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  • Amazon geht auf KMU-Kuschelkurs

    Amazon geht auf KMU-Kuschelkurs

    2020 ist wahrlich das Jahr der nicht enden wollenden Überraschungen. Vor elf Monaten hätte ich nie gedacht, dass man zu Friedenszeiten ganze Bevölkerungen der westlichen Welt derart in die Pflicht nehmen können würde, wie es seitdem geschehen ist. Ebenfalls unvorstellbar für mich Anfang 2020: Dass die Deutschen massenhaft eine Gesundheitstracking-App herunterladen würden. Zum Jahresende geht die Corona-Warn-App aber auf die 20 Millionen Downloads zu. So ist es für dieses verrückte Jahr nur folgerichtig, dass auch Amazon etwas Verrücktes tut.

    Dabei ist 2020 für Amazon – völlig un-überraschend – prima gelaufen. Denn, dass der Distanzhändler, Streaming-Dienstleister und Server-Anbieter aus Seattle in einer Pandemie, in der von den Menschen verlangt wird, zu Hause zu bleiben, überproportional profitieren würde, war wirklich unschwer zu erkennen. Das Überraschendste bislang beim Riesenkonzern war, dass sich sein Gewinn nicht bloß verdoppelt, sondern verdreifacht hat.

    Aber, wie gesagt, 2020 ist eben immer für eine Überraschung gut. Und so habe ich nicht schlecht gestaunt – und das gleich mehrfach –, als mir der „Amazon KMU Impact Report 2020“ zu Händen kam. 

    O-Ton: „Bei Amazon ist die Unterstützung kleiner und mittlerer Unternehmen ein Kernelement unserer Arbeit.“

    Im Bericht detailliert Amazon auf elf schön gestalteten PowerPoint-Slides, wie gut sie kleinere und mittlere Unternehmen unterstützen, was sie alles für Einzelunternehmer, Software-Entwickler und unabhängige Autoren tuen und wie sie damit sogar den Exportstandort Deutschland stärken. Das alles mit Zahlen untermauert und Fallbeispielen geschildert – und mit dem unübersehbaren Ziel, zu argumentieren, dass Amazon nicht der böse Monopolist aus den USA, sondern eher der nette Nachbar von nebenan ist.

    Kostprobe gefällig? „Dieser Report zeigt den Erfolg von deutschen Unternehmerinnen und Unternehmern und hebt hervor, wie Amazon kleine und mittlere Unternehmen beim Verkauf im In- und Ausland sowie bei der Schaffung neuer Arbeitsplätze unterstützt.“ Amazon spricht in feinstem Kommunikationsprofi-Zungenschlag von Arbeitsplätzen in Deutschland? Ja, habe ich auch nicht erwartet. 

    Und das war nur die erste Überraschung. Weiter geht’s mit spannenden Fallbeispielen, die sämtliche Steckenpferde der deutschen Wirtschaftsfolklore auf einmal reiten. Da ist die bayerische Hutmacherin, die ihre 155-Jahre-alte mittelständische Familienfirma mit Verkauf über Amazon-Marketplaces durch die Corona-Krise brachte. Dann kommt die Berliner-Szene-Gründerin, die mit sibirischem Kunsthandwerk aus Birkenrinde über einen Online-Shop  beste Umsätze macht – natürlich dank der Teilnahme an einem Amazon-Förderprogramm. Es gibt sogar den Versicherungsvertreter, der einsieht, dass er mit seinem Leben was Sinnvolleres anfangen könnte, und jetzt einen Paketdienstleister im Ökosystem Prime aufgebaut hat.

    Als dann auf Seiten 5 und 6 die Handelsblatt-Spezialreport-mäßige Aufstellungen der Bundesländer kamen – je nach Zahl der an Amazon angebundenen KMUs sowie nach Höhe der über Amazon erzielten Exportverkäufe aufgeschlüsselt – dachte ich kurz, ich hätte endgültig den Verstand verloren. „Amazon? Bist du das?“ fragte ich ungläubig und klopfte sachte an den Bildschirm. Oder vielleicht war das hier eine Persiflage, die so hintersinnig war, dass man sie kurz für bare Münze nahm… Amazon und die deutsche Exportwirtschaft? Klar, das sind keine Gegensätze. Aber wann hat man schon beide Begriffe in einem Satz gehört – jedenfalls: in einem positiv konnotierten Satz?

    Warum, weshalb, wieso wird hier von Amazon kommuniziert?

    Ein paar kurze Rücksprachen später stand fest: Der Bericht ist echt. Amazon legt offenbar auf einmal Wert darauf, seinen Beitrag zur deutschen Wirtschaft für die Öffentlichkeit herauszuarbeiten. Ja, dasselbe Amazon, dass jahrelang Marketing & Communcations für Geldverschwendung hielt und maßgeblich nach zwei Devisen handelte: „Reibungslose Logistik ist die beste Werbung“ und „Einmal der Ruf ruiniert, lebt es sich herrlich ungeniert“. Ja, dasselbe Amazon, dass Vendor-Manager in München öfter wechselte, als viele derselben ihre Bettwäsche, bis bekannte Herstellermarken entnervt aufgaben – und deren Brandbriefe der Konzern eiskalt an sich abperlen ließ.

    Ja, ausgerechnet dieses Amazon übt sich jetzt in Unternehmenskommunikation. Dass also Amazon kommuniziert, ist schon an und für sich interessant. Und was hier kommuniziert wird, ist es auch. Klar, es handelt sich um Corporate-Comms – und ebenso klar sind Amazon-Zahlen eine notorische Blackbox – weshalb man hier mehr als die eine sprichwörtliche Prise Salz dazu nehmen muss. So ist es wohl – auch das Ergebnis meiner Rücksprachen – dass Amazon mit „KMU“ den englischen Begriff „SME“ eins zu eins übersetzt hat und damit auf Deutsch eine andere, zufällig dem Amazon-Messaging schmeichelhaftere Rahmengröße absteckt. Bestimmt nur eine kleine Unaufmerksamkeit bei der Übertragung. Trotzdem: Dass Amazon-Verkaufspartner in Deutschland jetzt mehr als 120.000 Euro im Schnitt umsetzen – und dass diese Zahl etwa im Vergleich zum Vorjahr um 30.000 Euro (also: 25%!) angestiegen ist – zeigt die Wucht vom organischen Wachstum Amazons sowie von der Corona-Krise allgemein. Von den KMUs, die auf Amazon.de verkaufen, heißt es weiter, haben über 3.300 mehr als eine Million Dollar umgesetzt und insgesamt über 110.000 Arbeitsplätze geschaffen.

    Ob die Zahlen wirklich so stimmen und – noch wichtiger – wie man sie im Gesamtgefüge der deutschen Wirtschaft einordnen muss, steht erst einmal auf einem anderen Blatt. Was aber hier kommuniziert wird, spricht Bände: Amazon redet auf einmal über die Arbeitsplätze, die in seiner Lieferkette gesichert werden. Vielleicht haben sie in der Münchner Kommunikations-Abteilung aufgestockt und dabei paar Leute von BMW rübergelockt? Denn das Manöver kennt man von der Lobbyarbeit der Autobauer. („Jeder siebter Arbeitsplatz in Deutschland hängt von der Autoindustrie ab…“)

    Versteht mich bitte nicht falsch: Das alles ist völlig legitim! Unternehmen dürfen ruhig ihre eigenen Erfolge benennen und hervorheben, wo diese mit gesellschaftlich erwünschten Zielen übereinstimmen. Und in Deutschland stehen Öffentlichkeit und Politikbetrieb eben auf die Schaffung von Arbeitsplätzen, auf Exporterfolge und auf mittelständische Familienunternehmen. Dass Amazon in allen drei Anliegen vielleicht gar nicht so schädlich ist, wie gemeinhin angenommen, darf das Unternehmen ruhig zeigen. Ich würde es als Berater sogar ausdrücklich empfehlen.

    Nur: Jahrelang schien Amazon überhaupt nicht zu interessieren, wie es in Deutschland wahrgenommen wurde. Der Online-Handel-Marktanteil von über 50% sprach für sich. Dem deutschen Konsumenten war es ganz offenkundig Schnurz, dass gefühlt jede zweite Woche Enthüllungsberichte aus den Amazon-Lagern im Fernsehen liefen und die Zeitungen vollgestopft mit Berichten von verzweifelten Karstadt-Mitarbeitern waren. Dasselbe Muster kann man übrigens auch im Lebensmitteleinzelhandel beobachten: Der Deutsche hat Mitleid mit Mastschweinen, wenn sie in der ARD bei Panorama gezeigt werden – und kauft deren Nackensteaks bei Lidl für 1,99€ das Kilo. Kühl strategisch besehen gab es wohl für Amazon genauso wenig Bedürfnis zu kommunizieren, wie für ALDI oder Penny.

    So bleibt die Frage, warum Amazon anfängt, zu kommunizieren – und warum ausgerechnet jetzt, wo das Unternehmen in der Corona-Krise sein Wachstum von „Turbo“ auf „Ultraturbo“ hochschalten konnte und dabei medial gar nicht so schlecht wegkam. Das eindeutig asozialere Verhalten legten nämlich deutsche Markenhersteller wie Adidas und Lebensmittelbetriebe wie Tönnies an den Tag, während Amazon eine Corona-Zulage und passende Arbeitsschutzmaßnahmen einführte.

    Zu den Gründen kann man letztendlich nur spekulieren. Merkt Amazon etwas von der oft aufgestellten (aber schlecht zu überprüfenden) Behauptung, dass jüngere Konsumentenschichten Corporate-Social-Responsibility höher bewerten beim Einkauf als Vorgängergenerationen? Vielleicht gibt es konzerninterne Ergebnisse, die zeigen, dass Amazon die jüngeren, sozialeren Käufer ausgehen. Oder vielleicht hat der immer schärfer gewordene Ton in der Politik Amazon einen Schreck verpasst. Derzeit sieht Regulierung oder kartellrechtliches Vorgehen gegen Amazon zwar unwahrscheinlich aus: Amazon hat sich in der Corona-Krise als sicherer, zuverlässiger, ja systemrelevanter Versorger erwiesen. Auf europäischer Ebene haben Google und Facebook aber trotz (beziehungsweise: gerade wegen) aller Marktmacht schon eins auf die Mütze bekommen. Interessanterweise prangt auf jeder Seite des Berichts eine Europa-Karte und es ist auch oft die Rede davon, wie Amazon KMUs europaweit hilft. Vielleicht bewertet der Konzern mittlerweile eine härtere Gangart aus Brüssel als strategisches Risiko, dem es mit politischer Kommunikation entgegenzutreten gilt?

    Oder vielleicht haben die Manager bei Amazon in der Corona-Krise eine Art Läuterung erlebt und ihre Soziale-Markwirtschafts-Ader entdeckt? Nun ja: 2020 ist ein urkomisches Jahr voller echter Überraschungen gewesen – aber so abgedreht wiederum auch nicht.

  • Shopify ist vieles, aber nicht das neue Amazon

    Shopify ist vieles, aber nicht das neue Amazon

    >> Kurz vorweg und zur Vertiefung des Themas, hört rein in meinen Podcast mit Christian Hermann von ntv.de zum Thema Shopify aus der ntv-Reihe „Wieder was gelernt“: ntv.de – Podcast „Vorsicht, Amazon – hier kommt Shopify“<<

     

    Aktuell ist ja viel von Shopify und seiner spannenden Wachstumsgeschichte die Rede. Das ist auch gut so: Schließlich hat sich der kanadische Technologieanbieter mit dem deutschen Gründer Tobias Lütke im Stillen zu einer relevanten Größe im Handel gemausert, während alle den Blick mehr oder minder ausschließlich auf Kalifornien und Washington gerichtet hatten. Vor allem, als in der Corona-Krise Millionen Kleinunternehmer nach eine Möglichkeit suchten, schnell online zu verkaufen, glänzte Shopify mit einer sofort einsetzbaren Lösung und wuchs rasant. Dabei wird jetzt Shopify oft als „das nächste Amazon“ oder gar „Amazon-Konkurrent“ bezeichnet. Das stimmt jedoch nicht.

    B2B, nicht B2C

    Es fällt auf: Nur wenige Analysten scheinen ganz genau zu verstehen, was Shopify anbietet. Denn Shopify ist trotz des Namens keine Shopping-App, kein Online-Händler, kein Marktplatz wie Amazon, eBay oder Zalando. Vielmehr handelt es sich um einen Technologieanbieter im Sinne von Demandware, Hybris, oder Spryker – bloß für kleinere Händler und Hersteller. Shopify bietet einfach zu konfigurierende Online-Shops mit eingebauter Zahlungsabwicklung und Schnittstellen zu Vermarktung und Logistik an. Zudem hat das Unternehmen eine smarte Kassenlösung für den stationären Einzelhandel entwickelt, die Kartenzahlungen über einen Tablet-Computer laufen lässt und diese Umsätze auch digital einpflegt. 

    Unter Shopifys gut einer Million Kunden weltweit sind also keine Konsumenten, sondern viele Kleinhändler, die Kunsthandwerkssachen oder selbstgenähte Kleidung übers Netz verschicken und in 30-Quadratmeter-Läden in Berlin-Kreuzberg verkaufen. Darunter sind auch viele Gastronomen, die an der Tablet-Kasse schätzen, dass sie sich mit der Buchungssoftware im Internet gut integrieren lässt. Für Kundenbindungsmaßnahmen zudem interessant und nicht zuletzt in der Corona-Krise wichtig: die korrekte Angabe von Kundenkontaktdaten. Shopify ist so etwas wie ein Website-Builder, aber für Webshops. Man könnte es als „Shopsystem des kleinen Mannes“ bezeichnen, als perfekte Fertiglösung für Unternehmen – und vor allem Unternehmer – die weder Zeit noch Ressourcen für individuelle Software-Lösungen haben oder schlichtweg keinen Bedarf danach.

    Keine Gefahr für Amazon – vorerst

    Das heißt: In erster Linie ist Shopify eine Konkurrenz für Shopsysteme, die eher am unteren Ende des Markts angesiedelt waren – und zwar ziemlich scharfe Konkurrenz. Shopware, Magento, Oxid: Verglichen mit Shopify sind sie zu groß, zu komplex und zu teuer – nur nicht ausdifferenziert genug für die Anforderungen von großen Kunden mit ehrgeizigen digitalen Zielen, die auf Spitzenlösungen wie Spryker, Demandware und Hybris setzen werden.

    Für Amazon bedeutet Shopify aber erstmal: wenig bis überhaupt nichts. Amazons Geschäftsmodell ist es nicht, Kleinhändlern mit Shopsystemen auszustatten. Der Riese aus Seattle bietet ihnen Zugang zu seinem eigenen Marktplatzökosystem – übrigens schon seit 2015 auch über eine Schnittstelle zu Shopify. Soviel also zur Idee, dass es sich um Konkurrenz handelt. Denn Kunden, die etwas kaufen, rufen Amazon auf oder öffnen die Amazon-App oder sagen: „Alexa! Ich hätte gern…“. Kunden gehen nicht „zu Shopify“ sondern zu Kleinhändlern, die zufällig Shopify-Lösungen benutzen.

    Daran wird meiner Ansicht nach auch der Launch der Shop-App von Shopify nichts ändern. Diese auf Konsumenten gerichtete Applikation, die bei Shopify verkaufende Händler listet, darf man durchaus als Schritt in Richtung Konkurrenz zu Amazon deuten. Zudem will Shopify nun mit eigenen Logistikkapazitäten in FBA-Manier Händlern schnellere und bessere Lieferungen ermöglichen. Nur: Wer kann sich vorstellen, dass die weltweit beinahe Milliarden Amazon-Kunden jetzt in Scharen ihre Einkaufsgewohnheiten über den Haufen werfen und plötzlich über eine andere Plattform ordern? 

    Shopify hat viel Potenzial, Amazon die Endkunden

    Selbst wenn Shopify das bessere Nutzungserlebnis anbietet:  Die Bindung durch den Streaming- und Premium-Service Prime, die moderaten bis unschlagbaren Preise und die blitzschnelle Lieferung lassen Amazon-Kunden über das miserable Website-Design und über die mit schrottigen Suchergebnissen durchsetzte App hinwegsehen.

    Diese starke Kundenbindung geht mittlerweile so weit, dass viele Amazon-Kunden gar nicht mehr vergleichen und daher gar nicht mehr für andere Anbieter – auch mit besseren Angeboten – zugänglich sind. Statt nach Produkten zu googlen, “amazonen” viele bereits direkt. Das muss natürlich nicht so bleiben. Ich halte es aber für äußerst unwahrscheinlich, dass ein Unternehmen wie Shopify, dessen Kernkompetenz die Zurverfügungstellung von technischen Handelsabwicklungslösungen ist, Amazon in puncto Kundenbindung, Logistik und Preis übertrifft. 

    Shopify speist sich gerade aus den fast unerschöpflichen Reserven des weltweiten Kleinunternehmertums und hat mit seinem Geschäftsmodell viel Potenzial. Das Unternehmen ist schon groß und wird noch viel größer werden. Das neue Amazon ist es aber nicht.

  • Gesundheitscheck: Infrastruktur für Digital-Health (Teil 3)

    Gesundheitscheck: Infrastruktur für Digital-Health (Teil 3)

    Demnächst erscheint „Digitaler Puls“, eine ganzheitliche Analyse der Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen, die ich zusammen mit Luisa Wasilewski geschrieben habe. In dieser kurzen Artikel-Serie stelle ich aus dem Buch drei Fallbeispiele von Marktentwicklungen vor, die gerade in der Corona-Krise besonders aktuell sind und die drei Säulen der sich abzeichnenden Infrastruktur für Digital Health in Deutschland darstellen. 

    Zudem verdeutlichen diese Beispiele unsere Kernthese: dass sich Patienten zu Gesundheitskunden wandeln, die Konsumgewohnheiten und -erwartungen auf Gesundheitsleistungen übertragen. Im ersten Artikel ging es dabei um den Online-Handel und das E-Rezept; im zweiten um die elektronische Patientenakte. In diesem letzten Fallbeispiel beschäftigen wir uns mit der Software, die in Arztpraxen und bei Krankenversicherern verwendet wird.

    Fallbeispiel Nr. 3: Software bei Leistungserbringern

    In diesem Fallbeispiel handelt es sich um einen jungen Berufsanfänger namens David Schneider. Er hat vor einigen Monaten seine erste Stelle in einer neuen Stadt bekommen. Den Umzug und den Start in den Arbeitsalltag hat er gut hinbekommen. Eigentlich fehlt ihm nichts: Er ist kerngesund, geht regelmäßig ins Fitness-Studio und hat sogar schon eine Fußballmannschaft gefunden. Nur hat er an einer ziemlich peinlichen Stelle einen roten Hautausschlag, der leicht juckt und nach ein paar Wochen immer noch da ist.

    Eigentlich versucht David, alle Probleme soweit möglich online zu lösen. Über TeleClinic hatte er sich letztens untersuchen lassen, als er Erkältungssymptome hatte und nicht in eine Praxis wollte. Er nimmt die Corona-Regeln ja ernst. Die Krankschreibung bekam er dann pandemiebedingt auch sofort. Nur: Diese Hautstelle würde selbst er, der er seit zwei Jahren keine Kleidung mehr im Geschäft gekauft hat, weil er bei AboutYou bestellt, nicht einfach so in die Webcam seines Laptops halten. Also googelt er nach „Dermatologie“ und seiner Postleitzahl. Und siehe da: Es gibt eine Praxis drei Straßen entfernt – mit einer schicken Webseite und einem Terminbuchungs-Tool. In drei Tagen um 10:00 ist etwas frei: Gebongt! Das angeblich komplizierte und rückständige deutsche Gesundheitssystem ist offenbar besser als sein Ruf, stellt er für sich fest.

    Als David dann in der Praxis an den Empfangstresen tritt, merkt er allerdings, dass die Einschätzung vielleicht etwas voreilig war. „Schneider? Um zehn ein Termin?“ Die Dame am Empfang weiß von nichts. „Auf der Webseite gebucht? Moment mal.“ Sie dreht sich zu ihrem Kollegen um: „Kann man bei uns Termine online reservieren?“ Es stellt sich raus: Das Buchungstool wurde letztes Jahr mit der neuen Webseite installiert. Danach überwarfen sich aber die Ärzte mit dem Dienstleister und seitdem werde die Seite nicht mehr aktualisiert. „Nächster freier Termin? In drei Monaten. Oder Sie kommen übermorgen früh zur offenen Sprechstunde. Am besten gleich um 8:00 Uhr, damit Sie auch drankommen.“

    Wir könnten David weiter durch die wirre Systemlandschaft des deutschen Gesundheitswesens begleiten: Zum „Arztlotsen“ der Ersatzkassen, zum Beispiel, der einst mit großem medialen Tamtam an den Start ging, aber im Grunde genommen nur die Funktionalität von Google oder Jameda nachbildet; oder zur Arzttermin-Service-Hotline seiner Krankenkasse, die ebenfalls bei der Vermittlung von Facharztterminen helfen soll, deren Mitarbeiter aber unserem Protagonisten frühestens in zwei Wochen einen Termin (allerdings beim selben Dermatologen) anbieten kann – oder einen in vier Tagen, aber am anderen Ende der Stadt; oder zum Aggregator arzttermine.de, bei dem keiner der gelisteten Hausärzte über das Tool überhaupt Termine entgegennimmt…

    Das lassen wir aber und gesellen uns wieder am übernächsten Tag zu David, der jetzt noch ziemlich benommen um 8:15 Uhr im Wartezimmer der Dermatologiepraxis sitzt und sich fragt, wie zur Hölle es sein kann, dass das Wartezimmer schon so voll ist. Es half ja nichts. Er musste in den sauren Apfel beißen und zur offenen Sprechstunde gehen. Nach zwei quälenden Stunden scrollen auf dem Handy – es wird ihm so langweilig, er blättert sogar durch den drei Wochen alten Stern vom Leserkreis – ist er dran. Er lässt die Hose runter. Diagnose: Hautpilz. Ursache: typische Sportlerkrankheit. Therapie: Creme von der Apotheke. Zehn Minuten später steht er wieder vorm Empfangstresen: „Wir hatten heute ein Software-Problem und konnten die Krankenversichertenkarten nicht einlesen. Wären Sie so freundlich, nächste Woche noch einmal kurz mit ihrer Karte reinzuschauen?“ Zum Glück hat er die Praxis in der Nähe genommen!

    Meine Einschätzung zufolge wird das Fallbeispiel von David noch ziemlich lange so aussehen. Ob durch die Krankenkassen oder von einem Plattform-Anbieter: Eine zentrale Terminsteuerung für alle niedergelassenen Ärzte – oder auch nur einen ausreichenden Anteil davon – ist derzeit utopisch. Vor allem in unterversorgten Bereichen wie Dermatologie wird noch auf Jahre hinaus der frühe Vogel den Wurm fangen. 

    Was aber durchaus passieren kann: David Schneider ist so genervt, dass er sich entscheidet, doch vor den Online-Ärzten von TeleClinic die Hose runterzulassen. Zumal diese ihm bald für die Anti-Pilz-Creme ein E-Rezept werden ausstellen dürfen, das er wiederum bei einer Versandapotheke einlösen kann. Bis Ende des Jahrzehnts könnte es sogar sein, dass seine Krankenkasse eine App zur Einordnung und Erstdiagnostik von Hautausschlägen anbietet… Aber der Bereich Symptomchecker/KI wäre etwas für eine weitere Artikelserie!

     

    Mehr Infos zu „Digitaler Puls“: https://digitalerpuls.healthcare 

    Ab sofort kann das Buch vorbestellt werden: https://www.amazon.de/Digitaler-Puls-Gesundheitsmarkt-digital-handeln/dp/3456860803/

  • Amazon Dorf Talk – Welche Amazon-News gibt es im November 2020?

    Amazon Dorf Talk – Welche Amazon-News gibt es im November 2020?

    Was sind die aktuellen News von Amazon auch aus anderen Ländern? In dieser Ausgabe des Amazon Dorf Talks arbeiten wir uns durch die momentanen Neuigkeiten, die uns im November erreichten.

  • Was uns britische Medien über den deutschen Einzelhandel verraten

    Was uns britische Medien über den deutschen Einzelhandel verraten

    Manchmal sind es die eigentlich beiläufigen Bemerkungen, die einen aufhorchen lassen. So auch vor einigen Wochen bei der Lektüre eines Artikels im Guardian zu den düsteren Aussichten für den deutschen Einzelhandel. Für ihre englischsprachigen, vorwiegend in Großbritannien ansässigen Leser berichtet die Berlin-Korrespondentin der Zeitung über den exorbitanten Frequenzrückgang, das drohende Ladensterben und den nicht so ganz zu Ende gedachten Vorstoß des Wirtschaftsministers, einen verbindlichen Einheitspreis für ein und dasselbe Hemd einzuführen – egal ob vom Hersteller oder vom Händler gekauft, ob mit Online- oder stationärer Kostenstruktur vermarktet.

    Das sind ja für deutsche Leser keine so neuen Themen. Aber es ist immer interessant, mal eine andere Perspektive einzunehmen und die eigene Realität von außen zu betrachten. Und dann springt einem sofort folgender Satz ins Auge:

    „But Altmaier’s plan – to “digitise” local shops’ relationships with their customers to allow them to better compete with online retailers – speaks to a quirk of the German high street. Cash is still king in many places, credit cards are often not accepted in smaller shops and many retailers do not have websites.“

    Übersetzt:  „Das Vorhaben von Altmaier soll die Beziehungen zwischen den örtlichen Geschäften und ihren Kunden ‚digitalisieren‘ und sie so in die Lage versetzen, es besser mit Online-Händlern aufzunehmen – was mit den Marotten des stationären Einzelhandels in Deutschland zu tun hat. Denn vielerorts gilt nach wie vor die Devise, dass nur Bares Wahres ist. Vor allem in kleineren Läden werden Kreditkarten oft nicht akzeptiert und vielen Händlern fehlt eine Webseite.“

    Daran, was die Redakteurin ihren Lesern im Ausland erklären muss, sieht man, was hier anders ist. Die ständige Unsicherheit, ob man genug Bargeld dabei hat und ob dieser oder jener Laden Kredit-, nur EC- oder keinerlei Karte als Zahlungsmethode annimmt, kennen Briten nämlich gar nicht mehr. Diejenigen, die nach 1990 geboren sind, haben sie erst gar nicht erlebt. Bis die Millennials Ende der 2000er ihre ersten Bankkonten bekamen, gab es schon in jedem Kiosk Kartenlesegeräte und London Transport machte sich bereits daran, Bargeld komplett aus den berühmten roten doppelstöckigen Bussen zu verbannen. Schon die Generation davor bekam in den 1990ern zum Wechsel an die Universität ungefragt eine Kreditkarte von ihren Banken.

    Nun: Ob es so eine gute Idee war, britischen Erstsemester eine Kreditkarte in die Hand zu drücken und die Zahlung damit in Kneipen zu ermöglichen, lasse ich dahingestellt. Worübe ich mir aber ziemlich sicher bin: Deutsche Einzelhändler, die Warenkorbwerte im dreistelligen Bereich erzielen wollen, aber immer noch keine Kreditkartenzahlung akzeptieren, tun sich damit keinen Gefallen. Nicht primär, weil das Ausländer nicht verstehen (was aber in einigen Trendvierteln in Berlin tatsächlich zum Problem werden könnte!). Sondern vor allem deswegen, weil auch Deutsche mittlerweile Kreditkarten haben und nutzen wollen. 

    Denn ständig heißt es im Einzelhandel: „Wir tun dies/Wir unterlassen das, weil der Kunde das so will bzw. so nicht will.“ Daran kann man getrost zweifeln, wenn man Folgendes liest: Anfang 2019 ergab eine vom Institut für Handelsforschung durchgeführte repräsentative Umfrage von beinahe 60.000 Innenstadtbesuchern, dass sie den Stadtzentren hierzulande einen Notendurchschnitt von lediglich 3+ erteilen. Das heißt: Noch vor Corona und gar unter den Leuten, die sich schon die Mühe gemacht hatten, überhaupt in die Stadt zu fahren, schnitten die Einkaufsstraßen schlecht ab. Das hört sich nicht gerade nach erfolgreicher Kundenorientierung an.

    Diese Umfrage wird beim Guardian erwähnt – sowie die Tatsache, dass hierzulande so Sachen wie „Click & Collect“ oder E-Food vergleichsweise selten angeboten werden. Auch das ist also erklärungsbedürftig aus Sicht des britischen Lesers. Klar: Großbritannien ist das Land, in dem es mit Ocado bereits zur Jahrtausendwende einen Online-Pure-Play-Supermarkt gab. Davon gibt es in Deutschland gerade eine Handvoll – wovon einer der erfolgreichsten, Picnic, wiederum aus den Niederlanden stammt. Derweil haben einige deutsche Supermarktketten komplette Online-Filialen aufgebaut, um sie dann wieder einzustampfen. All das kann man etwa den sehr unterhaltsamen E-Food Podcasts vom Kollegen Alex Graf mit Branchenkenner Udo Kiesslich entnehmen.

    Damit will ich jetzt nicht die übliche „Digitalwüste Deutschland!“-Leier anstimmen. Hier gibt es auch stark wachsende Unternehmen wie Flaschenpost, das gerade für sage und schreibe eine Milliarde Euro von der Oetker-Gruppe gekauft wurde und das das deutscheste aller Lebensmittelsegmente digitalisiert: Bier und Sprudelwasser. (Übrigens: Wenn der Guardian mal über die Firma berichtet, wird die Redakteurin den Briten erklären müssen, dass Deutsche Getränke in Kisten einkaufen und beinahe allergisch auf Leitungswasser reagieren.) Bloß: Andere Länder sind da schon weiter. Nicht „anders“ übrigens, weil die Entwicklung in allen westlichen Konsumgesellschaften gleich verläuft: Weniger Bargeld, weniger Einkaufsbummler in den Innenstädten und mehr Online-Handel. Nur verlief diese Entwicklung eben langsamer ab bei uns – bislang. Die Corona-Krise sorgt hier gerade für eine rasche Anpassung an die Verhältnisse, die bereits anderswo herrschen.

    Wer übrigens in den letzten Jahren in einer der traurigen britischen Fußgängerzonen unterwegs war, in denen bereits die Tauben den Einkäufern in der Überzahl sind und die immer gleichen Läden mit ihren „Click & Collect Point Here“-Schildern und „Card only“-Kassen, hat übrigens einen Blick der deutschen Innenstadt anno 2021 erhascht.

  • Gesundheitscheck: Infrastruktur für Digital-Health (Teil 2)

    Gesundheitscheck: Infrastruktur für Digital-Health (Teil 2)

    Demnächst erscheint „Digitaler Puls“, eine ganzheitliche Analyse der Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen, die ich zusammen mit Luisa Wasilewski geschrieben habe. In dieser kurzen Artikel-Serie stelle ich aus dem Buch drei Fallbeispiele von Marktentwicklungen vor, die gerade in der Corona-Krise besonders aktuell sind und die drei Säulen der sich abzeichnenden Infrastruktur für Digital Health in Deutschland darstellen. 

    Zudem verdeutlichen diese Beispiele unsere Kernthese: dass sich Patienten zu Gesundheitskunden wandeln, die Konsumgewohnheiten und -erwartungen auf Gesundheitsleistungen übertragen. Im ersten Artikel ging es dabei um den Online-Handel und das E-Rezept. Im zweiten Teil sehen wir uns den Stand der digitalen Patientenakte an.

    Fallbeispiel Nr. 2: Digitale Patientenakte

    Folgendes Fallbeispiel. Es ist dunkel draußen und seit Tagen regnet es auf das gefallene Laub. Du fährst zu schnell in eine Kurve und fällst mit dem Fahrrad hin. Dabei fällst du auf das Handgelenk und, obwohl du es nach Hause schaffst, kannst du später am Abend deine Hand kaum mehr bewegen. Am nächsten Tag gehst du zum nächstgelegenen Internisten zum Röntgen. Du bist neu in der Stadt und warst noch nie in der Praxis – zum Glück kommst du aber bald dran. Zudem gibt es gute Nachrichten: Es ist nur eine Prellung. Klingt bald ab. Fahren Sie vorsichtiger usw. 

    Nur: Wann war eigentlich Ihre letzte Tetanusimpfung? Die Haut war an der einen Stelle ganz schön aufgescheuert… Der Arzt sagt, so eine Impfung kann ziemlich schmerzhaft sein. Wenn du die aber in den letzten zehn Jahren hattest, brauchst du sie nicht. Sonst müsse er sie aber auffrischen. Du ärgerst dich über dich selbst, dass du nicht mal mehr weiß, wo dein Impfpass liegt. Aber auf die Idee, du könntest den jetzt brauchen, wärest du ohnehin nicht gekommen. „Wie kann es eigentlich sein,“ denkst du, „dass ich jetzt sofort auf Amazon nachgucken könnte, was ich alles in den letzten zehn Jahren gekauft habe, mein Handy mir hier aber überhaupt nicht weiterhilft.“ „Hätten wir bloß schon die elektronische Patientenakte!“ ruft der Arzt mitleidsvoll, während er die dicke Spritze präpariert. 

    Beim Begriff „elektronische Patientenakte“ fragen sich viele Zeitgenossen, ob es sich nicht doch um eine längst versandete Initiative handelt, die irgendwann in den 2010er an verfassungsrechtlichen Bedenken scheiterte. Nein, das war die Vorratsspeicherung. Die elektronische Patientenakte (kurz: ePA) gibt es noch – aber die Frage nach ihrem Verbleib ist nicht unberechtigt. Schließlich wurde sie schon 2005 in die Wege geleitet, konnte aber bislang nicht so eingeführt werden, dass Patienten und medizinisches Personal etwas davon gemerkt haben. 

    Mal waren es Zuständigkeitsrangeleien zwischen Krankenkassen und Leistungserbringern, mal lag es an datenschutzrechtlichen Bedenken und die daraus folgenden Klagen. Jedenfalls: Fast 20 Jahre, nachdem es die ersten ernsten Bestrebungen gab, der notorischen Zettelwirtschaft des deutschen Gesundheitswesens mit etwas Effizienterem, Eleganterem, Elektronischem ein Ende zu bereiten, hantieren die Bundesbürger noch mit vollgestempelten Bonusheften beim Zahnarzt und suchen vor jeder Fernreise verzweifelt nach dem Impfpass, der eigentlich in dieser Schublade mit den ganzen Arztbriefen liegen sollte… In der Notfallversorgung gibt es noch haarigere Situationen, wenn jemanden bewusstlos eingeliefert wird. Und all das, obwohl alle spätestens seit 2015 elektronische Krankenversichertenkarten haben, auf denen sämtliche Angaben zur zahnärztlichen Vorsorge, zum Impfstatus und zu notfallrelevanten Allergien, medikamentöse Einstellung usw. gespeichert werden könnten. Betonung auf die Konjunktivform.

    2021 soll daraus endlich ein Indikativ werden. Zum 01.01.2021 sind Krankenkassen nun verpflichtet, ihren Versicherten die einheitliche ePA anzubieten. 2019 schon wurden Arzt- und Zahnarztpraxen sowie Psychotherapeuten ans System angeschlossen; Apotheker und Krankenhäuser folgen gerade. Bis 2022 sollen dann Versicherte zur Entscheidung bewegt worden sein, welche Daten sie speichern oder sperren lassen möchten – und ob diese Daten auf ihrer Krankenversichertenkarte zugänglich sein sollen. Jetzt wird also Nägel mit Köpfen gemacht.

    So besteht die Hoffnung, dass unser Fallbeispiel in nur noch 18 Monaten damit zu Ende geht, dass der Arzt dich fragt, ob er bitte in deiner elektronischen Patientenakte die Datei „Impfungen“ einsehen darf. „Klar, machen Sie das gern,“ sagst du und freust dich, als er liest, dass du zuletzt 2014 eine Tetanusimpfung hattest (Wirklich? Ich war auf einen rostigen Nagel getreten? Ach, stimmt, beim Einzug damals…) „Fahren Sie vorsichtiger!“ sagt der freundliche Mediziner zum Abschied.

     

    Mehr Infos zu „Digitaler Puls“: https://digitalerpuls.healthcare 

    Ab sofort kann das Buch vorbestellt werden: https://www.amazon.de/Digitaler-Puls-Gesundheitsmarkt-digital-handeln/dp/3456860803/

  • Amazon: Doch kein Schurke – aber immer noch alternativlos!

    Amazon: Doch kein Schurke – aber immer noch alternativlos!

    Es ist in der Pandemie erstaunlich ruhig geworden – um Amazon. Nicht still, aber ruhig, verglichen etwa mit dem Lärmpegel früherer Jahre. Das waren die Zeiten, in denen alle (vom Buchhändler bis hin zum Berliner Politikbetrieb) auf den Konzern so laut einschossen, dass man kaum sein eigenes Wort hörte – etwa wenn man darauf hinzuweisen versuchte, dass wir in einer freien Marktwirtschaft leben, in der viele Konsumenten einfach gern das Angebot von Amazon wahrnehmen. 

    Mittlerweile haben aber selbst Gewerkschafter gemerkt, dass Amazon zwar ungern hiesigen Gepflogenheiten, aber durchaus deutschen Arbeitsgesetzen Folge leistet – und in strukturschwachen Regionen Arbeitsgelegenheiten anbietet. Zwar wird wie jedes Jahr kurz vor dem PrimeDay Amazon von ver.di bestreikt, aber die mediale Schlacht wurde in diesem Jahr bei den kommunalen Arbeitgebern ausgetragen. Schließlich zahlt Amazon schon seit März eine Corona-Prämie an seine Logistik-Mitarbeiter aus, während die öffentlichen Krankenhäuser noch vielerorts mit dem Geld knausern, dass sie zu diesem Zwecke vom Bund bekamen… 

    So haben selbst die hartgesottensten Arbeitskämpfer den Geräuschpegel in der Auseinandersetzung mit Amazon merkbar runtergeregelt. Was sie gerade in der Corona-Krise merken, erkennt man auch im Politikbetrieb: Amazon isn’t the bad guy here. Denn in der Pandemie hat der Konzern genau das geleistet, was erwünscht ist: Möglichst kontaktlos Ware an Menschen bringen, die sich möglichst zu Hause aufhalten sollen. Dabei waren die Logistikmitarbeiter des Konzerns keinem erhöhten Ansteckungsrisiko ausgesetzt, sie bekamen eine Zulage für die zusätzliche Arbeit und ihre Zahl wird noch erhöht, während im Einzelhandel massenhaft Kündigungen rausgehen. 

    Natürlich macht Amazon all das keineswegs uneigennützig: Der Umsatz ist um fast 40% angestiegen; Gewinn hat sich verdreifacht. Ich kann aber nichts Ehrenrühriges daran finden, in einer Marktwirtschaft mit einem guten Angebot auf der Höhe der Zeit finanzielle Erfolge zu feiern. Viele in Berlin und anderswo sehen das mittlerweile ähnlich. Das jahrelange Raunen über ein „Lex Amazon“, um den Konzern dazu zu zwingen, mehr Steuern zu zahlen oder ihn gar aufzubrechen, ist ja auch verstummt. 

    Was heißt das alles für Handelsstrategien? 

    1. Amazon wird noch einmal schneller wachsen und der stationäre Handel noch einmal schneller zusammenbrechen, als alle – inklusive Amazon selbst – erwartet haben.
    2. Die Politik wird nicht mitten in einer Pandemie gegen einen Konzern vorgehen, der sich als zuverlässiger Kontaktlos-Versorger breiter Bevölkerungsschichten gezeigt hat.
    3. Wer Handel betreiben will und noch kein operatives Team für Amazon hat, hat ein Problem.

    Wer also gegen alle Indizien immer noch auf die Karte „Irgendwann steigt die Frequenz in den Innenstädten wieder“ setzt oder seine Hoffnung in der Möglichkeit sieht, Amazon über die Politik die Handschellen anzulegen, muss umdenken – und bekommt  eine letzte Chance, dies rechtzeitig zu tun. So würde ich sagen: Die Adventszeit im Zeichen vom sogenannten „Mini-Lockdown“ könnte man als beste Gelegenheit betrachten, im Weihnachtsgeschäft neue Wege an den Kunden zu bahnen. Und da führen viele Wege über Amazon.

  • Amazon Dorf Talk – Zahlen aus dem Kongress

    Amazon Dorf Talk – Zahlen aus dem Kongress

    Amazon kann einerseits auftreten als jemand der eine Technologieplattform bereitstellt über die Leute ihre Ware verkaufen können. Dann können sie als Großhändler auftreten, das bedeutet sie kaufen Ware von Herstellern und verkaufen diese weiter. Zusätzlich jedoch kann Amazon auch selbst Hersteller werden und bekommt dann die komplette Marge zugesprochen. Der Vorwurf, der dadurch im Raum steht ist daher folgender: Wie sehr benutzt Amazon die Plattform, ihre Technologiekompetenz und ihre Vormachtstellung in der Handelsfunktion um die eigenen Waren so zu platzieren, dass man eventuell sogar mit den Daten der Unternehmen, denen man dann Konkurrenz macht, das Produkt besser platziert und so eine höhere Marge für sich vereinnahmt? Christian Kelm und ich haben uns dazu einmal ausgetauscht und die Zahlen dazu einmal genauer betrachtet.

    • Hintergrund und Einführung in die Thematik
    • Sind diese Anschuldigungen haltlos? Wie geht Amazon vor? (ab 5:54)
    • Wie steht es um die Zahlen in den einzelnen Kategorien und wie ist das Vorgehen von Amazon? (ab 09:56)
    • Kategorie Küche und Haushalt im Detail (ab 21:16)
    • Amazon Flywheel Exkurs (ab 25:35)
    • Kategorie Bekleidung im Detail (ab 28:14)
    • Abschluss (ab 32:02)

  • Amazon Dorf Talk – Mögliche Prognosen für die nächsten 12 Monate

    Amazon Dorf Talk – Mögliche Prognosen für die nächsten 12 Monate

    Was steht in den nächsten 12 Monaten bei Amazon an? Christian Kelm und ich wagen einen Blick in die Zukunft von 2021 und stellen ein paar Prognosen auf.

    • Prognose 1 – Die geografische Erweiterung ist erreicht, was bedeutet das? (ab 1:15)
    • Prognose 2 – Mögliche Expansion daher: Der Schritt durch die Haustür (ab 5:28)
    • Gläserner Kunde – Datenschutz vs. Datenselbstbestimmung (ab 13:21)
    • Aktionen Prime Day, B2B Day und Aufkommen von Fanshops – Amazon fehlt noch der letzte Schritt: Das soziale Netzwerk (ab 26:59)

  • Neue Technologie für die Finanzbranche – Paul Claudius von BlockState

    Neue Technologie für die Finanzbranche – Paul Claudius von BlockState

    Paul Claudius, Co-Founder von BlockState entwickelt zusammen mit seinem Team Blockchain-basierte Finanzprodukte und -dienstleistungen für die Bereiche Asset Management, Debt Issuance und Derivatehandel. Das Unternehmen arbeitet an der nächsten Generation von Finanzprodukten und -dienstleistungen, doch wie bringt man bestehende Strukturen und neue Technologien zusammen?

    • Intro Paul Claudius und BlockState
    • Wie wird die benötigte Infrastruktur gebaut und woher kommt das Vertrauen? (ab 4:40)
    • Clearing Settlement System und Änderungen (ab 8:53)
    • Geschäftsmodell von BlockState (ab 13:29)
    • Wie funktioniert der Vertrieb? (ab 14:30)
    • Finanzierung (ab 15:50)
    • Was ist das Endgame? (ab 16:30)
    • Sitz des Unternehmens (ab 21:30)
    • Paul Claudius‘ Entscheidung für diesen Bereich und Blockchain aktueller Stand (ab 22:11)
    • Zukunftsaussichten für BlockState (ab 30:05)