Monat: Juni 2018

  • Amazon-Eigenmarken: Eine Eroberung mit Ansage

    Amazon-Eigenmarken: Eine Eroberung mit Ansage

    Diese Woche erschien bei der New York Times eine sehr schöne Zusammenfassung der Amazon-Eigenmarkenstrategie. Nichts Neues zwar für diejenigen von uns, die der Entwicklung des Konzerns von Berufs wegen seit Jahren auf Schritt und Tritt folgen. Trotzdem aber ein schönes Lesestück sowohl für ein interessiertes Zeitungspublikum als auch für E-Commerce-Interessierte, die sich mal wieder vor Augen führen möchten, wie erfolgreich Amazon mit Eigenmarken mittlerweile ist. Zumal das, was jetzt in den USA aktuell ist, erfahrungsgemäß rund ein Jahr später von Amazon in Deutschland umgesetzt wird. Sei der Artikel also jedem ans Herz gelegt, der in den kommenden Tagen in den Urlaub fährt!

    Das Stück erzählt sehr schön, wie das Ganze 2009 mit Akkus der Marke „Amazon Basics“ anfing und so einen Schwung aufnahm, dass Amazon mittlerweile rund 100 eigene Marken listet, wovon rund 60(!) erst im letzten Jahr dazu gekommen sind. Es geht von Hundefutter („Wag“) über Kleidung (z. B. „Spotted Zebra“ für Kids) bis hin zu Möbel (Rivet).

    Auch gut herausgearbeitet: Amazons geschicktes Agieren, um Kunden diese neuen Eigenmarken zuzuführen. So werden einige nur an Prime-Mitglieder verkauft, um einen Buzz zu erzeugen, während der Suchalgorithmus und die Amazon-Marketing-Services natürlich ebenfalls eingespannt werden, um die eigenen Produkte prominent auf der eigenen Plattform zu platzieren.

    Wirklich interessant wird es für mich bei der Feststellung, dass es Amazon hier auch ums Prinzip geht. Der Konzern hat – wie es Scott Galloway von der New York University im Artikel erfrischend direkt formuliert – die „Einstellung, dass Marken sehr lange einen ungerechtfertigten Aufpreis verlangen konnten, der Kunden über den Tisch zieht“.

    Amazon lässt sich auch – konzerntypisch wortkarg – dahingehend zitieren:

    „Amazon declined to make any of its executives available for this article, but in a response to a list of questions, the company said its overarching goal is to provide customers a wide range of products and brands. “We take the same approach to private label as we do with anything here at Amazon: We start with the customer and work backwards,” the company said in its statement.“

    Der Kunde stand bei Amazon eben schon immer wirklich im Mittelpunkt, während nun andere Händler und Hersteller erst seit ein paar Jahren über „Kundenzentrizität“ faseln, als ob es etwas Neues wäre.

    Und hier fielen mir – wie so oft, wenn es um Amazon heute geht – Sätze aus der nun etwas fernen, aber immer noch verdammt aktuellen Vergangenheit ein: 21 Jahre ist der legendäre Shareholders Letter von Jeff Bezos her. So alt also, dass man selbst in den amerikanischen Südstaaten mit ihm ein Bier trinken gehen könnte. Und so alt, dass er einem wie ein vertrauter, äußerst vorausschauender Freund vorkommt.

    Hier einige der Lieblingssätze, die dieser Freund auch nach 21 Jahren nicht müde wird, mir zu betonen: „We will continue to focus relentlessly on our customers.“ „Obsess over customers.“ „We are planning to add music to our product offering, and over time we believe that other products may be prudent investments.“

    Wer den Brief noch einmal durchliest, braucht sich nicht wundern, dass Amazon nun erfolgreich Eigenmarken vertreibt und diesen Teil des Geschäfts jetzt rasant ausbaut. Denn: Ein Unternehmen, das wirklich „kundennutzenbesessen“ ist, um „Obsess over customers“ einigermaßen sauber ins Deutsche zu bringen, und immer auf der Suche nach anderen „sicheren Anlagemöglichkeiten“ ist, kann folgendes nicht übersehen: A), dass Zahnpasta nun wirklich keine 1,65 Euro kosten muss und der Kunde daher oft einen gehörigen Aufpreis zahlen muss und dass sie b) für viel weniger Geld und dennoch gewinnbringend über die eigene Plattform vertrieben werden kann, wenn da nicht mehr „Colgate“ oder so etwas draufsteht, sondern „Amazon“. So einfach ist das.

    Für mich bleibt der Schlüssel aus diesem Satz:

    „Therefore, we set out to offer customers something they simply could not get any other way (…) and presented it in a useful, easy-to-search, and easy-to-browse format in a store open 365 days a year, 24 hours a day.“

    1997 ging es noch um Bücher. Aber „etwas, was der Kunde sonst nicht bekommt“ kann Amazon mit Eigenmarken anbieten: nämlich hohe Qualität zu einem unschlagbar günstigen Preis. Dass der Konzern den Kunden zu ihrem Glück mit einer kreativen Definition von „easy-to-search“ ein wenig zwangsbeglückt, ist logisch.

    „We first measure ourselves in terms of the metrics most indicative of our market leadership: customer and revenue growth, the degree to which our customers continue to purchase from us on a repeat basis, and the strength of our brand. We have invested and will continue to invest aggressively to expand and leverage our customer base, brand, and infrastructure as we move to establish an enduring franchise.“

    „Wir werden weiterhin aggressiv investieren, um unseren Kundenstamm, unsere Marke, und unsere Infrastruktur auszubauen und auszuschöpfen.“ Es war, ist und bleibt eine Eroberung mit Ansage.

  • nuucon GmbH – die Entwicklung eines B2B Marketplatzes im Bereich Home und Living

    nuucon GmbH – die Entwicklung eines B2B Marketplatzes im Bereich Home und Living

    Aktualisiert:

    Seit dem Start wandelte sich nuucon von einem B2B-Marktplatz zu einer Einkaufsplattform. Wir haben in einem aktuellen Interview nochmal genau nachgefragt, wie es zum Pivot kam und von Gründer Pierre Haarfeld interessante Einblicke zum neuen Geschäftsmodell erhalten.

    https://www.youtube.com/watch?v=o0GLdDtJPuQ

     

    Ursprünglicher Beitrag:
    Wie funktioniert das Geschäftsmodell von nuucon? Kauft man bei der akquise von Tech-Assets wie eigenentwickelter Software die Katze im Sack? nuucon fungiert als B2B Marktplatz im Interior Business zwischen Händler und Hersteller. Philipp Renerig, CIO & Co-Founder der nuucon GmbH gibt uns im Gespräch einen Überblick auf sein Geschäftsmodell und detaillierte Einblicke in die Herausforderungen der sich stetig wandelnden IT Branche.

    Hier die Aufteilung des Gesprächs:

    • Intro Philipp Renerig
    • Vorstellung der nuucon GmbH (ab 2:50)
    • Wie funktioniert das Geschäftsmodell von nuucon (ab 4:45)
    • Eigene Softwareentwicklung oder standardisierter Fertigbaukasten? (ab 5:38)
    • Welche IT-Anpassungen mussten vorgenommen werden? (ab 9:59)
    • Die Bedeutung der Programmiersprache der Plattform nuucon (ab 12:00)
    • Entwickler Recruitment bei nuucon (ab 16:38)
    • Online Marketing und Kundenakquisition im B2B (ab 18:03)
    • Lernprozesse bei Digital Apartment und nuucon (ab 19:52)
    • Strukturierung des Teams und agile Entwicklung (ab 21:38)
    • Wohin geht die Entwicklung bei nuucon? (ab 29:30)

  • Amazon-Retourenvernichtung: Skandal im Sperrbezirk!

    Amazon-Retourenvernichtung: Skandal im Sperrbezirk!

    Noch eine Woche, noch ein Amazon-Skandal. Und ihr werdet merken, dass ich mich nicht sofort hier eingeschaltet habe. Denn mittlerweile kennt man das Erregungsmuster: Mediales Strohfeuer, das schnell aufflackert, bevor es mit Tatsachen und Argumenten begossen wird und genauso geschwind wieder in sich zusammenfällt. Jetzt, da sich alle wieder etwas beruhigt haben, möchte ich aber generell über Amazon-Bashing nachdenken.

    Für diejenigen, die den Riesenskandal, der höchstens ein Skandälchen war, verpasst haben, hier die kurze Zusammenfassung.

    Letzten Freitag kam die Wirtschaftswoche mit den (eigentlich gar nicht so) brisanten Ergebnissen einer mit ZDF Frontal 21 höchst (un)investigativ durchgeführten Recherche raus: Amazon vernichte täglich Tonnen an retournierter Neuware! Beschäftigte „berichteten übereinstimmend“ – um den Duktus der medialen Skandalisierung weiter zu persiflieren –, dass sie täglich mehrere Tausend Euro an neuwertigen Produkten, die von Kunden zurückgeschickt wurden, entsorgen mussten. Ein Riesenskandal sei das! Prompt meldete sich ein Staatssekretär im Bundesumweltministerium, Jochen Flasbarth, in typischem Politikersprech zu Wort und „forderte Amazon auf, die Vorwürfe aufzuklären“, wie WiWo es klassisch journalistisch (aber wenig sinnergebend) schrieb.

    Das tat Amazon sodann. Waren die „Vorwürfe“ eigentlich doch gar keine, sondern die Beschreibung einer Realität, aus der der E-Commerce-Riese keinen Hehl zu machen versuchte. Klar, retournierte Neuware werde mal vernichtet, wenn es nicht verkauft, weiterverkauft, oder gespendet werden könne, oder wenn der Hersteller dies wünsche, antwortete der Konzern untypisch geradeaus. Warum auch nicht mal eine ehrliche Antwort? Denn hätten die an der „Aufdeckung des Skandals beteiligten Journalisten“ (okay, ich stelle es gleich ein, versprochen!) wirklich investigativ gearbeitet, hätten sie schnell rausgefunden, dass dies fast alle Händler – off- sowie online – so handhaben oder gar so handhaben müssen, wenn der Hersteller sie dazu anhält oder das Gesetz sie dazu verpflichtet. Andere Redaktionen durften dann die mühsame Aufklärungsarbeit übernehmen, wie es die Kollegen von T3N mit einem ausgewogenen Informationsstück taten: „Der Amazon-Skandal, der keiner war: Retouren-Vernichtung ist Standard im Handel“.

    Um es hier ganz, ganz deutlich zu sagen: Ja, es ist ein Skandal, das brauchbare Produkte entsorgt werden. Die Ressourcen dieser Welt sind endlich und es sollte, darf, kann keinem egal sein, wenn mit ihnen so umgesprungen wird, als wären sie es nicht. Das ist – nochmal – nichts anderes als ein Skandal der allerhöchsten Größenordnung.

    Aber es ist eben kein Amazon-Skandal.

    Es ist – und das hören deutsche Konsumenten, deutsche Konzerne und deutsche Umweltstaatssekretäre nun äußerst ungerne – unser aller Skandal.

    Retouren: Alle sind schuld und alle machen mit

    Betrachten wir zur Verdeutlichung des Problems kurz die Stellungnahme vom Staatssekretär Flasbarth in der WiWo etwas näher:

    „Das ist ein riesengroßer Skandal, denn wir verbrauchen auf diese Weise Ressourcen mit allen Problemen insgesamt auf der Welt. Ein solches Vorgehen passt einfach nicht in diese Zeit. Ich bin überzeugt, dass viele Verbraucher von einem solchen Verhalten schockiert sind und es auch nicht akzeptieren werden.“

    Den semantisch grenzwertigen Teil „mit allen Problemen insgesamt auf der Welt“ mal beiseite: Ist sich Staatssekretär Flasbarth wirklich so sicher, dass die Konsumenten ein derartiges Problem mit der Retournierung und Vernichtung von Waren haben? War er jemals auf einem Recyclinghof an einem Samstagmorgen? Hat er jemals einen Blick in eine durchschnittliche Restmülltonne geworfen? Ist er niemals bei einem Freund gewesen, der einen ungeöffneten Joghurt weggeschmissen hat, weil er abgelaufen war? Es wird in diesem Land tag ein, tag aus, Funktions- und Genussfähiges weggeworfen auf eine Art und Weise, die sicherlich schockierend ist – die aber keinen schockt.

    Verantwortlich sind aber in erster Linie hier die Verbraucher, die zwar gern von sich behaupten, es sei nicht egal, was mit dem Zeug passiert – die es dann aber möglichst schnell weghaben wollen und es gerne mal in der schwarzen Mülltonne der Nachbarn oder am Wegesrand abladen, wenn die Schlange zum Recyclinghof zu lang war. Zu behaupten, sie würden die Vernichtung von Waren durch Händler „nicht akzeptieren“, ist realitätsfern. Zumal die deutsche und neuerdings die europäische Politik es ihnen hier besonders leicht macht: Händler und Hersteller müssen Retouren unter fast allen normalen Bedingungen annehmen. Der Kunde gibt das unerwünschte Produkt ab und macht im Kopf ein Häkchen drunter. Bei aller Liebe zu meinen Mitbürgern: Dass sie sich darüber hinaus großartig Gedanken machen, was mit der überraschend schlecht sitzenden Hose oder dem doch nicht so einfach zu bedienenden Funkwecker nach Abgabe in der Postfiliale oder beim Paketboten passiert, gilt als ausgeschlossen. Wieso ich das weiß? Auch ich denke nicht darüber nach. Wir sind schließlich in Deutschland hier. Wir trennen unseren Müll. Was soll denn Schlimmes passieren?

    Wenn aber doch Schlimmes passiert, will man es nicht unbedingt zu genau wissen. Wer sich die Mühe macht, mit jemanden zu sprechen, der seinen Lebensunterhalt mit Retouren verdient, gewinnt hier einen ganz anderen Einblick. Stefan Grimm von Restposten.de verkauft – dem Namen entsprechend – Rest- und Retourenbestände online und hat daher einen tiefen Einblick ins Nachleben von Konsumartikeln. „Verbraucher greifen beherzt zu, wenn sie Billigelektronik sehen – und retournieren es genauso beherzt, wenn es sich als Griff ins Klo erwiesen hat. Dabei ist schon in der Herstellung an allem gespart worden, damit das Radiogerät oder der Wecker bloß nicht mehr als 10 Euro kostet.“ Hohe Fehlerquoten seien programmiert, aber weder dem Produzenten, dem Importeur noch dem Kunden sei eine vernünftige Zweitverwendung wichtig. „Dabei wäre eine Reparatur oft nicht einmal möglich, weil die Produkte nicht dafür ausgelegt sind: Es werden beispielsweise Akkustaubsauger verkauft, bei denen alles verklebt ist. So können häufig nicht mal Akkus ausgetauscht werden. Obwohl das Gerät in Ordnung ist, landet es dann zwangsläufig im Müll.“

    Grimm sieht daher die Politik aufgefordert, Regelungen zur Reparaturfreundlichkeit zu erlassen, wenn Retour- und Vernichtungsquoten bei Elektronikartikeln wirklich gesenkt werden sollen. Auch die Konsumenten – also: die Retournierer – sollten seiner Meinung nach ehrlicher und detaillierter Gründe nennen müssen, warum sie ein Produkt zurückschicken. Bei Elektronik würde das immerhin die Ursachensuche verkürzen. Häufig auftretende Probleme bei bestimmten Modellen könnten zudem vermerkt und zurück in die Produktion gegeben werden können. „Aber unter den derzeitigen Bedingungen interessieren sich wenige Hersteller für sauberes Produkt-Management.“

    Amazon: Ausnahmsweise absolut vorbildlich

    Der Witz an diesem „Amazon-Skandal“ ist nicht nur, dass der gute deutsche Konsument das Fehlverhalten des bösen amerikanischen Konzerns mal wieder angeblich nicht akzeptiert, um dann rund 50% seiner Online-Einkäufe bei Amazon zu tätigen. Nein, sondern auch, dass Amazon in diesem Punkt Grimm zufolge „einen professionellen, offenen Umgang“ mit Retouren pflegt, der den Weiterverkauf und -benutzung von B-Ware und wiederaufbereiteten Produkten in vielen Fällen fördert. „Es sind andere Marktteilnehmer, vor allem Herstellermarken aus dem Textil-&-Fashion-Bereich, die aktiv den Zweitverkauf ihrer Waren verhindern. T-Shirts, die nur paar Euro im Einkauf kosten, theoretisch aber jeweils zu 90 Euro verkauft werden können – vorausgesetzt, die Ware wird knapp gehalten – lassen sich allzu leicht schreddern.“ Grimm redet sich beinahe in Rage: „Das ist doppelt unmoralisch: Man nimmt den Näher am einen und den Kunden am anderen Ende aus – und zerstört dabei Ressourcen.“

    „Es gibt auch gute Ansätze in der Branche: Die Jungs von FOND OF zeigen beispielsweise, wie man Taschen zu fairen Preisen mit vernünftigen ethischen Standards auf den Markt bringen kann.“ North Face und VAUDE aus dem Outdoor-Bereich hebt Grimm als Hersteller hervor, die Reparatur und Wiederverkauf ihrer Produkte tatkräftig unterstützen. „Damit aber alle mit gleichen Voraussetzungen arbeiten, müsste auch hier der Staat mit Verboten arbeiten. Warum soll man neuwertige Kleidung vernichten dürfen, nur weil es einem als Unternehmen betrieblich und marketingstrategisch nicht in den Kram passt, sie zu vermarkten?“

    Amazon: Prügelknabe, Sündenbock und Hexe in einem

    Wir Kunden werden die Unternehmen jedenfalls nicht so schnell zum Umdenken bewegen. Spulen wir acht Jahre zurück: Während eines der kältesten Winter seit Jahren wurden die netten Schweden von H&M dabei ertappt, unverkaufte Kleidung zu vernichten. Erinnern wir uns alle noch an diesem Riesenskandal? Ja? Es bleibt ein offenes Geheimnis, dass auch aufrichtige deutsche Mittelständler lieber einen Anzug zerschneiden, als ihn auf den Zweitmarkt zu bringen. Sie haben alle ganz sicherlich den Zorn des deutschen Verbrauchers zu spüren bekommen. Genau wie die Supermärkte, die 2015 von einem Riesenskandal kontinentalen Ausmaßes überrollt wurden: In ganz Europa werfen Lebensmitteleinzelhändler lieber abgelaufenes Essen weg, als es an Bedürftige zu spenden. In Frankreich wurde die Praxis daraufhin verboten. Anfang des Jahres wurde eine europaweite Spendepflicht in Betracht gezogen, weil unter anderem in Deutschland nach wie vor zu viel Essen von Supermärkten sang- und klanglos entsorgt wird. Aber das brauche ich nicht weiter auszuführen, denn wir wissen alle noch ganz genau Bescheid, nicht wahr?

    Für mich offenbart der Nicht-Skandal über Retouren bei Amazon eine sehr unschöne Seite des Journalismus: Auch seriöse Redaktionen sind keineswegs vor Sensationslüsternheit gefeit. Und es zeigt die äußerst unschöne Tendenz, das Unheil immer „bei amerikanischen Großkonzernen“ zu suchen. Ich möchte ausdrücklich nicht das Geschäftsmodell von Amazon mit allen Schattenseiten unkritisch gutheißen: Es ist nicht gut, wenn der Konzern erst versucht, die in Deutschland gesetzlich zugesicherte Gründung von Betriebsräten zu verhindern und diese dann das Leben möglichst schwer macht. Aber deutsche Drogerieketten sind bekanntermaßen auch keine Freunde der Mitbestimmung: Das ach-so-nette Unternehmen dm etwa ist für seine Feindseligkeit Betriebsräten gegenüber branchenweit bekannt. Komischerweise bleibt aber hier die mediale Dauerschelte aus.

    Oder wenn Amazon seinen Beschäftigten so wenig zahlt, dass sie in Zelten und Verschlägen in Lagernähe leben müssen und auch mit Krebserkrankungen zu einem immer höheren Arbeitspensum angetrieben werden – wie aus Großbritannien oder USA berichtet –, dann ist das selbstverständlich auch absolut inakzeptabel. Aber ich lebe auf dem Land in Niedersachsen, wo rumänische Schlachthofarbeiter wegen sittenwidrig niedriger Bezahlung in der deutschen Fleischindustrie im Wald übernachten.

    Daran denkt keiner von uns, wenn wir im Supermarkt an der Wursttheke zulangen. Auch das ist ein Skandal.

  • Die Entwicklung von Chat-Bots im Bereich Publishing und Kundenservice

    Werden in Zukunft Chat-Bots E-Mail Marketing und Service Hotlines ablösen? Was genau sind Chat-Bots, welche Vorteile bieten sie bei der Leadgenerierung und wie lernfähig sind sie? In diesem Digital Confession Drive Interview auf dem OMR Festival, erzählt der Founder von BotcastAI, Björn Tantau, im Gespräch mit Arne Stoschek, Geschäftsführer von Etribes, über die Entwicklung von Chat-Bots und deren Bedeutung im E-Commerce.

    Hier die Aufteilung des Gesprächs:

    • Vorstellung Björn Tantau
    • Was ist ein Chat-Bot und welche Funktionen hat ein Chat-Bot (ab 3:45)
    • Welche Rolle spielt ein Chat-Bot im Bereich Publishing und Kundenservice (ab 6:45)
    • Welches Auffassungsvermögen besitzt ein Chat-Bot? (ab 7:19)
    • Produktvorstellung von BotcastAI (ab 9:55)
    • Vorstellung des Geschäftsmodells (ab 15:15)
    • Wie lernfähig sind Bots? (ab 20:55)
    • Wann wird der Service von einem Chat-Bot nutzbar sein? (ab 23:22)
    • Was ist die Zielgruppe von bjoerntantau.com? (ab 27:04)
    • Ausblick in den Social Commerce (ab 33:16)

  • Es eilt: Controlling und die (Nicht-)Digitalisierung

    Letztens stieß ich bei FAZ.net auf einen interessanten Artikel von den Direktoren des Instituts für Management und Controlling der WHU – Otto Beisheim School of Managment, Utz Schäffer und Jürgen Weber. Titel: „Der Controller verliert die Kontrolle“; Tenor: Wie eine Umfrage ergebe, sei der Mangel an Digitalverständnis unter denjenigen, die börsennotierte Unternehmen quantifizieren, betreuen und mitsteuern sollen, regelrecht erschreckend. Die Controller selber stellen sich das niederschmetternde Zeugnis aus: Laut den Autoren gaben nur 26% der Befragten an, die auf ihre Umfrage reagierten, dass sie die bislang getätigten Investitionen in die Digitalisierung des Controllings in deren jeweiligen Unternehmen für ausreichend hielten.

    Was als „Schock-Ergebnis“ daherkommen sollte, überraschte mich ehrlich gesagt nicht. Denn auf die Notwendigkeit eines Controllings, das den Realitäten des digitalen Zeitalters gerecht wird, habe ich schon das eine oder andere Mal hier hingewiesen und dabei wichtige Fragestellungen diskutiert: Wie bewertet man eigentlich E-Commerce-Geschäftsmodelle? Wie führt man eine angemessene Due-Diligence im digitalen Umfeld durch? Etwas breiter gefasst habe ich auch mal über die Rolle des Controllings insgesamt im Konzern- sowie Investorenumfeld  berichtet und welchen Platz Beratungsunternehmen hier einnehmen können. Aber es geht hier nicht um „Hab‘ ich doch gesagt!“ und „Hatte ich doch recht!“ Ich will eben aufrichtig hoffen, dass ein aufsehenerregender Artikel auf einem so reichweitestarken Portal wie FAZ.net seinen Teil dazu beiträgt, dass das Thema breiter in der Wirtschaft verankert und auch endlich angegangen wird.

    Ich stehe mit meinem Gefühl, dass es mit der Digitalisierung im Controlling noch deutlich zu langsam vorangeht, keineswegs alleine da. Der Kollege Alex „Kassenzone“ Graf etwa hat schon mit mehreren profilierten Gesprächspartnern über den Stillstand gesprochen. Im Gespräch mit Iskender Dirik von Microsoft for Start-ups letztes Jahr zum Thema Corporate Venture Capital etwa merkte Letzterer an:

    „Ein alteingesessener M&A-ler, der auf EBIT-Basis einkauft und das Venture-Geschäft nicht versteht, kann hier wenig beitragen. Für den Corporate-VC bringt das nichts – und schlimmstenfalls sitzt er auch noch im Investment-Committee und macht einem ein Strich durch die Rechnung: „Häh? Verstehe ich nicht. Hier sind überall rote Zahlen drunter!“ Da sagt der VC-Mensch: „Rote Zahlen sind doch mein Geschäft!““

    Oder, wie es vor ihm Florian Heinemann – ebenfalls im Gespräch mit Alex – formulierte:

    „Die Beurteilung eines digitalen Geschäftsmodells in der frühen Phase erfordert ein ganz anderes Controlling: Traditionelle Ansätze passen schlecht auf digitale Start-ups. Die Otto-Group controllt schließlich ein AboutYou anders als so ein BonPrix – zu Recht! Aber das will erstmal gelernt werden.“

    Dennoch wird vielerorts im Controlling genauso weitergemacht, wie es schon immer gemacht worden ist. Das Schaurig-Faszinierende an dem FAZ-Artikel ist dabei, dass erstens vielen Controllern in der Deutschland AG völlig klar ist, wo die Versäumnisse liegen. Sie laufen also sehenden Auges mit Milliardenschweren Unternehmen ins Minenfeld. Und zweitens ist der Mangel an Digitalwissen im Controlling nicht nur bei Übernahmen oder Investitionen gefährlich, weil hier falsch gekauft, beziehungsweise aus Missverständnis nicht gekauft wird, sondern er bremst auch eine vernünftige Aufsicht der Vorgänge innerhalb eines bestehenden Unternehmens nach Stand der Technik aus. Dies wird vor allem in Bezug auf Big-Data klar, zu dem die FAZ-Autoren aus ihren Ergebnissen vermerkten:

    „Die befragten Controller sind denn auch ganz überwiegend der Meinung, dass insbesondere im Bereich von Data Science und IT Kenntnissen, aber auch bei eher weichen Fähigkeiten wie Kommunikationsfähigkeiten und Change Management Nachholbedarf besteht. Gleichzeitig registrieren wir vielfach eine gewisse Hilflosigkeit bei der Frage, wie die identifizierte Lücke geschlossen werden soll.“

    Zu meinen Ohren hört sich das nicht nur resigniert an, sondern nach massenhaftem Verstoß gegen das Aktiengesellschaftsrecht. Denn: Wenn die technische Möglichkeit nun gegeben ist, mehr Daten als je zuvor über die Aktivitäten des eigenen Unternehmens zu erfassen und präzise auszuwerten, von dieser Möglichkeit aber kein Gebrauch gemacht wird – worüber sich die zuständigen Abteilungen noch dazu völlig im Klaren sind – dann ist das meines Erachtens grob fahrlässig. Oder, wie die Autoren der Studie es formulieren: „Ausreden sind also nicht mehr möglich. Die Uhr tickt.“

    Nun doch genug der Schelte! Dass die Akteure, auf die es ankommt – also: die Controller selbst –, ein Problembewusstsein entwickelt haben, ist ein großer Fortschritt und stellt eine Basis dar, auf der man aufbauen kann. Unternehmen, die ihre Verantwortung wahrnehmen wollen, in der digitalisierten Wirtschaft sachkundig handeln zu können, stehen zwar vor einer Lernkurve. Aber sie stehen weder alleine noch mittellos da! Leute, die sich zu digitalem Controlling schon länger Gedanken gemacht haben, gibt es ja ein paar.

  • Amazon Dorf Talk – LEGO auf Amazon

    Amazon Dorf Talk – LEGO auf Amazon

    Das Stichwort „LEGO“ ist schon in mehreren Amazon Dorf Talk Beiträgen gefallen und diese Thematik erfreut sich unter den Zuschauern von hoher Beliebtheit. Daher dreht sich in dieser Ausgabe tatsächlich einmal alles nur um LEGO. Wie nutzt LEGO Amazon? Was funktioniert gut und wo sind noch Chancen, den Marktplatz noch erfolgreicher zu nutzen? Christian Otto Kelm und Nils Seebach gehen diesen Fragen auf den Grund.

    Hier die Aufteilung des Gesprächs:

    • Top 3 Änderungen auf Amazon seit Februar 2018 (ab 1:20)
    • Überblick zu LEGO auf Amazon (ab 4:08)
    • Nutzt LEGO Amazon und die Emotionen, sowie die Geschäftsmodelle um die eigene Marke herum vernünftig? (ab 9:08)
    • Content-Entwicklung auf dem Marktplatz (ab 11:19)
    • Thematik der Preisführung (ab 15:58)
    • Verbesserungsmöglichkeiten im LEGO Product Display Ad Management (ab 24:40)
    • Zusammenfassung der bisherigen Learnings (ab 27:18)
    • Die LEGO-Figuren-Problematik und Abschluss (ab 28:05)

  • Kalte Säfte, kühle Köpfe – David Vinnitski von Kale&Me

    Wie nutzt Kale&Me die Vorteile des E-Commerce und ist es möglich auch ohne Amazon in Zeiten der Plattformökonomie am Markt zu bestehen? Beim OMR Digital Confession Drive erzählt der Gründer und Geschäftsführer David Vinnitski von Kale&Me im Gespräch mit Arne Stoschek, Geschäftsführer bei Etribes, die Entstehungsgeschichte von Kale&Me und wie aus einem Spaßprojekt von 3 Studienfreunden ein seriöses Geschäftsmodell entstanden ist, das sich erfolgreich am Markt etabliert hat.

    Hier die Aufteilung des Gesprächs:

    • Vorstellung David Vinnitski und die Entstehung von Kale&Me
    • Das Produkt, die Zielgruppe und wie die Customer Journey funktioniert (ab 4:06)
    • Unternehmensübersicht von Kale&Me (ab 10:07)
    • Vertrieb ohne Amazon – geht das? (ab 13:15)
    • Neukundengewinnung bei Kale&Me (ab 16:53)
    • Influencermarketing und Relations (ab 18:30)
    • Reaktivierung von Kunden (ab 23:13)
    • Digitale Begleitung einer Saftkur (ab 24:56)
    • Relevante Kanäle im CRM (ab 27:52)
    • Kundenbindung bei Kale&Me (ab 28:36)
    • Unterschiede zwischen Online- und Offlineverkauf (ab 30:00)
    • Zukunftsausblick bei Kale&Me (ab 33:31)