Monat: Dezember 2023

  • Rügenwalder Mühle und Transformation: Kann man beide Augen zudrücken?

    Rügenwalder Mühle und Transformation: Kann man beide Augen zudrücken?

    Das ist in diesem aufgewühlten deutschen Herbst eine Nachricht, die man – wenn überhaupt – wohl nur am Rande mitbekommen hat: Wursthersteller Rügenwalder Mühle wird übernommen. Das bisher familiengeführte Unternehmen aus Niedersachsen bekommt im rheinischen Lebensmittelkonzern Pfeifer & Langen einen neuen Mehrheitseigentümer. Dabei wird die – vor allem unter Veganern und gesundheitsbewussten Kunden – sehr beliebte Marke mit der roten Windmühle erhalten bleiben und kann an ihrer Erfolgsgeschichte von nachhaltiger Transformation weiterschreiben. Nichts zu sehen also, bloß der bundesdeutsche Kapitalismus im Normalbetrieb. Weiterfahren.

    Doch möchte ich hier kurz anhalten. Sehen wir uns erst einmal die Pfeifer & Langen Industrie- und Handels-KG näher an. Ich zitiere den Wikipedia-Eintrag:

    „Historischer Kern des Konzerns ist der Zuckerhersteller Pfeifer & Langen. Die anderen Aktivitäten der Gruppe werden von den Teilkonzernen Intersnack, einem Hersteller von Snack- und Knabberprodukten, und dem 2019 geschaffenen Teilkonzern Naturkost Group, mit Geschäftsaktivitäten in Herstellung und Vertrieb von funktionellen Lebensmittelrohstoffen, funktionellen Proteinen und Kohlenhydraten, gehalten. Zudem hält die Gruppe einen 50 %-Anteil an dem Lebensmittelhersteller Krüger.“

    Krüger ist übrigens ebenfalls auf Getränke, Schokolade und Zuckerwaren spezialisiert.

    Bin ich’s nur, oder wirft das nicht eine ethische Frage auf? Das Unternehmen Rügenwalder Mühle hat nämlich viele Jahre lang sein Markenimage um die Themen Nachhaltigkeit und Transformation aufgebaut. 2016 etwa äußerte sich Inhaber Christian Rauffus in der FAZ so: „Ernährungsphysiologisch ist die Wurst nicht so der Brüller. (…) Ich kann mir vorstellen, dass wir in 20 Jahren ohne Fleisch arbeiten.“ Spätestens ab dann war die Botschaft: Wir sehen, dass die übermäßige Produktion und der exzessive Verbrauch von Fleischprodukten weder für Umwelt noch Mensch verträglich sind; wir sind zwar Wursthersteller, können aber unser Bestes geben, mit der Zeit zu gehen.

    Überbracht und verstärkt wurde diese Botschaft mit einer für die eher behäbige Lebensmittelindustrie beeindruckenden Online-Direktvermarktungsstrategie: Im Zentrum steht eine schicke Webseite, auf der das Wort „Vegan“ einem ins Gesicht springt und zahlreiche Rezepte für fleisch- und milchproduktlose Carbonara & Co. zu finden sind, umrankt von hippen Social-Media-Auftritten und einem digital-verschlankten Bewerbungsverfahren für Jobs, die „Gesundheit“, „Work-Life-Balance“ und „nachhaltiges, ökonomisches, ökologisches und soziales Handeln“ versprechen…

    Da frage ich mich also schon, wie der Verkauf an einen Zuckergiganten alter Schule mit dem ganzen bisherigen Engagement in Einklang zu bringen ist. Zucker – so viel zur Erinnerung – wird immer mehr als wahrer Treiber vieler Zivilisationserkrankungen verstanden, dessen gesundheitsschädliche Auswirkungen Hersteller – wie unter Wissenschaftlern zunehmend gemutmaßt wird – in Tabakindustriemanier seit Jahrzehnten zu kaschieren versuchen. Ernährungsphysiologisch auch nicht so der Brüller, also. Insofern kann man hier meines Erachtens nicht nur von einem Verkauf, sondern ruhig von einem Aus-verkauf der Rügenwalder Mühle reden.

    Das ist traurig für die Kunden, die bislang die Wurst – und vor allem: die veganen Wurstersatzprodukte – der Marke gekauft haben im Willen, eine ökologischere und gesündere Wahl zu treffen. Ja, sogar im Bewusstsein, das zu tun. Denn echte Transformationsergebnisse will ich Rügenwalder gerade nicht absprechen. Es stimmt schon, dass sie den Anteil von Fleisch in ihrem Produktsortiment ordentlich reduziert haben und mehr Anstrengungen als der Durchschnitt unternehmen, nachhaltig zu handeln. Dabei mussten vor allem die engagierten Veganer unter den Kunden schon immer ein Auge zudrücken: Wer Rügenwalder Mühle kaufte, unterstützte neben tierfreier Lebensmittelproduktion immer auch die Erzeugung von Fleischwaren. Das Unternehmen schwenkte ja nicht aus reiner Überzeugung auf Vegetarisches und Veganes um: Sonst hätte sie die Fleischlinien ganz eingestellt.

    Ein Auge zudrücken müssen Konsumenten mit Prinzipien allerdings stets und ständig. Das kennen sie, das können sie. Geht es doch nicht anders. Das ist Realismus. Ganz nach der reinen Lehre können nur die Allerwenigsten leben, also schließen die meisten ethisch bewegten Konsumenten Kompromisse mit Marken – und mit sich selbst. Können diese Kunden aber nunmehr nicht nur ein, sondern zwei Augen zudrücken, wenn jetzt der Ertrag aus ihrem Einkauf letztendlich bei einem industriellen Zuckerkonzern ohne erkennbare Nachhaltigkeitsambitionen in der Tasche landet?

    Ich finde jedenfalls, sie haben allen Grund, von Rügenwalder Mühle enttäuscht zu sein – genauso wie die Eigentümer selbstverständlich das Recht hatten, an einen Zuckerkonzern zu verkaufen. Oder wie Viessmann (wie im Frühjahr geschehen) natürlich sein zukunftsträchtiges Heizpumpengeschäft abstoßen durfte und der Otto-Konzern gegen keinen Gesetz verstieß, als es 2021 die Retourenabwicklung nach Polen und Tschechien auslagerte. Nur sollten sich dann die Eigentümer von Firmen, die mit Transformationserzählungen und hartnäckigem Pochen auf den ach so sozialverträglich-und-langfristig-denkenden Werten des berühmten Deutschen Mittelstands nicht wundern, wenn man das nicht unbedingt gut findet.

    Wir müssen uns in Deutschland so langsam die Frage stellen, wozu die ganzen Transformationsprozesse, die in den letzten Jahren (keinen Tag zu früh) angestoßen worden sind und zum Teil schon Früchte tragen, eigentlich dienen sollen. Was ist eigentlich das Endziel? Ist es – Wie ich es oft höre und selbst befürworte – unsere weltweit einzigartige Herstellungsdichte und -vielfalt zu erhalten und mit der nachhaltigen Bewirtschaftung planetarer Ressourcen zu versöhnen? Oder geht es doch nur darum, eine Braut für den Höchstbietenden hübsch zu machen?

    Ihr seht: Das ist keine Kapitalismuskritik, aber schon die Fragestellung, welche Art von Kapitalismus wir wollen. Jetzt könnt ihr weiterfahren.

  • Der Turm zu Hamburg: Manche lernen’s nie

    Der Turm zu Hamburg: Manche lernen’s nie

    Und so ist Hamburg zu seiner nächsten bundesweit bekannten Bauruine gekommen. Ja, der unfertige Elbtower steht nun wie ein hohler Zahn da – direkt am Eingang zur Stadt, die sich als Tor zur Welt versteht. Und er wird da – so viel ist sicher – in dieser unvollendeten Form noch eine ganze Weile so stehen. Da fällt mir nur ein: I hate to say I told you so

    Denn hier waren zwei Sachen von Anfang an glasklar. Erstens: Die Stadt Hamburg hat die unrühmliche Gewohnheit, in ziemlicher Selbstüberschätzung und unter dem guten Zureden offenkundig dubioser Projektentwickler äußerst risikohafte Großbauvorhaben zu genehmigen, mit denen sie erst einmal auf dem Papier wenig zu tun hat, für die sie aber hinterher für teuer Geld geradestehen muss. Wir erinnern uns zum Beispiel an die Elbphilharmonie, die damals für eine städtische Anschubfinanzierung von lediglich 77 Millionen Euro für insgesamt 186 Millionen Euro in unter drei Jahren gebaut werden sollte – und die letzten Endes erst nach neun Jahren und einer elffachen Kostensteigerung für die öffentliche Hand fertiggestellt wurde. (Ja, die Stadt musste am Ende doch so ziemlich alles bezahlen.)

    Diese Wunde war noch nicht ganz verheilt, als ich dann vor rund fünf Jahren vom geplanten Elbtower las. Und einiges kam mir da sehr bekannt vor. Manche lernen’s eben nie. Zwar wollte die Stadt hier besser verhandelt haben: 2019 sprach der damalige Bürgermeister Olaf Scholz vom „härtesten Vertrag“, der alle Risiken von Hamburg fernhalte, und gab keine Finanzzusagen… Aber schon damals monierten viele – einige in seiner eigenen Bürgerschaftsfraktion –, dass Hamburg am Ende wieder mal mit einem halbfertigen Bau dastehen könnte, den es allen Vorsätzen zum Trotz dann doch auf eigene Kosten würde zu Ende bauen müssen. Keine Stadt, die was auf sich hält, kann schließlich auf Dauer mit einer abschreckenden Ruine am Ortseingang leben.

    Zumal – und das ist die zweite Sache, die damals, als die Verträge ausgehandelt wurden, bereits erkennbar war – Zumal der Investor Signa schon immer ein höchst dubioser Geschäftspartner war, der sich mit undurchsichtigen Firmenkonstruktionen und abenteuerlichen Finanzvolten über Wasser hielt, während die Substanz seines Geschäftsmodells (sofern je vorhanden) wegbröckelte. Es lag nämlich bereits vor Corona auf der Hand, dass Bau und Vermietung von teurer stationärer Verkaufsfläche keine langfristig rentable Perspektive mehr bot. Doch Herr Scholz sah das anders und ließ sich in Bezug auf René Benkos potemkinsche Firmenimperium so zitieren: „Das Unternehmen ist finanzstark und hat auch der Stadt Hamburg eine Garantie gegeben in ausreichender Größenordnung, sodass wir sicher sein können, dass dieses Haus auch gebaut wird.“

    Schon da hätte dem heutigen Bundeskanzler doch klar sein sollen, dass einem Mann, der Karstadt kauft (und sei es nur für einen Euro) kein ausgeprägt solider Geschäftssinn anzudichten sein kann. Und allerspätestens in der Corona-Pandemie war doch nicht mehr zu übersehen, dass sich der Glücksritter mit GaleriaKaufhofKarstadt (oder wie auch immer es diese Woche heißt) in den Treibsand begeben hatte. Dass staatliche Instanzen hier von Unterstützung, Beteiligung oder Kooperation tunlichst absehen sollte, brachte ich damals zum Ausdruck. Doch sämtliche Warnrufe – auch die höchstoffizieller Stellen wie Monopolkommission und Bundesrechnungshof – wurden nicht gehört.

    Jetzt ist Ritter René vom Ross runter – und das Kind in den Brunnen gefallen. Als Hamburger und Digitalunternehmer sehe ich das Ganze mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Ja, so unschön, wie es ist, immer wieder als mahnende Stimme aufzutreten – als Kassandra qua Amt. So zufriedenstellend ist es auch, zu sehen, dass der Markt doch noch funktioniert. Weder das Warenhaus als solches noch Signa Holding als Unternehmen hatten eine Zukunft: Folgerichtig verschwinden sie (wenn erst bannig spät) vom Markt – und hinterlassen als Souvenir und Menetekel zugleich eine sehr markante Bauruine. Möge sie der Stadt als Mahnung dienen und dazu führen, dass zukünftig nicht auf die alten Hüte gesetzt wird, sondern wirklich wieder der Hamburger Kaufmannssinn im Vordergrund steht.