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Mittwoch

28

Juni 2017

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Was hätte ich nur machen sollen? Contorion und andere Handlungsoptionen …

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Der Kauf von Contorion durch die Hoffmann Gruppe wurde von Lennart bereits sehr gut analysiert und bei Kassenzone ebenfalls aufgegriffen. Ohne Frage wird durch diese Akquise die B2B Digitalisierungswelle schön greifbar und in vielen Sektoren der deutschen Wirtschaft werden in den nächsten Tagen die Köpfe rauchen, was die Antwort von Mitbewerben bzw. die Kaufziele in anderen Sektoren sind. Ebenso wird manch junger Assistent der Geschäftsführung oder Bereichsleiter der schon vor Jahren in die Vorstandsunterlagen geschrieben hat, dass so etwas wie Contorion sinnvoll ist, leise den Kopf gegen die Wand schlagen und sich fragen, warum er nicht ausgestiegen ist und die Idee einfach selber umgesetzt hat. Immerhin sind die in der Presse genannten 100 Millionen+ eine ganz nette Summe. Hier kann ich sicherlich beruhigen, denn der Erfolg von Contorion beruht nicht auf der Idee („Lass mal Werkzeug Online verkaufen!“) sondern auf dem tiefen Online Know-How und der exzellenten, Technologie orientieren Umsetzung durch das Management Team von Contorion. Dieses Skillset ist gerade nicht in oder in der Nähe von Vorständen traditioneller Unternehmen zu finden.

Was ich viel interessanter finde ist die Frage, ob der Vorstand der die Entscheidungsvorlage seines jungen Beraters/Angestellten in der Schublade hat verschwinden lassen über seine mangelnde Weitsicht Schlaf verlieren wird? Welche Optionen hätte er denn gehabt? Klar ist, dass eine Akquisition von über 100 Millionen Euro für ein Unternehmen das (wahrscheinlich) unprofitabel ist und nicht annährend einen 1 zu 1 Multiple auf den Umsatz haben wird, ein Hochrisiko Geschäft ist und bleibt. Gerade die Integration und Nutzung der Contorion Assets im Umfeld der Hoffmann Gruppe können sehr erfolgreich sein. Beispiele wie Delticom/Tirendo oder MediaMarkt/Redcoon zeigen aber auch, dass die Integration eines „digitalen“ Unternehmens in die alte Welt mit Fingerspitzengefühl erfolgen sollte und nicht immer von Erfolg gekrönt ist. Im besten Fall hat man hier ein gutes Beispiel für eine Equity Hire die Strahlkraft auf alle anderen Geschäftsfelder der Hoffmann Gruppe hat. Im schlechtesten Fall muss man eine ziemlich ordentliche Abschreibung in Kauf nehmen. Was wären also alternative Schritte gewesen, die ein Vorstand hätte gehen können? Was sollen die Entscheider im B2B Umfeld jetzt machen um zu den zukünftigen Gewinnern zu gehören ohne gleich 9-stellige Summen auf den Tisch zu legen (oder aber diese 9-stelligen Summen ohne Klumpenrisiko zu investieren?)

Handlungsoption 1: Try it! Bevor die OTTO Group durch den Kauf von Netimpact den Grundstein für AboutYou gelegt hat, wurden über Jahre unterschiedliche Geschäftsmodelle ausprobiert und Erfahrungen gesammelt. Der „Mut“ zu einem Investment wie AboutYou kam nicht spontan, sondern beruht auf einer langen Liste von Erfahrungen. Daher wäre die erste Empfehlungen eine Struktur zu schaffen die durch kleinere Investitionen im digitalen Bereich erprobt was die „alte“ Struktur eigentlich können muss. Natürlich können schlaue Digitalberater immer sagen: „Geschwindigkeit und einfach machen!“ Das ist zwar ein schönes Konzept und einfach zu erläutern aber ohne es einige Male zu probieren, weiß ein Konzern überhaupt nicht was es bedeutet agil zu entwickeln, Platz für Misserfolge zu lassen und digitale Projekte nicht zu „erdrücken“. Hier kann OTTO als gutes Beispiel den Venture Builder Liquid Labs aufführen. Dort werden für relativ kleine Summe Projekte und Firmen aufgebaut die viele Möglichkeiten zum Sammeln von Erfahrungen bieten.

Handlungsoption 2: Be an LP (Limited Partner)! Die deutsche Unternehmenslandschaft hat so viel Kapital wie noch nie. Erstaunlicherweise sind aber Fund Raisings von Venture Capital Funds wie Project A und Capnamic zwar erfolgreich, aber im Vergleich zu angloamerikanischen Fund Größen eher als homöopathisch zu betrachten. Es will sich mir nicht erschließen, warum die deutsche Industrie und vor allem die Familien dahinter nicht Schlange stehen sich einen Platz am LP Tisch zu erkaufen. Kapital ist mit Sicherheit ausreichend vorhanden, aber gefühlt wird lieber der 100 Immobilienfund aufgesetzt anstatt zu schauen, wie man Geld in die Rettung des Kerngeschäfts stecken kann. Stattdessen hat man das Gefühl das die Funds dem Geld hinterherrennen müssen. Hoffmann oder zumindestens die Gesellschafter hätten mit einem weitaus kleineren Betrag einen Logenplatz beim Aufbau von Contorion, Spryker und vielen anderen Modellen haben können. Leider werden diese großartigen Chanchen viel zu selten wahrgenommen.

Handlungsoption 3: Don’t want to be an LP – become a VC! Wenn man keine Lust auf den passiven Logenplatz eines Limited Partners in einem Investment Fund hat, kann man sicherlich einfach einen eignen Fund aufbauen und direkte Investments tätigen. Hier gibt es viele Fallstricke und zahlreiche Misserfolge in den letzten Jahren, aber ein gutes Team in der deutschen Digitallandschaft zu finden und mit Kapital aus der Industrie auszustatten ist sicherlich eine gute Idee. Ein sehr positives Beispiel hierfür ist Shortcut Ventures aus Hamburg die eine hohe Affinität für die Telekommunikationsindustrie haben und nicht nur Geldgeber, sondern auch das Investment Team sind absolute Experten in dem Bereich. Weiter so und bitte noch mehr!

Jede der hier genannten Optionen hat seine eigenen Risiken und Probleme. Nichts davon ist einfach aber aus einer Risikoallokationssicht finde ich es schlauer erst einmal einen breiten Investmentansatz zu fahren und nicht ein Klumpenrisiko einer make-or-die Akquisition ins Auge zu blicken.

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Über den Autor


Nils Seebach

Nils Seebach ist Autor und überzeugter Blogger bei Digitalkaufmann.de. Er hat sich auf die betriebswirtschaftliche Analyse und Einschätzung von digitalen Geschäftsmodellen spezialisiert. Mehr Informationen über Ihn finden Sie hier.

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