Monat: Juli 2021

  • Amazon nimmt Healthcare in die Zange

    Amazon nimmt Healthcare in die Zange

    Amazon ist bekanntermaßen eines jener raren Unternehmen, das sämtlicher Vergleiche, ja schon bloßer Versuche der Klassifizierung spottet. Ein Händler ist Amazon trotz sagenhafter Absatzzahlen längst nicht mehr. Als Logistikkonzern würde man das Seattler Unternehmen ebenso wenig beschreiben, obwohl es mittlerweile eigene Frachtflugzeuge besitzt. Und der Begriff Hosting-Anbieter griffe ebenfalls zu kurz, obwohl alles von Rang und Namen – beim US-Verteidigungsministerium angefangen – dort Speicherkapazität bezieht.

    Noch weniger würde man Amazon als Gesundheitsdienstleister beschreiben. Allerdings wächst der Konzern zu einem solchen auch noch heran – und das nicht erst seit gestern. Schon 2018 ging er mit der Übernahme vom Medikamentenversender PillPack sowie der Gründung einer eigenen Krankenversicherung für Mitarbeiter im Segment Healthcare erste Schritte (auch wenn diese wieder eingestellt wurden). Im selben Jahr folgte eine Partnerschaft mit Merck, damit Alexa-Entwickler Lösungen für Endkunden mit Diabetes entwickeln. Zudem lieferte der Konzern schon damals über Amazon Business Kunden im Gesundheitswesen in mehreren Ländern, darunter einige Krankenhäuser – ein Geschäft, das seitdem nur noch größer geworden ist. Auf Amazons breitgefächerte Ambitionen im Gesundheitssektor ging ich 2019 in einer dreiteiligen Artikelserie ein.

    Diese Ambitionen nahmen dann im Corona-Jahr 2020 kurzzeitig eine untergeordnete Rolle ein – beziehungsweise es wurde um Amazons Pläne im Gesundheitssektor ruhig. Denn in der Zeit der Lockdowns galten die aufmerksamkeitserregendsten Meldungen aus Seattle wieder den astronomischen Wachstumsraten im B2C-Handels-und-Marktplatzgeschäft (2020: 40%). Man darf darüber hinaus annehmen, dass selbst ein Konzern in der Sondergröße Amazons nicht mitten in der Pandemie die Muße hatte, sämtliche Pläne im Gesundheitssektor einfach unbeirrt nach Plan weiter voranzutreiben. Ganz zum Erliegen sind sie allerdings wohl nicht gekommen. 

    So vernimmt man seit ein paar Monaten aus dem Gesundheitsbereich wieder verstärkt den Klang von Amazon-Aktivität. Jüngstes Beispiel: Die Ankündigung, dass Amazon Web Services (AWS) ein neues Accelerator-Programm aufsetzt. Bis zum 23. Juli hatten Interessenten für eine Bewerbung Zeit. Voraussetzung: Eine Geschäftsidee, die auf die Verbesserung von Behandlungen und Pflege zielt und dabei Kosten einspart. Mögliche Bereiche: Voice-Dienstleistungen, Fernbehandlung und -nachverfolgung sowie Patientendatenanalyse. Gegenleistung: Das in solchen Programmen übliche Mentoring- und Networking-Angebot sowie (aufgepasst!) AWS-Gutschriften.

    Hier wird deutlich, wie Amazon im Gesundheitssektor einerseits mit neuen Geschäftsmodellen in der Versorgung mit Waren und Dienstleistungen angreift (siehe: Pillpack), andererseits auch wohl den Ehrgeiz hegt, für nennenswerte Teile der Branche die technische Infrastruktur zu stellen. Denn erfolgreiche Health-Start-ups, die seit der ersten Stunde bei AWS ihren skalierbaren Cloud-Speicher beziehen, lassen Amazon sowohl finanziell als auch technisch an der Entwicklung von Digital-Health teilhaben. Zu besonders erfolgreichen Teams hat Amazon dann auch direkt den Kontakt, wenn es um eine mögliche Akquisition gehen sollte… 

    Um eine Metapher aus der militärischen Strategie zu verwenden, die allerdings passend medizinisch klingt: Amazon nimmt Healthcare in die Zange. Die Entwicklung der Seattler dürfte analog zum Geschäft mit Konsumenten verlaufen. In vielen Fällen kaufen Amazon-Kunden im Amazon-Webshop Produkte, die Amazon selber herstellen lässt (vor allem einfachere Bedarfsartikel wie etwa Batterien) und die, nachdem sie im Amazon-Lager von Amazon-Mitarbeitern kommissioniert worden sind, zunehmend auch mit Amazon-Paketboten ausgefahren werden: Und hinter jedem Schritt in der Bestellung, Zahlungsabwicklung und Logistik steckt die Amazon-Web-Infrastruktur, die auch für AWS die Grundlage darstellt. 

    Da haben wir es wieder: Amazon, das quecksilbrige Unternehmen, das überall zu sein scheint und für welches nur die Vokabel „Amazon“ passend erscheint. Im Bereich Healthcare ist es binnen wenigen Jahren ebenfalls denkbar, dass ein Amazon-Kunde (zumindest: ein Amazon-Kunde in den USA), der bei Amazon eine Krankenversicherungspolice hat, bei Beschwerden ein konzerneigenes Ferndiagnostikverfahren benutzt und dann die indizierten Medikamente selbstverständlich von Amazon zugeschickt bekommt. Stand Heute fehlen dem Konzern in dieser Denkbarkeitskette eigentlich nur noch die Online-Diagnostikverfahren. 

    Vielleicht ist unter den 10 Kandidaten, die demnächst im AWS-Accelerator teilnehmen, einer mit der passenden Lösung dabei… Darauf legt es der Händler/Marktplatzbetreiber/Hosting-Anbieter/Logistiker/Krankenversicherer/Online-Apotheker aus Seattle jedenfalls wohl aus!

  • Stadt, Land, Gorillas.

    Stadt, Land, Gorillas.

    Regelmäßige Digitalkaufmann-Leser wissen, dass ich in einem niedersächsischen Dorf zu Hause bin. Hier finden ja die Amazon-Dorf-Talks statt, hier unterhalte ich mich übers digitale Landleben und hier erlebe ich die Höhen und Tiefen beim Bau und Betrieb eines Einfamilienhaus im Grünen. Allerdings spielt auch die Stadt seit jeher eine große Rolle in meinem Leben: In Hamburg sitzen nämlich die Unternehmen, die ich mitgegründet habe. Erst mit der Pandemie entfiel für mich über Monate die Verpflichtung, mindestens zweimal die Woche in die Stadt zu fahren. Insofern war 2020 das „landigste“ Jahr, das ich bislang verbracht habe.

    Zu Mitte 2021 wendet sich das Blatt nun wieder. Bei Etribes ist im Büro wieder mehr los. So gut das mobile Arbeiten und Home-Office geklappt haben mögen: Alle wissen wir, was dabei verloren ging. Und immer mehr von uns sind geimpft. Und so kommt es, dass ich im letzten Monat wieder öfter in der Stadt war und mich mehr mit Mitarbeitern unterhalten habe, die in Hamburg wohnen – einfach so, über dies und das. Was mir dabei auffällt: Der Graben zwischen Stadt und Land ist realer denn je und ist in der Pandemie ein ganzes Stück tiefer geworden.

    Infrastruktur auf dem Dorf: Besser als ihr Ruf

    Dabei rede ich nicht von einem imaginären mentalen Graben, wie der so oft propagiert wird. Es ist eben nicht so – wie sich das einige in Hamburg vorstellen –, dass alle auf dem Dorf gegen die Homo-Ehe sind und aus ihren SUVs gegenstandslos „Merkel muss weg!“ brüllen. Hamburg tendiert dazu, für sich eine Monopolstellung in Sachen Liberalität zu beanspruchen, die schon 2001 mit dem Einzug der Schill-Partei in die Bürgerschaft – und spätestens 2015 mit dem der AfD – offenkundig so nicht gegeben ist.

    Nein, der Graben ist ein digitaler. Darunter verstehe ich allerdings keinen infrastrukturellen Graben: Ja, es mag noch ländliche Gegenden in Deutschland ohne Breitband und ohne Mobilempfang geben, aber längst nicht mehr so viele, wie gedacht. In unserem Dorf haben wir zum Beispiel dank EU-Fördermittel bereits Glasfaser und surfen mit derselben Geschwindigkeit wie die Bürger in Stellingen, Schnelsen und der Schanze – Vielleicht sind wir sogar ein paar Megabits schneller unterwegs. Die Vorstellung, dass das Land vom schnellen Internet völlig abgekoppelt ist, stimmt längst nicht mehr.

    Digitale Dienstleistung außerhalb der Stadt? Fehlanzeige!

    Wo die Stadt dem Land aber spürbar davongerast ist: Digitale Dienstleistungen. Vor allem seit Beginn der Pandemie hat sich hier wieder ein Graben aufgetan. Für jemanden, der den Großteil der letzten 12 Monate mit geringem Kontakt zur Stadt verbrachte, ist es einfach krass, jetzt zu erleben, was man in Hamburg mittlerweile per Klick innerhalb weniger Minuten alles geliefert bekommen kann. So habe ich letztens das Wochenende in Hamburg verbracht und bei Gorillas den Einkauf dafür gemacht – der in 9 (sage und schreibe: neun!) Minuten da war. 

    Das war Anfang 2020 noch nicht so. Da nutzten einige in Hamburg den Lieferservice von Rewe und man sah recht viele Lieferando-Boten rumradeln; hin und wieder bestellten wir bei Etribes (damals noch draußen in der Schokoladenfabrik) bei so einem Lieferdienst auch etwas, der allerdings selten in unter 40 Minuten da war. Schnitt, Sommer 2021: Alle holen ihre Getränke von Flaschenpost und den Supermarkteinkauf bei Gorillas: Jetzt bestellt, in 10 Minuten da! Krass.

    Und umso krasser, wo ich jetzt wieder auf dem Dorf bin. Der Wochenendeinkauf von Gorillas? Mach mal aus 9 Minuten wieder mindestens zwei Stunden: Da muss man sich ins Auto setzen, zum örtlichen Edeka fahren, das Zeug in den Einkaufswagen legen, an der Kasse anstehen, zurückfahren… Lieferung in unter 10 Minuten bestellen? Utopisch! Hier kann man nämlich gar nichts bestellen, von niemandem. Nein, kein Supermarkt weit und breit bietet überhaupt einen Lieferservice an – auch nicht für den nächsten Tag oder selbst nur an einem Tag der Woche mit einer festen Runde. Da kann mir Picnic nicht schnell genug ins benachbarte Kreisstädchen kommen! 

    Gorillas am Toben in der Stadt – Stille auf dem Land

    Das wird allerdings dauern. Einerseits, weil es natürlich völlig illusorisch wäre, mit unserer ländlichen Bevölkerungsdichte einen on-demand-Schnelleinkaufsservice wie Gorillas betriebswirtschaftlich sinnvoll auslasten zu wollen. So schnell werden solche Konzepte nicht einmal die dichtest besiedelten Viertel der Ballungsräume verlassen, geschweige denn sich auf dem Dorf niederlassen. Andererseits, weil selbst auf kleinere Städte gemünzte Konzepte wie Picnic noch viele low-hanging fruits in der Kategorie 50.000 bis 100.000 Einwohner abzuernten haben, bevor sie sich die Weiten der norddeutschen Tiefebene vornehmen.

    Was ich mir allerdings denken kann: Genau so, wie das Thema Breitbandausbau hier auf dem Land vor rund fünf Jahren heiß diskutiert wurde und sich so viel Druck aufbaute, dass Politik und Verwaltung tätig wurden – ja, genau so könnte es mit dem sich auftuenden digital services gap kommen. Wenn nämlich in fünf Jahren in jeder deutschen Stadt ab 100.000 Einwohner jeder Einkauf nach Hause bestellt werden kann, wird die Hälfte der Bevölkerung, die in Städten und Gemeinden unterhalb dieser Schwelle wohnt, mehr und besseres von ihren Händlern verlangen. Nicht zuletzt deswegen, weil die ländliche Bevölkerung Deutschlands vorwiegend aus Familien mit Kindern einerseits und rasch alternden Seniorenhaushalten andererseits besteht, die beide gute Gründe haben, sich die schweren Einkäufe nach Hause bestellen zu wollen. 

    Spätestens dann also wird der örtliche Edeka vermutlich anfangen müssen, ein wie auch immer geartetes Lieferkonzept anzubieten, weil die anderen diesen Markt für sich entdecken werden. Da vertraue ich übrigens ganz auf die Marktwirtschaft: Zwischen Verlangen nach convenience bei entsprechender Zahlungsbereitschaft auf dem Dorf und operativen Herausforderungen in dünner besiedelten Gegenden wird irgendwer auf ein Geschäftsmodell kommen, das profitabel zu betreiben ist. 

    Bis die Gorillas aber über die Wiesen stürmen, wird es wohl allerdings dauern…

  • Amazon Dorf Talk – Wiesemann 1893 Handwerkzeug digitalisiert Fortsetzung

    Amazon Dorf Talk – Wiesemann 1893 Handwerkzeug digitalisiert Fortsetzung

    Weiter geht es mit der Fortsetzung unseres Gesprächs mit Manuel Siskowski von Wiesemann 1893. Wir gucken uns das Produktpackaging einmal genauer an und schauen auch, inwiefern einzelne Aspekte des stationären Handels für Wiesemann 1893 vielleicht doch relevant sein können. Wie wird Wiesemann 1893 am Markt wahrgenommen bzw. was können Wettbewerber lernen?

    • Intro und Unboxing
    • Produktpackaging bei Wiesemann 1893 (ab 5:13)
    • Welche Aspekte des stationären Weges könnten vielleicht doch relevant für das Unternehmen sein? (ab 10:58)
    • Wie reagiert die Industrie auf Wiesemann 1893? (ab 18:18)
    • Umdenken im Markt seit Contorion und Hoffmann Aquise? (ab 19:41)
    • Beispielrechnung: Herstellung und Verkauf von Werkzeugkoffern (ab 25:57)
    • Wie werden die Kunden von Wiesemann 1893 angesprochen? (32:14)
    • Ein Blick in die Zukunft und Abschluss (ab 43:31)

  • Amazon Dorf Talk – Das online Marktplatzgeschäft von Victorinox AG

    Amazon Dorf Talk – Das online Marktplatzgeschäft von Victorinox AG

    Wer kennt sie nicht die kleinen roten Schweizer Taschenmesser? Benjamin Abbenseth, Senior Key Account Manager Online Marketplaces bei Victorinox, gibt uns im heutigen Gespräch spannende Insights wie Victorinox es angeht aus der Organisation heraus eine zentrale Vertriebs- und Marketingorganisation für das Thema Marktplatz zu bauen. Das 1884 gegründete, weltweit tätige Familienunternehmen produziert und vertreibt inzwischen fünf Produktkategorien, darunter auch Küchenmesser, Reisegepäck und Uhren.
    • Intro Benjamin Abbenseth von Victorinox AG  (ab 0:55)
    • Welche Marktplätze sind für Victorinox relevant? (ab 3:00)
    • Amazonstrategie von Victorinox (ab 4:53)
    • Ein Blick auf die Vertriebsstruktur (ab 10:00)
    • Die Pandemie als Beschleuniger für das online Geschäft? (ab 17:49)
    • Vor- und Nachteile der Zentralisierung intern aus dem Unternehmen heraus. (ab 19:28)
    • Thema Graumarkt (ab 25:30)
    • Wie ist Victorinox im asiatischen online Handel aufgestellt? (ab 27:47)
    • Amazon aus dem operativen vs. strategischen Blickwinkel  (ab 30:52)
    • Abschluss (ab 34:25)