Monat: Mai 2022

  • Wenn die Märkte verrückt spielen, braucht es einen klaren Kopf

    Wenn die Märkte verrückt spielen, braucht es einen klaren Kopf

    Die Welt dreht sich immer schneller, die Ereignisse im Kleinen und Großen überschlagen sich. Deswegen war es hier beim Digitalkaufmann sehr ruhig. Über ein halbes Jahr ist vergangen, seitdem ich über die Zukunft der zahnärztlichen Praxis sowie einen etwas rückwärtsgewandten Schritt von Disney+ geschrieben habe. Standesgemäß habe ich mich kürzlich mit einer Analyse zu den Q1-Zahlen von Amazon zurückgemeldet. 

    Womit war ich denn derart beschäftigt, dass ich keine Zeit hatte, hier etwas zu schreiben? Wer mir auf LinkedIn folgt oder sonst Kontaktpunkte mit Etribes hat, der wird es ahnen: Unsere Digitalberatung wächst rasant! Schon vor der Pandemie durften wir viele spannende Projekte zusammen mit unseren Kunden umsetzen. Die Pandemie hat diesen Trend deutlich verstärkt und ermöglicht uns immer wieder neue Ideen im Markt umzusetzen. 

    Etribes: eine rasante Entwicklung

    Den anhaltenden Bedarf nach der Digitalexpertise unserer Mitarbeitenden und – ganz wichtig – unseres „Entrepreneur & Expert Partner“-Netzwerkes haben wir also in den letzten sechs Monaten zum Anlass genommen, Etribes noch breiter und noch professioneller aufzustellen. In Zahlen gesprochen heißt das: Mehr als 140 Mitarbeitende zählt Etribes nun; zeitweilig hatten wir über 20 Stellen offen. Gepaart mit unseren erfahrenen Beratern und Beraterinnen der ersten Stunde haben es uns die vielen Neuzugänge erlaubt, die Zahl und die Größe der Projekte, die wir stemmen, deutlich zu erhöhen. 

    Als wir vor einigen Jahren mit der Devise „Wir digitalisieren Deutschland“ angetreten sind, mögen das einige für überzogen gehalten haben. Wir finden aber, dass wir Wort gehalten haben – wie etwa unsere Projekte mit Unternehmen wie Hapag-Lloyd, KIND und Zooplus zeigen – und wollen mittelfristig auch in den Nachbarländern unser Wissen und unsere Ideen teilen. Immer getreu dem Gedanken, dass die europäische Wirtschaft nicht länger wie das sprichwörtliche Kaninchen vor der Schlange auf den Angriff der US-amerikanischen Tech-Giganten warten darf, sondern hier etwas bewegen muss – und auch kann.

    Die Welt: am Rasen

    Dieser Imperativ ist in den letzten Monaten immer lauter zu hören gewesen. Kein Wunder, schließlich steht  die Welt immer noch Kopf – mehr als zuvor. Der Krieg in der Ukraine bringt viel Leid und wirft ganz nebenbei diverse politische und wirtschaftliche Agenden über den Haufen. Lieferketten sind nach wie vor wegen Corona strapaziert oder völlig unterbrochen. Ganze chinesische Metropolen sind abgeriegelt, sodass sich die Container wieder stapeln, und Europa steckt der Winter noch in den Knochen. Denn abseits der Schlagzeilen verzeichnen viele Länder noch nie dagewesene Arbeitsausfälle wegen Krankheit. Und Kraftfahrer in Covid-Isolation können keine Ladungen über den Kontinent karren.

    Wir erleben somit einmal mehr und immer noch: Alles ist ja mit allem verbunden. Diese alte Binse ist so abgedroschen wie wahr. Überfällt ein russischer Diktator die Ukraine, spüren wir das auch hierzulande sofort: Hamsterkäufe und horrende Gasrechnungen sind da nur die sichtbarsten Folgen. Die halbe hiesige Digitalwirtschaft arbeitet etwa mit ukrainischen Entwicklern und Entwicklerinnen zusammen, die einen hohen Grad an Expertise aufweisen – und die nun ihre Heimat verlassen müssen.

    Wenig überraschend also, dass uns die Menschen aus und in der Ukraine in diesen Tagen auf besonders eindrucksvolle Weise zeigen, wie wichtig digitales Können im 21. Jahrhundert ist. Sie halten russische Hackerangriffe auf ihre kritische Infrastruktur stand, sind dem Feind im Abfangen von Nachrichten sogar mehr als nur punktuell überlegen – und zerstören millionenteure Panzer mit klug gesteuerten Drohnen. Nicht minder wichtig: Sie gewinnen die mediale Schlacht, die heutzutage vorwiegend digital ausgetragen wird. Mit der offenen Kommunikation auf allen Kanälen von einem Selenskyj kann es ein eindimensionaler Fernsehbösewicht wie Putin nämlich nicht aufnehmen. 

    Dieser Krieg zeigt also nicht zuletzt, wie man im digitalen Zeitalter mit wenig Mitteln überraschen viel erreichen kann. Nichtsdestotrotz wird der Krieg so schnell nicht vorbei sein. Auch nicht die Pandemie. Und auch nicht die vielen anderen drängenden Probleme, mit denen wir uns in den kommenden Jahren konfrontiert sehen werden. All das wird selbst uns Glückliche in Deutschland, die wir immer wieder vergleichsweise glimpflich davonkommen, innovative Lösungen abverlangen. Davon wird hier in den kommenden Monaten wieder öfter die Rede sein – schließlich braucht es ja immer einen klaren Kopf!

  • Amazon: Der Riese, den alle kleinreden

    Amazon: Der Riese, den alle kleinreden

    Ende April hat Amazon die Zahlen für das erste Quartal 2022 präsentiert. Analysten und Börse haben den E-Commerce-Riesen daraufhin mit einem sinkenden Kurs abgestraft – ein Fehler, wie der genaue Blick auf die KPIs verrät.

    Tech-Werte erleben schwere Zeiten an der Börse. Der Performance-Druck steigt angesichts der Auswirkungen von Krankheit, Klimawandel und Krieg. Im B2B und im B2C wird nach zwei Jahren Euphorie wieder genauer hingeschaut. Natürlich auch und ganz besonders bei Amazon. Und doch entgeht den Analysten, Börsianern und Expertinnen etwas: der Sinn fürs große Ganze.

    Anders gesagt: Wer jetzt Amazon aufgrund des nur leicht gesunkenen Ergebnisses im Handelsgeschäft abstraft, hat E-Commerce nie geliebt! 


    Im Vergleich zum ersten Quartal 2021 sinken die Net Sales im Onlinehandel im ersten Quartal 2022 um drei Prozent, wie aus dem Q1-Report von Amazon hervorgeht. Analysten und die Börse bestrafen das, wie hier beispielhaft die WirtschaftsWoche berichtet — und verkennen dabei, dass die Wachstumsraten vor einem Jahr noch vom Pandemie-Boost unerwartet hoch ausgefallen sind. 

     

    Wachstumsschmerzen, Amazon-Style

    Die Message ist hier doch: Amazon hält nun quasi das Niveau, nachdem in kurzer Zeit Wachstum erreicht wurde, das sonst nur über fünf bis sieben Jahre denkbar gewesen wäre — was eine absolute Bestätigung für Geschäftsmodell und Ambition ist. 

    Dazu kommt: E-Commerce wird weiter wachsen, und damit auch Amazon. Matthias Schrader schreibt etwa, dass „the pandemic has radically changed customer behavior. The e-commerce volume has grown as much in the last 20 months as it did in the first 20 years of the Internet from 1995 to 2015.“ Word!

    Fakt ist aber auch: Amazon erlebt im Handelsgeschäft gerade besondere Wachstumsschmerzen, die durch Investitionen in Lager und Logistik behoben werden müssen (wie etwa die LebensmittelZeitung zu berichten weiß). Gerade in der Pandemie ist der Konzern ja viel, viel schneller gewachsen als gedacht und so ein adäquates Lagerzentrum oder eine robuste Lieferflotte kann man nicht über Nacht aufbauen. 

    Amazon hat aber quasi unbegrenzt viel Zugang zu Kapital und daher ist es nur eine Frage der Zeit, bis an jeder Autobahnabfahrt ein Logistikzentrum von denen steht. Es geht für Amazon nicht um eine „Entweder, oder“-Entscheidung, sondern um das dem Selbstverständnis entsprechende Nachziehen der Struktur entsprechend des Erfolgs. 

     

    Viel Stoff zum Diskutieren

    Meiner Meinung nach will Amazon gegenüber allen anderen – trotz aller Unkenrufen immer noch unterlegenen – Wettbewerbern wieder den alten Vorsprung von fünf Jahren haben – das macht eben extreme Investments erforderlich.

    Das sehen auch einige versierte Köpfe bei LinkedIn so. Unter meinem LinkedIn-Kommentar zu Amazons Zahlen kommentiert beispielsweise „Doppelgänger“ Philipp Kloeckner, dass er zwar glaubt, Amazon hätte eher mit teuren Überkapazitäten zu kämpfen. Aber er glaubt auch, „dass die Zahlen zu negativ aufgenommen werden und Amazon RELATIV gesehen weiter Stärke gewonnen hat“. 

    Zum Schluss will ich gern ein wunderbares Zitat von Wiesemann-1893-Gründer Marius Siskowski wirken lassen: „Wer geglaubt hat, dass man 2022 wie 2020 und 2021 wachsen kann, liegt genauso falsch wie die, die glauben, dass insgesamt dauerhaft Berg ab geht.“