in Entrepreneur Radar

Welche Auswirkungen haben die diversen Streiks in Deutschland eigentlich auf Startups zulande? Schauen wir uns die Auswirkungen der 2015 Streik Saison mal in Summe an. Die vereinfachte Berechnung skizziere ich anhand eines echten völlig ausgedachten Startups, dem ich einfach mal den Namen ABC GmbH gebe. Zuerst berechne ich die direkten Streikkosten und leite daraus die indirekten Kosten wie z.B. den Verlust von Verträgen oder Produktivitätsverluste ab. Darum geht’s im folgenden Post – erst einmal aber eine Klarstellung:

Streikrecht ist wichtig!

Auch wenn ich mich eher auf der Arbeitgeberseite sehe, finde ich das Streikrecht wichtig und vor allem richtig. Die historischen Wurzeln der Arbeiterbewegung erzählen die Geschichte vieler Menschen, die für ihre Überzeugung ihr Leben geopfert haben, damit wiederum Menschen wie Herr Weselsky die Republik lahm legen können. Zugegeben sind Streiks ziemlich nervig, aber doch haben sie ihre Berechtigung. Und allein aus Respekt für frühere Generationen sollten sie keinesfalls abgeschafft oder verboten werden. Streik ist eine „Waffe“ der Arbeitnehmer, um sich gegen die wesentlich mächtigeren Arbeitgeber durchzusetzen und dieses Werkzeug der Gewerkschaften bzw. Arbeitnehmer sollte und darf nicht eingeschränkt werden. Daher soll dieser Artikel auch keine Wertung zu den aktuellen Streiks an sich sein, sondern lediglich die Folgen (hier in Form von Kosten) für junge Unternehmen aufzeigen.

Bahn – €2.637

Der Bahnstreik kostet unser Startup ABC nicht nur indirekt durch Verlust von Verträgen und Produktivität, sondern auch direkt. Denn 10 der 20 Angestellten („FTE“) haben eine Bahncard100, die sie nun nicht wie geplant nutzen können, um zwischen den Betriebsstandorten Hamburg und Berlin zu pendeln. Die Mitarbeiter reisen im Schnitt ca. 2-3 Mal pro Woche zwischen den Standorten hin und her. Wenn wir von 28 Streiktagen der Bahn in 2015 ausgehen bei einem Bahncard Nettopreis von €3.437, dann ergibt die Formel für den Verlust durch Streik einen Verlust von €2.637.

(28/365*€3.437)*10 = €2.637

 KITA – €41.769

Unser Beispiel Startup ABC ist ein sehr junges Unternehmen und von den hier genannten 20 FTEs habe 8 Personen Kinder im KITA-Alter. Im Durchschnitt verdienen die Angestellten ca. 65K brutto (Programmierer sind nun einmal sehr teuer). Hinzu kommen noch die Arbeitgeberkosten (Faktor 1,3x) und Arbeitsplatzkosten (Miete, Einrichtung etc.) von ca. €500 pro Monat. Die Vollkosten für einen Mitarbeiter liegen also bei €90.500 pro Jahr.

€65.000 * 1,3 + €500 *12 = €90.500

Unsere 8 Angestellten sind zwar Genies in der persönlichen Organisation und ihre Partner entlasten ja ebenfalls, aber im Schnitt fallen sie 3 Wochen für die Kinderbetreuung aus (neben dem Urlaub, den sie bereits genommen haben). Damit haben wir also einen Jahresverlust von €41.769.

3/52 * €90.500 * 8 = €41.769

Post – €6.849

Da ja wirklich alle Unternehmen zur Zeit streiken, gibt es auch Probleme bei der Post. In Hamburg wurden in den letzten Wochen immer wieder andere Auslieferungszentren der Deutschen Post bestreikt. Briefe und Unterlagen kommen öfter mit bis zu 10 Tagen Verzögerung an. Beim Startup ABC wurde grade erfreulicherweise eine Finanzierungsrunde abgeschlossen. Hier nehmen wir als Berechnungswert einmal hypothetische €5.000.000. Voller Freude wurde der Notartermin abgehalten und jetzt müssen nur noch Vollmachten und diverse Unterschriften der Geschäftsführer an den Notar geschickt werden, damit die Eintragung zur Kapitalerhöhung an das Amtsgericht geschickt werden kann. (Die Geschäftsführer konnten wegen des Bahnstreiks nicht alle am Termin teilnehmen). Nur leider sind diese Vollmachten jetzt insgesamt die oben genannten 10 Tage länger unterwegs. Damit verzögert sich die Auszahlung in die Kapitalrücklage, da die Eintragung im Handelsregister noch nicht erfolgt ist. Der arme CFO von ABC muss nun also theoretisch die Finanzierungssumme 10 Tage länger als gedacht vorfinanzieren. Theoretisch führt dies zu €6.849 direkten Kosten, wenn ich die Finanzierungskosten mit sehr geringen 5% p.a. ansetze.

5% * €5.000.000 * 10/365 = €6.849

Verdienstausfall – €51.225

Nehme ich also die gesamten, direkten Kosten, die durch die drei verschiedenen Streiks verursacht wurden, liege ich bereits bei €51.255. Nicht berücksichtigt sind die Produktivitätsverluste, verpasste Kundengespräche, nicht geführten Einstellungsgespräche, Projektverzögerungen usw. Hier gehe ich von einem Faktor 1,0 auf die direkten Kosten aus. Damit komme ich dann insgesamt auf indirekte Kosten von ebenfalls €51.255.

Insgesamt kommt man hier als Startup also schneller als gedacht auf einen 5stelligen – wenn nicht tatsächlich sogar 6stelligen – Betrag. Und das kann dann ebenfalls schneller als gedacht schnell extrem negative Auswirkungen haben. Etablierte Konzerne sind zwar kostenseitig ebenfalls betroffen, aber hier gibt es Kreditlinien und Finanzierungsmöglichkeiten, die Startups und kleineren Unternehmen ganz einfach nicht offen stehen. Die hier berechneten Kosten sind für ein Startup allerdings ganz klar existenzbedrohend. Dennoch habe ich aber das Gefühl, dass das Thema weder in den Medien noch in den Interessenvertretungen der Startup-Branche bisher thematisiert wurde.

Die nackten Tatsachen der Streikauswirkungen wären sicher ein besserer Diskussionspunkt als die nackten Tatsachen, die Interessenverbandsvertreter bei Reisen in den USA am Sushi-Buffet auffinden. In den Medien könnte man dann nicht nur über die Finanzierungsrunden diverser Startups berichten, sondern auch über alltägliche Herausforderungen wie die Streikwelle, die junge Unternehmen in Deutschland meistern müssen. Ebenfalls finde ich wichtig, dass die Streikenden verstehen, dass die Existenz von zahlreichen kleinen und mittleren Unternehmen direkt bedroht wird und daher das eingangs als wichtig beschriebene Streikrecht nur die letzte Maßnahme in der Auseinandersetzung mit Arbeitgebern bleibt.

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Showing 2 comments
  • Janne

    Moin Nils,

    grandioses Beispiel! Der wirtschaftliche Schaden ist definitiv enorm, nicht nur für die bestreikten Unternehmen.
    Für uns sind grade Streiks der Post bzw. DHL extrem schwierig – im B2B Bereich geht es ums Einhalten von Timings und so muss oft auf alternative Lieferanten zurückgegriffen werden, die dann ganz andere Konditionen mit sich bringen.

    Und im B2C Bereich ist eine Lieferung am nächsten Tag oftmals notwendig, ansonsten kommen die tollsten Geschenke der Welt nicht rechtzeitig zum Geburtstag an! Das ist dann nicht nur ein wirtschaftlicher, sondern zusätzlich ein persönlicher Schaden… 🙂

    VG

    • Nils Seebach

      Danke Janne. In der Tat wird darüber bisher wenig berichtet und ich denke viele Start-Ups klagen noch nicht öffentlich über die zusätzlichen Belastungen, die da entstehen.