gewerbesteuer. Das taten aber Quelle und Neckermann zu den guten alten Katalog-Händler-Zeiten auch nie und ich kann mich nicht  entsinnen, dass das damals Thema gewesen wäre. Es ist ja auch Sinn einer Steuer- und Zollunion, wie sie Deutschland seit Bismarcks Zeiten in mal größerem, mal kleinerem geografischem Umfang nun einmal darstellt, dass man auch ortsübergreifend Geschäfte tätigen kann, ohne immer neue Abgaben zu zahlen – was für mehr Wirtschaftskraft sorgt und so durchaus im Sinne des größeren, bundesweiten Gemeinwohls zu sehen ist.

    Dass ich das anno 2021 unserem Wirtschaftsminister offenkundig wieder in allen Einzelheiten erklären müsste, säße er mir denn gegenüber, ist traurig bis besorgniserregend und zeugt nicht gerade von einem Zukunftssinn. Wie ebenfalls die Tatsache, dass die Idee einer Paketabgabe Widerhall zu finden scheint – von dem derzeit einzigen anderen realistischen Koalitionspartner der CDU nach der nahenden Bundestagswahl. Ja, die Grünen sind nun auch dafür. Die überaus besinnlichen Weihnachtstage mit viel Zeit zu Hause haben wohl nicht dafür gereicht, dass sich alle im politischen Berlin ein wenig auf die Prinzipien von guter und wirkungsvoller Besteuerung – nun ja: besinnen. Ganz im Gegenteil: Anfang dieser Woche verpackte Robert Habeck von Bündnis90/Die Grünen Altmaiers Idee einer Paketabgabe unter den Namen „Digitalsteuer“ neu und ging damit auf Wähler- bzw. eher auf Koalitionspartnerfang. Denn ich schätze mal, dass die Idee einer Paketsteuer bei der eher jungen, eher onlineaffinen Wählerschaft der Grünen nicht unbedingt auf Gefallen stoßen wird…

    Und so haben wir die sehr unschöne Situation, dass zum Auftakt des Bundestagswahljahrs 2021 die nach Umfragen derzeit zwei größten Parteien (sorry, SPD) für eine halbgare Sondersteuer auf eine schlecht definierte Gruppe von Unternehmen sind, die nichts verbrochen haben – außer, dass sie Kunden Produkte mit dem mitten in einer Pandemie gebotenen Abstand verkauft haben.

    Natürlich ist klar, wer die eigentlichen Adressaten der Paketabgabe-Digitalsteuer sein sollen: Man will den „Großkonzernen aus Silicon Valley“ (hier: Amazon) an den Kragen und wieder die Kohle zurückholen, die früher über Saturn, Karstadt & Co. ins Steueraufkommen floss und nun immer spürbarer in die bereits überfließenden Kassen der Low-Tax-GAFAS versickert. Diese Notwendigkeit sehe ich auch ein. Es darf nicht passieren, dass große Teile unseres Wirtschaftslebens vom Kreislauf der Steuern und Investitionen abgekoppelt werden – so nach dem Motto: „Standort Deutschland: Wir zahlen Straßen, Brücken, und Müllabfuhr. Sie zahlen: Nichts! Sprechen Sie unseren freundlichen Bürgermeister an!“

    Nur: Der Zweck heiligt nicht das Mittel. Vor allem dann nicht, dass das vorgeschlagene Mittel regelrecht schädlich für alle ist, auch heimische Erfolgsunternehmen treffen würde und obendrein einen ordnungspolitischen Sündenfall erster Güte darstellen würde. Hiesigen Champions wie dem in mühsamsten Anstrengungen transformierten Otto-Versand eine Strafsteuer aufzuerlegen, nur um ein paar Milliarden von Amazon zurückzuholen? Tausende von Inhabergeführten Läden, die sowohl ihre Straße als auch die Briefkästen ihrer Kunden aufhübschen, mit einer neuen Abgabe behelligen, um Jeff Bezos zu zeigen, wo der Hammer hängt? Kann das allen Ernstes der Plan sein?

    Zumal – und das ist die Krux – Amazon eine solche Abgabe vermutlich spielend umgehen würde. Als ich das letzte Mal dort bestellt habe (also: vor rund drei Stunden), stand nämlich im Kleingedruckten der Bestellbestätigung nach wie vor „Amazon EU S.a.r.l.“. Wetten, dass das in Europa für steuerliche Zwecke in Luxemburg ansässige Amazon ein Kleinlaster-breites Schlupfloch finden bzw. vorm Europäischen Gerichtshof schneller die Abgabe kippen lassen würde, als man „Alexa!“ rufen kann? 

    Wir müssen dieses Thema endlich für das begreifen, was es ist: Ein europäisches Problem, dem auch nur durch eine koordinierte europäische Vorgehensweise beizukommen ist. Was nützt mir eine deutsche Paketsteuer, solange sich die GAFAs noch an so Köstlichkeiten wie dem berühmt-berüchtigten Dutch-Irish sandwich weiden und ihre effektive Steuerlast in den letzten Promillebereich drücken können? Bei der derzeitigen Gesetzeslage darf die EU nicht einmal von Irland verlangen, die sittenwidrig niedrige Lockbesteuerung von Apple einzustellen. Eigentlich ist es für den gesunden Menschenverstand klar, dass innerhalb eines Binnenmarktes die Besteuerung halbwegs koordiniert werden muss, sodass Sonderposten-Modelle wie „Nur 12,5% Körperschaftssteuer zahlen und in 27 Länder verkaufen!“ bald der Vergangenheit angehören – und/oder, dass Steuern in dem EU-Land abgeführt werden müssten, in dem die Umsätze auch getätigt werden. 

    Klar, dass geht nicht über Nacht und weder den Niederländern, den Luxemburgern oder den Iren wird es sonderlich gut gefallen. Aber: Es führt leider kein Weg daran vorbei, wenn wir in großen EU-Ländern wie Deutschland, Frankreich, Spanien und Italien der fortschreitenden Erosion unserer Steuerbasis Einhalt gebieten wollen. Eine in diese Richtung gehende Initiative: Das hätte ich mir über Weihnachten gewünscht bzw. würde ich mir zu Weihnachten 2021 wünschen.